Der Mondsammler


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Prolog

Alles begann mit einer Leiche.

Wobei man das vermutlich auch anders sehen könnte, denn als seine Tochter Wilhelmina, die schon vor Jahren nach einem heftigen Streit mit ihrem Vater aus dem Haus gerannt war und sich bis zu dessen Tod nicht mehr im Ort hatte blicken lassen, den alten Burt Masterson in seiner eigenen Scheune erhängt an einem der Dachbalken vorfand, nahmen die hiesigen Bewohner von Wilmington davon nicht sonderlich viel Notiz.

Er war eben ein seltsamer Wunderling, sagten die einen.

Vollkommen verrückt und ein ganz furchtbarer Säufer sei er gewesen, behaupteten die anderen.

Ein Selbstmord, der zwar nicht gerade erwartet worden war, aber auch nicht sonderlich überraschend kam.

In der Stadtzeitung kam Burts Dahinscheiden nicht mal auf die zweite Seite, geschweige denn auf die dritte oder vierte.

Die geplante Halloweenparty für die Kinder und die in der Kirche am Veteranentag stattfindende Sammelspeisung für die Armen in der Stadt waren hingegen tagelang großer Aufhänger der Titelseite.

Ein toter Säufer interessierte hingegen niemanden.

Zumindest fürs Erste.

Merkwürdig und auch interessant wurde die Sache erst, als Deputy Carl Garrison in einem von zu viel Alkohol benebelten Moment in der einzigen Bar im Ort ausplauderte, dass der alte Burt schwere Arthritis gehabt hatte und gar nicht in der Lage gewesen wäre, den kunstvollen Knoten zu binden, den man an dem Seil um seinen dürren Hals gefunden hatte.

Noch sonderbarer wurde das Ganze, als Wilhelmina beim Aufräumen des Hauses, in dem sie eine, bis auf ein paar kleine, äußerst seltsame Vorfälle, glückliche Kindheit verbracht hatte, aus Versehen ein Loch in eine Wand riss, als sie versuchte, das Küchenregal abzubauen, auf dem viele Jahre die Schüsseln und Tassen gestanden hatten. Das an sich war nun nicht sonderbar, aber das, was sie hinter der Wand entdeckte, war es sehr wohl. Es war sogar derart sonderbar, dass Wilhelmina ohnmächtig zu Boden sank, und das bei Weitem nicht so elegant, wie es meist in Filmen oder romantischen Büchern dargestellt wird.

Nein, die arme Wilhelmina krachte mit einem lauten Rums auf den Dielenboden, riss dabei eine große, gusseiserne Pfanne aus ihrer Aufhängung direkt über der breiten Kücheninsel, die wiederum nicht nur die Dielen zerkratzte, sondern Wilhelmina auch eine böse Schnittwunde im Gesicht beibrachte.

Und als wäre das nicht schon schlimm genug, konnten die Männer des Umzugsunternehmens, das sie engagiert hatte, um ihr beim Ausräumen des Hauses zu helfen, durch ihren Sturz einen genauen Blick auf ihre seit Tagen getragene Unterwäsche werfen, denn Wilhelmina war genauso arm, wie ihr Vater es seit dem Verschwinden der Mutter gewesen war.

Doch von den unanständigen Blicken unter ihren fleckigen Rock bekam Wilhelmina nichts mit. Ebenso wenig wie von den schockierten Blicken der Männer, als die voller Neugierde einen Blick in das Loch in der Wand warfen, bevor sie umgehend die Polizei kontaktierten, die wiederum ebenfalls einen Blick in die Wand warf, was dazu führte, dass der bereits benannte Deputy sich vor dem Haus eine halbe Stunde übergab, bevor man Burts Haus zu einem Tatort erklärte und die entsprechenden Anrufe bei den zuständigen Behörden machte.

Plötzlich war Burt Masterson die einzige Schlagzeile, die in Großbuchstaben über Tage hinweg die Zeitung auf der ersten Seite belegte, während Polizei, Spurensicherung und schließlich auch das FBI sich die Klinke in die Hand gaben, um Leichen zu bergen und Spuren zu finden.

Wilhelmina Masterson hingegen kam erst im Krankenhaus wieder zu sich, und als man ihr erzählte, was man mittlerweile hinter mehreren Wänden im Haus ihres Vaters entdeckt hatte, erlitt sie unter viel Geschrei und fassungslosen Tränen einen Nervenzusammenbruch, verzichtete sofort und unwiderruflich auf ihr Erbe, das aus dem baufälligen Haus ihres Vaters, einer windschiefen Scheune und dem Land, auf dem beides stand, bestand, und verschwand am selben Tag aus der Klinik und auf Nimmerwiedersehen aus Wilmington.


Kapitel 1

Und das war mein Stand der Dinge, als ich an einem kalten Novembermorgen in einem erst vor zwei Stunden gemieteten, VW Touareg auf die einzige Hauptstraße der Stadt einbog und dabei einen Berg von Laub in Bewegung versetzt, den der Wind am Straßenrand aufgetürmt hatte.

Es stürmte bereits seit Tagen und das kam meiner aktuellen Laune entgegen, denn strafversetzt zu werden, um einen alten Fall, der im Grunde gar keiner mehr war, da der Täter tot war, für die Akten aufzuarbeiten und abzuschließen, war nicht das, was ich mir als nächstes vorgestellt hatte, als ich am gestrigen Montagmorgen endlich wieder in mein Büro getreten war.

Nachdem ich drei Wochen mit einer Schussverletzung außer Gefecht gewesen war, sollte ich vielleicht dazu erwähnen, aber die war verheilt und ich bereit für einen neuen Fall.

Tja, den hatte ich jetzt, und eigentlich hätte ich mir denken können, dass mein letzter, vermasselter Fall, der mit zwei toten Autodieben, vier verletzten FBI-Agenten und Polizisten, sieben schrottreifen Wagen und jeder Menge weiterem, leider äußerst kostspieligem Sachschaden geendet war, nicht so einfach an mir abperlen würde wie früher.

Die Zeiten, in denen ich, nachdem ich vor acht Jahren einen der berüchtigtsten Serienmörder dieses Landes gewissermaßen über Nacht und im Alleingang dingfest gemacht hatte, im Büro Narrenfreiheit besessen hatte, waren endgültig vorbei.

Ich hatte meine letzten drei Fälle vermasselt, meinen Partner bei meinem letzten Einsatz sogar ins Krankenhaus gebracht, wo er leider immer noch lag, trank seit Monaten viel zu viel und hatte das während meines Aufenthalts im Krankenhaus nicht gut genug verbergen können. Darum war ich nach Wilmington strafversetzt worden, um zu klären, ob ein alter Einsiedler der »Mondsammler« war oder nicht.

Man wusste bis heute nicht viel über den Kinderfänger, der vor vielen Jahren das ganze Land in Aufruhr versetzt hatte. Am Ende waren es fast zwanzig Entführungen von kleinen, blonden Mädchen, die man ihm anlastete, doch da weder der Täter noch eines der Kinder jemals auftauchte, blieb ihr Schicksal genauso im Dunkeln, wie die Identität des im gesamten Land gesuchten »Mondsammlers«, der schlussendlich genauso abrupt von der Bildfläche verschwand, wie er zuvor aufgetaucht war. Und Burt Masterson war nun also dieser Serientäter – angeblich.

Für die Mordermittlungen in seinem Fall war ich allerdings nicht zuständig, ich sollte bloß herausfinden, ob Masterson der »Mondsammler« war oder nicht. Woran es in meinen Augen, zumindest nach bisheriger Aktenlage, kaum einen Zweifel gab, warum hätte dieser Mann denn sonst die Leichen von siebzehn kleinen Mädchen, im Alter von vier bis sieben Jahren, in die Wände seines eigenen Hauses einmauern sollen?

Wenn die in Wilmington ansässige Polizei nicht so dusselig gewesen wäre, Wilhelmina Masterson aus dem Krankenhaus flüchten zu lassen, anstatt sie zu verhaften und ausführlich zu befragen, wüsste ich jetzt vielleicht schon etwas mehr, doch seit die Frau die Klinik verlassen hatte, war sie wie vom Erdboden verschluckt, und auch eine anfänglich lokale Suchmeldung, die längst in eine landesweite umgewandelt worden war, nachdem irgendeinem Bürohengst in der zuständigen Behörde dann mal gedämmert hatte, dass Mastersons Tochter möglicherweise aus dem Grund geflüchtet war, weil sie wusste, was im Haus ihres Vaters vor sich ging, hatte bisher Erfolg verbracht.

So musste ich bei Null anfangen und das bedeutete, mit den Leuten vor Ort reden, möglichst viele Informationen sammeln, mir das Haus der Masterons ansehen und einen ausführlichen Bericht zu all dem verfassen. Doch ehe ich damit anfing, musste ich mich mit dem Sheriff bekannt machen und dabei möglichst gut stellen, denn wer konnte schon sagen, ob ich die örtlichen Behörden im Notfall nicht mal als Verstärkung brauchte? Da ich aus bekannten Gründen momentan keinen Partner mehr hatte, der mir Rückendeckung geben konnte, würde dafür die hiesige Polizei zuständig sein.

Nicht, dass irgendjemand bei diesen Ermittlungen eine oder gar mehrere Überraschungen erwartete. Papierkram wie diesen mussten normalerweise Anfänger erledigen, um zu zeigen, dass sie nicht nur gut schießen, sondern auch recherchieren konnten. Oder eben in Ungnade gefallene Agenten wie ich.

Ich konnte mir Besseres vorstellen.

Einen echten Fall bearbeiten, zum Beispiel, denn ich wollte meinen Ruf wieder herstellen, bevor meine Karriere endgültig den Bach runterging, weil sie genau das gerade tat, nur leider hatte sich mein Boss mehr als deutlich ausgedrückt, während er mir erklärt hatte, dass mein im Krankenhaus liegender Partner mein Ex-Partner sein würde, sobald ich zurückkam, da Kincaid sich entschieden weigerte, auch nur einen Tag länger mit dem selbstmordgefährdeten Arschloch zusammenzuarbeiten, das an der Kugel in seinem Bein schuld war und außerdem ständig zu viele Risiken einging – O-Ton, mein lieber Kollege.

Kincaid und ich waren von Anfang an nicht gut miteinander ausgekommen, nachdem er mir zugeteilt worden war, deshalb nahm ich ihm nicht übel, einen anderen Partner zu wollen. Das selbstmordgefährdete Arschloch nahm ich ihm allerdings sehr wohl übel, denn ich war mit Sicherheit ein Arschloch, aber ich war definitiv nicht selbstmordgefährdet. Ich war einfach nur frustriert und ja, ich war außerdem auf dem direkten Wege, ein Säufer zu werden, genauso wie der verblichene Burt.

Und das wusste auch mein Boss, der mir außerdem erklärt hatte, dass ich froh sein konnte, noch eine Marke zu tragen, und wenn ich diesen Fall nicht zu einem vernünftigen Abschluss für zuständige FBI-Büro und auch mich selbst brachte, erwartete er bei meiner Rückkehr meine Kündigung auf seinem Schreibtisch zu sehen, um mir die Peinlichkeit zu ersparen, mich entlassen zu müssen, da ein psychisch labiler Alkoholiker für das FBI auf Dauer nicht tragbar war.

Ich war also sozusagen auf Bewährung hier und wenn ich es nicht schaffte, Antworten auf die offenen Fragen zu finden, die Burt Masterson mit seinem Tod hinterlassen hatte, würde ich in Zukunft wohl Burger braten müssen, um meine Rechnungen zu bezahlen.

Keine sehr erhebende Vorstellung, musste ich zugeben. Gut, ich war schon länger nicht mehr mit Herz und Seele dabei, was meinen Job anging, aber Burger braten wollte ich deshalb noch lange nicht. Wenn das hier vorbei war, wäre es vielleicht ganz hilfreich, mal äußerst gründlich darüber nachzudenken, was ich mit dem Rest meines Lebens eigentlich anfangen wollte.

Ein Partner wäre für den Anfang ganz nett gewesen, denn so langsam kam ich in ein Alter, wo es mich störte, mein Bett in den Nächten nur für mich zu haben, doch mit Anfang Vierzig hatte ich auf One-Night-Stands immer weniger Lust. Es musste nicht gleich ein Heiratskandidat sein, aber wenigstens ein Kerl, den ich länger als eine Nacht behalten wollte. So wie mein sexy Lover von vor einem Jahr. Aber Traummänner wie der blieben leider nie bei einem Partner, daher war es wohl das Beste, nicht mehr an die dunklen Locken zu denken, in denen ich mit stetig wachsender Begeisterung meine Finger gewühlt hatte, während Henry – ich würde seinen Namen niemals vergessen – mich ins Nirwana vögelte.

Meine Hose spannte bei der Erinnerung daran spürbar und ich schob sie beiseite, denn ich hatte das Sheriffbüro gefunden und hielt direkt davor. Es war klein und übersichtlich, wie alles in dieser beinahe zehntausend Einwohner umfassenden Stadt, und das waren offensichtlich genug, um ein Krankenhaus, eine Schule, einen Kindergarten, eine Bibliothek und die Geschäfte des täglichen Bedarfs, sowie ein kleines Kino und ein Hotel zu unterhalten. Wilmington mochte eine Kleinstadt auf dem Land, stand aber wirtschaftlich ganz gut da.

Ich war überrascht gewesen, als ich mir die entsprechenden Daten, die man mir im Büro zusammengestellt hatte, während ich mit Packen beschäftigt gewesen, angesehen hatte, denn die Wirtschaft hatte seit Jahren Probleme und Arbeitslosigkeit und Niedriglöhne waren im gesamten Land ein großes Problem. Tja, in dieser Stadt waren sie es nicht und dafür war vor allem der anwachsende Tourismus verantwortlich. Die Webseite der Stadt war diesbezüglich sehr aufschlussreich gewesen, auch wenn im Moment nur wenig los war, denn der Winter stand vor der Tür und damit Thanksgiving und ein geplanter Weihnachtsmarkt, der laut Homepage Jahr für Jahr zigtausende Besucher aus den umliegenden Orten in die Stadt zog.

Ob ich bis dahin noch hier sein würde – hoffentlich nicht. Mich erwartete daheim zwar niemand, nicht mal ein Haustier, aber ich wollte Weihnachten deswegen noch lange nicht in dem Hotelzimmer verbringen, das man vorab im Büro für die ersten Nächte für mich gebucht hatte. In der Hinsicht war mein Boss dann doch noch spendabel gewesen, denn ich hatte bereits die Freigabe bekommen, mir auf Spesenkosten ein kleines Haus zu mieten, um in Ruhe arbeiten zu können.

Aber um eine bessere Unterkunft konnte ich mich morgen kümmern. Jetzt stand erst mal eine Vorstellungsrunde auf dem Plan, deshalb stieg ich aus dem Wagen, schauderte kurz in der Windböe, die mir eisig ins Gesicht wehte, und knöpfte meinen Mantel zu, nachdem ich den korrekten Sitz meiner Marke und meine Waffe überprüft hatte. Ein guter erster Eindruck war oft schon die halbe Miete, um es einmal so auszudrücken, gerade wenn man im offiziellen Auftrag kam, so wie ich.

Das Sheriffbüro von Wilmington war genau so, wie ich sie mir als kleiner Junge immer vorgestellt und im Laufe meiner beruflichen Karriere schon unzählige betreten hatte. Es gab den üblichen Eingangsbereich mit einer lächelnden Empfangsdame, die zugleich die Hoheit über das Funkgerät hatte. Dem Tresen, an dem sie saß, folgten vier Schreibtische für die Deputys, ein vom Rest des großen Raums mit dünnen Wänden abgetrenntes Büro, das mit Sicherheit Sheriff Mayfield – der Name stand in meinen Unterlagen – gehörte, und eine Tür zur meiner Linken führte in den hinteren Bereich, der garantiert Waschräume, den Verhörraum und ein paar Zellen beinhaltete, die hier wohl eher selten zum Einsatz kamen. Mit Sicherheit gab es irgendwo auch noch einen bis zwei weitere Räume für Vorräte wie Papier und Arbeitsmaterialien, Putzmitteln und anderem Kram. Und einen obligatorischen Waffenschrank, aber der befand sich in solchen Räumlichkeiten meist direkt im Sheriffbüro.

»Guten Morgen, wie können wir Ihnen helfen?«, wurde ich freundlich begrüßt und schenkte der Empfangsdame daraufhin ein höfliches Lächeln.

»Guten Morgen. Special Agent James Boyd vom FBI. Ich bin mit Sheriff Mayfield verabredet.«

Verabredet war vielleicht nicht das richtige Wort, aber mein Büro hatte mein Eintreffen angekündigt. Das war unser übliche Vorgehensweise in derartigen Fällen, das machte mitunter eine Zusammenarbeit leichter, denn die einzelnen Polizeibehörden wachten eifersüchtig über ihre Zuständigkeiten, was bereits oft genug im Zuge von Ermittlungen für mächtigen Ärger gesorgt hatte. Diese albernen Kompetenzgerangel, wie man sie gerne in bekannten TV-Serien wie Criminal Minds zeigte, waren ein Witz gegen die Realität, wo oft erst schriftliche Zuweisungen oder direkte Befehle von oben den nötigen Erfolg brachten, obwohl die einzelnen Kompetenzen, wer in welchen Fällen zu ermitteln hatten, eigentlich genau geregelt waren.

In meinem Fall hatte mein Boss darauf verzichtet, denn wir ermittelten nicht in Mastersons Mordfall, sondern aufgrund des Verdachts, dass er ein Serienmörder sein könnte. Was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ein Zugeständnis gewesen war, da unserem verantwortlichen Büro schlicht die Leute fehlten, auch noch nach Mastersons Mörder zu suchen.

Budgetkürzung hin, Mitarbeitermangel her – ich hoffte sehr, dass Sheriff Mayfield mir keine Steine in den Weg legen würde, weil ich nicht die geringste Lust hatte, meinen Boss anzurufen, um ihm mitzuteilen, dass er sich, neben meiner Wenigkeit, auch noch mit einem lästigen Wald- und Wiesensheriff herumärgern durfte, der nicht einsehen wollte, dass er für einen potenziellen Serienmörder, der auf der Suche nach seinen jungen Opfern die Grenzen von mehreren Bundesstaaten überschritten hatte, nicht zuständig war.

»Ah ja, der Sheriff erwartet Sie bereits. Einen Moment bitte, Agent Boyd.«

Die immer noch lächelnde, wenn auch seit eben bedeutend neugieriger aussehende Empfangsdame deutete auf eine Ecke, in der vier Stühle um einen runden Tisch standen, auf dem in einer bauchigen Vase ein Strauß frischer Blumen für ein wenig Farbe und Freundlichkeit sorgte – offenbar der Wartebereich.

Sie griff zum Telefon, als ich mich abwandte und den Stuhl in Beschlag nahm, mit dem ich den ganzen Raum überblicken konnte. Das war eine Berufskrankheit von Polizisten, Agenten und überhaupt von Staatsdienern, vor allem von jenen, die eine Waffe trugen, denn heutzutage fühlten sich viele Menschen von der staatlichen Obrigkeit sehr schnell provoziert und viele von diesen Menschen trugen versteckte Waffen bei sich und waren auch bereit, selbige einzusetzen.

Ich wusste von mehreren Kollegen, die, unter anderem beim Kauf eines Hotdogs beziehungsweise eines belegten Sandwichs, auf offener Straße erschossen worden waren, nur weil jemand ihre Waffe gesehen und sich von ihr bedroht gefühlt hatte. Dass die Kollegen ihre Marken offen am Gürtel getragen hatten, war den Tätern entgangen, es hatte aber wenigstens dafür gesorgt, dass diese Männer als das verurteilt wurden, was sie waren – nämlich als Mörder.

Ich hatte nicht vor, das Schicksal meiner Kollegen zu teilen, denn ich war niemals unvorsichtig, jedenfalls nicht, wenn ich es irgendwie verhindern konnte. Und sich so zu platzieren, dass man niemanden im Rücken hatte, war schon mal ein sehr guter Anfang. Noch dazu hatte mir diese Taktik bereits dreimal das Leben gerettet, warum also auf altbewährtes verzichten?

»Agent Boyd?«

Ach du Scheiße.

Die tiefe, ein bisschen rauchige Stimme erkannte ich sofort, denn sie hatte mir eine Nacht lang unanständige Anweisungen ins Ohr geflüstert, während seine kräftigen Hände mich auf das Bettlaken gedrückt hatten und sein langer, dicker Schwanz tief in mir gewesen war.

Ich weiß nicht, wer von uns im ersten Moment verblüffter war, als wir einander erkannten, doch es war eindeutig Henry, Pardon, Sheriff Mayfield, der länger brauchte, um sich wieder zu fassen. Ich ließ ihm die Zeit, indem ich so tat, als müsste ich dringend etwas auf meinem Handy nachprüfen, und nachdem ich es zurück in meine Manteltasche hatte gleiten lassen, erhob ich mich, setzte dabei einen diplomatischen Blick auf und trat mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.

»Sheriff Mayfield? Special Agent Boyd vom FBI. Ich bin mit den Ermittlungen im Fall Masterson betreut worden und wollte mich Ihnen vorstellen.« Sein Händedruck war kurz, aber fest, so wie ich ihn in Erinnerung hatte. »Ich weiß, man hat Sie bereits über meine Ankunft informiert.«

Henry nickte. »Stimmt. Ich wurde angerufen. Mehrmals. Im Hotel steht das gebuchte Zimmer für Sie bereit und Sie möchten sich bitte anmelden, sobald Sie angekommen sind.«

Man hatte ihn also schon mit den ersten neugierigen Fragen zu meiner Person behelligt. Ich war nicht überrascht, ging aber darüber hinweg, denn FBI-Ermittlungen zogen immer vermehrt Aufmerksamkeit auf sich, was gut oder schlecht für mich sein würde, je nachdem, wie ich diese ungewollte Aufmerksamkeit für mich und meine Ermittlungen nutzen konnte.

»Danke. Haben Sie noch Fragen, bevor ich anfange?«

»Nein.«

Ruppig, kurz angebunden und eindeutig nicht erfreut, mich hier zu sehen. Seine Nervosität war beinahe amüsant. Dachte er etwa, ich würde mich auf ihn stürzen, nur weil wir letztes Jahr eine Nacht miteinander verbracht hatten? So nötig hatte ich Sex nun auch wieder nicht. Okay, das war eine Lüge, denn seit der Nacht mit ihm herrschte bei mir sprichwörtlich Ebbe, wenn ich den regelmäßigen Handbetrieb nicht mitzählte, dennoch war ich in meiner Funktion als FBI-Agent hier und nicht, um ihn ins nächste Hotelbett zu schleifen.

Wobei ich dagegen nicht mal etwas gehabt hätte, so ehrlich wollte ich schon sein, aber seinem Blick nach zu urteilen, war es klüger für uns beide und vor allem für meine intakten Zähne, daran höchstens in meinen Träumen zu denken. Ich schätze, in diesem hübschen, kleinen Städtchen wusste niemand, dass er gern seinen harten Schwanz in einen engen Männerarsch schob, und ich würde es garantiert keinem erzählen, denn das ging erstens niemanden etwas an und zweitens hatte ich einen Job zu erledigen, von dem meine berufliche Zukunft abhing. Sein Geheimnis war also bei mir sicher.

»Gibt es Informationen zu dem Grundstück und dem Haus? Wer es wann von wem erworben hat und so weiter?«, fragte ich, denn als ich losgefahren war, hatten die Kollegen der Recherche danach noch gesucht und auf dem Weg nach Wilmington hatte ich einen Anruf bekommen, dass der Sheriff mir diesbezüglich schneller würde weiterhelfen können, da solche alten Verträge in der Stadtverwaltung noch auf Papier aufbewahrt wurden.

Ich erhoffte mir zwar nicht sehr viel davon, wollte aber auch nichts übersehen und vielleicht fand ich ja doch etwas heraus. Vielleicht gab es einen Vorbesitzer, mit dem ich reden konnte. Falls das Grundstück aber schon für längere Zeit im Besitz von Burt Masterson war, würde das den Verdacht, dass er wirklich der »Mondsammler« war, nur noch weiter erhärten. Egal, was dabei herauskam, es konnte auf jeden Fall nicht schaden, einen Kaufvertrag zu finden und einen Blick hineinzuwerfen.

Henry sah mich nicht einmal an, während er sich umdrehte und zu einer Kaffeebar hinüberging, um sich eine Tasse frischen Kaffee einzugießen. »Danke für den Kaffee, Milla«, sagte er zu der Empfangsdame, die grinsend zwischen uns hin und hersah. »Fragen Sie bei der Stadtverwaltung nach, Agent Boyd. Die ist für alle Kaufverträge oder sonstige Unterlagen zuständig, die in irgendeiner Art das umliegende Land betreffen, und lagert sie hier vor Ort. Ich werde später dort anrufen und anweisen, dass man Ihnen hilft.«

Die Tür zu seinem Büro fiel krachend hinter ihm zu und die Empfangsdame verdrehte glucksend die Augen, ehe sie mir ein entschuldigendes Lächeln zuwarf. »Nehmen Sie es dem Sheriff bitte nicht übel. Montagmorgen ist er immer launisch.«

»Und er hat immer noch gute Ohren, Milla. Ganz davon zu schweigen, dass heute Dienstag ist«, rief Henry in seinem Büro und brachte Milla damit zum Lachen.

»Huch? Heute ist schon Dienstag? Was würde ich nur ohne Sie tun, Sheriff?«, rief die junge Frau zurück und zeigte damit deutlich, dass sie Henry mochte. »Ich erledige den Anruf in der Stadtverwaltung für Sie, wenn Sie mir dafür morgen eine Tüte dieser köstlichen Quarkbällchen Ihrer Frau mitbringen.«

Frau? Wie in Ehefrau?

Du lieber Himmel, dieser Tag wurde wirklich immer besser. Kein Wunder, dass mein sexy Lover Panik schob. Er hatte nicht nur Angst, verraten zu werden, er hatte auch einiges mehr zu verlieren, als nur seinen Job, falls sich das kleine Städtchen als homophob entpuppte. Es gab zwar bereits seit mehreren Jahren Antidiskriminierungsgesetze, aber ich würde mich in dem Fall definitiv nicht darauf verlassen, dass man über einen schwulen Sheriff hinwegsah, schon gar nicht wenn der eine mit Sicherheit äußerst liebe Ehefrau zu Hause hatte.

Was für ein scheinheiliger … Egal. Das ging mich nichts an und ich konnte mich über den Mistkerl ärgern, sobald der Fall abgeschlossen und ich wieder zu Hause war.

»Danke, Milla.«

»Immer wieder gern.« Sie warf mir einen freundlichen, aber zugleich auch auffordernden Blick zu. »Gibt es dann sonst noch etwas, Agent Boyd?«

Ah, ich war in Ungnade gefallen, warum auch immer. Aber damit konnte ich leben. »Fürs Erste nicht, vielen Dank.«

»Einen schönen Tag, Agent.«

Das nannte man wohl einen Rauswurf. Andererseits war ich auch nicht hier, um mit meinem früheren One-Night-Stand ein kuscheliges Kaffeekränzchen abzuhalten. Er würde damit leben müssen, dass ich die nächsten Wochen in seiner Stadt arbeitete, und ich würde mich die ganze Zeit über äußerst professionell verhalten, denn mein heißer Lover für eine Nacht war nicht out und ich konnte in der Hinsicht keine Feindseligkeiten zwischen uns gebrauchen.

***

»Was wollen Sie denn mit den alten Kaufverträgen?«

Nicht, dass das den Beamten irgendetwas anging, aber weil der ältere Mann so freundlich gewesen war, prompt alles stehen und liegenzulassen, um mir bei der Suche zu helfen, nachdem ich nach einem schnellen Mittagessen im Hotelrestaurant in der Stadtverwaltung vorstellig geworden war, entschied ich, ihm zu antworten, wenn auch nur wage.

Wir waren auf dem Weg in den Keller, denn so alte Verträge wurden nicht mehr in den Büros aufbewahrt, und hier unten ohne Unterstützung etwas zu finden, hätte mich wahrscheinlich ein paar Lebensjahre gekostet. Falls ich nicht vorher von einem Berg Karton erschlagen worden wäre, denn die standen überall in den Gängen und waren teils bis zur Decke gestapelt.

»Ich versuche im Moment, mir ein Bild von Burt Masterson zu machen. Fakten zusammenzutragen. Wer der Mann war, wie er gelebt hat und so weiter. Eine normale Vorgehensweise und da ich ihn nicht mehr persönlich befragen kann, muss ich mich mit allen Papieren zufriedengeben, die sich über ihn und seine Familie finden lassen.«

»Er hatte keine Familie«, konterte mein Begleiter und schob eine verstärkte Feuerschutztür auf. »Also abgesehen von seiner Tochter, aber das Mädel kenne ich nicht weiter. Sie ist schon vor Jahren abgehauen, heißt es.«

»Gibt es viele solcher Gerüchte über die Familie?«, hakte ich nach, als wir eine weitere Tür passierten, und der Beamte, ich hatte mir seinen Namen nicht gemerkt, nickte. »Nun ja, das ist kaum verwunderlich. Einen möglichen Serienmörder entdeckt man ja schließlich nicht alle Tage in der Nachbarschaft.«

»Möglich? Sie glauben gar nicht, dass er es war?«, wurde ich merklich verblüfft gefragt.

»Um das herauszufinden, bin ich hier«, wiegelte ich ab und damit war mein Begleiter zufrieden, denn er nickte erneut und gleich darauf traten wir in einen Raum voller verstaubter, alter Kartons. Sie waren auf jeder Seite bis zur Decke an den Wänden hochgestapelt und in der Mitte des Raums, unter einer nackten Glühbirne, deren flackerndes Licht mich an dunkle, gefährliche Gassen erinnerte, in die man besser nicht hineinlief, befanden sich ein Tisch und ein Stuhl. Aber das war es dann auch schon. Wie gut, dass ich nicht klaustrophobisch veranlagt war, sonst hätte ich es keine weitere Sekunde hier drin ausgehalten.

»Laut den Unterlagen, die wir in der kurzen Zeit auftreiben konnten, hat Masterson das Grundstück vor über vierzig Jahren gekauft, das Haus und die Scheune gebaut und seither dort mit Frau und Kind gelebt. Oder eher, mit dem Kind. Wenn Sie mich fragen, gab es nie eine Frau, denn welche Frau lässt denn so ein kleines Kind mit einem Mann allein da draußen? Aber was geht es mich an?« Der Mann lachte verlegen. »Meine Frau, Sally, sie sagt immer, dass ich zu viel rede, ohne vorher nachzudenken, und in den meisten Fällen hat sie damit auch recht.« Er deutete auf die Kartons direkt gegenüber. »So. Dort sind alle Verträge aus den Siebzigern und Achtzigern, die mit Land und Häusern zu tun haben. Wenn es irgendetwas zu finden gibt, dann liegt es in einem dieser Kartons. Es tut uns wirklich äußerst leid, dass wir noch nicht dazu gekommen sind, diese alten Datenbestände zu digitalisieren. Budgetkürzungen.«

Ich nickte verständnisvoll, obwohl ich von der Vorstellung, die nächsten Stunden hier zu verbringen, nicht gerade angetan hat. Heute Abend würde ich eine sehr lange und heiße Dusche brauchen, um den angesammelten Staub und Dreck aus einem halben Jahrhundert wieder von mir abzuwaschen.

»Da geht es Ihrer Behörde nicht anders als meiner.« Ich warf ihm ein Lächeln zu. »Danke, dass Sie sich trotz Ihrer eigenen Arbeit die Mühe für mich gemacht haben. Ich weiß das wirklich zu schätzen.«

Der Mann lief ob meines Lobes vor Freude rot an. »Das habe ich gern getan. Melden Sie sich einfach ab, bevor Sie gehen. Wir schließen hier unten immer ab. Ach ja, falls Sie Unterlagen für später brauchen, um sie noch einmal genauer zu studieren oder weitere Informationen im Netz zu recherchieren«, er zeigte auf einen Kopierer in der Ecke, auf dem ebenfalls ein Karton stand, »ist das Ihre einzige Möglichkeit. Oder Sie machen Fotos mit Ihrem Handy. Internet gibt es hier unten nicht.«

Das hatte ich auch nicht erwartet. Ich bedankte mich erneut und daraufhin ließ mich der Mann allein unter der flackernden Birne zurück. Mit den Gedanken bei seinen vorherigen Worten, zog ich meinen Mantel aus und holte mir den ersten Karton an den Tisch. Wenn es etwas zu finden gibt, hatte er gesagt, und bereits ein erster Blick in den Karton ließ mich daran zweifeln.

Ein richtig schlimmes Feuer, war mir bei meinem Eintreffen bereitwillig erklärt worden, hatte vor Jahren das Gebäude und viele Akten zerstört, und was am Ende übrig, beziehungsweise noch zu retten gewesen war, hatte man nach einer aufwendigen Renovierung in die Kellerräume gebracht. Eine Stadtgeschichte auf wenigen Quadratmetern sozusagen.

Ich würde hier nichts finden, das spürte ich, aber ich wollte es wenigstens versuchen, um den ersten Punkt auf meiner Liste abhaken zu können.

Morgen standen dann die Haussuche und ein Abstecher in die Bibliothek auf dem Plan, denn dort gab es erstens viele alte Zeitungen, die mir vielleicht etwas verrieten, und zweitens gab es in einer Bibliothek oft ebenso alte Leute, die gerne erzählten und sich im Normalfall auf einen neuen Besucher stürzten, wie die Fliege auf den Misthaufen.

Wollte man etwas über Menschen erfahren, musste man in eine Bibliothek, sofern vorhanden, in ein Restaurant oder Diner und in eine Bar gehen. Und am besten ging man in jene, die von den ansässigen Bewohnern bevorzugt wurden. Nun, es dürfte nicht schwer werden, die beliebtesten Ecken von Wilmington in Erfahrung zu bringen, und notfalls würde ich einfach Henry ein weiteres Mal mit meiner Anwesenheit beehren. Allein sein mit Sicherheit finsterer Blick dürfte es wert sein. Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm, hier nichts zu finden.

Grinsend begann ich durch die Akten zu blättern.

***

»Agent Boyd?«

Der Rezeptionist, ein Mann mittleren Alters mit Brille, hielt mich auf, als ich am späten Abend mit knurrendem Magen und verdreckt das Hotel betrat. Lächelnd reichte er mir mit einem »Das wurde für Sie abgegeben.« einen Umschlag, als ich zu ihm trat, und nachdem ich mich bedankt hatte, wandte er sich auch schon wieder seiner Arbeit zu, woraus die auch immer bestand, denn außer uns beiden war im Eingangsbereich niemand sonst zu sehen.

Nun gut, das hieß nicht viel, schließlich war es bereits nach zehn Uhr abends, und hätte mich der mürrische Nachtwächter in der Stadtverwaltung nicht rein zufällig bei seinem Rundgang entdeckt und hinausbegleitet, hätte ich vermutlich die restliche Nacht durchgearbeitet. Sehr zum Widerwillen des Mannes, der mich in den Keller geführt und später nach mir gesehen hatte, denn obwohl ich wie erwartet nichts über das Grundstück von Masterson gefunden hatte, gab es doch einige andere Verträge, die ich mir kopiert hatte, um sie in meinem Zimmer noch mal in Ruhe durchzuarbeiten.

Sie hatten nichts mit meinem eigentlichen Fall zu tun, doch wenn ich nicht komplett falsch lag, würden sich das Finanzamt und auch unser Betrugsdezernat garantiert dafür interessieren, dass der frühere Bürgermeister gegen Bezahlung ein größeres Stück Land etwas außerhalb der Stadt, das ursprünglich für ein Wildreservat gedacht gewesen war, in mehrere kleine Parzellen unterteilt, als Bauland deklariert und gewinnbringend verkauft hatte. Gewinnbringend vor allem für seine eigene Taschen. Wie immer, wenn es um solche Betrügereien ging. Ich würde gleich nach meiner Dusche eine ausführliche E-Mail an die zuständige Abteilung aufsetzen und die Akten als Kopie mitsenden.

Vorher wäre aber noch etwas zu essen angebracht, entschied ich, als mein Magen erneut und laut knurrte, und wandte mich mit einem Räuspern an den Rezeptionisten. Er sah sofort auf.

»Wie kann ich Ihnen helfen, Agent Boyd?«

»Bitte sagen Sie mir, dass es in der Stadt ein Restaurant oder Ähnliches gibt, das selbst um diese Uhrzeit einen Lieferservice anbietet«, bat ich, denn das dem Hotel zugehörige Restaurant war bereits geschlossen und ich wollte mich so, wie ich aussah, auch nicht wieder unter Leute wagen. Doch nach einer Dusche würde ich mit Sicherheit heute nicht mehr aus meinem Zimmer kommen, sprich, es blieb nur ein Lieferservice, der bitte etwas Besseres als Pizza oder asiatisch zu bieten hatte.

»Da kann ich tatsächlich helfen. Was darf es sein? Schnelles zum Mitnehmen oder …?«

»Oder. Definitiv oder?«

Der Mann lachte und reichte mir im nächsten Moment eine Speisekarte über den Tresen. »Versuchen Sie es damit. Ich kann Ihnen jedes Gericht empfehlen, gekocht wird nach Wunsch und gegen Aufpreis bis Mitternacht. Wählen Sie aus, ich bestelle für Sie und in einer halben Stunde steht ein köstliches Abendessen vor Ihrer Tür.«

Das glaubte ich ihm bei den Preisen auf der Karte, die er mir gereicht hatte, unbewiesen, doch das war mir vollkommen egal, denn essenstechnisch war ich ein Snob, der kein Problem damit hatte, einhundert oder mehr Dollar für ein gutes Steak auf den Tisch zu legen. Und damit hatte ich soeben mein Abendessen für heute gefunden. Ich reichte ihm die Karte mit den Worten »Bitte die Nummer elf. Gut durch.« zurück.

»Aber gern. Ich kümmere mich um alles, Agent Boyd.«

»Danke ...« Ich sah auf das Namensschild an seinem Revers. »Michael.«

»Gern geschehen.«

Ich ließ den Mann zurück und machte mich auf dem Weg in mein Zimmer. Nach einem kurzen Blick, ob alles so war, wie ich es zurückgelassen hatte, warf ich den Umschlag aufs Bett, zog meine Sachen aus und gönnte mir eine lange, heiße Dusche. Ich war gerade wieder fertig angezogen, als es bereits an der Tür klopfte und wieder musste der Umschlag warten, denn ein sehr dickes und köstlich duftenden Steak war definitiv interessanter, als eine Nachricht, die ich nicht erwartet hatte, aber schon eine gewisse Ahnung hatte, von wem sie kam.

Und ich behielt recht.

Wobei an der kurzen Notiz im Inneren des nichtssagenden, braunen Umschlags, eingewickelt in drei A4 Blatt Papier, damit der Brief in geschlossenem Zustand dicker und damit offiziell und äußerst wichtig aussah – was er beides nicht war, ganz im Gegenteil –, absolut nichts misszuverstehen war.

Wir müssen reden.
Morgen früh. Null sechshundert.

Darunter standen Koordinaten und ein Name.

Henry.

»Na das ging ja schnell«, murmelte ich kopfschüttelnd, legte den Zettel neben mich und fuhr mit dem kleinen Finger durch den Rest des leckeren Kürbispürees, das es zum Steak gegeben hatte. »Gott, ich werde fett«, seufzte ich nach dem Ablecken, denn dieses Abendessen war sein Geld definitiv wert gewesen und vielleicht sollte ich doch lieber hier im Hotel bleiben, statt mir ein kleines Häuschen zu mieten, wo ich dann selbst kochen musste.

Oder weiterhin bestellen konnte, aber ich bezweifelte, dass das bei den genehmigten Spesenkosten, die mein Boss mir für diesen Fall zugestanden hatte, inklusive war, und jeden Abend konnte ich mir so ein Essen nicht leisten. Ich verdiente zwar als Agent nicht wenig und hatte auch keine ausufernden Kosten in Form von Krediten für ein Haus oder Auto, wie ein Großteil der Kollegen in meinem Büro, die mit ihrem Gehalt eine Familie ernährten, aber deshalb musste ich mein sauer verdientes Geld noch lange nicht andauernd für teures Essen aus dem Fenster werfen, egal wie gut es war.

FBI-Agenten wurde in ihrem Job meistens nicht sehr alt und wenn ich später genug Geld für ein ruhiges Rentnerleben zur Verfügung haben wollte, war es nicht das Schlechteste, privat schon mal ein bisschen vorzusorgen. Wenigstens musste ich mir um meinen Alterswohnsitz keine Sorgen machen, denn meine verstorbenen Eltern hatten mir ihr Haus und das Grundstück überlassen, auf dem es stand. Ob ich selbst einmal dort wohnen wollte, wusste ich im Augenblick noch nicht, aber in Vermont bekam man seit Jahren recht gute Preise, wenn man verkaufen wollte. Es würde sich zeigen, wie das in ein paar Jahren war. Im Moment hatte ich ohnehin anderes im Kopf als einen möglichen Hausverkauf.

»Null sechshundert«, wiederholte ich nachdenklich Henrys Zeitangabe. »Klingt, als wärst du beim Militär gewesen.«
Oder aber er hatte einfach nur ein Faible für militärische Zeitangaben. Heutzutage war alles möglich und ich würde es in ein paar Stunden wohl erfahren, denn dieses Treffen wollte ich um nichts auf der Welt verpassen. Mal sehen, was mein heißer Lover für eine Nacht mir zu sagen.

***

Ich war pünktlich.

Sogar überpünktlich, sofern man mit einrechnete, dass mir die Zeit blieb, mich auf dem schmalen Waldweg umzusehen, zu dem mich die Koordinaten etwas außerhalb von Wilmington geführt hatten.

Es schien eine beliebte Jogging- oder Wanderstrecke zu sein, denn sie war voller Fußspuren. In einigen stand ein Rest Wasser von dem leichten Regen, der in der Nacht gefallen war, doch wenigstens stürmte es heute Morgen nicht mehr und wenn der Wetterbericht recht behielt, den ich studiert hatte, bevor ich aufgebrochen war, würde bald die Sonne hervorkommen und den Rest der dicken grauen Wolken vertreiben, die aktuell noch über den dunklen Himmel wanderten. Es war stockfinster hier draußen, die perfekte Stelle für einen Hinterhalt, und wäre das hier ein Treffen mit einem Informanten oder wegen eines Falles gewesen, hätte ich mindestens ein weiteres, schwer bewaffnetes FBI-Team als Rückendeckung mitgebracht.

So aber war ich allein gekommen, lauschte derzeit auf jedes Geräusch in der näheren Umgebung und hatte die Hand an der Waffe. Man konnte ja nie wissen.

Doch außer dem üblichen Lärm einiger Bodenbewohner, die zwischen den Bäumen im Laub raschelten, und ersten Vögeln, die den neuen Tag begrüßten, herrschte hier draußen eine fast schon gespenstische Stille. Jetzt fehlte eigentlich nur noch der über den Boden wabernde Nebel, um den Weg in eine perfekte Gruselkulisse für einen Horrorfilm zu verwandeln.

Und ich sollte wirklich damit aufhören, mir derartige Filme anzusehen, die waren nicht gut für mein Nervenkostüm. Aber vielleicht wurde ich auch einfach bloß langsam alt, denn es gab in meinen Augen nichts Schöneres, als abends auf der Couch oder im Bett zu liegen, während im Fernseher die immer selben blonden Darstellerinnen kreischend vor ihrem Mörder flohen, und das am besten in den Keller runter, statt zur Haustür raus, wo sie immerhin eine Chance hatten, zu überleben. Wobei auch das nicht gesagt war, so dämlich, wie sich die Leute in solchen Filmen im Normalfall anstellten. Ich liebte diese Klischees, weil man sich herrlich über sie aufregen konnte und …

»Tolle Reflexe«, erklärte Henry mir im nächsten Augenblick, während ich noch mit entsicherter Waffe auf ihn zielte, denn ich hatte auf einmal so ein seltsames Gefühl gehabt.

Gute Instinkte konnten einem das Leben retten und ich war mir von einer Sekunde auf die andere hundertprozentig sicher gewesen, dass jemand hinter mir im Schatten stand. Und genau das hatte er auch getan. Hinter einer dicken, alten Eiche, hinter der er jetzt hervortrat, und ich erkannte im Licht meiner kleinen Taschenlampe, die ich immer bei mir trug, dunkle Sportschuhe und verschwitzte, eng anliegende Joggingkleidung.

»Kleine Laufrunde am Morgen?«, fragte ich.

Henry nickte. »Fünf Meilen. Sonst werde ich fett.«

Ich verkniff mir mühsam ein Lachen, denn an ihm war kein Gramm Fett gewesen, als wir letztes Jahr … Egal. Das gehörte nicht hierher. Ich fand es ohnehin viel interessanter, dass ich ihn nicht hatte kommen hören. Das bestätigte mir meine gestrige Überlegung, ob Henry zum Militär gehört hatte. Das würde ich gleich genauer in Erfahrung bringen, doch im Moment war ich ziemlich abgelenkt, denn er sah selbst jetzt, wo seine feuchten Sachen wie eine zweite Haut an ihm klebten, in meinen Augen zum Anbeißen aus. Ein Anblick, den nicht nur mein Gehirn zu schätzen wusste, darum war es mit Sicherheit das Beste, meine Augen auf seinem Gesicht zu lassen, und zwar so lange, bis wir dieses Gespräch hinter uns gebracht hatten.

»Navy oder Marine?«, wollte ich als nächstes wissen, denn wer als ehemaliger Militär zum Sheriff einer Kleinstadt an der Ostküste der USA wurde – da steckte mit Sicherheit eine lange Geschichte hinter, wie bei so vielen Ex-Soldaten, die nach ihrer Dienstzeit zur Polizei gingen oder als Wachmann für ein paar Dollar pro Stunde arbeiteten, weil sie wegen Fehlverhaltens aus der Truppe geworfen worden waren.

Ich kannte einige solcher gescheiterter Existenzen, aber das war ein vollkommen anderes Thema und ich wollte mich nicht wieder darüber ärgern, wie häufig die Regierung ihre eigenen Leute im Stich ließ, sobald die nicht mehr so funktionierten, wie es von ihnen erwartet wurde.

»Weder noch.«

Meine Augen weiteten sich erstaunt. »FSC?«

Er grinste kurz. »Sag einfach Green Beret, wie jeder andere auch. Und ja, bei der Truppe war ich eine Weile.« Er trat auf den Waldweg, blieb aber einige Schritte von mir entfernt stehen und sah sich aufmerksam um. Wir hatten in der Hinsicht offenbar so einiges gemeinsam. »Ich bin völlig außer Übung. Früher hättest du mich erst bemerkt, wenn mein Arm schon um deinen Hals gelegen hätte.«

Sich an mich heranzuschleichen, bis er nur noch knapp fünf Meter entfernt gewesen war, ehe ich ihn bemerkt hatte, nannte er 'außer Übung'? Wie gut, dass wir keine Feinde waren, sonst hätte ich wohl ein ernsthaftes Problem gehabt, diesen Waldweg lebend wieder zu verlassen.

»Warum hast du das Militär verlassen?«, frage ich, denn das interessierte mich wirklich.

Henry betrachtete mich ein paar Minuten nachdenklich, ehe er gelassen mit den Schultern zuckte. »Ich wollte gehen, solange es noch meine eigene Entscheidung war. Irgendwann wird man entweder zu alt für den Job oder man beginnt, Dinge anders zu sehen, in Bezug auf Einsätze und Befehle von oben. Bei mir war es zum Schluss beides, also ging ich.«

Den Gedanken kannte ich leider zu gut, aber ich war nicht hier, um dem Mann mein Herz auszuschütten, nur weil wir vor einem Jahr eine Nacht zusammen verbracht hatten. Wir hatten einen Fall zu bearbeiten, also ich hatte das, denn ihm war diese Angelegenheit längst aus den Händen genommen worden, weil man einem kleinen Sheriff eine Mordermittlung nicht zutraute. Ich würde mir nicht anmaßen, darüber zu urteilen, das ständige Wirrwarr der Behörden war auch so schon schlimm genug, und ich wollte auf keinen Fall in dieses heillose Durcheinander, das Mastersons Tod ausgelöst hatte, hineingezogen werden.

»Wieso hast du mich herbestellt, Henry?« Es dauerte etwas, bis er mir antwortete und sein »Wusstest du es?« war für mich unmissverständlich. Ich verdrehte genervt die Augen. »Komm mit meiner Anwesenheit klar, Henry. Uns werden die Fälle von oben zugeteilt, also nein, ich wusste es nicht. Woher denn auch? Wir hatten nur eine Nacht zusammen und ich kannte nicht mal deinen Nachnamen. Wie hätte ich bitte wissen können, dass du hier lebst?« Die nächste Spitze konnte ich mir nicht verkneifen. »Und nur keine Sorge, dass ich vorhaben könnte, überall herum zu erzählen, dass du gerne mit Männern ins Bett steigst. Das ist nämlich deine Privatsache und geht damit niemanden etwas an. Vor allem nicht deine Ehefrau, schätze ich.«

Henry seufzte und trat auf mich zu. »Shannon weiß es.«

»Was weiß sie?«, fragte ich verdutzt.

»Dass ich Männer bevorzuge. Sie wusste es schon, da waren wir noch nicht mal verheiratet.«

Okay, jetzt war ich wirklich überrascht, denn damit hätte ich nie im Leben gerechnet. »Wie bitte?«

»Wir führen eine Scheinehe. Sie wollte einen Mann an ihrer Seite, um in Ruhe ihr Leben leben zu können, und mir kam es gelegen, nicht länger als einsamer Single dazustehen, von dem jeder erwartet, dass er heiratet und ein paar Kinder in die Welt setzt. Gott sei Dank war sie, was Kinder angeht, von Anfang an meiner Meinung, die ersparen wir uns nämlich. Wie gut, dass sie unfruchtbar ist.«

»Ist sie nicht, oder?«, platzte neugierig aus mir heraus und Henry schüttelte den Kopf, während ich immer noch verdaute, was ich eben gehört hatte. Eine Scheinehe. Eine Lüge, um keine Kinder bekommen zu müssen. Und beide Seiten wussten über alles Bescheid, was für mich hieß, dass Shannon vielleicht auch über mich im Bilde wusste. Zumindest über meinen One-Night-Stand mit ihrem Ehemann. »Weiß sie von mir?«

Henry nickte. »Ja.«

Ich war mir nicht sicher, wie ich das fand, aber weil es nicht mehr zu ändern war, würde ich mich auch nicht aufregen. Das wäre Zeitverschwendung gewesen und außerdem war mir eben ein Gedanke gekommen, den ich besser weiterverfolgte, denn dass Henry mir diese Dinge so offenherzig erzählt hatte, dafür musste es einen Grund geben.

»Wieso hast du mir das eigentlich erzählt?«, fragte ich daher misstrauisch, doch schon im nächsten Moment wurde mir die Antwort klar, als er beide Hände zu Fäusten ballte und sich in einer aufreizenden Geste über die Lippen leckte. »Das meinst du doch nicht ernst«, platzte ziemlich verblüfft aus mir heraus, denn gestern Vormittag hatte er ausgesehen, als wollte er mich am liebsten erwürgen und jetzt, keine vierundzwanzig Stunden später, wollte er auf einmal Sex?

»Und wenn doch?«, konterte Henry lauernd und begann zu grinsen, als ich empört »Henry!« fluchte. »Was spricht dagegen, dich regelmäßig ins Nirwana zu vögeln, solange du in meiner Stadt ermittelst? Soweit ich mich erinnere, habe ich das damals im Hotel ziemlich gut hingekriegt.«

Dieser arrogante Arsch. Natürlich hatte er mich gevögelt, als gäbe es kein Morgen mehr, und dass er sich daran immer noch so genau erinnerte, wunderte mich nicht, immerhin ging es mir nicht anders.

Dabei hatten wir zuerst überhaupt keine Notiz voneinander genommen. Wir waren nur zufällig während eines Unwetters im selben Hotel gelandet, ich auf dem Weg zu einer beruflichen Weiterbildung, und er, da er angeblich als Vertreter quer durchs Land zog, hatte nach Hause gewollt. Dass das gelogen und er kein Vertreter war, hatte ich zwar geahnt, es war mir allerdings egal gewesen, nachdem wir an der Bar ins Gespräch gekommen waren und dabei ziemlich schnell festgestellt hatten, dass wir auf der gleichen Wellenlänge waren, was den Rest von unserer Nachtgestaltung anging.

Mir hatte noch zwei Tage später der Hintern gebrannt – auf eine ziemlich gute Weise – und daran erinnerte sich mein Arsch auch gerade, so begeistert, wie er sich zusammenzog. Himmel, ich hätte mir einen Kerl suchen sollen, bevor ich herkam, dann wäre ich jetzt nicht so chronisch untervögelt gewesen, dass ich kurz davor stand, mich Henry förmlich an den Hals zu werfen und »Nimm mich.« zu rufen.

Oh nein, ich würde standhalten. Sobald ich den Papierkram vom Tisch hatte und vor allem ein eigenes Haus, mit dickeren Wänden als denen im Hotel, konnte man darüber reden und … Herrgott, ich musste verrückt sein, seinen Vorschlag überhaupt in Betracht zu ziehen. Mein Job war ernsthaft in Gefahr und ich dachte darüber nach, wie ich einen heißen Sheriff zum zweiten Mal in mein Bett bekam? Vielleicht sollte ich nicht nur mit dem Saufen aufhören, sondern vorher erst mal meinen Kopf äußerst gründlich untersuchen lassen.

»Hallo? Ich habe hier zu arbeiten«, wehrte ich ab, während ich kaum den Blick von seinen Lippen nehmen konnte. Er hatte nämlich eine auffällig schmale Oberlippe, das hatte mich schon damals fasziniert, und zwar nicht nur, weil Henry seine Lippen gekonnt einzusetzen wusste.

Sein Grinsen wurde frech. »Nur keine Sorge, ich werde dich nicht daran hindern. Allerdings ist das kein Hindernis, um uns nach Feierabend oder frühmorgens ...«

»Kommt nicht infrage!«

Und wie infrage das kam, sagte zumindest mein auf einmal härter werdender Schwanz, und leider entging Henry das nicht, denn Anzughosen verbargen nicht gerade viel. Ich hätte meinen Mantel vorhin wohl besser bis oben hin zuknöpfen sollen, nur kam mir diese Erkenntnis etwas zu spät.

»Scheinbar sieht dein Körper das anders.«

»Der hat aber nichts zu sagen«, knurrte ich und schlug den Mantel zusammen, weil Henry mich jetzt so intensiv anstarrte, dass ich mir nackt vorkam. Diesen eindringlichen Blick hatte er schon letztes Jahr perfekt beherrscht. Mist.

»Soll ich ihn mal fragen, was er von die Idee hält, sich über die Motorhaube zu beugen und mich machen zu lassen?«

Ich sah unwillkürlich zu meinem Mietwagen und als Henry leise lachte, wurde mir klar, dass ich ihm in die Falle gegangen war. Spätestens jetzt war ihm klar, dass ich ihn wollte, obwohl ich das Ganze immer noch für eine schlechte Idee hielt. Ich warf ihm einen unwirschen Blick zu.

»Du kannst nicht ...«

Der Rest meiner Worte ging in einem langsamen Einatmen verloren, denn dieser Mistkerl hatte gerade ein Tütchen Gleitgel und ein Kondom aus der Tasche seiner Sporthose gezogen, die leider genauso wenig verbarg wie meine eigene Hose, und ich hatte nicht vergessen, was der Kerl mit seinem Schwanz alles an und in mir angestellt hatte.

»Das ist eine absolut dumme Idee«, murmelte ich, während ich Henry dabei zusah, wie er den Inhalt seiner Hose ein Stück zurechtrückte und dann einen Schritt vortrat. Ich wich prompt einen Schritt zurück, was ihn sichtlich amüsierte.

»Mag sein, aber weißt du, was ich während deiner ganzen Erklärungen und Nörgeleien gerade nicht gehört habe?«, fragte er und machte zwei weitere Schritte auf mich zu, während ich gleichzeitig zurückwich. Noch einen Schritt und wir hatten den Wagen passiert.

»Was?«, wollte ich wissen, unfähig meinen Mund zu halten, während wir mein Auto langsam hinter uns ließen. Soviel zum Thema Motorhaube.

»Nein.«

Ich blieb abrupt stehen. Oh, scheiße. Er hatte recht. Ich hatte eintausend und noch mehr Gründe anführen wollen, wieso wir keinen Sex haben sollten, obwohl ich allein bei der Vorstellung fast in meine Hose kam, doch ich hatte nicht ein einziges Mal nein gesagt, ihm nicht einmal in unmissverständlichen Worten deutlich gemacht, dass ich nicht interessiert, denn, verdammt noch mal, ich war interessiert.

Und noch während ich mich selbst verfluchte, stand Henry auf einmal vor mir, packte mich an den Armen und schob mich zurück, bis mein Wagen uns beide stoppte.

Ich keuchte, als Henry sich gegen mich drängte, mich dabei genau spüren ließ, wie sehr ihn diese Situation anmachte, und alles, was mir am Ende dazu einfiel, war: »Wir werden uns den Arsch abfrieren.« Henry lachte und legte seine kräftigen Hände auf meinen Hintern.

»Ich habe immer noch kein Nein gehört, James.«

Das war mir sehr wohl bewusst, aber irgendwie brachte ich das Wort nicht über meine Lippen, denn es stand zwischen mir und dem heißesten Sex seit über einem Jahr, und ich war zwar ein beruflich aufs Abstellgleis geschobener Säufer, aber ich war noch lange kein Dummkopf. Ich wollte das hier. Ich wollte ihn. Seit vielen Monaten, denn ich hatte Mister Unbekannt aus dem Hotel nie aus meinem Kopf bekommen und das war mir bisher nie passiert. Was das wohl bedeutete? Egal. Ich konnte morgen in aller Ruhe darüber nachdenken. Oder übermorgen. Oder am besten gar nicht, denn wenn ich anfing darüber nachzudenken, warum ich Henry Mayfield so dringend wollte, dann würde ich wahrscheinlich niemals nein zu ihm sagen.

»Also? Höre ich jetzt ein Nein oder nicht?«, fragte er feixend und alles, was mir dazu einfiel, war »Du arroganter Arsch!« Er grinse überheblich. »Das ist immer noch kein Nein.«

Ich gab auf. »Du wirst auch keins hören.«

Das reichte ihm.

Und am Ende lag ich dann wirklich auf der Motorhaube.

Einmal mit dem Rücken, während ich meine nackten Beine in der kalten Morgenluft hochhielt, damit Henry sich mit seinen grandiosen Lippen an meinem Hintern vergehen konnte, bis ich darum bettelte, dass er endlich die Spielerei sein ließ und ernst machte. Was er danach auch tat und erst damit aufhörte, als ich bäuchlings auf dem längst nicht mehr so kalten Metall lag und laut stöhnend meinen Samen gegen das Auto spritzte, während er mit jedem seiner tiefen Stöße meine Prostata traf.

Beim zweiten Mal, eine halbe Stunde später, saß ich auf der Motorhaube, hatte meine Hände in seinen dunklen Locken und meine Beine lagen auf seinen muskulösen Schultern, während ich ihn mit seinem heißen Mund anleitete. Nicht, dass Henry in irgendeiner Form meine Anleitung gebraucht hätte. Er wusste, wie man seinen Mund benutzte, und er war sich nicht zu fein, später dasselbe von mir zu fordern. Ich gab es ihm gern. Nackt auf den Knien, den Blick auf Henrys Brustwarzen gerichtet, mit denen er spielte, als ich ihn ausführlich kostete, betrachtete ich seine hochgewachsene Silhouette im aufgehenden Sonnenlicht, bis er genug hatte und sich von mir zurückzog, um ein zweites Kondom zu holen.

Ich weiß nicht, wer lauter stöhnte, als er mich entschlossen über die Motorhaube beugte und meinen Körper eroberte, der wie für ihn gemacht zu sein schien, aber wir hatten spätestens jetzt sämtliche, neugierigen Waldbewohner vertrieben, und das war mir auch ganz recht, denn ich war derjenige von uns, der schlussendlich wieder bettelte, weil ich es nicht länger aushielt, wie er mich am Rande des Höhepunkts hielt, der, als Henry das nächste Mal zustieß und einen Volltreffer landete, über mich hereinbrach wie ein Vulkan. Ich kam in mehreren Schüben und riss ihn dabei mit mir.

Seine Zähne bohrten sich schmerzhaft in meine Schulter, als er mich biss, doch das war mir schon im nächsten Augenblick wieder egal, denn mein gesamten Körper und vor allem mein Hintern zuckten weiter vor Begierde, und meine Beine mussten sich in Wackelpudding verwandelt haben, denn ich brach fast zusammen, als Henry sich langsam aus mir zurückzog, um das Kondom abzuziehen.

Glucksend hielt er mich fest, küsste einen Mundwinkel und sah mich danach verschmitzt an. »Und darauf wolltest du echt verzichten? Wie gut, dass du dich für mich entschieden hast.«

»Mistkerl«, grollte ich, musste aber gleichzeitig grinsen, was ihm nicht entging, denn er gluckste, während er das Kondom verknotete, und küsste mich im nächsten Moment dermaßen begehrlich, dass ich nicht anders konnte, als mich hilflos an ihm festzuhalten.

»Wofür war das denn?«, nuschelte ich an seinen Lippen und wurde ein weiteres Mal geküsst, bevor er mich ernst ansah.

»Ich will dich. Ich wollte dich damals und ich will dich jetzt. Keine Ahnung, wohin das führen wird, aber glaub ja nicht, dass du mir entkommen kannst, solange du in der Stadt bist.«

Herrgott, war der Kerl anmaßend. »Und wenn ich nächstes Mal Nein sage?«, fragte ich, was ich nicht vorhatte, aber die Art und Weise, wie er genau zu wissen schien, dass ich ihn wollte und offenbar auch brauchte, machte mich nervös.

Henry trat schmunzelnd auf mich zu. »Du wirst nicht Nein sagen, das wissen wir doch beide.«

Verdammt.


Kapitel 2

»Er ist es, nicht wahr?« Shannon warf mir über die Schulter ein zufriedenes Grinsen zu. »Er ist der Mann aus dem Hotel, in den du dich vergangenes Jahr verliebt hast.«

Ich hätte ihr nicht davon erzählen sollen. Dummerweise war es eine Absprache zwischen uns, einander alles zu erzählen, um die Gefahr zu minimieren, mit unserer Scheinehe aufzufliegen, und dass ich regelmäßig die Stadt verließ – offiziell zum Angeln oder für berufliche Fortbildungen – musste sie nun mal bis ins Detail wissen, falls sie jemand danach fragte. Und ich musste dafür sorgen, dass es immer Zimmerbuchungen und Ähnliches gab, damit ich nachweisen konnte, vor Ort gewesen zu sein. Es war nicht so, dass ich glaubte, mir würde irgendjemand hier in Wilmington nachspionieren oder nicht glauben, aber ich wollte es auch nicht darauf ankommen lassen.

Für Shannon und mich hing zu viel davon ab, weiterhin das langweilige Sheriff-Ehepaar zu bleiben, das zu Feiern oder den anderen städtischen Anlässen immer gemeinsam auftrat und ansonsten den Ruf hatte, in dem kleinen Haus, das ich für uns gekauft hatte, ein ganz normales Leben zu führen, das Shannon zur Hausfrau machte und mich zum Alleinverdiener.

So konnten wir beide unseren eigenen Interessen nachgehen und lebten dabei wie in einer WG zusammen, zwei getrennte Schlafzimmer inklusive, denn mehr als ein paar obligatorische Küsse und liebevolle Zärtlichkeiten, die außerhalb des Hauses von uns erwartet wurden, hatte es nicht zwischen uns gegeben und das würde es auch nie.

»Ich möchte ihn kennenlernen.«

Nicht, dass mich ihre Worte überraschten. Sie wartete schon so lange darauf, dass ich den Mann fürs Leben fand, wie sie es immer nannte, und egal wie oft ich Shannon gesagt hatte, dass es den nicht geben durfte, weil ich mich nicht outen wollte und sie ohne mich allein dastehen würde – sie hoffte dennoch, denn meine beste Freundin war der Meinung, dass ich ein bisschen Glück im Leben redlich verdient hatte.

Shannon wusste von meiner militärischen Vergangenheit, so wie sie wusste, was es mich gekostet hatte, meine Truppe hinter mir zu lassen und hier draußen auf dem Land neu anzufangen. Ich hatte ihr in einer unserer ersten Nächte, nachdem sie mich darum gebeten hatte, sie zu heiraten, weil sie endlich ihre Ruhe haben wollte, alles erzählt. Genauso wie sie mir alles über ihre furchtbare Vergangenheit erzählt hatte, und wenn die durch die Ermittlungen von James ans Tageslicht kam, dann …

Darüber wollte ich lieber nicht nachdenken. Shannon hatte genug durchgemacht und ich würde alles dafür tun, dass sie in die Angelegenheit nicht hineingezogen wurde, selbst wenn das am Ende hieß, dass ich James' Ermittlungen torpedieren oder in falsche Richtungen lenken musste.

Kein Mensch durfte erfahren, wer meine Frau wirklich war, denn Shannon wollte das nicht, und es stand niemandem außer ihr selbst zu, das zu entscheiden.

Es war schlimm genug, dass sie als Kind niemals eine Wahl gehabt hatte, denn dann hätte man sie gerettet, ehe ihre Eltern sie misshandeln konnten, genauso wie es meine eigenen getan hatten, bevor sie entschieden, mich rauszuwerfen, weil ich nicht im Traum daran dachte, mich von ihnen umerziehen zu lassen. Ich war schwul, nicht krank, aber solche Menschen wie unsere Eltern es waren, würden das nie begreifen, und deshalb hatten Shannon und ich niemanden. Wir hatten nur einander und wer auch immer versuchte, uns auseinander zu bringen, der würde sein blaues Wunder erleben.

Ich war lange genug Teil einer der besten Spezialeinheiten der Welt gewesen, um zu wissen, wie man kämpfte. Ich hatte es für Shannon sogar schon getan, als sie vor unserer Ehe in einer Bar im Nachbarort gearbeitet hatte und dort von einem Gast in der Toilette belästigt worden war. Dreimal. Bis sie sich endlich getraut hatte, mir davon zu erzählen. Am nächsten Abend war ich dort gewesen und hatte diesem Mistkerl unmissverständlich klar gemacht, dass er in Zukunft seine dreckigen Finger von »meinem Mädchen« zu lassen hatte, weil ich sie ihm sonst ohne jedes schlechte Gewissen abhacken würde.

Diese Nacht hatte alles zwischen uns verändert und nur ein halbes Jahr später waren wir verheiratet gewesen und ich hatte Shannon überredet, den Job aufzugeben, weil ich genug für uns beide verdiente und die Abfindung der Armee reichte, um uns ein Haus zu kaufen, ohne Schulden machen zu müssen. Seither war sie Shannon Mayfield und würde das für immer bleiben, wenn es nach mir ging.

»Glaubst du, er würde mich mögen?«, fragte sie auf einmal unsicher und stellte Salz- und Pfefferstreuer auf den Tisch.

»Natürlich wird er dich mögen«, antwortete ich, denn daran gab es für mich überhaupt keinen Zweifel.

»Du warst heute früh bei ihm, oder?«, fragte sie weiter und als ich wegen der Erinnerung daran, was wir im Wald getrieben hatten, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, knallrot anlief, gluckste Shannon. »Ich wusste es. Du hast nach einem fremden Parfum gerochen, als du vom Joggen wiederkamst. Glaub nicht, ich hätte das nicht gerochen. Sehr männlich. Ich hoffe doch, ihr hattet wenigstens ordentlich Spaß, wenn ihr euch schon bei den eisigen Temperaturen im Wald trefft?«

»Shannon!«

Sie wandte sich lachend wieder dem Herd zu, auf dem eine Pfanne mit köstlich duftendem Rührei stand. Dazu gab es Toast und für Shannon Tee, während ich mich lieber an Kaffee hielt, denn der Tag würde wieder einmal lang werden. Das waren sie alle, seit Burt Masterson im letzten Monat tot in seiner Scheune gefunden worden war, und nur weil man mir die Ermittlungen in dem Fall offiziell aus der Hand genommen hatte, bedeutete das noch lange nicht, dass ich die Füße stillhielt. Irgendetwas an der ganzen Sache stimmte nicht, denn üblicherweise prügelten sich nicht drei Behörden gleichzeitig darum, einen Mordfall zu klären, während unser Bürgermeister am liebsten einen Deckel auf Burts Tod gemacht hätte.

Ich verstand durchaus, dass dieser Fall durch die Überreste der vermissten Mädchen in den Wänden heikel war, und sobald die landesweite Presse davon erfuhr, würde sich das Ganze in einen Albtraum verwandeln, aber hoffentlich hatten entweder James oder ich vorher Erfolg und fanden heraus, was es mit Burts Tod auf sich hatte, und ob er tatsächlich der berüchtigte »Mondsammler« war, denn davon war ich nicht überzeugt.

Es war wie ein Instinkt, der mir riet, vorsichtig zu sein und nicht das Offensichtliche anzusehen, wie es fast jeder hier in der Stadt tat, und eben dieser Instinkt hatte mir in der Armee so oft den Arsch gerettet, dass ich nicht im Traum daran dachte, ihn in dieser Sache zu ignorieren.

Burt Masterson war tot und irgendjemandem war sein Tod wichtig genug gewesen, um alles dafür zu tun, dass es wie ein Selbstmord
aussah.

Shannon stellte die Pfanne voller Rührei auf den Tisch und bedankte sich lächelnd, als ich ihr einen mit Butter bestrichenen Toast auf den Teller legte. Offiziell war sie zwar meine Ehefrau und erfüllte diesen Job mit sehr viel Stolz und Freude, aber in Wirklichkeit war sie mehr meine kleine Schwester und zugleich beste und einzige Freundin. Ich passte auf sie auf und sie passte auf mich auf. Was auch bedeutete, dass ich grinsend ihre Hand festhielt, bevor sie sich mit der Gabel gedankenverloren durchs Haar streichen konnte, das ihr wie so oft ins Gesicht hing, weil sie einfach nicht lernte, einen vernünftigen Knoten zu machen. Ihre blonde Mähne ein Stück abzuschneiden, kam für sie aber auch nicht infrage, was ich amüsant fand. Vor allem, wenn sie in der Küche stand und wieder einmal nicht daran dachte, dass sie Teig oder sonst etwas an den Fingern hatte, während sie sich die Haare aus dem Gesicht strich.

»Ups«, murmelte sie und kicherte mädchenhaft, ehe sie die Gabel weglegte und fluchend über eine Schere nachdachte, die sie am Ende ohnehin nicht benutzen würde.

»Du brauchst ein paar Haarklammern«, sagte ich nicht zum ersten und wahrscheinlich auch nicht zum letzten Mal, weil sie manchmal ein echter Schussel war und Haarklammern standen auf ihrer Prioritätenlisten recht weit unten.

Wenn es um ihr Hobby ging, war sie hingegen penibel und immer aufgeräumt, dasselbe galt für die Küche, sobald sie für uns kochte, was sie als ihre Aufgabe ansah, schließlich brachte ich das Geld nach Hause und Shannon war der Meinung, dass sie sich im Gegenzug um den Haushalt zu kümmern hatte. Was nicht hieß, dass sie alles alleine machte. So ein Macho war ich dann auch wieder nicht, obwohl ich es nach einigen Streitereien aufgegeben hatte, in der Küche das Zepter an mich zu reißen.

Ich konnte zwar ganz passabel kochen, denn das lernte man in der Armee, wenn man nicht ständig von dem abhängig sein wollte, was man durch die Feldküchen vorgesetzt bekam. Aber es lohnte nicht, sich wegen ein paar Töpfen und Pfannen mit Shannon zu streiten, vor allem, da sie wirklich gerne kochte. Sie hatte mir einmal erklärt, dass es sie entspannen würde. Und sie liebte es außerdem, mir beim Essen zuzusehen.

»Ich weiß«, jammerte sie und gab mir Rührei auf den Teller, um sich danach selbst zu bedienen. »Ich vergesse jedes Mal, mir welche mitzubringen, wenn ich einkaufe. Manchmal glaube ich, ich habe Alzheimer oder so was.«

Von wegen Alzheimer. »Wie groß bin ich?«

»Eins fünfundachtzig, wieso?«, fragte Shannon irritiert und ich grinste amüsiert.

»Korrekt. Ergo, kein Alzheimer.«

»Henry!«

Lachend widmete ich mich meinem Frühstück und warf ihr immer mal wieder ein Schmunzeln zu, bis Shannon die Augen verdrehte und mir einen Toast an den Kopf warf. Ich liebte das. Diese albernen Neckereien, die wir nur hier in unseren eigenen vier Wänden wagten, da wir außerhalb ein bestimmtes Bild zu zeigen hatten, und ich als Sheriff zwar den Ruf besaß, korrekt und immer höflich zu sein, aber sonst als eher zugeknöpft galt. Was mir im Grunde recht gut gefiel, bloß machte das auf Dauer auch ziemlich einsam.

Noch etwas, das Shannon und ich gemeinsam hatten.

In einem unterschieden wir uns jedoch komplett, wenn man mal außer acht ließ, dass wir unterschiedlichen Geschlechtern angehörten und rein äußerlich absolut nichts gemein hatten. Ich war brünett, Shannon hingegen blond. Ich war groß, sie klein. Ich war durch mein regelmäßiges Lauftraining einigermaßen in Form, Shannon war indes zierlich und hatte große Mühe, ihr Gewicht auf einem normalen Maß zu halten, da sie ständig das Essen vergaß, wenn ich sie nicht daran erinnerte. Aus diesem Grund versuchte ich jeden Morgen mit ihr zu frühstücken und auch zu Abend zu essen, damit sie wenigstens zwei Mahlzeiten pro Tag zu sich nahm.

Wie sollte das nur erst werden, wenn ich eines Tages diesen einen Partner fürs Leben traf, den ich schon so lange suchte? Sie wollte überhaupt niemanden in ihrem Leben. Shannon genoss das Alleinsein, sagte sie immer, und nach dem, was sie als Kind erlebt hatte, überraschte mich das nicht sonderlich. Ich sah das allerdings anders und einen Mann wie James als Partner oder sogar Ehemann zu haben, wäre ein Traum.

Und dass Shannon recht hatte, denn ich war in ihn verliebt, seit wir uns in dieser Hotelbar zum ersten Mal über den Weg gelaufen waren, machte es nicht leichter.

Sobald er seine Arbeit getan hatte, würde er gehen, und ich konnte Shannon nicht allein lassen, um ihm zu folgen. Falls das überhaupt jemals zur Debatte stand. Nur weil wir miteinander vögelten, hieß das gar nichts. Wollte ich mehr? Oh ja, ich wollte verdammt viel mehr. Ich wollte alles. Aber gleichzeitig wusste ich, dass es unmöglich war, denn wie sollte das funktionieren? Ich lebte als heterosexueller Sheriff in einer Kleinstadt, während James als FBI-Agent ständig zu neuen Orten geschickt wurde, um Verbrecher zu jagen. Ich wusste ja nicht einmal, ob er offen schwul lebte, ging aber nicht unbedingt davon aus. Von meiner eigenen Ehe gar nicht zu reden.

Es gab keine Zukunft für uns, dessen war ich mir bewusst, und darum wollte ich wenigstens die wenige Zeit genießen, die sich mit James' Auftauchen in Wilmington ergeben hatte.

***

Ich behielt ihn den Tag über locker im Auge.

Er hatte in der Stadtverwaltung nicht viel erreicht, aber das auch nicht zu erwarten gewesen, bei dem Chaos, das dort nach dem Brand geherrscht hatte. Allerdings war James kein Mann, der so schnell aufgab, und so nervte er am Vormittag eine Weile Milla, um sich weitere Informationen aus seinem Büro schicken zu lassen, weil er zwar einen Laptop dabei hatte, aber nicht den Drucker vom Hotel benutzen wollte. Danach verschwand er für eine Weile in seinem Hotelzimmer und mittags betrat er Sallys Diner, um etwas zu essen, und kam dort schnell mit ein paar neugierigen Einwohnern ins Gespräch.

Später schlenderte James betont gemütlich durch die Stadt, sah sich ein paar Schaufenster an und war sich dabei garantiert meines und auch der Blicke einiger Einwohner von Wilmington bewusst. Er spielte mit beidem und grinste sogar unübersehbar süffisant, als ich auf dem Weg aus der Stadt raus, schließlich an ihm vorbeifuhr.

Natürlich war ich zu höflich, eine entsprechende Geste zu machen, dabei hätte ich ihm zu gerne den Stinkefinger gezeigt. Von wegen, ich wäre arrogant. James war mitunter keinen Deut besser und das Schlimme daran war, ich liebte das. Am liebsten wäre ich umgedreht, um ihn in sein Hotelzimmer zu schleifen und ihm zu zeigen, wer von uns der Boss war.

Stattdessen betrachtete ich ihn einfach nur schmunzelnd, bis er im Rückspiegel nicht mehr zu sehen war, und ich den Wagen raus zu Burts Haus lenkte, weil ich mich darin etwas umsehen wollte. Als Sheriff war das mein Job und irgendwie trieb mich mein Instinkt gerade direkt zu diesem Horrorhaus. Wenigstens hatte man die Überreste der Kinder längst abtransportiert, denn ich hätte es nicht ertragen, in dem Gebäude zu sein, wären sie noch dort gewesen.

Meine Gedanken wanderten zurück zu James. Er war eine Augenweide, zumindest für mich. Darum hatte ich ihn damals auch bemerkt, obwohl ich an jenem Abend eigentlich gar nicht auf eine schnelle Nummer aus gewesen war. Doch James hatte umwerfend in seinem Anzug ausgesehen, das tat er heute noch. Dazu dieses kantige Kinn, die dunklen Augen und das ebenso dunkle Haar, das ihm bald in den Augen hängen würde, wenn er es nicht etwas kürzte, aber andererseits konnte ich bei dieser Länge gut mit den Fingern hindurch gleiten oder mich im Eifer des Gefechts daran festhalten.

Ich hielt mich ohnehin gerne an im fest, denn er war nackt wirklich umwerfend mit diesen langen, schlanken Gliedern, die sich so perfekt um mich gelegt hatten, als ich ihn heute früh erst mit dem Mund und anschließend mit meinem Schwanz in den Wahnsinn getrieben hatte. Ich liebte seine grauen Schläfen und die schmalen Lippen, in die ich jedes Mal beißen wollte, mich aber zurückhielt, weil das auffallen würde, und wir durften auf keinen Fall in der Stadt auffallen, wenn unsere Affäre anhalten sollte, solange er hier war.

Ich bog auf den Waldweg ein, der zu Burts Haus führte, und bremste im nächsten Moment ab, denn das breite Absperrband, das den Tatort markierte und auch hier vorne hängen sollte, um den Leuten klarzumachen, dass sie hier draußen unerwünscht waren, hing nicht mehr an zwei Bäumen befestigt quer über die Straße. Stattdessen lag es zerrissen vor der großen, alten Eiche zu meiner Linken. Ich griff nach dem Funkgerät.

»Milla?«

»Ja, Sheriff?«

»Kontaktieren Sie Agent Boyd und schicken Sie ihn raus zu Mastersons Haus. Der Tatort wurde unbefugt betreten.«

Mir die Nummer seines Diensthandys zu geben war James' Idee gewesen, während wir uns heute früh angezogen hatten. Für genau solche Fälle wie diesen jetzt, damit ich ihn in meiner Funktion als Sheriff problemlos erreichen konnte. Wie gut, dass ich vorhin daran gedacht hatte, die Nummer im Büro an Milla weiterzugeben.

»Geht klar, Sheriff. Seien Sie vorsichtig. Ich schicke Carl und Emma zur Unterstützung zu Ihnen raus.«

»Danke, Milla«, sagte ich, obwohl ich auf Carl Garrison gut und gerne verzichtet hätte, denn der Mann konnte leider seinen Mund nicht halten, wenn er trank, und deshalb wusste in dieser Stadt jetzt jeder, dass Burt ermordet worden war.

Emma Thomson war hingegen ein erstklassiger Deputy, aus diesem Grund hatte ich sie auch Carl zugeteilt, damit sie einen hoffentlich guten Einfluss auf ihn ausübte, denn grundsätzlich war er ein guter Cop, er wusste nur nicht, wann er genug hatte. Ob das mit der Zeit zu einem Alkoholproblem wurde, musste sich erst zeigen, aber da Emmas Vater ein seit Jahren trockener Alkoholiker war, würde sie ein Auge auf Carl haben und zu mir kommen, wenn Carls Trinkerei nach Feierabend sich tatsächlich zu einem Problem entwickelte.

Ich fuhr wieder an, behielt aber meine Umgebung die ganze Zeit im Auge, bis ich schließlich vor dem Haus hielt. Es sah auf den ersten Blick genauso aus wie an jenem Tag, als es offiziell versiegelt worden war, doch was bedeutete das schon? Es war ein altes Haus, mit ebenso alten Türen und Fenstern. Wer einen Weg ins Innere finden wollte, der würde auch einen finden. Die Tür war allerdings verschlossen und das Tatortsiegel intakt. Ich lief einmal um das Haus herum, die Hand dabei an der Waffe, doch alle Fenster und die Hintertür waren verschlossen und an der Außentreppe in den Keller hing ein Schloss.

Wenn irgendjemand ins Haus gekommen war, dann durch das schmale Fenster vom Keller, denn das war schon an jenem Tag kaputt gewesen, als Wilhelmina die Leiche ihres Vaters in der Scheune entdeckt hatte.

Auch dort sah ich mich um, ohne eine Spur zu entdecken, dass hier in den vergangenen Tagen oder auch Stunden jemand gewesen war. Dasselbe Bild ergab sich bei einer Begehung vom Rest des Grundstücks. Die wenigen Tiere, die Burt hier gehalten hatte, waren nach seinem Tod weggebracht worden, was nicht bedeutet, dass jemand den Schweine- und Hühnerstall danach sauber gemacht hätte. Ich musste mir bei dem ekelerregenden Gestank die Hand nah vor Mund und Nase halten, und hielt es trotzdem keine Minute in dem Holzschuppen aus. Dort war mit Sicherheit niemand gewesen.

Als ich wieder nach vorne kam, stand James' Touareg neben meinem Geländewagen und er stand vor der zweiflügligen Tür, die in den Keller hinunterführte.

»Und?«, fragte er und starrte mit gerunzelter Stirn auf das Schloss, das eine dicke Kette hielt, die um die Griffe gelegt war. »Das Schloss ist zu neu für so ein altes Haus.«

Ich nickte. »Das ist von uns. Er hatte gar keins mehr dran. In dem Keller war nichts, außer ein paar Einweckgläsern mit Obst und Bohnen, und alten Äpfeln, die ihr Haltbarkeitsdatum schon lange überschritten hatten.«

Ein weiterer Wagen fuhr auf den Hof und ich schickte Carl und Emma sofort los, um sich noch einmal genau umzusehen. Sie sollten dabei immer zusammenbleiben, war Carl mit einem verständnislosen »Wieso? Hier ist doch keiner.« kommentierte, doch ehe ich ihn dafür zurechtweisen konnte, dass ihn so eine Einstellung schneller ins Grab bringen würde, als ihm lieb war, hatte Emma ihn schon um das Haus und aus meinem Sichtfeld gezogen.

»Ist er so dämlich, wie er mir vorkommt?«, wollte James mit einem teils resignierten, teils belustigten Blick wissen, und ich konnte mir gut vorstellen, was er von Carl dachte. Ich hielt ja selbst im Moment nicht sehr viel von ihm, aber ich wusste eben auch, dass er anders konnte. Er war ein wirklich guter Polizist, doch in letzter Zeit schien er das immer öfter zu vergessen.

»Vor drei Jahren verschwand ein kleiner Junge, sieben Jahre alt, am helllichten Tag vom Spielplatz. Wir haben tagelang ohne Erfolg nach ihm gesucht. Die Eltern waren und sind glücklich, es gab keine rachsüchtigen Ex-Partner, keinerlei Grund für den Jungen, wegzulaufen, und in der Nähe von Wilmington wohnte kein Sexualstraftäter, das haben wir überprüft. Wir haben alles auf den Kopf gestellt, jeden Stein umgedreht, nichts. Am Ende war es Carl, der die Idee hatte, noch mal mit den Freunden des Jungen aus der Grundschule zu reden. Er meinte, er hätte da so ein Gefühl gehabt und ich vertraute auf dieses Gefühl.«

»Zu recht, oder?«, fragte James lächelnd und ich nickte.

»Es war eine Mutprobe zwischen drei der Jungs. Ob er sich trauen würde, bis Halloween versteckt zu bleiben. Er hatte sich bei einem der Jungs im Keller einquartiert.« Ich seufzte. »Und das alles nur, weil seine Eltern ihm wegen schlechter Noten die Halloweenparty bei seinem Freund verboten hatten.«

»Kinder«, murmelte James kopfschüttelnd und ich konnte ihm nur zustimmen.

»Carl hatte den richtigen Riecher und den hat er auch heute noch. Er hat bloß ...« Ich brach ab und schürzte die Lippen. »Er hat zurzeit ein paar private Probleme.«

»Wenn sie seine Arbeit behindern, solltest du handeln.«

Das war mir klar, aber noch gab es dazu keinen Grund. Carl hatte weder Befehle verweigert noch war er betrunken im Büro beziehungsweise zum Dienst erschienen, denn das hätte Emma mir gesagt. Tagsüber war er nüchtern und auf das, was er nach Feierabend macht, hatte ich keinen Einfluss. Jedenfalls nicht im Augenblick. Außerdem war ich niemand, der leicht aufgab, vor allem nicht einen guten Kollegen, bei dem die Chance bestand, dass er von allein die Kurve bekam. Und selbst wenn nicht, war ich bereit, ihm zu helfen. Carl musste einfach nur seinen Mund aufmachen und mit reden, und ich hoffte wirklich, dass er das früher oder später tat.

»Das werde ich, sollte es notwendig sein«, war alles, was ich schließlich sagte, und nach einem raschen Blick in mein Gesicht ließ James es darauf beruhen.

»Wirst du ermitteln?«, fragte er als nächstes und ich zuckte die Schultern, denn ein abgerissenes Absperrband konnte mehr als eine Ursache haben. Selbst wenn ein Neugieriger sich hier draußen umgesehen hatte, die Chancen ihn oder sie zu finden, waren gleich Null und das wusste James genauso gut wie ich. »Sehe ich auch so. Melde das unbefugte Betreten trotzdem. Wer weiß, wozu es mal gut sein kann?«

Dem konnte ich nicht widersprechen und so wies ich Milla über Funk an, eben das zu tun, nachdem ich ihr gemeldet hatte, dass niemand mehr hier war und Carl und Emma sich aktuell das gesamte Grundstück vornahmen. Ich würde einen meiner Deputys später bitten, das Absperrband zu ersetzen, und damit war der Fall für mich erledigt.

Mein Blick fiel auf die Haustür und ich verzog das Gesicht bei der Erinnerung daran, welches Grauen wir in dem Haus vor wenigen Wochen entdeckt hatten.

»Alles in Ordnung?«, fragte James und trat neben mich. »In meinem Bericht steht, dass ihr sie gefunden habt.«

»Steht in deinem tollen Bericht auch, dass die Hälfte meiner Deputys sich hinterher die sprichwörtliche Seele aus dem Leib gekotzt hat, während die andere Hälfte vor lauter Tränen kaum noch etwas sehen konnte?«

»Nein.« James' Hand streichelte sanft über meinen unteren Rücken. »Aber ich weiß, was es bedeutet, zum ersten Mal die Überreste eines Kindes zu finden. Ich war damals frisch mit der Ausbildung fertig und brauchte danach Monate, um mich von dem Anblick zu erholen und ihn zu verarbeiten.«

Ich nickte nur, weil es dazu einfach nichts zu sagen gab. Den Anblick von diesen in Folie eingewickelten, teils mumifizierten Mädchen würde ich nie wieder vergessen, und dabei kannte ich den Tod doch längst in all seinen Facetten. Ich hatte als Green Beret so viele Leichen gesehen, manchmal nur noch Körperteile oder völlig zerfetzte Körper, je nachdem, was die Bombe übrig gelassen hatte. Aber das waren erwachsene Menschen gewesen, die meisten gesuchte Mörder und Terroristen. So jemandem das Leben zu nehmen, hatte viele Jahre lang zu meinem Job gehört, der mir keine schlaflosen Nächte beschert hatte.

Diese kleinen Mädchen waren allerdings Entführungsopfer gewesen, die ihr Leben noch vor sich gehabt hatten. Und dann fanden wir sie plötzlich überall im Haus und nicht nur in dieser einen Küchenwand, wie anfangs vermutet.

Im nächsten Moment fiel mir etwas ein. »Weißt du, ob man schon alle Mädchen identifiziert hat?«, fragte ich und James sah mich verblüfft an. »Ja, ich könnte mich selbst erkundigen, wie weit sie dabei mittlerweile vorangekommen sind, aber ich will es von dir wissen.«

»Gab es deshalb etwa auch Zuständigkeitsgerangel?« James stöhnte genervt, als ich bloß die Augen verdrehte. »Verstehe. Zu deiner Frage … Ich weiß von aktuell neun Mädchen, die bereits sicher als Vermisstenfälle identifiziert worden sind und die man dem »Mondsammler« zuordnet. Hast du sie gesehen, bevor sie weggebracht wurden?«

»Ich habe nur einen kurzen Blick in das Loch in der Küche geworfen, das hat mir gereicht«, gab ich offen zu, denn mir war sofort nach dem Fund der zweiten Leiche klar gewesen, dass es keine vierundzwanzig Stunden dauern würde, bis deswegen in Wilmington die Hölle losbrach.

Einem kleinen Stadtsheriff konnte man dabei natürlich nicht die alleinigen Ermittlungen überlassen, das war zu riskant, falls etwas schiefging. Außerdem wollte sich jede Behörde in dieser Sache profilieren, sofern sich Burt Masterson als Serienmörder entpuppte. Ich war so schnell von dem Fall abgezogen worden, dass meine insgesamt sechs Deputys und ich noch Tage später den Kopf darüber geschüttelt hatten, während wir brav aus der Ferne beobachteten, wie der Tatort akribisch untersucht und die Überreste nach und nach weggebracht wurden.

»Das Mädchen direkt hinter dem Loch in der Küchenwand hieß Emily Porter. Sie war erst eine Woche zuvor fünf Jahre alt geworden. Sie verschwand von einem Spielplatz, besser gesagt, direkt davor. Ihre Mutter hatte ihr erlaubt, sich beim Eismann am Tor ein Eis zu kaufen. Sie ging nicht mit ihr, weil Emily zwei sieben Monate alte Brüder hatte. Zwillinge. Sie hat ihre Tochter nur für einen Moment aus den Augen gelassen, weil einer der Jungs weinte.« James seufzte leise. »Es war wie oft bei solchen Fällen. Eine kurze Unaufmerksamkeit reicht aus. Der Eismann hat später ausgesagt, er hätte nicht auf das Mädchen geachtet, weil es an jenem Tag sehr heiß war und viele Kinder von dem Spielplatz ein Eis wollten. Laut dem, was in meiner Akte steht, hat die Mutter niemals aufgegeben, nach Emily zu suchen. Sie wurde zwei Jahre später geschieden und hat das Sorgerecht für die Jungs an den Vater übertragen. Er gibt ihr die Schuld daran, dass Emily verschwand, und sie sieht das genauso.«

Verdammt. Eine typische Geschichte, wie sie oft vorkam bei Entführungen von Kindern. Die wenigsten Ehen überstanden so etwas und meist lag es an Schuldzuweisungen des Partners. Es gab kaum etwas Traumatischeres als den Verlust des eigenen Kindes.

»Hat man es ihr schon gesagt?«, wollte ich wissen.

James nickte. »Sobald sie sicher waren, Emily gefunden zu haben. Sie ist zusammengebrochen und wurde noch am selben Tag in eine geschlossene Einrichtung eingeliefert, weil man im Krankenhaus Angst hatte, dass sie sich etwas antut. Soweit ich weiß, ist sie dort immer noch.«

»Kein Wunder«, murmelte ich betroffen, weil ich mir nicht vorstellen konnte und es auch gar nicht wollte, wenn man mich nach so vielen Jahren aufsuchte, um mir zu erzählen, dass alle Hoffnung vergebens war. Ich hatte zwar kein Kind, doch wenn Shannon auf einmal verschwand, würde ich auch nie aufhören, nach ihr zu suchen.

Emma und Carl kamen auf uns zu und beendeten fürs Erste unser Gespräch, was nicht das Schlechteste war, denn James' Nähe setzte mir mehr zu, als ich gedacht hatte. Wie erwartet hatten meine Deputys nichts entdecken können und sobald ich Emma damit betraut hatte, das Absperrband zu ersetzen, zogen beide ab und ließen mich mit James allein, der mittlerweile auf die kleine, überdachte Veranda des Hauses getreten war. Er sah mich aufmerksam an.

»Was?«, fragte ich misstrauisch.

»Bevor ich herkam, habe ich mir die Erlaubnis geben lassen, den Tatort zu untersuchen, was natürlich auch das Innere von Mastersons Haus betrifft. Kommst du mit oder willst du lieber hier draußen warten?«

Mich zog absolut nichts in dieses Horrorhaus, aber ich war immer noch der Sheriff von Wilmington und ihn allein in dem Gebäude herumlaufen zu lassen, behagte mir nicht. Da konnte er eine geladene Waffe tragen und diese auch zu nutzen wissen, so viel er wollte. Ich traute diesem Haus nicht. Das mochte jetzt merkwürdig klingen, aber dieses Gebäude hatte irgendetwas an sich, das mich nervös machte, sobald ich mich ihm näherte. So als würde ich etwas wichtiges übersehen, das direkt vor meiner Nase lag.

»Ich komme mit.«

Es war ein Haus wie so viele andere, die in Wilmington und Umgebung standen. Gemauerte Wände, weil die den mitunter eisigen Wintern viel besser standhielten, als die Holzhäuser, die man vorrangig im Süden baute, wo es wärmer war. Die Wände waren von außen mit Holzlatten verkleidet und innen tapeziert worden. Abstrakte Muster und Blumen zierten daher sämtliche Wände und eine breite Treppe führte ins Obergeschoss, wo sich mehrere Schlafzimmer und ein Bad befanden. Unten gab es die Küche, einen Wohnbereich, die Vorratskammer, ein kleines WC und noch einen Raum, der früher möglicherweise mal ein Büro gewesen war, doch im Moment mit allem möglichen Gerümpel vollgestellt war, denn die Umzugstruppe, die Wilhelmina für das Ausräumen engagiert hatte, hatte alles wieder zurück ins Haus tragen müssen, als klar wurde, dass Burt Masterson es in ein Massengrab verwandelt hatte.

»Ein Teil der Möbel fehlt, kann das sein?«, fragte James und ich nickte, bevor ich ihm erklärte, wo sie waren.

Die kommenden Minuten vergingen schweigend, während James von Raum zu Raum ging, um sich ein Bild zu machen. Er schrieb sich ein paar Notizen auf, vermutlich für seinen Bericht, dann ging er die Treppe nach oben. Ich folgte ihm nicht, denn ich wusste, was er dort oben sehen würde. Verlebte Räume, alte Möbel, vertrocknete Zimmerpflanzen – dennoch war das Haus sauber gehalten worden. Es gab keine verdreckten Ecken oder riesige Staubberge, wie ich es insgeheim erwartet hatte, wenn man bedachte, dass Burt hier zuletzt allein gelebt hatte. Aber es war unverkennbar, dass das Badezimmer und der Rest gepflegt worden waren, und ich fragte mich, wie Masterson das mit der schweren Arthritis geschafft hatte, denn einen Arzt hatte er seit Jahren nicht mehr aufgesucht, das hatte ich längst nachgeprüft.

James tauchte oben am Geländer auf. »Wer hat dieses Haus sauber gehalten?«, fragte er und ich grinste. »Es ist dir also auch aufgefallen?«

»Es war nicht zu übersehen, und ehe du fragst, nein, er hat keine Medikamente genommen, das habe ich überprüft. Unser Arzt hat ihn seit Jahren nicht als Patient gesehen, was zwar erst mal nicht viel heißt, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Burt mit dem klapprigen Pick-up, der hinten steht, immer in die nächste Stadt gefahren ist. Er war ein Einsiedler, der sich so gut wie selbst versorgt hat.«

»Womit wir wieder bei der Frage wären, wer für ihn hier im Haus geputzt hat?«

»Eine gute Frage«, konterte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Sag mir Bescheid, wenn du eine Antwort darauf findest, das würde mich nämlich auch sehr interessieren.«

Wie so vieles andere, was man mir in dem Fall vorenthalten hatte und immer noch vorenthielt, und ich hatte kein Problem damit, das James offen zu zeigen. Wir waren beide Cops, jeder auf seine Weise, und kein Polizist fand es super, wenn man ihm wegen dämlicher Kompetenzstreitereien einen Fall wegnahm.

»Es stinkt dir gewaltig, dass sie dir den Fall weggenommen haben, oder?«, fragte James und kam die Treppe runter. Als ich abfällig schnaubte und »Willst du darauf wirklich eine ehrliche Antwort?« fragte, lachte er leise. »Nein, ich sehe es dir an und ich kann dich verstehen, denn an deiner Stelle wäre ich genauso wütend. Ich kläre das mit dem Boss und werde dich bei meinen Ermittlungen ab sofort auf dem Laufenden halten.« James' Blick wanderte an mir vorbei. »Und jetzt ab in die Küche.«

Es war der letzte Raum im Haus, den er noch nicht gesehen hatte, und auch dieses Mal folgte ich James nicht, sondern blieb an der Tür stehen, während er die Küche inspizierte, Schränke öffnete, mit den Fingern über die zerkratzte Arbeitsplatte glitt und sich am Ende ein paar Notizen machte, während er in das Loch spähte, das die Spurensicherung geöffnet hatte, um an die Leichen der Kinder zu kommen. Überall im Haus gab es solche geöffneten Wände, was das Alter des Hauses und seinen Zerfall hervorhob, denn renoviert worden war hier bereits seit vielen Jahren nicht mehr. Vielleicht sogar noch nie.

»Das ist so was von Zeitverschwendung«, murmelte James auf dem Weg nach draußen, wo er dann aber trotzdem noch so gründlich war und die Nebengebäude und die Scheune näher in Augenschein nahm. Das dauerte im Ganzen allerdings keine fünf Minuten, denn der Wind hatte aufgefrischt und fuhr zugig durch meine Jacke und seinen Mantel, als wäre beides gar nicht vorhanden.

Wir schauderten und nachdem James sich noch schnell ein paar offene Fragen notiert hatte, unter anderem jene nach einer möglichen Putzkraft, die es ausfindig zu machen galt, sofern es sie gab, verriegelte ich die Haustür, während James einen Blick auf Burts alten Pick-up warf, und danach trafen wir bei unseren eigenen Wagen wieder aufeinander. Es war mittlerweile früher Abend und in zwei Stunden wollte ich zu Hause sein, denn das Abendessen würde pünktlich auf dem Tisch stehen. Da kannte Shannon kein Pardon, sofern ich nicht gerade zu einem Notfall oder ins Büro gerufen wurde, weil etwas passiert war. Aber das geschah in Wilmington selten.

»Gehst du morgen früh wieder joggen?«, fragte James, als er seinen Touareg entriegelte, und ich nickte, was ihn schmunzeln ließ. »Viel Spaß dabei.«

»Du kannst gerne mitkommen.«

Der Vorschlag war ein Witz und so verstand James ihn auch, denn er schnaubte und tippte sich dabei vielsagend gegen die Stirn. »Sehe ich aus, als wäre ich nicht ganz dicht?«

Ich grinste über seine empörte Frage, kam aber nicht dazu, ihm einen entsprechenden Konter zu geben.

»Ich denke darüber nach, mir ein Haus zu mieten.« Unsere Blicke trafen sich. »Wegen der … Privatsphäre.«

Lud er mich gerade zu einem weiteren Schäferstündchen in sein Bett sein? Ich würde nicht danach fragen. Warum sollte ich auch? Ich hatte ohnehin vor, ihn wieder zu besuchen oder noch mal in den Wald zu bestellen, falls es gar nicht anders ging. Bei den vorherrschenden Temperaturen, immerhin stand längst der Winter vor der Tür, wäre ein Schlafzimmer aber auf Dauer mit Sicherheit die bessere Lösung und das Hotel kam nun mal nicht infrage, denn dort würde ich gesehen werden, wenn ich zu ihm wollte. Es gab jedoch am Stadtrand, ein wenig versteckt hinter Bäumen, mehrere Ferienhäuser, die für unsere Zwecke perfekt geeignet waren, und ich wusste auch, wem sie gehörten.

»Versuch´s bei John Stanley. Er vermietet den Sommer über Ferienhäuser an Touristen. Soweit ich weiß, hat er im Moment einige Häuser, denn noch hat die alljährliche Wintersaison nicht begonnen.«

»Telefonnummer?«

Ich zog mein Handy aus der Tasche und schickte ihm Johns Nummer. James speicherte sie ab, bedankte sich und hinterher gingen wir beide unserer Wege. Es war seltsam, sich so formell von ihm zu verabschieden, aber er war immer noch FBI-Agent und ich der hiesige Sheriff. Privat hatten wir diesen Status zwar hinter uns gelassen, aber was hieß das schon? Gar nichts. Und daran sollte ich wohl besser denken, sobald ich das nächste Mal an seine Tür klopfte, um ihn ins Bett zu schleifen.

Andererseits konnte ich mir die Mühe genauso gut sparen, denn ich würde ihn mit Sicherheit bald in ein Bett oder notfalls auch wieder auf den nächsten Waldweg schleifen. Und solange James nicht Nein zu mir sagte, was er nicht tun würde, dessen war ich mir sicher, gab es auch keinen Grund, ihn nicht wieder zu einer heißen Nummer zu verführen. Wir waren erwachsene Männer und ich hatte schließlich nicht vor, ihm mit gezogener Waffe seine Ermittlungen zu verbieten.

Was nicht hieß, dass ich ihm mehr als unbedingt notwendig dabei helfen würde. Es gab Dinge in meinem Leben, von denen James nichts wusste, und das sollte bitte so bleiben, auch wenn Shannon anderer Meinung war. Wir diskutierten darüber schon seit Tagen und jetzt, wo James in der Stadt war, würde sie auch nicht damit aufhören. Ich hatte sie nach dem Fund von Burts Leiche davon überzeugt, nichts zu sagen, aber an dem Tag war es nur um einen Selbstmord gegangen, nicht um Mord, und seit Burt verdächtigt wurde, der »Mondsammler« zu sein, kam das Thema regelmäßig zwischen uns auf, denn Shannons Liste von Argumenten, mit denen sie beständig versuchte, mich davon zu überzeugen, das richtige zu tun, wurde immer länger.

Und als ich nach Hause kam und ihr von dem unbefugten Betreten des Tatorts und James' Begehung des Hauses erzählte, dauerte es daher auch keine Minute, bis wir wieder deswegen debattierten.

»Sag es ihm.« Shannon murmelte einen leisen Fluch, als ich den Kopf schüttelte und dabei den Kakao umrührte, den sie mir gekocht hatte, kaum dass ich durch die Haustür getreten war. »Es ist jetzt sein Fall, Henry, du kannst ihm das nicht auf Dauer verschweigen.«

»Doch, das kann ich.«

»Henry!« Shannon stemmte die Hände in die Seiten. »Wenn er es am Ende selbst herausfindet, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt, das weißt du, wird er stinksauer auf dich sein. Auf uns beide. Und zwar zu recht.«

Ich warf ihr einen entschlossenen Blick zu. »Ich werde dich nicht ans Messer liefern. Niemand hätte je erfahren, dass du ein paar Jahre seinen Haushalt geführt hast, nachdem du von zu Hause weggelaufen warst, wenn du nicht so ehrlich gewesen wärst und es mir gesagt hättest. Und warum soll ich ihm davon erzählen? Das ist ewig her.« Shannons resigniertes »Henry.« ließ mich stumm seufzen. »Ja, ich weiß, aber ich werde es trotzdem nicht tun. Du bist meine Frau, wir haben uns zufällig beim Eis essen im Park kennengelernt, ich habe dich gegen einen Idioten in dieser Bar beschützt und dann haben wir geheiratet. Punkt. Aus. Ende. Ich habe die beiden Armbänder eingesteckt, die von dir im Haus waren. Es gibt also keine Spuren mehr, die darauf hindeuten, dass in den letzten Jahren jemand anderes als Burt selbst und zuletzt Wilhelmina dort waren, und sie ist weg, kann daher auch niemandem von dir erzählen. James muss das nicht wissen. Es hat mit seinen Ermittlungen doch ohnehin nichts zu tun, immerhin sucht er nicht Burts Mörder.«

Shannon stöhnte frustriert und setzte sich danach zu mir an den Esstisch. »Du bist so stur, Henry, und ja, ich bin dir mehr als dankbar, dass du nichts sagen willst, aber das könnte dich im schlimmsten Fall deinen Job kosten, falls Wilhelmina wieder auftaucht und es doch irgendwem erzählt. Wenn du es James jetzt sagst, wird die Polizei mich befragen und ...«

»Nein!«, brauste ich auf, was mir sofort wieder leidtat, denn Shannon zuckte heftig zusammen. »Entschuldige. Ich will dich doch nur beschützen.«

»Vor einer Befragung?«

Ich schürzte die Lippen, denn es ging mir nicht nur um das Verhör. Shannon war sensibel und ich wusste, wie Cops waren, wenn sie jemanden verdächtigten. Ja, okay, Shannon war keine Verdächtige und es gab auch keinerlei Grund, sie als solche zu behandeln, aber ich wollte trotzdem nicht, dass sie so großem Stress ausgesetzt wurde, nur weil sie früher mal eine Weile für Burt gekocht und das Haus geputzt hatte. Wir hatten doch alle Jobs hinter uns, an die wir uns nicht gerne erinnerten, und das tat Shannon definitiv nicht.

Burt mochte ihr nichts getan haben, im Gegensatz zu ihren Eltern, über die sie überhaupt nicht sprechen wollte, aber ich würde garantiert nicht freiwillig zu James gehen und ihm etwas in die Hand geben, das ihn dazu bringen würde, die Sache ganz offiziell an die ermittelnden Beamten zu melden, die dann sehr schnell bei uns die Tür klopfen würden, um sich mit Shannon zu unterhalten. Das würde viele alte Wunden wieder aufreißen und Shannon hatte auch so schon genug Probleme damit, einen normalen Alltag durchzustehen.

»Wenn rauskommt, dass du bei Burt gewohnt hast, wird das in Wilmington erstens gewaltige Wellen schlagen und zweitens wird man mir dann definitiv jede weitere Mitarbeit an dem Fall verweigern, da du involviert wärst und ich damit als befangen gelte. Willst du das wirklich? Nur weil du vor Jahren eine Weile für ihn geputzt und gekocht hast?«

»Nein«, gab Shannon zu und starrte auf die Tischplatte. »Ich will mein Leben vor dir einfach nur vergessen.« Sie atmete tief durch und sah mich an. »Doch was ich will, was wir wollen, ist egal. Du solltest James bei den Ermittlungen unterstützen, nicht ihm Dinge vorenthalten. Das ist einfach nicht richtig Henry.«

»Ich weiß«, sagte ich leise und griff über den Tisch hinweg nach ihrer Hand. Ihre Finger waren eiskalt, als ich sie vorsichtig umfasste, und das bestärkte mich nur in meiner Entscheidung. Ich suchte ihren Blick. »Erzähl es ihm nicht. Bitte, Shannon.«

Sie verdrehte die Augen. »Na schön, aber ich werde morgen eine Weile in die Stadt gehen, mich nach ihm umsehen und ihn zum Abendessen einladen.« Im nächsten Augenblick grinste sie mich frech an. »Ich muss doch wissen, ob dieser Mann auch gut genug für dich ist.«

»Shannon!«

Ich hielt sie fast, als sie sich lachend erheben wollte, und bei Shannons folgendem, fragenden Blick, war ich dann derjenige, der ihr ein Grinsen zuwarf, ehe ich in meine Hosentasche griff und eine Packung Haarklammern herausholte, die ich auf dem Heimweg schnell für sie besorgt hatte.

Shannon seufzte zufrieden und griff nach der Packung, als ich ihre Hand freigab. »Mit Schmetterlingen? Ach, Henry.«

»Du vergisst das doch nur wieder, und außerdem finde ich, dass Schmetterlinge dir sehr ähnlich sind.«

»Mir ähnlich?«, fragte sie verblüfft und ich nickte lächelnd.

»Ja. Sie sind zart, filigran, wunderschön und echte Kämpfer vom ersten Tag ihres Lebens an, immerhin müssen sie erst mal aus einem harten Kokon schlüpfen, bevor sie in die Welt starten können.« Ich strich ihr zärtlich lächelnd eine blonde Strähne aus der Stirn. »Du musstest auch viele Jahre lang kämpfen, bis wir uns trafen.«

»Du bist ein toller Mann, Henry.« Sie zog die erste Klammer aus der Packung und steckte sie sich ins Haar. »Und dein James weiß das hoffentlich auch bald zu würdigen, sonst suche ich dir einen anderen Ehemann.«

Ich blinzelte verdattert. »Was?«

Ich bekam keine Antwort, außer ihr heiteres Lachen, als sie aufstand, mir zuzwinkerte und anschließend die Küche verließ, um kurz darauf mit einem Beutel Kartoffeln in der Hand den Raum wieder zu betreten.

»Raus mit dir, Sheriff. Ich habe zu kochen und du brauchst dringend eine Dusche.«

»Soll das heißen, ich stinke?«, fragte ich empört, erhob mich aber gleichzeitig und nahm den Kakao mit, denn unsere Küche gehörte ihr, sobald sie entschied zu kochen, und ich wollte nicht Gefahr laufen, eine Kartoffel oder was auch immer an den Kopf geworfen zu bekommen.

»Im Gegenteil, du riechst wieder sehr männlich. Nach dem Parfum von deinem FBI-Agenten.«

»Er ist nicht mein Agent«, nörgelte ich auf dem Weg in den Flur und musste mir ein Stöhnen verkneifen, als Shannon in der Küche trocken »Noch nicht.« sagte, bevor sie anfing, lachend in dem Schrank mit den Töpfen und Pfannen zu kramen. »Das ist nicht komisch.«

»Für mich schon.«

Herrje.