Voll ins Herz


Leseprobe

Und scheinbar war das genau die richtige Entscheidung, da Charlie den Rest der Nacht keinen Mucks mehr von sich gab, sondern sie beide bis zum Weckerklingeln durchschlafen ließ. Sie wechselten sich im Badezimmer ab, dann stellte sich Joe vor den Herd, um für Frühstück zu sorgen, nachdem Kade zugab, dass er zwar wusste, wofür ein Herd da war, aber sonst nicht viel Ahnung von seinen Küchengeräten hatte. Sah man einmal von der Kaffeemaschine und der Mikrowelle ab.

Joe lachte darüber, während Kade verlegen grinsend an der Theke saß und Charlie fütterte, der jetzt mit einer Pipette nicht mehr zufrieden war, sondern gleich zwei wollte. Kein Wunder und vor allem gut so, denn je länger er nachts ohne Fütterung auskam, umso länger konnten sie schlafen.

»Voilà«, erklärte er mit einem amüsierten Schmunzeln und stellte Kade anschließend einen Teller mit Rührei und Toast vor die Nase.

»Hey, das ist mein Frühstück«, grollte Kade grinsend, weil Charlie sofort die kleine, aber dafür überaus neugierige Nase reckte, und Joe setzte sich glucksend, mit seinem eigenen Teller in der Hand, neben Kade, der daraufhin den Kater kurzerhand in seine Richtung schob. »Da. Geh bei ihm klauen.«

»Tze, so werden mir meine exzellenten Küchenfähigkeiten gedankt«, beschwerte sich Joe schmollend und bot Charlie im nächsten Moment ein Stück Rührei an, das der Kater allerdings mit einem empörten Niesen verschmähte, was ihn lachen ließ, ehe er das Rührei selbst aß und dabei Charlie beobachtete, der auf tapsigen Pfoten über die Theke flanierte. »Eigentlich sollten wir ihm das verbieten.«

»Eigentlich sollte die Rotznase auch nicht auf meinem oder deinem Kopfkissen schlafen. Du hast letzte Nacht gesehen, was daraus geworden ist«, konterte Kade trocken und dem konnte er schlecht widersprechen, denn der Anblick vorhin, wie Kade auf dem blanken Laken lag, während Charlie sich auf seinem Kissen zusammengerollt hatte – einfach herrlich.

Er hätte ein Foto machen und es Marc schicken sollen. Oder Adrian. Wobei der ihn dann garantiert sofort angerufen hätte, um herauszufinden, warum er Bilder aus Kades Schlafzimmer machte. Oh nein, diese Neuerung in ihrem vorübergehenden Wohnarrangement würde er lieber noch ein paar Tage für sich behalten.

»Na ja, wenigstens konnten wir danach schlafen«, konterte Joe lässig und warf einen Blick auf seinen Tannenbaum, der am anderen Ende der Theke vor der Wand stand. Dort war er vor Charlie eindeutig sicherer, aber er erinnerte Joe auch an etwas, das ihn schon gestern Abend mächtig irritiert hatte. »Sag mal, wie kommt es, dass du hier keine Weihnachtsdekoration hast, während dein Büro im Zentrum voll davon ist. Gut, das ganze Haus ist voller Weihnachtsdekoration, aber das wundert mich nicht, bei den ganzen Kids im Haus. Doch du hast nichts.« Joe sah sich noch mal genau um und runzelte die Stirn. »Hat das einen bestimmten Grund?«

»Ja.«

»Verrätst du ihn mir oder ist es ein wichtiges Geheimnis, das keiner wissen darf?«, fragte er weiter, denn Joe wollte alles über Kade wissen, der daraufhin die Lippen schürzte und das restliche Rührei auf seinem Teller herumzuschieben begann.

»Normalerweise würde ich dir jetzt antworten, dass es dich nichts angeht, aber ich weiß, dass Marc dir gestern Abend ein paar Dinge über uns erzählt hat.«

Joe nickte, als ihn ein fragender Blick traf. »Dein Bruder wollte, dass ich verstehe, was mit dir passiert ist. Warum du wegen ein paar schlafloser Nächte so ausgeflippt bist. Und bevor du das denkst, nein, ich halte dich deshalb nicht für verrückt. Ich habe zwar persönlich keine Erfahrungen mit Migräne, aber ich weiß, dass eine Attacke verdammt heftig werden kann. Und ich weiß von Marc auch, dass es bei euch beiden komplizierter ist. Aber es ist eben bedeutend leichter zu sagen, dass man Migräne hat, als jemandem erklären zu müssen, was wirklich los ist.«

Kade streichelte Charlie, als der zu ihm kam und schnurrte, als würde er spüren, dass sein Herrchen an etwas Schlimmes dachte. Und das Schnurren schien Kade tatsächlich ein wenig zu beruhigen, bis er die Gabel nahm und weiter aß, während Joe geduldig wartete, denn er spürte, dass Kade ihm antworten würde, sobald er soweit war.

»Grelles Licht, anhaltende Geräusche, laute Stimmen, viele Gerüche – alles davon kann ziemlich problematisch werden.« Kade wiegte überlegend den Kopf. »Manchmal passiert nichts, egal wie stressig es um mich herum ist, aber es gibt Zeiten, da reicht das Kreischen eines hungrigen Katers aus, um mich nach ein paar Tagen beinahe in den Wahnsinn zu treiben, um es mal überspitzt auszudrücken.« Kade blickte ihn an. »Marc und ich haben die ersten zwölf Jahre unseres Lebens in Gefangenschaft verbracht, wusstest du das?«

Joe nickte, denn das hatte Adrian ihm gesagt, und natürlich gab es dann noch die ganzen Gerüchte im »Boston Hearts«, die jeder Neue zu hören bekam, vermutete er. »Ich weiß, dass euer Vater euch gefangengehalten hat und das eure Mutter tot ist. Es gibt unzählige Gerüchte über dich und deine sieben Brüder, aber das weißt du ja selbst. Ich kenne keine Details, falls du das denkst, und ich schere mich nicht um Gerüchte. Marc hat mir erklärt, dass es der Stress war, der dich gestern hat ausflippen lassen, und dass du Charlie nie weggeben würdest.«

»Stimmt, das würde ich nicht«, sagte Kade und trank einen Schluck Kaffee. »Und was deine Frage angeht … Ich muss mir einen Ausgleich schaffen. Weihnachten ist im Zentrum immer die stressigste Zeit des Jahres. Es gibt tausend Bestellungen, es wird viel mehr gebacken und gekocht als sonst, dazu müssen Geschenke für die Kids besorgt, kaputte Deko ersetzt und auf Sonderwünsche eingegangen werden. Es ist immer irgendwo etwas los. Der Krach, die Gerüche, die Lichter – Marc und ich haben von Sean Strategien gelernt, damit umzugehen und uns Rückzugsräume zu schaffen, wenn uns alles zu viel wird. Die Dekoration im Büro und im Haus sehe ich jeden Tag und ich kann gut mit ihr umgehen. Meine Wohnung hingegen ist mein Rückzugsort. Es ist der einzige, den ich im Dezember habe, da überall in der Stadt auch alles voller Dekoration hängt. Würde ich mein Apartment dekorieren, hätte ich eine Attacke nach der anderen, weil mein Kopf nicht mehr abschalten könnte.«

»Nicht mal ein kleiner Weihnachtsbaum?«, fragte Joe, da er sich Weihnachten ohne Baum gar nicht vorstellen konnte.

Kade zuckte die Schultern. »Ich liebe Weihnachten und ich hätte gerne einen Baum. Aber nicht hier. Eines Tages werde ich ein Haus haben, etwas Eigenes, und dort wird es ausreichend Platz für einen kleinen Baum geben. Mit dezenter Beleuchtung und ohne das ganze farbige Gedöns, das heutzutage so in ist. Das konnte ich noch nie leiden und Gott sei Dank sehen meine Väter das auch so. Zu Hause gab es noch nie eine bunte Tanne, sondern immer einen wirklich schönen Weihnachtsbaum. Mit echten Kerzen, echten Glaskugeln, die von Hand gefertigt sind und die Elias so liebt. Maximilian schenkt ihm jedes Jahr neue. Das ist schon fast eine kleine Tradition zwischen ihnen.« Kade schmunzelte. »Und wehe, einer von uns Jungs wagt sich, Elias eine hübschere Kugel zu schenken als Maximilian.«

Joe lachte. »Das erinnert mich gewaltig an meine Eltern. Sie waren genauso wie deine Väter. Verliebt bis über beide Ohren und sie haben sich immer wieder gegenseitig kleine Geschenke gemacht. Sie hatten eine tolle Ehe.«

»Waren?«, fragte Kade behutsam und Joe lächelte, als sich ihre Blicke trafen. Das Thema war kein schweres mehr für ihn, er hatte längst seinen Frieden damit gemacht, dass seine Eltern nicht mehr da waren. Außerdem hatte er ja immer noch seine Schwestern und seine Großeltern, die für ihn damals ruckzuck zu Ersatzeltern geworden waren.

»Sie sind bei einem Autounfall gestorben. Glatteis. Ich war Anfang zwanzig und am Boden zerstört. Grandpa hat mich aufgefangen und heute kann ich an sie denken, ohne traurig zu sein. Manchmal rede ich an ihrem Grab sogar mit ihnen. Wenn es Neues in meinem Leben gibt.« Joe gluckste. »Als ich ihnen erzählt habe, dass ich bei euch als Hausmeister anfange, hat ein Windstoß mir einen Stapel Herbstblätter ins Gesicht geweht.« Kade lachte und Joe zwinkerte ihm frech zu. »Dad hatte schon immer einen seltsamen Sinn für Humor. Ich konnte Mum fast lachen hören, während ich hustend und schimpfend gegen die Blätter gekämpft habe. Ich vermute, ihnen hat die Vorstellung sehr gefallen, dass ich im »Boston Hearts« arbeite.«

Kade grinste kurz. »Das erinnert mich an Maximilian. Ihm hat die Vorstellung auch ziemlich gefallen, dass Marc und ich für das Zentrum arbeiten.«

Joe schnaubte amüsiert. »Komm schon. Stell dein Licht hier nicht unter den Scheffel. Ich weiß, dass du das »Boston Hearts« eines Tages übernehmen sollst.«

»Woher …?«

»Ich habe gute Ohren«, kam er der Frage zuvor und lachte, als Kade ihm daraufhin den Ellbogen in die Seite boxte. »Aua.«

»Geschieht dir ganz recht.« Kade warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. »Wir müssen los, sonst komme ich zu spät. Und du auch. Lass uns beten, dass die Räumdienste heute früh bessere Arbeit geleistet haben als die letzten Tage.«

Joe erhob sich und warf einen Blick aus dem Fenster. »Sieht eher nicht so aus.« Kade stöhnte hinter ihm und Joe überlegte nicht lange. »Wollen wir zusammen fahren? Mein Pick-up hat einen Allradantrieb. Damit sind wir sicherer unterwegs.«

»Ich wollte heute Abend einkaufen.«

Joe suchte Kades Blick. »Das sollten wir sowieso zusammen machen, immerhin sind wir die nächsten Tage zwei Leute, die hier leben und essen, und da ich wahrscheinlich die meiste Zeit kochen werde ...«, er gluckste, als Kade rot wurde, »... wäre ich doch gerne beim Einkaufen dabei. Und keine Sorge, du darfst den Abwasch übernehmen.«

»Ist nur fair«, stimmte Kade nickend zu und erhob sich, um Charlie zu greifen und auf den Boden zu setzen. »Dir ist klar, wie das aussieht, wenn wir zusammen in einem Auto vor dem Zentrum vorfahren, oder?«

Oh ja, das wusste er genau, darum hatte Joe den Vorschlag ja auch gemacht, aber das konnte er Kade gegenüber schlecht zugeben. »Und?«, fragte er daher betont lässig und hockte sich zu Charlie, der ihm um die Beine schlich. »Die kommen eh nur alle raus, um dich zu bestaunen, nicht wahr?« Er nahm Charlie hoch und hielt ihn Kade hin. »Guck ihn dir an. So niedlich und mit riesigen Kulleraugen. Wer würde sich da nicht Hals über Kopf verlieben?«

Kade lachte unwillkürlich und nahm ihm Charlie ab. »Such dir einen eigenen Kater zum Anschmachten. Aber nicht heute, wir müssen los. Und danke.«

»Wofür?«

»Das Frühstück … Und deine Hilfe.«

Joe winkte ab, weil er spürte, dass Kade Letzteres ziemlich unangenehm war, was er verstehen konnte. Wem wäre es nicht peinlich, wegen eines Katzenbabys die Nerven zu verlieren? Er würde einfach darüber hinweggehen, denn in Joes Augen gab es nichts, für das Kade sich schämen musste.

»Gern geschehen«, sagte er und warf einen weiteren Blick aus dem Fenster. »Wir sollten wirklich los. Der Schneefall wird heftiger. Wir hätten gestern Abend den Wetterbericht ansehen sollen, bevor wir ins Bett gehen.«

»Heute werden wir es tun«, erklärte Kade und trat an den Schreibtisch, der gegenüber des Tresen an der Wand neben der Balkontür stand, und auf dem Charlies Transportbox auf ihren Besitzer wartete. »Ab mit dir, du Schreihals«, murmelte Kade und setzte Charlie in seine Box, der das schon so sehr gewöhnt war, dass er überhaupt nicht mehr protestierte.

Erstaunlich, wenn man bedachte, wie viel Theater er jedes Mal gemacht hatte, sobald jemand anderes ihn füttern wollte. Joe schüttelte amüsiert den Kopf und holte das gestern Abend vorbereitete Fläschchen mit Milch aus dem Kühlschrank. Dazu noch die Pipetten und wenig später waren sie bereits auf dem Weg ins »Boston Hearts«.

Oder besser gesagt, sie versuchten es, aber an Pünktlichkeit war bei diesem Winterwetter absolut nicht zu denken, weil die Räumfahrzeuge zwar schon in den Straßen unterwegs waren, den täglich wachsenden Schneemengen allerdings längst nicht mehr Herr wurden. Es dauerte wie erwartet nicht lange, bis sie in einem Stau landeten, und da Joe die Endercotts mittlerweile ganz gut kannte, klingelte nur wenig später Kades Handy, der es mit einem resignierten Seufzen und den Worten »Ich wette eine Woche Abfall wegbringen, dass ich ganz genau weiß, wer das ist.« aus der Jackentasche zog.

Joe grinste. »Gebongt. Ich tippe auf Maximilian.«

Kade warf einen Blick aufs Display, fluchte und boxte ihm tadelnd gegen den Oberarm, als Joe seinen Sieg umgehend mit hochgerecktem Arm und einem lauten »Yeah!«, feierte.

»Nein, du musst dir keine Sorgen machen«, erklärte Kade seinem Vater kurz darauf und warf ihm eine Grimasse zu, die Joe leise lachen ließ. »Dad, ich sitze in einem warmen Pick-up und habe sehr angenehme Gesellschaft. Mir geht es gut.« Kade lachte. »Du bist wirklich unmöglich und nein, ich habe mir am Wochenende keinen Ehemann geangelt und es dir nicht gesagt. Du hörst dich schon an wie Grandpa … Joe … Ja, unser Joe … Das erzähle ich dir nachher … Bis dann, Dad … Ich hab euch auch lieb.« Kade schob das Handy zurück in die Jackentasche und schüttelte belustigt den Kopf. »Sie sind furchtbar. Ach ja, Dad wird dich nachher garantiert irgendwo im Haus abpassen, um dich zu fragen, welche Absichten du bei mir verfolgst, weil ich mit dir im Auto zur Arbeit erscheine, sprich, ich habe ganz offensichtlich vor, dich demnächst zu heiraten.«

»Ach so?«, wunderte sich Joe und Kade lehnte seinen Kopf mit einem Glucksen nach hinten gegen die Kopfstütze. »Meint Maximilian das dann ernst oder kann ich lachen?«

»Wenn du darüber lachst, tritt er dir möglicherweise gegen dein Schienbein. Sie sind ein wenig eigen, was das Glück ihrer Söhne angeht, wenn du verstehst.«

Und wie er das verstand. Besser konnte ihm der Zufall gar nicht in die Hände spielen und vielleicht war es ja an der Zeit, mit Maximilian Endercott ein ernsteres Wort zu reden, was das baldige Lebensglück seinen Sohn anging. Dann wusste es zwar nach Adrian und Marc noch jemand, und sobald Maximilian es wusste, erfuhr es garantiert auch Elias, aber schaden konnte es mit Sicherheit nicht, die Väter seines Angebeteten mit ins Boot zu holen, also würde Joe es auf den Versuch ankommen lassen.

Er verbot sich ein Lachen, um sich stattdessen zu räuspern. »Tja, nun … Dann ist es wohl gut zu wissen, dass ich seit heute einen Verlobten habe, oder?«, erklärte er lässig und nach einem Blick zu Kade prusteten sie beide los.