Tritt ins Herz


Leseprobe

»Warum kann ich ihm bloß nie etwas abschlagen?«, murrte Cole auf dem Weg in den Garten, obwohl er eigentlich nur im Zentrum vorbeigefahren war, um seinem Vater Elias ein Paket mit Medikamenten zu bringen, die der für die Krankenstation bestellt und dann in seiner Bar auf dem Tresen vergessen hatte, als er heute Morgen vorbeigekommen war, um noch mal nach seiner Nase zu sehen.

Nach mittlerweile drei Wochen war die längst verheilt und schillerte auch nicht mehr in den buntesten Farben, aber Elias war Arzt mit Leib und Seele und machte sich immer Sorgen um seine Schützlinge, darum hatte er seinem Vater auch nicht widersprochen, als der ihn eben darum gebeten hatte, Derrick Foster, den Müllcontainerdieb, zum Abendessen zu holen, das der junge Mann bereits seit einigen Tagen ständig vergaß, weil er lesend irgendwo im Haus oder draußen im Garten saß.

Cole fand ihn auf der Treppe links vor dem Pavillon, wo er auf dem breiten Steingeländer saß, neben sich zwei Gehhilfen, und gerade grinsend in einem bunten Heft herumblätterte, das Cole bei näherem Hinsehen als einen Comic über Spiderman identifizierte. Und das war eine Steilvorlage, die er sich einfach nicht entgehen lassen konnte.

»Wärst du so elegant wie Spiderman, hättest du jetzt kein Gipsbein«, stichelte er ohne Begrüßung und hätte sich dafür im nächsten Moment am liebsten selbst einen Tritt verpasst. Elias würde ihm einen langen Vortrag über gutes Benehmen halten, wenn er Derrick Foster gegen sich aufbrachte.

»Du«, grollte sein verunglückter Dieb, samt finsterem Blick, nachdem er aufgesehen und ihn erkannt hatte, und klappte mit einem erbosten Schnauben den Comic zu. »Ich sollte dich und deinen mordlüsternen Müllcontainer verklagen.«

Das klang nicht aufgebracht. Im Gegenteil. Das klang mehr als schnippisch und außerdem ziemlich herausfordernd. Cole nahm die letzten Treppenstufen zu Foster hinunter in einem gemächlichen Tempo und sah den dabei herablassend an.

»Weswegen? Doofheit bei der Flucht?«

Foster musterte ihn aus dunkelbraunen Augen ausführlich und abschätzend. »Was ist das eigentlich mit euch stinkreichen Typen? Der Anzug, den du trägst, hat bestimmt mehr gekostet, als ich jemals verdienen werde. Nicht, dass er nicht geil an dir aussieht, aber ich wette, ohne wärst du noch geiler.«

Cole hielt verblüfft und irritiert zugleich inne. »Du willst wissen, wie ich nackt aussehe?«

»Ist das ein Angebot?«, fragte Foster feixend und lachte, als Cole überrumpelt nach Luft schnappte. »War ja klar. Genauso ein Feigling, wie ich dachte.«

Er griff wieder nach dem Comic, was Cole daran erinnerte, weshalb er nach draußen geschickt worden war. Und das war mit Sicherheit auch das Beste so, denn über die Tatsache, dass sein Müllcontainerdieb ihn sich offensichtlich heimlich nackt vorstellte, wollte er jetzt lieber nicht genauer nachdenken.

»Elias hat mich geschickt. Du verpasst das Abendessen.«

»Ich esse später was.«

Cole musste unwillkürlich schmunzeln, weil er aus eigener, langjähriger Erfahrung sehr genau wusste, wie so eine Aussage bei seinem Vater ankommen würde. Er überbrückte die letzten drei Stufen der Treppe und lehnte sich Foster gegenüber an die dicke Mauer.

»Wenn ich meinem Vater das ausrichte, wird er persönlich hier rauskommen und dir einen sehr wortreichen Vortrag über gesunde Ernährung und regelmäßige Mahlzeiten halten. Dann wird er dich ins Haus zerren und bei dir bleiben, bis dein Teller leergegessen ist, und das wird er dann bei jeder Mahlzeit für mindestens eine Woche machen, bis Maximilian ihn schließlich dazu bringt, wieder damit aufzuhören, um zu verhindern, dass du ihn beim Essen aus Versehen mit dem Messer erstichst oder anderweitig umbringst.«

Foster klappte den Comic erneut zu, hob den Kopf und sah ihn amüsiert an. »Lass mich raten … Du warst etwa wie alt, als er das mit dir gemacht hat? Dreizehn? Vierzehn?«

»Vierzehn.«

»Und?«, fragte Foster neugierig und griff gleichzeitig nach den Gehhilfen, um sich anschließend vorsichtig von der Mauer gleiten zu lassen. Es klappte gut und Cole war beruhigt, nicht eingreifen und helfen zu müssen.

»Ich habe Maximilian verärgert gedroht, dass er sich einen neuen Ehemann suchen muss, wenn der nicht sofort aufhört, mich mit gesundem Essen vollzustopfen«, antwortete Cole mit einem Grinsen, denn damals hatte er einfach nur einen Burger und Pommes gewollt, statt Salat, Fisch und anderen seltsamen Gerichten, deren Namen er nicht aussprechen konnte. »Er fand das sehr lustig, bis ich ihm zwei Tage später Geld geklaut habe und aus dem Fenster getürmt bin, um zu McDonalds Filiale zu fahren und mir den Bauch vollzuschlagen. Natürlich war ich ein kleiner Großkotz, habe mich komplett überfressen und war anschließend drei Tage krank. Danach haben sie eingesehen, dass Edelessen und Kinder nicht zusammenpassen. Was ihnen Maria, die Köchin, übrigens von Anfang an gesagt hatte, aber wer hört schon auf eine erfahrene Frau und Mutter.«

»Du warst der erste Sohn, habe ich gehört«, meinte Foster und schloss zu ihm auf.

Cole nickte. »Stimmt. Und sie hatten zu jener Zeit genauso wenig Ahnung von Kindererziehung, wie ich davon, Eltern zu haben und vor allem ein richtiges Zuhause, in dem ich gewollt und willkommen war. Wir haben eine ganze Weile gebraucht, um uns zusammenzuraufen und du kannst mir glauben, wenn ich dir sage, dass ich es ihnen nicht leichtgemacht habe. Ganz im Gegenteil. Aber sie haben mich trotzdem behalten.«

Foster nickte und nahm die erste Treppenstufe. Cole folgte ihm langsam und behielt ihn im Auge, falls er ins Straucheln geriet, aber offenbar kam Foster mit den Krücken gut zurecht, obwohl es natürlich einige Zeit dauerte, bis sie Treppe hinter sich gebracht hatte.

»Ich falle nicht um, keine Sorge«, erklärte Foster spöttisch.

Cole verdrehte die Augen. »Das kann leichter passieren, als du denkst. Ich hatte auch schon ein Gipsbein und weiß daher, wie nervig das ist. Juckt es schon?«

Foster stöhnte frustriert. »Wie die Hölle, und Elias hat mich angesehen, als wäre ich völlig verrückt geworden, nachdem er mich gestern Nachmittag in der Küche dabei erwischt hat, wie ich mich mit dem Brotmesser unter dem Gips gekratzt habe.«

Cole lachte leise. »Jetzt lass mich bitte raten … Ein hörbares Einatmen, gefolgt von einem fassungslosen Kopfschütteln und einem tadelnden Blick, bevor er dir das Messer kurzerhand weggenommen und dir stattdessen einen harmlosen Kochlöffel aus Holz in die Hand gedrückt hat?«

»Woher …? Ach so.« Foster gluckste. »Isst du mit?«

Cole schüttelte den Kopf, obwohl er eigentlich gar nichts dagegen gehabt hätte, aber irgendwie zog ihn auf einmal alles nach Hause oder in seine Bars. Hauptsache weg von diesem schönen Gesicht mit den verführerischen Grübchen, dessen Besitzer ihn nackt sehen wollte. Oh Mist. Darüber hatte er doch partout nicht nachdenken wollen.

»Nein, ich muss arbeiten.«

Derrick schmunzelte. »Soll ich deinem Vater das so sagen? Dass du lieber arbeitest, statt ihm beim Abendessen mit seinen ganzen Jungs und Mädels Gesellschaft zu leisten?«

Das traute er Derrick unbewiesen zu und Cole stöhnte, weil er natürlich sehr gut wusste, wie Elias reagieren würde. Oh, er würde ihm niemals einen Vorwurf daraus machen, arbeiten zu gehen, schließlich wusste sein Vater, wie wichtig ihm die Bars und sein eigenes Geschäft waren, aber er würde bei der nächst passenden Gelegenheit mit Sicherheit einen Satz darüber fallen lassen, dass er schon recht lange nicht mehr zum Abendessen daheim gewesen war.

Die Familie ging bei den Endercotts einfach über alles und seine Väter wussten, auf welchem Fuß sie jeden einzelnen ihrer Söhne erwischen mussten, um zu erreichen, was sie wollten.

Cole gab nach. »Also gut, ich esse mit.«

Derrick grinste nur und als sie schließlich in den Speisesaal traten, war dort schon einiges los, sodass Logan und Matt, die beiden Brüder, die vor knapp einem Jahr ins Zentrum gezogen waren und vom ersten Tag an einen Narren an ihm gefressen hatten, Cole erst entdeckten, als er mit Derrick, für den er den bereits gefüllten Teller trug, gerade einen Tisch ansteuerte. Das sorgte prompt für feixende Gesichter, woraufhin er den beiden Rotzlöffeln einen finsteren Blick schenkte, was wie erhofft mit albernem Gekicher kommentiert wurde. Dann winkte Matt sie zu sich und deutete neben sich auf zwei freie Plätze.

»Hey, Cole, willst du Derrick für deine Strip-Tänzer-Truppe rekrutieren?«, fragte Logan frech und Cole musste sich prompt ein Lachen verkneifen, als Derrick ihn daraufhin baff ansah.

Soviel zu dem Thema, andere Leute einfach nackt sehen zu wollen. Wie du mir, so ich dir, dachte er belustigt und nahm sich einen Bissen von dem köstlich duftenden Eintopf mit Reis und Rindfleisch, den er sich zuvor ausgesucht hatte, während es bei Derrick der Brokkoli-Käse-Auflauf mit Nudeln geworden war. Dass auf den Tellern der Jungs Burger und Berge von dicken Pommes lagen – Teenager eben. Wenigstens war bei ihnen alles hausgemacht und kein Fertigzeug aus der Gefriertruhe, darauf legten seine Väter großen Wert und beschäftigten daher Köche, die sehr gut dafür bezahlt wurden, ausgewogen und möglichst gesund für alle im Zentrum zu kochen.

Nachdem er runtergeschluckt hatte, deutete er mit seinem Löffel auf Logan und seufzte gespielt. »Was soll ich denn sonst machen, Mann? Er sieht schließlich echt geil aus, hat eine heiße Kehrseite und du darfst ja erst für mich auf dem Tisch tanzen, wenn du irgendwann, so in tausend Jahren, endlich erwachsen geworden bist.«

»Heiße Kehrseite?«, murmelte Derrick neben ihm verblüfft und Cole tat so, als hätte er ihn nicht gehört, was bei den vielen Gesprächen überall um sie herum keine große Kunst war.

»Ich bin vierzehn«, empörte sich Logan beleidigt und Cole zwinkerte ihm neckisch zu.

»Und damit noch lange nicht alt genug, um in meiner Bar die Hüllen fallen zu lassen.«

Cole grinste breit, als die Brüder die Augen verdrehten. Sie versuchten es immer wieder und vielleicht würde er sie eines Tages sogar auf seine Bühne lassen. Allerdings würde das nicht der Fall sein, solange sie weder die Highschool abgeschlossen hatten noch nach dem Gesetz alt genug waren, um seine Bars überhaupt betreten zu dürfen.

Bei Derrick sah die Sache anders aus, der war erstens längst alt genug und hätte zweitens durchaus Chancen als Tänzer bei ihm angestellt zu werden. Cole runzelte unwillig die Stirn bei der Vorstellung, dass seine Gäste einen sehr knapp bekleideten Derrick angafften und ihm Dollarscheine in den Slip steckten, und je länger er darüber nachdachte, umso weniger gefiel ihm die Idee. Wenn überhaupt, dann wollte er selbst Derrick nackt sehen, und zwar ganz exklusiv.

Moment mal, seit wann wollte er diesen Müllcontainerdieb denn bitteschön nackt sehen? Wenn überhaupt, wollte der ihn aus seiner Kleidung schälen und nicht umgekehrt, was so oder so nie passieren würde, wozu also darüber nachdenken?

Cole machte sich kopfschüttelnd über den Eintopf her, um gleich darauf zusammenzuzucken, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und selbige kurz drückte, was ihm sofort verriet, wer es war und dass ihm von dieser Person niemals auch nur der Hauch einer Gefahr drohte. Im Gegenteil, denn sein Vater würde sich eher von einer Klippe stürzen, als jemals die Hand gegen ihn oder seine Brüder zu erheben.

Elias und Maximilian hatten damals viele Monate Zeit und noch mehr Geduld gebraucht, bis Cole bei lauten Geräuschen nicht mehr zusammengezuckt oder unerwarteten Berührungen ausgewichen war. Und er war nur der erste Sohn und in dieser Hinsicht ziemlich harmlos gewesen. Wenn er da an Kade und Marc dachte. Oder an Leon. Gar nicht zu reden von Dare, der versucht hatte sich das Leben zu nehmen, bis er erkannte, dass er von den Endercotts um seinetwillen geliebt wurde.

So wie sie alle geliebt wurden. Und da Cole das wusste und heute auch daran glauben konnte, entspannte er sich wieder und schaute zu seinem Vater auf. »Hey, Dad.«

»Schön, dass du mit uns isst«, sagte Elias und klang dabei so unschuldig, dass Cole ihn misstrauisch ansah, was  ignoriert wurde. »Dein Vater kommt auch gleich.« Elias sah lächelnd zu den Brüdern. »Hallo, ihr beiden. Wie war euer Mathe-Test?« Er lachte, als Matt und Logan laut stöhnten, und suchte Derricks Blick. »Noch fünf Kilo. Mindestens.«

»Ja, Doc«, sagte Derrick lahm und grinste, als Elias ihm mit der Faust drohte und danach weiterging, um mit anderen Kids das eine oder andere Wort zu wechseln.

Cole sah ihm lächelnd nach und verdrehte die Augen, weil Maximilian, als er eintraf, Elias sofort für einen Kuss an sich zog, der mit viel Gelächter und Pfiffen kommentiert wurde. Es war jedes Mal dasselbe mit seinen Vätern, die selbst nach über fünfundzwanzig Jahren, die sie mittlerweile verheiratet waren, nur schwer die Finger voneinander lassen konnten. Er wandte sich belustigt Derrick zu.

»Was hat es mit den fünf Kilo auf sich?«, fragte er.

»Ich bin ihm zu dünn. Zuerst waren es zehn Kilo, jetzt sind wir immerhin schon bei fünf.« Derrick pikte ein Stück Brokkoli auf seine Gabel und starrte es finster an. »Gott sei Dank, sollte ich wohl noch dazu sagen. Kein normaler Mensch kann am Tag so viel Essen in sich reinstopfen, wie dein Vater das garantiert gerne hätte.«

Cole gluckste heiter. »Versuch es mit Schokolade. Bei Luca hat es damals funktioniert.«

»Luca«, murmelte Derrick, aß den Brokkoli und überlegte dabei. »Das ist der Jüngste von euch. Der Musiker.«

Cole nickte und war nicht im Geringsten davon überrascht, dass Derrick über die Endercotts-Jungs längst Bescheid wusste. »Er ist vier Jahre älter als du. Unser Nesthäkchen. Aber wehe, du nennst ihn so, dann bist du hoffentlich bereit, sehr schnell und sehr weit vor ihm wegzulaufen, weil es dir sonst passieren könnte, dass er dich mit seiner Gitarre verhaut.«

Derrick grinste. »Ich wette, du bist schon in das Vergnügen gekommen.«

»Unterstellung«, grollte Cole gespielt und deutete hinterher mit einem auffordernden Blick auf die immer noch übervollen Teller von Logan und Matt, damit die Jungs endlich etwas aßen und sie nicht weiter feixend beobachteten.

Teenager konnten wirklich unmöglich sein, vor allem wenn sie neugierig waren und das waren die Brüder leider immerzu, sobald es um Cole ging. Es störte ihn normalerweise nicht, aber üblicherweise saßen er auch nicht mit einem jungen Mann am Tisch, der ihn geil fand. Und was das schon bald für Gerüchte auslösen würde, dass er Derrick angeblich als Strip-Tänzer für eine seiner Bars in Betracht zog – ohne Worte.