Kaffee ins Herz


Leseprobe

Eine halbe Stunde später klopfte er zaghaft an den Rahmen der Küchentür und trat ein, nachdem Blake wortlos zum Tisch gedeutet hatte, auf dem eine Kanne und eine Tasse standen. Er bekam tatsächlich Kaffee. Unglaublich. Dabei hatte Dare damit gar nicht gerechnet und es war auch nur ein Scherz gewesen, um Blake zu ärgern. Allerdings würde er diese Einladung jetzt auch nicht ausschlagen.

»Danke«, sagte er, nachdem er sich eine Tasse eingegossen und an einem kleinen Küchentisch Platz genommen hatte, der seine besten Jahre hinter sich hatte. So wie alles hier, soweit er es sehen konnte. Und das erklärte auch, warum Lilly so wenig Spielzeug besaß. Die beiden waren arm.

»Officer Richards ...«

»Dare«, korrigierte er sofort, denn er wollte von Lillys Vater nicht länger nur als Polizist wahrgenommen werden. »Lilly ist übrigens echt gut.« Sein Glatzkopf, der sich um den Abwasch kümmerte, sah fragend über die Schulter zu ihm. »Ihre Bilder. Ich habe mir ihre Zeichnungen angeschaut. Sie hat Talent.«

»Sie liebt es zu malen.« Blake wandte sich ab. »Sie hat bald Geburtstag. Ich werde für Nachschub sorgen müssen.«

Dare verkniff sich jeden Kommentar, obwohl er die Worte zwischen den Worten sehr wohl verstanden hatte. Blake fehlte das Geld für die Geschenke, die er seiner Tochter gern gemacht hätte, und auch wenn er dafür wahrscheinlich in Teufels Küche kam, Dare fehlte es nicht. Er ging im Kopf kurz die Akte durch, in der natürlich auch Lillys Daten gestanden hatten. Juni. Ein Sommerkind. Dass dieses Jahr definitiv noch einige Geschenke extra erhalten würde.

»Was ist heute passiert?«, fragte Blake auf einmal und Dare sah ihn merklich irritiert an, besser gesagt, er starrte auf dessen Rückansicht, da sein Glatzkopf immer noch mit dem Abwasch beschäftigt war. »Du benimmst dich seltsam. Total zugeknöpft. Obwohl du die ganze Zeit versuchst, es zu überspielen.«

Verfluchte Hölle, woher wusste Blake das? Nein, bloß nicht darauf reagieren, sonst war er geliefert. Dare zuckte lässig die Schultern und trank einen Schluck Kaffee, bevor er antwortete. »Ich bin wie immer.«

Blake drehte sich zu ihm um, griff nach einem Geschirrtuch und betrachtete ihn dabei genau. Dann schüttelte er den Kopf, nahm sich den ersten Teller vom Abtropfgitter und fing an ihn abzutrocknen. »Nein, bist du nicht.«

»Was bist du? Hobbypsychologe?«, ging Dare auf Abwehr, genauso wie Blake es auf dem Polizeirevier gemacht hatte. Das wurde ihm aber erst bewusst, als Blake nichts sagte, sondern in aller Seelenruhe das restliche Geschirr abtrocknete und in die entsprechenden Schränke und Schubladen räumte. Wo er jetzt schon auf die Barrikaden gegangen wäre, so wie er es Dienstag im Verhörraum gemacht hatte, wartete Blake einfach ruhig ab, und das funktionierte leider dermaßen gut, dass Dare am Ende in sich zusammensackte. »Entschuldige.«

»Was ist passiert?«, fragte Blake erneut und das ehrliche Interesse in der rauen Stimme ließ Dare nachgeben.

»Eins meiner Kids ist vor zwei Nächten gestorben.«

Blake wurde käseweiß. »Oh mein Gott.«

Dare blinzelte verwundert, dann begriff er, wie Blake seine Worte verstanden haben musste und schüttelte eilig den Kopf. »Nicht so. Ich … Sie war nicht wirklich mein Kind. Ich nenne die Kids immer nur so, weil ich auf den Straßen seit Jahren auf sie aufpasse und mich um sie kümmere. Sie haben niemanden sonst, verstehst du? Und Teresa ist … war … Ich dachte, wenn ich lange genug warte, vertraut sie mir irgendwann genug, um der Straße den Rücken zu kehren … Jetzt ist sie tot. Erfroren. Weil viele von ihnen nicht in die Notunterkünfte gehen, die die Stadt zur Verfügung stellt. Sie haben zu viel Angst. Ich habe sie gefunden … Sie hatte rote Haare. Feuermelder, habe ich sie ab und zu aus Spaß genannt. Teresa fand es lustig …« Dare schob die Kaffeetasse von sich, weil ihm auf einmal übel war. »Ihre Haut war eiskalt und ich habe mich noch gewundert, warum ihre Lippen so blau sind … Ich bekomme ihren Anblick einfach nicht mehr aus dem Kopf.«

»Dare«, murmelte Blake hörbar schockiert und im nächsten Moment wurde er vom Stuhl auf die Füße und in zwei kräftige Arme gezogen. »Teresa war dein Kind. Auch wenn du sie nicht selbst gezeugt hast, hast du dieses Mädchen sehr geliebt, sonst würde dir ihr Tod nicht so nahe gehen.«

Dare wollte es nicht, wirklich nicht. Er wollte professionell bleiben, den nötigen Abstand wahren, so wie er es sonst immer tat, aber es funktionierte einfach nicht. Nicht dieses Mal. Nicht bei Teresa. Dare brach in Tränen aus.

»Siebzehn Jahre. Sie hatte so viele Träume, Blake. Wie jeder Teenager. Sie wusste nur zu gut, wie verlogen und scheiße die Welt sein kann, aber sie hatte trotzdem noch Träume. Ich hätte sie ihr alle erfüllt, jeden einzelnen. Wenn sie mich nur gelassen hätte.«

»Es tut mir so leid, Dare«, flüsterte Blake und hielt ihn fest, während Dare vor lauter Tränen nichts mehr sehen konnte und sich an Blake festkrallte, als wäre der alles, was ihn überhaupt noch aufrecht hielt.

Und genau so war es ja auch. Wann hatte er eigentlich zum letzten Mal über eins seiner Kids geweint? Teresa war nicht die erste, die er für immer verlor, aber entweder wurde er weich auf seine alten Tage oder Blake hatte recht und sie hatte ihm wirklich mehr bedeutet als die anderen Kids. Was absolut nicht gut war, denn wenn er aufhörte, den nötigen Abstand zu ihnen zu wahren, würde er früher oder später jede Objektivität in der Arbeit verlieren und die war überlebenswichtig.

Genauso wie dieser heiße Mund, auf den er plötzlich seine Lippen presste und der ihn ohne zu zögern zurück küsste, bis Dare heiser stöhnte, weil eine Zunge zärtlich über seine Lippen glitt und um Einlass bat, den er ihr nur zu gerne gab und sich in den Kuss fallen ließ, bis er um Luft ringen musste.

»Schokolade«, flüsterte Blake und Dare fiel ein, dass er auf dem Weg hierher einen Schokoriegel gegessen hatte, weil das Mittagessen wieder mal ausgefallen war. Im nächsten Moment fiel ihm auf, wie weich Blakes Lippen waren und wie hart sein Körper sich gegen ihn presste.

Er zuckte hastig zurück. »Scheiße. Tut mir leid. Ich wollte nicht … Also ich wollte schon … Aber du … Wir ...«

»Macht sich nicht gut in deiner Akte mit einem Ex-Knacki rumzumachen, oder?«

»Was? Nein!« Dare fluchte unwirsch und sah Blake finster an. Die Scham über ihren Kuss und dass er beinahe über Blake hergefallen war, nachdem er eben Lilly etwas vorgelesen hatte, die nur ein paar Meter weiter schlief, und dann wie ein kleines Baby in Blakes Armen geheult hatte, war vergessen. »Mir ist scheißegal, dass du im Knast warst. Aber deine Tochter schläft nebenan, ich heule dir erst das T-Shirt voll und falle dann über dich her wie ein ...«

»Hat sich gut angefühlt.«

Dare stockte verdattert. »Was?«

»So überfallen zu werden. Hat sich gut angefühlt.«

Meinte Blake das ernst? Dare war sich nicht sicher. »Wenn das ein blöder Scherz von dir sein soll, werde ich … Hmpf.«

Okay, es war definitiv kein Scherz, denn jetzt war plötzlich er derjenige, der überfallen wurde, und zwar von einem knapp 1,90m großen Kerl mit Muskeln an den richtigen Stellen, rauen Händen, die ordentlich zupacken konnten, und Lippen, die er zu gern auf seinem willigen Schwanz gefühlt hätte.

Aber so weit würde er definitiv nicht gehen, auch wenn der Schwellkörper eine Etage tiefer der Meinung war, dass das die beste Idee überhaupt gewesen wäre. Trotzdem. Nein. Lilly war nebenan, was das Ganze so unpassend wie sonst was machte, und er hatte seit Tagen nur Teresa im Kopf. Zudem galt Blake immer noch als Verdächtiger wegen des Diebesguts, obwohl sein Vater eine Freilassung ohne Kaution erreicht hatte und die Innere Abteilung an diesem Fall genug Interesse hat, um Dare klarzumachen, dass er einen oder mehrere Kollegen hatte, die korrupt waren. Wie das Ganze ausging, würde sich erst zeigen müssen, aber Dare war lang genug Polizist, um zu wissen, wie das aussah, wenn er etwas mit einem Verdächtigen anfing.

Er löste sich unwillig von Blakes Lippen und zog ihn dabei mit dem Kopf ein Stück zu sich, bis er seine Stirn gegen Blakes lehnen konnte. Hinterher atmete er ein paar Mal tief durch und leckte sich über die Lippen, die nach dem Mann schmeckten, der ihn eben geküsst hatte, als ginge gleich die Welt unter.

»Ich will das hier«, sagte er ehrlich und stieß anschließend frustriert die Luft aus. »Aber es geht nicht.«

»Weil wir sind, wer wir nun mal sind?«

»Ja.« Dare löste sich entschlossen von Blake und trat einen Schritt zurück, um ihn anschauen zu können. »Mein Dad wird dich raushauen.«

»Du glaubst wirklich daran, nicht wahr?«, fragte Blake und das erinnerte Dare umgehend wieder daran, wie negativ Lillys Vater eingestellt war, sobald es darum ging, anderen Menschen zu vertrauen.

Er trat wieder auf Blake zu und packte ihn am Hosenbund. »Ja, ich glaube daran, Blake Hartley, weil ich weiß, wer mein Vater ist. Wenn Maximilian Endercott sagt, er sorgt dafür, dass die Anklage gegen dich fallengelassen wird, dann sorgt er auch dafür. Du wirst Lilly nicht verlieren.«

»Dare ...«, fing Blake an, aber Dare schüttelte den Kopf.

»Nein. Es wird so kommen, basta. Und sobald es soweit ist, werde ich wieder vor deiner Tür stehen.« Dare stockte, als er begriff, was er gerade gesagt hatte.

»Um Lilly vorzulesen?«, fragte Blake trocken und riss ihn damit aus seinem beginnenden Gedankenkarussell, dass er das wieder zurücknehmen musste, weil es nicht richtig war, ganz egal, ob er es wollte oder nicht und überhaupt.

Moment, was?

Dare konnte nicht verhindern, dass er im ersten Moment schauderte, weil die kleine Lady eine sehr kritische Zuhörerin gewesen war und er laut ihr kein guter Vorleser. Eingeschlafen war sie am Ende trotzdem, nachdem sie ihm erklärt hatte, mit ein bisschen Übung würde er im Vorlesen garantiert genauso gut werden wie ihr Daddy.

Blake grinste ihn amüsiert an. »Lass mich raten, sie hat dich platt gemacht und dir erklärt, wie schlecht du bist?«

Dare schnaubte. »Hat sie nicht.«

»Du gibst auf, oder?«, stichelte Blake und gluckste, als Dare ihn böse ansah. »Ich wusste es. Feigling.«

Und das würde er nicht auf sich sitzen lassen. »Also schön. Ich werde ihr weiter vorlesen und mich dabei wahrscheinlich wieder wie der letzte Blödmann anstellen. Aber nur wenn du für mich kochst.« Sein Magen knurrte passend dazu und Dare grinste schief, als Blake fragend die Brauen hob. »Hatte keine Zeit fürs Mittag- geschweige denn Abendessen.«

Sein Glatzkopf löste sich nickend von ihm und trat an den Kühlschrank. »Setz dich.«

Dare blinzelte überrumpelt. »Äh, ich sollte eigentlich ...«

Die Beine in die Hand nehmen und weglaufen, aber er kam nicht mal aus der Küche raus, weil ihn Blakes unwirscher Blick traf, bevor der resolut »Jetzt!« sagte. Dare schürzte die Lippen, unsicher was er von dem herrischen Tonfall halten sollte, aber als Blake daraufhin ein finsteres Gesicht zog, entschied er, sich zu setzen und einfach abzuwarten, wohin ihn dieser seltsame Abend noch führen würde.