Zitronentee ins Glück


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Prolog

Zu gehen ist nie leicht.

Vor allem nicht, wenn der eigene Mann ein prügelnder und zu viel trinkender Mistkerl war.

Am Schluss schaffte Emily den Absprung nur, weil Tom ihr ernsthaft verbieten wollte, zur Beerdigung ihrer Großmutter zu reisen, von deren Tod sie zudem nur durch Zufall erfuhr, als sie einen entsprechenden Brief abends im Mülleimer fand.

Dieser Brief öffnete ihr sprichwörtlich die Augen.

Emily hatte jahrelang alles ertragen, weil er sie nicht sehr oft schlug und hinterher jedes Mal weinend um Vergebung bat. Er war ein rücksichtsvoller Mann, der für sie kochte, ihr Blumen aus der Stadt mitbrachte – ohne dafür einen Anlass zu haben – und der ihr Reisen an wunderschöne, schneeweiße Sandstrände zu ihrem Hochzeitstag oder zum Geburtstag schenkte. Und sie hätte wohl weiter alles ertragen und Ausreden für ihre blauen Flecken und andere Verletzungen gefunden, hätte er nicht den Brief zusammengeknüllt entsorgt, was für Emily bedeutete, er hatte nicht vorgehabt, ihr jemals davon zu erzählen.

Dabei hatte sie Grandma Rebecca über alles geliebt, und das wusste Tom nur zu gut.

Wie hätte er es auch nicht wissen können, immerhin trug sie sogar den Vornamen von ihrer Großmutter als Zweitnamen, ein kleiner Scherz ihrer Eltern, der Emily seit jeher verdammt stolz gemacht hatte.

Becky war eine Seele von Mensch gewesen, die Tom jedoch nie hatte leiden können, weshalb ihr Kontakt am Ende komplett eingeschlafen war. Zehn Jahre hatte Emily ihre Grandma nicht gesehen und nichts von ihr gehört, abgesehen von den üblichen Karten zu Geburtstagen, Thanksgiving und Weihnachten, da sie sich jedes Mal aufs Neue an Toms Seite gestellt hatte, anstatt auf Beckys eindringliche Warnungen zu hören.

Jetzt war sie tot und hatte ihrer einzigen Enkelin ihr großes Haus auf der Insel und ihr Vermögen vermacht, und sie hätte davon wahrscheinlich niemals erfahren, hätte Emily nicht, wie es zu ihren täglichen Pflichten gehörte, abends den Hausmüll in die Tonne bringen wollen.

Emily ging noch am selben Abend.

Nach einem heftigen Streit mit Tom, bei dem sie ihn wegen des Briefs zur Rede stellte und den er schlussendlich mit seinen Fäusten beendete, um sich in Ruhe eines seiner heißgeliebten Footballspiele anschauen zu können, verließ Emily ihren Mann, fest entschlossen, nie mehr zurückzukehren.

Nachdem sie sicher war, dass ihre frische Platzwunde am Hals nicht mehr bluten würde und die anschwellende Wange mit ausreichend Schminke verdeckt war, um hoffentlich nicht aufzufallen, nahm sie den Brief, packte hastig und so leise wie möglich eine Reisetasche mit dem Nötigsten, schob ihren Kater McClaine in seine Transportbox und flüchtete dann auf Socken, um Tom nicht aufzuschrecken, aus der Hintertür und von dort direkt zum Busbahnhof, wo sie den den ersten Bus nach Osten nahm, den sie erreichen konnte.

Sie hatte keine Angst, dass Tom ihr folgen würde, dafür war Emily noch viel zu wütend. Er wusste natürlich, wo Grandma Becky gelebt hatte, und sobald Emily die Scheidung eingereicht hatte und er später die entsprechenden Papiere erhielt, würde er auf die Insel kommen.

Wenn es soweit war, wollte und würde sie bereit sein, denn eine Rückkehr zu ihm, kam für Emily nicht infrage.

Sie hatte ihm alles verziehen, aber dass er ihr den Tod von Grandma Becky vorenthalten hatte, das würde sie ihm niemals vergeben, denn ihre Großmutter hatte sie aufgezogen. Sie war immer für Emily da gewesen, als sie nach dem Autounfall ihrer Eltern plötzlich allein da stand und sich wochenlang die Augen aus dem Kopf weinte. Becky hatte dafür gesorgt, dass Emily aß, trank, schlief, duschte und irgendwann wieder zur Schule ging, um einen guten Abschluss zu machen. Sie hatte ihr später das College bezahlt und Emily auch danach jahrelang unterstützt, als sie von Job zu Job sprang, denn junge Journalisten gab es zu der Zeit wie Sand am Meer und jeder suchte eigentlich ständig den perfekten Job für sich.

Dann war plötzlich Tom in ihr Leben getreten, Emily war in derselben Woche überraschend bei einer gut situierten Zeitung untergekommen, wo sie regelmäßig über Themen rund um die Natur und ihren Schutz geschrieben hatte, und sie hatten nach kurzer Zeit ein Häuschen gekauft und geheiratet.

Natürlich war Becky zu ihrer Hochzeit gekommen, aber nur kurze Zeit später hatte ihr früher immer so enger Kontakt stetig abgenommen, während Toms Einfluss auf sie wuchs, so wie die Anzahl seiner wütenden Tiraden, bis er eines Tages das erste Mal und vollkommen überraschend für Emily zuschlug.

Emilys Entschuldigung für das blaue Auge war ihre eigene, angebliche Ungeschicklichkeit.

Ihre ersten zwei gebrochenen Rippen erklärte sie dem Arzt in der Notaufnahme mit der rutschigen Kellertreppe.

Die Platzwunde am Kinn ein paar Monate später mit einem unerwarteten Sturz aus dem Bett, bei einem etwas ausgeuferten Liebesspiel.

Und das war auch das einzige, was sie ihrem Ehemann bis heute zugute hieß, denn egal wie wütend und betrunken Tom je gewesen war, er hatte sie niemals gegen ihren Willen sexuell genötigt. Emily wusste nicht, ob sie früher gegangen wäre, falls er etwas in der Richtung versucht hätte, aber diesen Schritt war Tom nie gegangen und darum war sie geblieben.

Zehn Jahre – verloren für immer.

Eine Tatsache, mit der sie jetzt leben musste, so wie mit dem Wissen, dass Grandma Becky von Anfang an recht gehabt hatte, Emily ihr das aber leider nicht mehr sagen konnte.

Sie tröstete sich damit, dass Becky wahrscheinlich irgendwo hoch oben in den Wolken saß und trotz allem stolz auf sie war, denn sie hatte es endlich getan.

Sie hatte Tom verlassen.

Oh ja, Grandma Becky würde stolz sein, ganz sicher.

Besser später als nie, war nur eines von Beckys unzähligen Mottos für ein glückliches Leben gewesen, zu dem auch immer eine gute Tasse Tee gehört hatte – bevorzugt Zitrone.

Emily würde nicht überraschen, wenn sie selbigen im Haus in den Küchenschränken gleich tütenweise fand. Wie gut, dass sie Tee genauso gerne trank, wie ihre Grandma es getan hatte, und das würde auch das erste sein, was sie tun wollte, sobald ihr der Anwalt den Schlüssel zum Haus übergeben hatte – sich eine schöne Kanne Tee kochen.

Neues Leben, ich komme.


Kapitel 1

Tja, hier war sie nun.

Emily Rebecca Anderson, geborene Wilcox – ein Name, den sie schon bald wieder zu tragen gedachte –, beladen mit einer sich nach zwei Tage langen Busfahrt und mehreren Umsteigen bleischwer anfühlenden Reisetasche, einem recht übellaunigen Kater und dem Brief eines Anwalts, der für Emily das erhoffte neue Leben einläuten würde.

Sie hatte die letzten beiden Tage dazu genutzt, ihren Job zu kündigen, ihr Geld auf ein neues Konto der hiesigen Bank auf der Insel transferieren zu lassen, nachdem ihr eingefallen war, dass Tom darauf Zugriff hatte, Beckys Anwalt zu informieren, dass sie auf dem Weg war, und sich für ihre Ankunft ein Taxi zu bestellen, denn die Insel war ausschließlich per Fähre erreichbar und nachdem sie jetzt zwei Tage kaum geschlafen, geschweige denn sich geduscht hatte, wollte sie die letzten Kilometer zum Haus, wo sie sich für die Schlüsselübergabe mit Beckys Anwalt persönlich treffen würde, nicht zu Fuß gehen.

»Miau.«

»Ich weiß, ich weiß«, seufzte Emily, denn ihr taten nicht nur die Arme weh. Ihr gesamter Körper schmerzte mittlerweile und verlangte sehnsüchtig nach einer Dusche, etwas zu essen und anschließend einem Bett, in dem sie dringend benötigten Schlaf nachholen konnte. Noch dazu war McClaine kein kleiner Kater, wog entsprechend und langsam wurde es echt anstrengend, ihn durch die Gegend zu schleppen.

Emily unterdrückte ein Gähnen und ließ sich, nachdem sie die Fähre endlich hinter sich gelassen hatte, auf eine einladend aussehende Bank am Wegrand sinken, um zu verschnaufen. Sie hatte noch etwas Zeit, bis das Taxi eintraf, und während sie sich müde umsah, erkannte sie, dass ihre Insel von früher sich ganz schön verändert hatte. Sie entdeckte das ein oder andere Haus aus ihrer Kindheit, doch viele Gebäude waren renoviert worden und die ehemals im Erdgeschoss ansässigen Geschäfte hatten den Besitzer gewechselt oder waren nicht mehr da.

Die Bank, auf der sie saß, und von denen sie überall in ihrer Nähe weitere entdeckte, war früher noch nicht da gewesen, und das galt auch für den wirklich hübsch angelegten Fußweg aus bunten Pflastersteinen, auf dem ihre Tasche stand.

Der in einer halbrunden Form angelegte Hafen mit seinem Fähranleger und einer Ansammlung von kleinen und größeren Fischerbooten und einigen privaten Schaluppen wirkte wie ein Postkartenmotiv für Sommertouristen, und überall in der Nähe standen Töpfe mit blühenden Blumen in den buntesten Farben. Alles am Hafen war herausgeputzt worden, auch die Kutter der Fischer, wobei Emily wunderte, dass es davon überhaupt noch welche gab, denn der Fischfang war seit Jahren rückläufig, und zwar überall im Land.

Sie fragte sich, ob die Häuser im Inneren der Insel genauso bunt hergerichtet worden waren oder ob das nur für den Hafen galt, aber das würde sie ja bald herausfinden.

Emily hörte einen Wagen näherkommen. Ein recht klapprig aussehender Pick-up, aus dem drei lachende Männer im Alter von Mitte Dreißig bis ungefähr Ende Vierzig stiegen, denen das »Achtung, hier kommen raubeiniger Fischer.« förmlich auf die Stirn geschrieben stand.

Sie hatte in Gedanken bereits den ersten Absatz für einen Artikel über die schwere Arbeit der Fischer auf der Insel fertig, als ihr auffiel, was sie da tat und dass sie sich das Ganze sparen konnte, denn schließlich hatte sie ihren Job gekündigt. Aber so leicht ließ sich ihr Kopf nicht davon abbringen, das zu tun, was sie am besten konnte, und vielleicht würde sie, sobald sich alles ein wenig beruhigt hatte und die Beerdigung ihrer Großmutter hinter ihr lag, den Artikel trotzdem schreiben und ihn ein paar Onlinezeitungen oder auch Magazinen anbieten. Freiberuflich arbeiten konnte sie von überall und mit ihren guten Referenzen, dürfte es nicht sonderlich schwer sein, ein paar Artikel über das Inselleben zu verkaufen.

Alles zu seiner Zeit, entschied sie mit einem neuen Gähnen, während sie den Männern nachschaute, die den Weg zum Pier einschlugen und auf einem kleinen, dickbäuchigen Fischerboot verschwanden, ohne sie auf der Bank überhaupt zu bemerken.

Kein Wunder bei der frühen Uhrzeit.

Sie hatte die frühst mögliche Fähre genommen und bis das Leben hier seinen alltäglichen Gang ging, würde es wohl noch ein bis zwei Stunden dauern.

Emily hätte wirklich gerne ein Foto von dem Boot gemacht, um es am Ende ihrem Artikel beizufügen, doch auch das hatte Zeit. Diese drei Fischer mitsamt ihrem Boot würden ihr in den nächsten Tagen und Wochen kaum weglaufen, und im Moment war es wichtiger, den Anwalt zu treffen, damit sie hier ein Dach über dem Kopf hatte.

Aber vor allem war es wichtig, Grandma Becky morgen die letzte Ehre zu erweisen. Die Organisation der Beerdigung hatte, Gott sei Dank, ihr Anwalt übernommen, und Emily hatte sein freundliches Angebot angenommen, für sie einen Strauß bunter Sommerblumen zu bestellen, die sie nur noch aus dem hiesigen Blumenladen abholen musste, wo sie ab morgen Mittag für sie bereitliegen würden.

Ein leichtes Vibrieren in ihrer Hose erinnerte sie daran, dass sie ihr Smartphone dabei hatte, und Emily warf einen Blick auf den Bildschirm, um zu sehen, warum es vibriert hatte. Aber es war nur die Benachrichtigung des Taxiunternehmens, dass alles nach Plan verlief und ihr Fahrer pünktlich eintreffen würde. Sie nickte zufrieden und scrollte durch frühere Nachrichten, ob sie auf der Überfahrt hierher vielleicht etwas verpasst hatte, wobei ihr auf WhatsApp ein Name ins Auge fiel.

Chloe Chandler.

Sie hatte schon ewig kein Wort mehr mit ihrer ehemaligen Nachbarin gewechselt, die anfangs beinahe wie eine Freundin für Emily gewesen war – bis Tom beschlossen hatte, dass Chloe mit ihrem viel zu unsteten Lebenswandel und den wechselnden Männern an ihrer Seite keine standesgemäße Freundin für seine Ehefrau war.

Emily hatte sich gefügt, obwohl es sie nie gestört hatte, dass   Chloe gern One-Night-Stands hatte und noch nicht so genau zu wissen schien, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte, seit ihre Eltern ihr das Haus und genügend Geld vererbt hatten, um ein schönes Leben zu leben, ohne je wieder arbeiten zu müssen. Chloe hatte von den Schlägen durch Tom gewusst, ihr aber nie einen Vorwurf gemacht oder sie gedrängt, Tom zu verlassen. Im Endeffekt war sie der einzige Mensch, neben ihrer Grandma, in ihrem Leben gewesen, den Emily wirklich gemocht hatte.

Sie sah auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Das wäre für einen kurzen Anruf genug Zeit. Emily biss sich zögernd auf die Lippe und zuckte zusammen, als McClaine auf einmal miaute und der anklagende Tonfall machte deutlich, dass er langsam mehr als ungehalten war, immer noch in seiner Transportbox zu hocken. Aber es half nichts, er würde sich gedulden müssen.

»Bald kannst du da raus, mein Hübscher«, versprach Emily und streckte ihre Hand nach unten, damit er sie riechen konnte. Seine nasse und verdammt raue Zunge leckte über ihre Hand und Emily lächelte sofort, denn McClaine schaffte es immer, sie zu beruhigen. »Also schön«, erklärte sie dem Kater kurz darauf, kratzte all ihren Mut zusammen, und suchte nebenbei Chloes Nummer heraus. »Ich versuche es einfach … Mehr als auflegen kann sie schließlich nicht.«

Da es früher Morgen war, rechnete Emily nicht damit, sofort Antwort zu bekommen, und war entsprechend überrascht, weil Chloe bereits nach dem zweiten Klingeln abnahm. »Em? Geht´s dir gut?« Da Emily nicht gleich antwortete, seufzte Chloe. »Tom war hier und hat nach dir gefragt. Angeblich habt ihr euch wohl gestritten und du wärst weggelaufen. Nicht, dass ich ihm diese Geschichte abgekauft hätte. Ich habe nur zu ihm gesagt, dass er sich zum Teufel scheren soll und dass du hoffentlich so clever bist, nie zurückzukommen.«

Emily wäre fast in Tränen ausgebrochen. »Grandma Becky ist gestorben und er hat den Brief ihres Anwalts weggeworfen. Ich habe ihn nur zufällig gefunden und zur Rede gestellt. Er hat mich geschlagen und ich bin noch in derselben Nacht weg.«

Chloe schnappte nach Luft. »Was für ein Arschloch. Bist du nach Hause gefahren?«

»Ja«, antwortete Emily. »Mit dem Bus. Zwei volle Tage. Was heißt, ich brauche dringend eine Dusche und ein paar Stunden Tiefschlaf.« Sie grinste schief, weil Chloe daraufhin lachte. »Du willst nicht wissen, wie ich rieche. Meine Insel hat sich übrigens ganz schön verändert.«

Chloe gluckste heiter. »Na ja, zehn Jahre sind eine lange Zeit … Vor allem für so eine Touristeninsel. Bist du dort sicher?«

Damit war Tom gemeint und Emily nickte. »Ich schätze, bis er die Scheidungspapiere zugestellt bekommt, wird er freiwillig keinen Fuß auf die Insel setzen.« Tom hatte, obwohl er ihr in all den Jahren Reisen an Strände und sonst wohin geschenkt hatte, nie sehr viel von Wasser und sich bewegenden Untergründen gehalten, aber dass er ihr zuliebe regelmäßig gegen seine Angst angekämpft und sie überwunden hatte – Emily hatte ihn dafür nur noch mehr geliebt. Mittlerweile fragte sie sich allerdings, ob das alles bloß gelogen gewesen war, weil er sie damit nur noch enger an sich gekettet hatte.

»Wow, du ziehst es echt durch, hm?«

Über die Frage musste Emily nicht nachdenken, denn ja, sie wollte die Scheidung. Unbedingt. Es war schlimm genug, dass ihre Großmutter erst hatte sterben müssen, damit sie an diesen Punkt kam und endlich begriff, was Tom ihr antat, doch seit sie es wusste, war es, als hätte sich in ihrem Verstand ein Schalter umgelegt und Emily begann sich insgeheim zu fragen, warum sie das alles so lange hingenommen hatte. Wo die erfolgreiche und starke Journalistin war, für die sie sich gehalten hatte.

Wie blind war sie eigentlich gewesen?

Die Frage erschreckte Emily. Nicht nur, weil ihre Grandma auf gewisse Art und Weise für sie und ihr Überleben gestorben war, sondern, weil sie es längst selbst hätte sein können. Tot. Zu Tode geprügelt. Denn wer wusste schon, wie weit Tom in seiner Wut eines Tages gegangen wäre? Niemand.

»Emily? Bist du noch da?«

»Er hätte mir nie von Grandmas Tod erzählt. Nie.«

Chloe schnaubte abfällig. »Ich sag ja, er ist ein Arschloch. Es ist gut, dass du ihn verlassen hast, und ich wünschte, dass ich mehr Zeit hätte, aber ich muss zur Arbeit. Ruf mich ruhig heute Abend an. Wir haben so viel nachzuholen.« Cloe schwieg einen Moment. »Ich bin froh, dass du mich angerufen hast, Em, denn ich will meine Freundin zurückhaben.«

Nach den Worten liefen Emily plötzlich heiße Tränen übers Gesicht und sie ließ sie fließen. »Es tut mir so leid, Chloe.«

»Nein«, wehrte Chloe entschieden ab. »Ich will von dir nicht eine Entschuldigung hören. Du hast ihn verlassen, das ist alles, was zählt. Komm erst mal auf deiner Insel an und dann werden wir wieder Freundinnen. Ich muss dich ja schließlich besuchen kommen und gucken, ob es dir gut geht.«

Emily grinste verlegen. »Warte damit lieber noch eine Weile. Grandmas Haus muss wohl dringend renoviert werden, meint ihr Anwalt, und ich weiß nicht, ob ich mich wegen des Lachens, als ich von ihm wissen wollte, wie schlimm es ist, fürchten oder es lieber mit Humor nehmen soll.«

»Oha«, konterte Chloe amüsiert und mitfühlend zugleich und das fühlte sich so verdammt gut an. Emily wurde das Herz leichter, weil es sehr lange her war, dass ihr einfach mal jemand zugehört hatte, ohne dabei zu werten, ohne zu verurteilen oder irgendetwas von ihr zu erwarten. »Hat er gesagt, wie arg es im Ganzen ist? Wirst du viel Geld reinstecken müssen?«

»Er meint, es wäre einfach alles ziemlich alt und abgenutzt. Ich soll auf jeden Fall die komplette Elektrik und die sanitären Anlagen ersetzen lassen, und empfiehlt mir,  das mit sämtlichen elektrischen Geräten ebenfalls zu tun. Aber er sagte auch, dass das Haus mithilfe von ein paar guten Handwerkern und einer moderneren Einrichtung bald wieder wie neu aussehen kann.«

Chloe kicherte. »Dann wirst du dich also demnächst in eine Latzhose werfen und den Hammer schwingen?«

Emily schauderte bei der Vorstellung, denn handwerkliche Begabung hatte sie wirklich nicht. Das würden definitiv Leute übernehmen müssen, die vom Fach kamen, sonst hätte sie wohl bald Grandma Becky als Poltergeist auf den Fersen, weil sie aus Versehen ihr Haus niedergebrannt hatte.

»Um Gottes willen, nein.«

Sie lachten beide und es tat so gut, das frei und offen tun zu können, ohne dabei befürchten zu müssen, von Tom überrascht zu werden, bevor das Abendessen fertig war. Emily schüttelte die unangenehme Erinnerung ab, als in der Ferne Scheinwerfer aufleuchteten, die schnell näherkamen. Bei ihrem Anruf gestern hatte sie das Taxiunternehmen gebeten, auf dem Parkplatz vor dem Pier auf sie zu warten und wenn sie nicht wollte, dass der Fahrer ohne sie wieder fuhr, musste sie jetzt los.

»Mein Taxi ist da.«

»Alles klar. Wir reden heute Abend, okay? Schick mir Bilder vom Haus. Du hast damals so viel von deiner Grandma erzählt, ich bin neugierig, wie ihr zwei früher gelebt habt.«

»Mache ich«, versprach Emily und schwor sich, genau das zu tun. Sie hatte viel zu lange in Toms Schatten gelebt, doch das hier war ihr Zuhause. Ihr richtiges Zuhause. Es war daher Zeit, dass sie die Insel an der Küste von Massachusetts wieder dazu machte und dass sie in Ruhe herausfand, was sie in Zukunft mit ihrem Leben anfangen wollte. »Bis heute Abend, Chloe.«

»Mach´s gut, Süße.«

***

Es war nicht so schlimm, wie sie insgeheim befürchtet hatte, stellte Emily eine Stunde später fest, nachdem Beckys Anwalt, Mister Barker, ihr sein Beileid ausgesprochen und ihr dann den Schlüssel und alle weiteren Unterlagen des Hauses und ihrem Erbe übergeben hatte. Mit denen würde sie sich aber erst später befassen, denn McClaine machte mittlerweile derartig Theater, dass sie jetzt dringend ins Haus wollte, damit er raus konnte.

Dank Mister Barkers Hilfe standen auf der Veranda bereits zwei große Pakete mit einem Katzenklo, Streu und Futter bereit, die Emily ebenfalls während ihrer zweitägigen Busfahrt bestellt und dem Anwalt hatte zuschicken lassen, und sofern es drinnen nicht irgendwo ein kaputtes Fenster gab, was Mister Barker ihr mit Sicherheit gesagt hatte, konnte sie McClaine gefahrlos aus seiner Transportbox holen.

»Gleich, mein Schatz«, sagte sie, schulterte ihre Tasche und winkte dem sich entfernenden Wagen des Anwalts nach, bevor sie sich, den Schlüssel in der Hand, dem Haus ihrer Kindheit zuwandte und sich auf den Weg zur Tür machte.

Auf den ersten Blick sah es noch genauso aus, wie Emily es in Erinnerung hatte. Draußen gab es eine überdachte Veranda, die über eine Stufe zu erreichen. Die Haustür führte direkt in eine äußerst geräumige Diele, die wiederum links durch eine zweiflüglige Schwingtür in eine länglich angelegte Küche mit Essbereich führte, während auf der rechten Seite des Hauses Grandmas Schlafzimmer mit angeschlossenem Bade und einem begehbarem Kleiderschrank lag.

Dort hatte Becky bereits geschlafen, als Emily nach dem Tod ihrer Eltern hier eingezogen war, weil ihr die Treppe nach oben mit dem Alter zunehmend schwer gefallen war. Unterhalb der Treppe gab es eine Tür in die Vorratskammer und einen weitere runter in den Keller, während ein schmaler Gang geradezu ins Wohnzimmer führte, das durch eine weitere Tür auch von der Küche zu erreichen war. In der Küche befand sich zudem eine Hintertür, die in den Garten führte, und eine weitere Kammer. Außerdem gab es noch einen Wasch- und Technikraum, in dem auch die Heizungsanlage stand.

Das Obergeschoss ignorierte Emily, während sie ihre Tasche und die Kartons ins Haus holte, denn dort lag ihr altes Zimmer, ebenfalls mit einem begehbarem Kleiderschrank, und es gab ein großes Badezimmer mit Wanne und Dusche, plus vier weitere Zimmer, die allerdings leer standen, seit ihr Großvater und ihre Eltern tot waren.

Emily hatte absolut keine Ahnung, was sie aus den beiden Schlafzimmern, dem früheren Arbeitszimmer ihres Großvaters und dem vierten Raum, den sie als Lager für allen möglichen Krimskrams in Erinnerung hatte, machen sollte, denn für eine Person war das Haus im Grunde genommen viel zu groß. Aber Becky hatte es ihr vererbt und Emily wollte es um nichts in der Welt verkaufen.

Vielleicht würde sie sich eines Tages neu verlieben und mit einem Mann glücklich werden, der nichts gegen Kinder hatte, denn die waren für Tom von Anfang an nie infrage gekommen. Eine Tatsache, von der sie einst geglaubt hatte, er würde seine Meinung ändern, wenn sie erst mal etwas älter und gefestigter waren, aber jetzt, mit fünfunddreißig Jahren lief ihr langsam die Zeit davon, was Kinder betraf. Doch auch das war ein Thema, das im Moment weit unten auf ihrer Liste der in nächster Zeit zu erledigenden Dinge stand.

»Miau!«

Emily grinste und beeilte sich, McClaine ins Haus zu holen und die Tür hinter sich zu schließen. Sie nahm sich nicht mal die Zeit, um ihre Jacke und die Schuhe auszuziehen, ehe sie den Reißverschluss der Transportbox öffnete. Das Geräusch kannte McClaine natürlich und ließ sich nicht lange bitten. Schon kurz darauf stolzierte er zufrieden vor sich hin maunzend und mit hocherhobenem Schwanz durch den gesamten Eingangsbereich und begann sein neues Revier mit dem Kopf zu markieren.

Ganz die norwegische Waldkatze, die sich durch nichts und niemanden aus seiner Ruhe bringen ließ. Emily kannte ihn gar nicht anders.

Seit sie das halb verhungerte, jämmerlich kreischende Elend an einem verregneten Abend vor mehr als sechs Jahren aus dem Müllcontainer hinter der Haltestelle geholt hatte, in der sie nach Feierabend immer auf den Bus wartete, und einfach mit nach Hause genommen hatte, war er eine Seele von Kater, der sie so oft darüber hinweggetröstet hatte, wenn sie vor Schmerzen mal wieder kaum schlafen konnte, während Tom neben ihr lag und schlief, als wäre er ein Unschuldsengel, dass sie sich ein Leben ohne McClaine nicht mehr vorstellen konnte.

Eigentlich war es erstaunlich, dass Tom nie von ihr verlangt hatte, ihn ins Tierheim zu geben, stattdessen hatte er den Kater am nächsten Morgen zum Tierarzt gefahren und ohne ein Wort die Rechnung bezahlt, die später gekommen war, denn es hatte einige Wochen gedauert, ihn aufzupäppeln, bis Emily ihn dann endgültig zu sich hatte nehmen können.

Seither gehörte McClaine zu ihr und sie würde ihn sich mit Sicherheit nicht wieder wegnehmen lassen, genauso wenig wie ihre eigene Freiheit. Jedenfalls nicht freiwillig.

»Jetzt bist du zufrieden, hm?«, fragte sie lächelnd, hörte ein zustimmendes »Miau.« aus dem Wohnzimmer bis zu sich in die Diele schallen und machte sich hinterher amüsiert daran, dafür zu sorgen, dass er sein Klo und einen vollen Napf hatte.

Erst danach machte sie einen schnellen Rundgang und was Mister Barker zum Zustand des Hauses gesagt hatte stimmte. Sie hatte Strom, auch wenn das Licht zum Teil flackerte, in der Küche gluckerte die Wasserleitung unter der Spüle und selbst die Toilettenspülung lief nicht rund. Es funktionierte zwar alles, aber es war alt. Zu alt. Sie würde sich einen Tag gönnen, um zu schlafen, ihre Tasche auszupacken und um sich auf die morgige Beerdigung vorzubereiten, denn dort würde sie wahrscheinlich der halbe Insel begegnen, da ihre Grandma bekannt und beliebt gewesen war – während sie, ihre einzige Enkelin, die alte Dame einfach hinter sich gelassen hatte und fortgegangen war, um in Kalifornien groß rauszukommen.

Emily konnte sich das Getratsche gut vorstellen und es hob ihre Schuldgefühle, nicht für Becky da gewesen zu sein, auf ein neues Level. Aber da musste sie nun durch, denn sie war leider nicht hier gewesen, als ihre Grandma sie gebraucht hätte.

»Tee«, murmelte Emily abrupt und machte kehrt.

Es mochte vielleicht albern sein, aber bevor sie duschte und danach ins Bett ging, wollte sie tun, was sie sich selbst auf dem Weg hierher versprochen hatte – einen Tee trinken.

Emily ging zurück in die Wohnküche, die eindeutig geputzt worden war, genau wie der Rest des Hauses – sie würde Mister Barker fragen und sich, falls er die Reinigung für sie in Auftrag gegeben hatte, bei ihm bedanken –, und musste kurz überlegen, bis ihr wieder einfiel, in welchen Schrank sie gucken sollte.

»Bingo«, murmelte sie gleich darauf, denn der Oberschrank stand tatsächlich voller Teepackungen und auch ihren geliebten Zitronentee fand sie dort zuhauf. »Ich hab dich lieb, Grandma«, sagte sie in die Stilles des Hauses hinein und griff anschließend nach dem Wasserkocher.

Es war Zeit für einen Tee.

Ihr neues Leben konnte ruhig noch bis morgen warten.


Kapitel 2

»Hast du schon gehört? Sie ist zurück.«

Tyler Manning sah nicht von den Skizzen auf, die er gerade für einen Kunden fertigte, der ein breites Einbauregal für seine Küche haben wollte, verdrehte aber die Augen, denn natürlich waren ihm die Gerüchte zu Ohren gekommen.

Er hätte taub sein müssen, um sie nicht zu hören, denn auf ihrer kleinen Insel hatte die Rückkehr von einer so gewichtigen Persönlichkeit wie Emily Wilcox, Pardon, sie hieß ja jetzt wie ihr Ehemann, keine Stunde gebraucht, um auch den weit auswärts lebenden Billy Maddoxx zu erreichen, der einst mit viel Geduld versucht hatte, Tyler und seine Schulfreunde in die hohe Kunst der Mathematik einzuweihen, und daran gescheitert war. Für Tyler waren Zahlen bis heute meistens böhmische Dörfer, aber zeichnen und mit Holz umgehen, das konnte er, und deswegen war er in ihrer Tischlerei, die er vor ein paar Jahren mit seinen Brüdern Adrian und Mitchell auf die Beine gestellt hatte, für sämtliche Design- und Materialfragen zuständig.

Das Ausrechnen der benötigen Maße und die Buchhaltung übernahm Adrian, den Kontakt zu ihrer Kundschaft hatte sich Mitchell unter den Nagel gerissen, der den ganzen Tag online Werbung für ihr Geschäft machte, es aber trotzdem jedes Mal pünktlich schaffte, seine Projekte fertigzustellen, ganz gleich ob es nur ein kleiner Auftrag war oder das Aufsetzen eines neuen Stockwerks auf ein bestehendes Haus.

Mannings Tischlerei hatte bereits seit Monaten ein mehr als volles Auftragsbuch, dabei war gerade erst Anfang Juni. Tyler fragte sich manchmal, ob er das gut finden oder ob es ihn nicht doch erschrecken sollte, wie schnell ihre Firma groß geworden war, aber er liebte die Arbeit mit den Händen und er liebte es vor allem, mit Holz zu arbeiten und zu zeichnen. Beides konnte er auf diese Weise jeden Tag tun, und weil seine Brüder und er auf der Insel so gut wie jeden kannten, arbeiteten sie ständig an Projekten, bei denen sich die unterschiedlichsten Gewerke rund um die Themen Hausbau und Renovierung die sprichwörtliche Klinke in die Hand gaben.

Rebecca Wilcox' Haus wäre mit Sicherheit ein tolles Projekt geworden, wenn die alte Dame nicht überraschend über Nacht verstorben wäre, und ob Emily das Haus behalten würde – wer wusste das schon?

Tyler hoffte es, denn er liebte das Haus, das dringend einen Anstrich, ein neues Dach und viel Liebe brauchte, damit das in die Jahre gekommene Äußere und vor allem das Innere wieder in altem Glanz erstrahlen konnte. Um das zu erreichen, wären seine Brüder und er perfekt geeignet, denn sie konnten so gut wie jedes wichtige Werkzeug bedienen, machten sich gerne ihre Hände schmutzig und lieferten immer eine Top-Arbeit ab, sonst hätten sie ihr Geschäft nicht innerhalb weniger Jahre finanziell in den Gewinnbereich geführt.

»Ty? Hörst du mir überhaupt zu?«

Er brummte nur, zum Zeichen, dass er verstanden, aber kein Interesse an einer Diskussion über Emily Wilcox hatte, und sein Bruder kannte ihn gut genug, um das zu wissen. Mitchell lachte trotzdem über seine Maulfaulheit, so wie seine jüngeren Brüder und auch ihre Väter es ständig taten, was Tyler jedoch nicht im Geringsten kümmerte. Er war, wie er nun einmal war, und dass seine Familie ihn trotz seiner Fehler liebte, wusste er und es war alles, was ihm wichtig war.

Nicht wichtig war ihm Klatsch und Tratsch, da er auf beides absolut nichts gab, und außerdem konnte Tyler sich in wenigen Stunden ein eigenes Bild von Emily machen.

Heute Nachmittag, auf Beckys Beerdigung, für die fast jedes Geschäft auf der Insel schloss, um dort sein zu können und der beliebten Lady die letzte Ehre zu erweisen, würde er sehen, was aus der zierlichen und viel zu dünnen Emily Wilcox geworden war, die ihm schon als Teenager nicht aus dem Kopf gegangen war, obwohl sie ihn nie näher als bis auf eine Armlänge an sich herangelassen hatte.

Emily hatte nicht zu den beliebten Mädchen an der Schule gehört und war lieber für sich geblieben, und er war damals zu groß, zu schlaksig und auch zu unsicher gewesen, um den Mut zu finden, sie anzusprechen. Es war Tyler leichter gefallen, mit den Sportlern rumzuhängen, die sich immer für etwas Besseres hielten und alle anderen auch so behandelten.

Vor allem Footballspieler wie Edward Cummings, der zwar dumm wie Brot gewesen war, aber trotzdem von einer Uni ein Sportstipendium bekommen hatte, hatte sich Tyler als Vorbilder für sein eigenes Verhalten genommen und dafür am Ende einen hohen Preis bezahlt.

Aber immerhin war er noch am Leben und hatte eine zweite Chance bekommen. So viel Glück war Edward nicht vergönnt gewesen, als er sich, zugedröhnt von Kokain, mit seinem neuen, blauen Pick-up um einen Baum gewickelt hatte, und eigentlich hätte Tyler das bereits eine Warnung sein müssen, aber nein, er hatte weiter gemacht – eingebracht hatte ihm sein bescheuertes Verhalten am Ende ganze zwei Jahre Gefängnis und eine hohe Geldstrafe, die er seinen ihn Vätern immer noch zurückzahlte, da sie einen zweiten Kredit hatten aufnehmen müssen, um ihm aus seiner misslichen Lage herauszuhelfen.

Nicht zu vergessen, den Sohn, den er bei einem One-Night-Stand im Suff gezeugt und noch nie gesehen hatte, weil dessen Mutter geheiratet hatte, während er seine Haftstrafe absaß, und ihrem Mann aus beruflichen Gründen nach Hawaii gefolgt war. Tyler hatte damals nicht auf sein Recht als leiblicher Vater des Jungen gepocht, wozu auch? Es war die vernünftigste und auch die beste Entscheidung für sein Kind gewesen, ihn mit dessen Mutter und seinem neuen Vater ziehen zu lassen.

Lucas.

Das war sein Name und zugleich auch das Einzige, was er über ihn wusste, denn alles, was Tyler von seinem Sohn besaß, waren ein Babyfoto und das Paket mit Kleidung und Spielzeug, das er Lucas nach dessen Geburt aus dem Gefängnis geschickt hatte. Doch Nora, Lucas' Mutter, hatte ihm sein Päckchen keine Woche später zurückgeschickt, da sie ihn für keinen passenden Umgang für ihren Sohn hielt.

Der Richter vom Familiengericht hatte das genauso gesehen, als Tyler versucht hatte, ein Umgangsrecht zu beantragen, und da hatte er aufgehört, sich zu überlegen, wie er Lucas nach dem Gefängnis ein guter Vater sein konnte. Ganz abgesehen davon, dass er sich einen langen Rechtsstreit nie hätte leisten können und die Aussichten als Ex-Knacki ohnehin sehr gering gewesen war. Es war besser gewesen, die Sache endgültig zu den Akten zu legen und genau das hatte er dann auch getan.

Stattdessen hatte Tyler nach dem Verbüßen seiner Haftstrafe mit seinen beiden Brüdern, nach wochenlangen Überlegungen und Gesprächen, wie sie das für den Start benötigte Kleingeld aufbringen wollten, den doch ziemlich riskanten Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und es niemals bereut.

»Mitch? Hör auf, Tyl zu nerven, das Regal muss heute noch fertig werden. Was ist mit dem neuen Kunden, von dem du uns gestern erzählt hast?«

Mitchell stöhnte auf. »Manchmal glaube ich, dass er uns Tag und Nacht mit versteckten Kameras beobachtet«, murmelte er dann mit einem leisen Lachen und machte kehrt. Sein »Geh mir nicht auf den Zeiger, ich nerve Ty wann immer ich will.« wurde aus dem oberen Stockwerk der Halle, die sie sich als Werkstatt eingerichtet hatten, während oben Büros, ein Vorratsraum, eine Küche mit Essbereich und vor allem Duschen zu finden waren, mit lautem Gelächter kommentiert, das Tyler grinsen ließ.

Adrian war der Mittlere von ihnen und zugleich der Bruder, dem man am meisten ansah, dass sie biologisch nicht verwandt waren, denn mit seinen schwarzen Haaren, den dunklen Augen und den unübersehbar schräg stehenden Augen konnte er seine halb japanische Herkunft nicht leugnen, während Mitchell und er selbst blond und blauäugig waren. Allerdings waren seine Brüder und er vom Körperbau her so unterschiedlich wie Tag und Nacht und das war auch gut so. Es reichte schon, dass man sie als Kinder jahrelang wegen ihrer unkonventionellen Familie verspottet und gemobbt hatte.

Jetzt als Erwachsene lag diese Zeit endgültig hinter ihnen, aber vergessen würde Tyler es niemals, wie Bobby Sanders mit einem hämischen Lachen seine Väter als Perverse betitelt hatte, die wohl gern kleine Kinder fickten. Dass er dafür am nächsten Tag von der Schule geflogen war, hatte der liebe Bobby nicht gut aufgenommen, sich aber nicht getraut, es mit den Mannings aufzunehmen, denn Mitchell, Adrian und er hatte von Anfang an fest zusammengehalten. Gegen den Hass, die Engstirnigkeit und die Homophobie vor allem der älteren Leute auf der Insel, und sie hatten durchgehalten.

Heute war das kein Thema mehr, auch wenn selbst im Jahr 2022 noch längst nicht alles perfekt war. Aber auf ihrer kleinen Insel war es mittlerweile egal, wer mit wem schlief oder ob zwei Männer drei Söhne aus früheren Partnerschaften großzogen. Es war, wie es war, und wer damit nicht zurechtkam, dem stand es jederzeit frei, die nächste Fähre aufs Festland zu nehmen.

»Ty? Dad hat eben angerufen und will wissen, ob du heute Abend mit uns isst? Ehe du fragst, er wirft seine göttliche Pizza in die Waagschale und lockt mit Tiramisu zum Nachttisch.«

Tyler schmunzelte und rief zu Adrian hoch: »Sag ihm, wenn ich fett werde, bezahlt er mir das Fitnessstudio.«

Sein Bruder lachte. »Mache ich. Sieben Uhr. Wir sollen bitte pünktlich sein, was heißt, er will uns aushorchen, weil er in der Stadt wieder irgendwelche Gerüchte gehört hat. Ich hoffe doch, du hast nicht vor, demnächst Nadine zu heiraten?«

Tyler schauderte unwillkürlich, während seine unmöglichen Brüder vor Lachen förmlich brüllten. Diese unselige Geschichte würde ihm für den Rest seines Lebens nachhängen, dabei hatte er Sandy Miller nur einmal auf einen Kaffee eingeladen, weil es mitten im Winter, arschkalt und er leider so naiv gewesen war, auf ihre angebliche Autopanne reinzufallen, wegen der Tyler an dem Morgen auf dem Weg zu einem Kunden gehalten hatte.

Sandy war seit Jahren auf der Suche nach einem Ehemann und eigentlich wusste er das auch. Doch an jenem Tag hatte er auf der sprichwörtlichen Leitung gestanden und erst begriffen, was los war, als sie schon im Café am Hafen saßen – beobachtet von unverkennbar überrascht dreinblickenden Einheimischen, die ihn noch Monate später deshalb ausgelacht hatten. Aber auf eine nette Weise, denn immerhin war er Sandy entkommen, ehe sie ihm einen Ring an den Finger hatte stecken können.

Ihm fiel etwas ein. »Hat sie nicht diesen Kerl aus dem Diner an der Angel?« Zumindest hatte er sie zwei letzte Woche beim Einkaufen zusammen in der Obstabteilung gesehen. »Der neue Koch von Matt. Keine Ahnung, wie der Typ heißt.«

Tyler sah hoch, als er Schritte hörte, und kurz darauf lehnte sich Adrian vor seinem Büro an das metallene Geländer, das die gesamte Halle in Form einer offenen Galerie umlief. »Der Kerl heißt Steven und macht erstklassige Rühreier. Allerdings höre ich zum ersten Mal, dass er was mit Nadine hat. Was weißt du, was wir nicht wissen?« Sein Bruder gluckste, als Tyler resigniert aufstöhnte – hätte er bloß nichts gesagt –, dann blickte er in den hinteren Teil der Halle, wo sie ihre Werkzeuge und jede Menge Holz in den unterschiedlichsten Größen und Formen lagerten, damit Kunden, die herkamen, etwas zum anschauen und auch anfassen hatten. »Mitch? Ty weiß offensichtlich etwas über die liebreizende Nadine und will es uns nicht erzählen.«

»Verklag ihn.«

Adrian gluckste heiter. »Würde ich glatt tun, wenn ich denn Anwalt wäre. Aber ich bin nur langweiliger Buchhalter. Du bist der, der mit Menschen umgehen und ihnen alles abschwatzen kann, selbst das eigene Kind, also hilf mir jetzt gefälligst, guter Bruder, der du ja angeblich sein willst.«

»Ty? Sag ihm, was er wissen will, sonst erzähle ich Dad, wer damals den Griff seiner Lieblingspfanne abgebrochen hat.«

Tyler zuckte ertappt zusammen, fluchte lästerlich, was seine verräterischen Brüder sofort wieder lachen ließ, und ergab sich anschließend in sein Schicksal. Es war einfacher, den beiden zu erzählen, was sie wissen wollten, damit er hinterher hoffentlich endlich an dem Regal weiterarbeiten konnte, denn in spätestens einer Stunde würden sie die Werkstatt zumachen müssen, um pünktlich auf Beckys Beerdigung zu sein.

***

Emily sah nicht gut aus.

Sie wirkte blass, müde und irgendwie ausgezehrt. Als hätte sie seit Tagen kaum geschlafen, was im Bereich des Möglichen lag, da sie mit der Fähre auf die Insel gekommen war – zu Fuß. Die meisten, ob Urlauber oder Tagestouristen, kamen mit dem Auto oder per Bus, mit einer dieser Ausflugsgruppen, die jeden Tag vom Festland hergebracht wurden. Doch wer zu Fuß kam, war vorher meistens mit dem Bus unterwegs gewesen, und das stützte die Gerüchte, die ihm über ihre angeblich eilige »Flucht« von zu Hause zu Ohren gekommen waren.

Tyler hielt sich im Hintergrund und beobachtete Emily, wie sie einen riesigen Strauß Blumen auf den Sarg legte und danach mit der Hand über das helle Holz strich, bevor sie zur Seite trat und anderen Trauergästen Platz machte, die es ihr nachtaten.

Überall um ihn herum wurde leise getuschelt, während der Priester eine Rede verlas und dabei Beckys Leben noch einmal in aller Ausführlichkeit Revue passieren ließ. Tyler ließ das alles an sich vorbeirauschen, weil es ihn nicht interessierte, ob Becky dreimal verheiratet oder zwanzig Affären gehabt hatte. Er hatte die alte Dame sehr gemocht und so würde er sie auch in seiner Erinnerung behalten.

Eine einzelne Träne lief über Emilys Wange. Sie wischte sie nicht fort und Tyler runzelte die Stirn, als keine weiteren Tränen kamen. Emily hatte sich völlig unter Kontrolle, zumindest nach außen hin, denn er bezweifelte, dass sie so taff war, wie sie sich gerade gab. Andererseits konnte er verstehen, dass sie nicht vor all den neugierigen Menschen, von denen einige nur für neuen Klatsch gekommen waren, deutlich ihre Gefühle zeigen wollte. Das hatte sie schon als Kind nie getan, denn in gewisser Weise hatten Emily und er einiges gemeinsam. Nur dass sie nie wegen ihrer Familie gemobbt worden war. Nein, bei Emily war es ihre Klugheit und Zurückhaltung gewesen, die sie vom ersten Tag an zu einer Außenseiterin gemacht hatte, und als sich später auch noch herausstellte, dass sie klüger war, als die meisten ihrer Mitschüler, und zudem lieber Klavier spielte oder Bücher las, statt sich in der Schule Freunde zu suchen – kurz gesagt, sie hatte es als junges Mädchen genauso schwer gehabt, wie Tyler und seine Brüder.

Und das hatte sie bestimmt nicht vergessen, so steif wie sie am Grab stand und den Blick gesenkt hielt, um mit niemandem Augenkontakt aufnehmen zu müssen. Tyler wäre am liebsten zu ihr gegangen und hätte sie nach Hause gebracht, wo sie in Sicherheit war. Weg von dem Getratsche zu seiner Rechten, wo sich Michelle David gerade darüber ausließ, dass eine gute Frau nicht einfach so ihre Familie, sprich Becky, hinter sich ließ.

Tyler biss die Zähne zusammen, wandte den Kopf und warf Michelle einen Blick zu, der sie blass werden ließ, als sie ihm in die Augen sah und erkannte, dass er stinksauer auf sie war, um anschließend mit einem Räuspern auf den Boden zu starren. Er sah zurück zu Emily und zuckte zusammen, denn jetzt sah ihn sie direkt an. Braune Augen, langes, ebenso braunes Haar, das sie heute in einem lockeren Knoten trug, ein schlichtes Kostüm in dunklem Blau und schwarze Stiefeletten. Schlicht und schick, so hatte Tyler sie in Erinnerung, denn sie hatte schon früher ein Auge darauf gehabt, was sie anzog.

Worüber er sich oft genug lustig gemacht hatte, fiel Tyler ein und konnte sich nur mit Mühe und Not davon abhalten, ihrem prüfenden Blick beschämt auszuweichen.

Sie erkannte ihn nicht, das verriet ihm der ratlose Ausdruck in ihren Augen deutlich, und obwohl Tyler ihr das kaum zum Vorwurf machen konnte, immerhin waren sie vor dem Gesetz noch nicht einmal erwachsen gewesen, als Emily das Haus ihrer Grandma verlassen hatte, um weit weg von ihrer kleinen Insel ihr Glück zu suchen, ärgerte es Tyler insgeheim doch, denn er hatte sie nie vergessen. Und später, nachdem Becky ihm stolz den ersten, in einem renommierten Magazin veröffentlichten Artikel von Emily gezeigt hatte, war er dazu übergegangen, ab und zu selbst nach ihr zu googeln und sich auf dem Laufenden zu halten. Eine Tatsache, die er unter Verschluss gehalten hatte, denn er konnte sich lebhaft vorstellen, was seine Familie dazu zu sagen gehabt hätte.

Dass Emily ihn hingegen so unverkennbar aus ihrem Leben gestrichen hatte – Tyler schluckte seine Enttäuschung hinunter und nickte ihr zu, woraufhin sie überlegend die Stirn runzelte, um im nächsten Moment abgelenkt zu werden, als der Priester seine Rede beendete und vor sie trat, um ihr höflich sein Beileid auszusprechen. Dabei hatte Pater Martin Williams sie noch nie gesehen. Wie auch. Der Mann hatte erst seit drei Jahren auf der Insel den Vorsitz über die Kirche, und laut seiner Väter machte er seine Sache wohl nicht schlecht.

Tyler interessierte sich nicht dafür und er ging auch nicht in die Kirche. Das hatten ihre Väter seinen Brüdern und auch ihm immer freigestellt. Ohnehin hatten Michael und Chen von jeher darauf bestanden, dass sie eigenständig Entscheidungen trafen, selbst wenn selbige sich am Ende als Fehler entpuppten. Durch Fehler lernte man, war das Motto seiner Väter, obwohl Tyler im Nachhinein gern einige Dinge anders gehandhabt hätte. Aber die Vergangenheit war nicht zu ändern und sich ewig und drei Tage damit aufzuhalten, brachte ihn nicht weiter.

Noch dazu war er nun wichtiger Teil einer Firma, die darauf angewiesen war, dass er nie mehr in alte Muster zurückfiel, und das hatte Tyler auch nicht vor. Niemals. Er hatte heute ein gutes Leben, das er liebte, und eines Tages würde er möglicherweise auch das haben, was seine Väter miteinander teilten.

Tyler wandte sich schweigend ab, als die ersten Trauernden den Friedhof verließen. Er hatte zu arbeiten und nicht vor, sich an dem geplanten Leichenschmaus zu beteiligen. Dort würden sich mit Sicherheit all jene einfinden, für die es das größte war, neue Gerüchte in die Welt zu setzen, und Tyler hätte sein letztes Hemd darauf gewettet, dass unter anderem Michelle David es kaum erwarten konnte, sich wortreich darüber auszulassen, wie Emily es wagen konnte, auf der Beerdigung ihrer angeblich so geliebten Großmutter nur eine einzige Träne zu vergießen.

***

»Denkst du an Lucas?«, fragte sein Vater ihn Stunden später und gesellte sich zu ihm auf die Terrasse. Michael schmunzelte, als Tyler ihn überrascht ansah. »Ich kenne dich gut, mein Junge. Außerdem hat Mitchell gerade erzählt, dass du den ganzen Tag über abgelenkt warst, und das bist du oft, wenn du über deinen Sohn nachdenkst.«

Tyler seufzte leise. »Ich habe über Emily nachgedacht. Über die ganze Situation an sich. Sie sah heute nicht gut aus.«

Sein Vater nickte zustimmend. »Kein Wunder. Es dürfte ihr nicht gerade leicht gefallen sein, sich faktisch der ganzen Insel zu stellen, um ihre Grandma zu beerdigen. Dennoch hat sie sich recht gut gehalten, finde ich.«

»Hast du ihre geschwollene Wange bemerkt?«, fragte Tyler, nachdem er kurz überlegt hatte, ob er das Thema anschneiden sollte, aber er musste einfach darüber reden.

Männer, die Frauen verprügelten, egal ob es ihre Ehefrauen oder ihnen völlig fremde Frauen waren, waren in Tylers Augen das Allerletzte. Solche Schweine gehörten lebenslang in ein sehr tiefes, dunkles Loch geworfen. Und wenn es dann noch so zarte Frauen wie Emily waren – Tyler wollte lieber nicht darüber nachdenken, was er mit ihrem hoffentlich bald Ex-Ehemann tun würde, sollte er diesen widerwärtigen Dreckskerl jemals in die Finger bekommen.

Michaels Blick war ernst. »Es gab Gerüchte darüber, dass ihr Mann sie schlägt. Schon lange. Becky hat es mir gegenüber nie bestätigt, aber auch nicht abgestritten. Ich bete, dass Emily auf unsere Insel gekommen ist, um zu bleiben.« Sein Vater stupste ihm auffordernd gegen den Oberarm. »Jetzt erzähl mir, was dir durch den Kopf geht. Du warst den gesamten Abend auffällig still. Das bist zwar immer, aber nicht so still wie heute. Versuch gar nicht erst, dich rauszureden, jetzt, wo ich dich schon mal in meiner Nähe habe. Raus damit, mein Junge.«

Tyler grinste, denn auch wenn Michaels Blick unverkennbar Belustigung zeigte, wusste er doch, dass sein Vater sich Sorgen um ihn machte, wenn er in dieser Stimmung war. Denn die war es früher gewesen, die ihn erst in Edwards Arme getrieben und am Ende ins Gefängnis gebracht hatte. Seither hatten Chen und Michael immer ein Auge auf ihn. Zwar nicht mehr so dauerhaft wie in den ersten Monaten, nachdem er entlassen worden war, aber seine Väter wollten auf jeden Fall verhindern, dass er ein zweites Mal abrutschte. Nicht, dass die Gefahr bestand, aber es war für Tyler verständlich, dass seine Väter nervös waren. Wäre er an ihrer Stelle gewesen, hätte er kaum anders reagiert, darum nickte er jetzt auch, da sein Vater ruhig wissen konnte, was ihm im Kopf herumging.

»Emilys Rückkehr hat mich an früher erinnert, darüber habe ich nachgedacht. An unsere Schulzeit.« Tyler schürzte kurz die Lippen. »Weißt du, ich frage mich, ob Lucas wohl irgendwann glaubt, ich hätte ihn verlassen, so wie mein Vater es getan hat.«

Michael schnalzte tadelnd mit der Zunge. »Du weißt genau, dass es so nicht passiert ist. Chen und ich haben euch niemals etwas verschwiegen, sondern euch von Anfang an über alles die Wahrheit gesagt. Und das schließt mit ein, dass dein leiblicher Vater wahrscheinlich nie erfahren hat, dass es dich gibt. Deine Mutter, so sehr ich sie geliebt habe, hat es uns leider unmöglich gemacht, mehr über ihn herauszufinden.«

Tyler musste sich davon abhalten, die Augen zu verdrehen, denn dieses Thema war so frustrierend, dass es ihn einfach nur noch nervte. Dabei machte er seiner Mutter keine Vorwürfe, sie war krank gewesen. Zu krank, um für sich selbst und vor allem für ihre Söhne zu entscheiden. Zum Schluss hatte sie nicht mal mehr die Kraft gehabt, sich für das Leben zu entscheiden. Und ihr Selbstmord war etwas, mit dem er für eine verdammt lange Zeit nicht gut klargekommen war und das der Therapeut, mit dem er im Gefängnis gesprochen hatte, mit als einen Auslöser sah, dass er sich damals so heftig von Edwards zerstörerischem Charme angezogen gefühlt hatte. Edward hatte ihn mit seinem spöttischen Lächeln total eingewickelt, bis er ohne vorher mal darüber nachzudenken bei allem mitgemacht hatte – egal ob es betrunkene Autofahrten oder das Verkaufen und Nehmen von Drogen gewesen war.

Edward war das eigene Leben im Grunde egal gewesen und er hatte Tyler irgendwie dazu gebracht, das gleiche von seinem Leben zu halten. Genauso wie seine Mutter von ihrem.

Heute war Tyler alt genug, um zu wissen, dass es nicht ganz so einfach war, aber früher, als Teenager und junger Mann hatte er ihr für alles die Schuld gegeben, und manchmal, an Tagen, in denen er sich zu lange in seinem Kopf verlor, tat er das immer noch, obwohl er gleichzeitig wusste, dass es falsch war. Doch ob er seiner Mutter ihre egoistische Tat jemals vollständig würde verzeihen können – Tyler wusste es nicht.

»Ihre Depressionen. Mal wieder.«

»Ja, Ty, mal wieder«, stimmte sein Vater ihm zu und seufzte im Anschluss daran. »Ich kann dich verstehen, weißt du. Selbst heute noch, obwohl es schon so lange her ist und ich längst mit Chen und euch Jungs wieder glücklich bin, bin ich an manchen Tagen stinksauer auf sie, weil sie uns einfach alleingelassen hat. Das Schlimme ist, es bringt nichts. Sie war schwer krank und sie hat sich umgebracht. Eine Tatsache, die keinem von uns gefällt, aber sie ist nun einmal nicht zu ändern und wir haben das Beste daraus gemacht … Oder etwa nicht?« Sein Vater sah ihn mit hochgezogener Braue an und Tyler räusperte sich vernehmlich, was Michael leicht grinsen ließ. »Ich ahne, was du sagen willst. Tue es nicht.«

»Wieso nicht? Es stimmt ja schließlich, dass Adrian und ich euch richtig gut gelungen sind.« Tyler gab sich unschuldig. »Bei Mitch bin ich mir allerdings nicht so sicher. Er ist wirklich eine furchtbare Klatschbase, seit er ständig im Internet rumhängt.«

Michael lachte und legte einen Arm um seine Schultern, und obwohl er nicht Tylers leiblicher Vater war, dachte das fast jeder auf der Insel, denn Michael hatte ihn adoptiert, da hatte er noch nicht mal seinen Namen schreiben können, und zudem sahen sie einander mit ihren blonden Haaren, den blauen Augen und der muskulös hochgewachsenen Statur dermaßen ähnlich, dass alle automatisch dachten, dass Michael Mitchells und sein Vater war, während Adrian eindeutig von Chen abstammte, denn die beiden sahen nicht nur rein äußerlich aus wie Vater und Sohn, nein, sie waren es auch, sogar biologisch.

Tyler runzelte die Stirn. »Manchmal frage ich mich, was aus uns allen wohl geworden wäre, hätte der Richter damals nicht entschieden, dass es für uns Kinder besser ist, in einer vielleicht auf den ersten Blick etwas verrückten Patchworkfamilie groß zu werden, statt in einem Kinderheim zu landen. Ob er Chen und dir das Sorgerecht zugesprochen hätte, hätte er gewusst, dass ihr euch eines Tages ineinander verliebt?«

Sein Vater schnaubte. »Mit Sicherheit nicht. Jedenfalls nicht zu jener Zeit. Heute wäre es kein allzu großes Problem mehr, wenn zwei Männer drei Kinder von drei verschiedenen Frauen großziehen wollen, aber damals … Wir hatten Glück, dass es genau zu jener Zeit die ganzen Skandale rund um städtische Einrichtungen gab und der Richter seinen bis dato tadellosen Ruf nicht damit versauen wollte, euch in solch eine Einrichtung abzuschieben.« Michael wiegte überlegend den Kopf. »Ich bin froh, dass Männer wie Chen und ich und überhaupt Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen, es heute leichter haben. Heute würde man euch in der Schule nicht mehr grün und blau schlagen, wie es damals viel zu oft passiert ist.«

Das sah Tyler allerdings ganz anders. »Darauf würde ich an deiner Stelle lieber nicht viel Geld wetten, Dad. Für unsere Insel hier mag das stimmen, aber besonders auf dem Land hat sich, sofern man den Nachrichten glauben will, nicht sonderlich viel geändert. Vor allem nicht, seit wir diese peinliche Karotte vier Jahre als Präsidenten hatten.«

»Ja, okay«, murmelte sein Vater und ließ ihn los, um sich zu strecken. »Es stimmt schon, unsere Insel ist da anders und sehr viel moderner, als es auf den ersten Blick scheint, aber wir leben hier und darum ist mir herzlich egal, was in der Stadt oder auf dem platten Land vor sich geht. Ich will nur, dass die Enkel, die wir hoffentlich eines Tages haben werden, keine Angst vor der Schule haben müssen.«

Oh, Himmel, nicht das Thema wieder. Tyler verkniff sich ein frustriertes Stöhnen. »Dad ...«

»Du weißt, was ich darüber denke. Er ist dein Sohn. Du hast ein Recht auf Umgang mit ihm«, konterte Michael und sah ihn mürrisch an. »Ich verstehe wirklich nicht, warum du dir keinen Anwalt nimmst. Das Geld hättest du mittlerweile.«

Das war nicht der Grund und eigentlich wusste sein Vater das auch, sie diskutierten schließlich nicht zum ersten Mal über Lucas. Doch Tyler wollte den Jungen, so sehr er sich manchmal wünschte, einfach egoistisch sein zu können, was seine Rechte als Vater anging, nicht aus seinem Leben reißen. Lucas kannte ihn nicht und wusste vielleicht nicht einmal, dass es ihn gab. Er hatte Eltern, die ihn liebten, und wie wichtig das war, wusste Tyler selbst nur zu gut.

»Er lebt in Hawaii garantiert ein schönes Leben. Und er hat einen Vater.«

»Du bist sein Vater, Ty. Ich will ja gar nicht, dass du dich mit seiner Mutter um das Sorgerecht streitest, aber wäre es denn zu viel verlangt, dass sie dir wenigstens ein bisschen Umgang mit ihm erlaubt?«

»Du meinst, Umgang mit dem Ex-Knacki, der beinahe einen Menschen tot gefahren hat, weil er besoffen und high war?«

»Tyler!«, brauste sein Vater verärgert auf und Tyler verzog das Gesicht. »Das ist lange her und du führst heute ein anderes, sicheres und gutes Leben. Lucas sollte ein Teil davon sein.«

Und eben da war sich Tyler nicht so sicher. Aber es brachte nichts, weiter mit seinem Vater deswegen zu streiten. Sie hatten unterschiedliche Ansichten, was Lucas betraf, und solange Tyler sich selbst keine eindeutige Antwort darauf geben konnte, ob er Lucas wirklich dauerhaft in seinem Leben haben wollte, würde er garantiert keinen Prozess anstrengen, der ein kleines Kind im schlimmsten Fall für immer traumatisierte.

Was wäre er für ein Vater, würde er so etwas tun?

»Nein«, erklärte er Michael daher entschieden und warf ihm einen warnenden Blick zu. »Er hat Eltern, die ihn lieben. Er hat ein Zuhause, das seine Mutter und sein Stiefvater ihm gegeben haben, als ich zu recht im Knast saß. So wie Chen und du uns damals ein Zuhause gegeben habt. Ich werde nicht sein ganzes Leben auf den Kopf stellen, nur um ihn dann zweimal im Jahr sehen zu dürfen, wenn überhaupt.«

»Ty … Er ist dein Sohn.«

Tyler nickte. »Und das wird er auch immer bleiben. Wenn er erwachsen ist, denke ich noch mal darüber nach. Dann ist er alt genug und kann selbst entscheiden.«