Herz aus Feuer


Leseprobe

»Erzähl mir, was in der Nacht passiert ist, als du das Labor in Brand gesteckt hast.«

Ich habe bis nach dem Abendessen gewartet, weil ich Alex' die gute Laune nicht ruinieren wollte, nachdem er wieder mal Bubbles ärgern musste, trotzdem zuckt er nach meiner Frage heftig zusammen und fährt zu mir herum, um mich schockiert anzusehen.

»Nein!«

Ich geselle mich zu ihm ans Ufer, denn seit wir während der Hitzewelle hier übernachtet haben, ist er abends gerne am See und schaut zu, wie der Mond und die Sterne am Himmel leuchten. Er mag die Ruhe und Stille draußen, und ich glaube, beides beruhigt ihn auch. Nur leider nicht genug, weil ich, als ich seine Hand sanft umfasse und seine Finger aufmunternd drücke, bereits wieder den rötlichen Schimmer in seinen Iriden sehen kann.

Sein Hand zittert jetzt so sehr, dass ich Angst bekomme, ihn gleich in Flammen aufgehen zu sehen. »Ich will dich mit dieser Frage nicht quälen, Alex, aber ich glaube, es würde uns helfen, das Ganze besser zu verstehen. Alles, was wir haben, ist deine Erinnerung und dieses Buch mit einer Geschichte. Wir können ja schlecht im Internet nach Informationen suchen. Ganz davon zu schweigen, dass es keine gibt, weil du eben einzigartig bist, würde es vielleicht die falsche Aufmerksamkeit erregen.«

Alex begreift sofort. »Die Army«, flüstert er und ich nicke.

»Du hast mir erzählt, dass sie alle tot sind, und das macht es leichter für uns, dich bei mir zu verstecken, aber wenn wir auf irgendeine Weise ihre Aufmerksamkeit erregen, könnte es damit schnell vorbei sein, verstehst du?« Und wie er versteht, so blass, wie er nach meinen Worten wird. »Darum auch meine Bitte, Alex. Erzähl mir von der Nacht. Von dem Soldaten, den du erwähnt hast. Ich weiß nicht, ob es etwas bringt, aber allein schon, um einen Weg zu finden, das Feuer in dir etwas besser zu verstehen … Es ist einen Versuch wert.«

»Ich habe sie alle umgebracht.«

»Nein, nicht du«, widerspreche ich ihm, denn er gibt sich die Schuld an etwas, für das er überhaupt nichts kann. »Es war das Feuer in dir. Das du nie wolltest und dass sie trotzdem mit ihren Experimenten erschaffen haben. Sie haben dich nicht um Erlaubnis gefragt, sie haben es einfach getan und dich am Ende sogar gequält, weil du nicht so funktioniert hast, wie sie das gerne gehabt hätten.« Mir kommt ein Gedanke. »Das Feuer hat dich schlussendlich beschützt, indem es ausbrach und sie alle tötete. Wer weiß, was sie dir sonst noch angetan hätten.«

Vor der Seite hat er das bislang nie gesehen, sein merklich verwunderter Blick spricht ganze Bände. »Aber … Hm.«

»Bitte erzähl mir, was passiert ist.«

Es dauert einige Zeit, die wir schweigend am Ufer stehen und ich weiter seine Hand halte, damit er weiß, dass ich da bin und ihm zuhöre, bis Alex schließlich anfängt zu reden. Zuerst so leise, dass ich ihn kaum verstehe, aber nach und nach fängt er sich und seine Stimme wird fester, während er von immer neuen Tests und Untersuchungen erzählt, von den Räumen im Keller, die für Versuche genutzt worden sind, von komischen Laborgeräten, vielen Computern, Tischen, auf denen man ihn regelmäßig festgeschnallt hat und dann von einem Soldaten im letzten Jahr, der ihn eines Tages ansprach. Er erzählt von dem Plan, den sie heimlich entwickelten und der fast ausgereift war, bis man sie zwei Tage vor ihrer geplanten Flucht erwischte.

Danach herrscht erst mal wieder Stille und ich ahne, dass er sich wappnet, um mir das Schlimmste zu erzählen, und genau so kommt es dann auch, als sein Vater von ihm verlangte, den Soldaten zu töten, weil der sie ausspioniert hätte und sein Tod die einzig gerechte Strafe wäre.

Aber Alex hat es nicht über sich gebracht und darüber ist er mit seinem Vater in Streit geraten, bis am Ende ein böses Wort das andere gab und Alex schlussendlich die Kontrolle verlor.

Er sagt mir, dass er sich nicht mehr an alle Details erinnern kann, was ich ihm nicht glaube, aber für heute reicht es, denn das Rot in seinen Augen ist in den letzten Minuten verdächtig dunkler geworden und noch immer scheint er selbst das nicht einmal zu bemerken.

Es wird Zeit, das Thema auf etwas anderes zu lenken. »Der Soldat, der dir helfen wollte«, beginne ich, als er durchatmet, »hast du ihm geglaubt, was er dir erzählt hat?«

»Er hat die Wahrheit über dich gesagt.«

Ich schüttle den Kopf, denn das meine ich nicht. »Das war nicht meine Frage. Hast du ihm wirklich geglaubt?« Irgendwie bezweifle ich das nämlich, wie er von dem Mann erzählt hat, aber vielleicht bilde ich mir das auch ein. »Ich meine, warst du dir sicher, dass er dir helfen wollte?«

Alex überlegt eine Weile und zuckt am Ende ratlos mit den Schultern. »Ich wollte nur da weg. Ich hätte alles geglaubt und er hat mir über dich die Wahrheit gesagt. Er hat mir sogar Geld gegeben, damit ich herkommen konnte.«

So komme ich nicht weiter. »Hast du ihm vertraut?«, frage ich daher und hole weiter aus, als er die Stirn runzelt. »Stell ihn in deiner Vorstellung neben mich und dann frag dich, hast du diesem Mann so vertraut wie mir, denn du bist hergekommen, obwohl du Angst hattest, wie ich reagieren würde. Du hast mir trotzdem weit genug vertraut, um bei mir zu bleiben, obwohl wir uns eigentlich gar nicht kannten. Hättest du ihm genauso vertraut? Wärst du bei ihm geblieben, hätte euer Plan mit der Flucht geklappt?«

»Nein.« Alex stutzt und sieht mich fragend an. »Aber … Ich verstehe das nicht.«

Ich schon, darum nicke ich. »Instinkt. Jeder Mensch hat ihn, der eine mehr, der andere weniger. Ich weiß, dass ich Sheriff Drumwell vertrauen kann, obwohl ich ihn kaum kenne, könnte dir aber nicht erklären, woher ich das weiß. Und aus diesem Grund wusstest du auch, dass du mir vertrauen kannst. Dieser Soldat hingegen, obwohl er dir geholfen und dir auch wichtige Informationen gegeben hat, du hast instinktiv gespürt, dass du vorsichtig sein musst.« Ich schürze nachdenklich die Lippen. »Vielleicht hat er für ein anderes Land spioniert, das ähnliche Versuche macht. Von solchen Dingen hört man doch ständig in den Nachrichten, dass Länder sich gegenseitig bespitzeln und Industriespionage in großem Stil betreiben. Und jemand wie du wäre unbezahlbar für viele Regierungen und Despoten. Ich wette, dass es Länder gibt, die alles dafür tun und jeden Preis zahlen würden, um dich in ihre Finger zu kriegen. Angefangen bei unserem Militär.«

Wenn ich recht habe, wenn dieser Soldat ein Industriespion war, dann können wir garantiert davon ausgehen, dass unsere Regierung und das Militär längst auf der Suche nach Alex sind, und das bedeutet, wir müssen uns weiterhin sehr bedeckt und im Hintergrund halten. Keine Kreditkarten auf seinen Namen, kein Handy mit Vertrag, kein Führerschein, kein Facebook und all der andere Kram, der im Internet populär ist.

Bargeld ist das einzig Wahre, nach der Devise lebe ich seit Jahren, und jetzt, mit Alex bei mir, werde ich darauf noch mehr achten, als ohnehin schon. Und ich werde auch das Kaufen im Internet einschränken, nur für alle Fälle. Ich glaube zwar nicht, dass sie meinen Namen nach all den Jahren immer noch auf dem Radar haben, schließlich war ich nur als Reinigungskraft dort, aber sicher ist sicher. Melina wird sich über mehr Umsatz garantiert freuen, außerdem kann man bei ihr alles bestellen, was man im täglichen Leben braucht.

Alex seufzt resigniert und reißt mich dadurch aus meinen Überlegungen. Ich sehe ihn fragend an. »Was ist los?«

»Ich werde nie wirklich sicher sein, oder?«

Ich könnte ihn anlügen und genau das will er, es steht ihm ins Gesicht geschrieben, aber das bringt keinen von uns weiter und es ist auch nicht meine Art. Wir müssen vorbereitet sein, und zwar immer. Für den Rest seines Lebens.

»Nein, wirst du nicht«, sage ich daher ehrlich und ziehe ihn an mich, damit ich ihn umarmen kann, und Alex schmiegt sich sofort an mich und atmet erleichtert aus. »Wir machen einfach das Beste daraus. Notfalls haben wir Bargeld, genug zu essen und ein Auto, um schnell zu verschwinden. Es ist nicht perfekt, aber es ist besser als gar nichts. Wir halten uns bedeckt, fallen nicht auf und sorgen dafür, dass du möglichst nicht auf einem Foto, in einer Zeitung oder sonst wo in den Medien auftauchst. Man kann niemanden finden, der keinerlei Spuren hinterlässt, also werden wir dafür sorgen, dass du eben diese Spuren nicht hinterlässt. Nirgendwo. Das bedeutet für dich keine offiziellen Papiere, keine Kreditkarten, kein gar nichts.« Während ich das aufzähle, fällt mir etwas ein. »Vielleicht können wir, also eines Tages, meine ich, darüber nachdenken, Sam einzuweihen. Ihm zu vertrauen.« Alex sieht erschrickt zu mir hoch, woraufhin ich sofort den Kopf schüttle. »Nicht heute, morgen oder in diesem Jahr mehr, aber die Option sollten wir uns zumindest vorläufig offen halten. Du hast ihm das Leben gerettet, das wird er nicht vergessen, und möglicherweise kann uns das eines Tages noch mal von Nutzen sein.«

Alex denkt darüber nach und schlussendlich nickt er, wenn auch nur mir zuliebe, was mich heiter glucksen lässt und ihm ein schiefes Grinsen entlockt, bevor er sich von mir löst und die letzten Schritte bis zum Ufer überbrückt.

»Ich möchte Schwimmen lernen«, sagt er nach einiger Zeit, die ich ihn abwartend beobachte. »Wir könnten hier einen Steg bauen, von dem aus man direkt ins Wasser springen kann.« Er kichert. »Ich könnte Bubbles reinwerfen.«

»Du legst es wirklich darauf an, dass er dir ins Bett kackt, oder?«, kontere ich und muss grinsen, als Alex lacht.

»Ich würde irgendwann gerne Autofahren können. Ich will kein Auto haben, aber …« Er bricht ab und sieht zu mir. »Wenn sie uns eines Tages finden und du verletzt wirst, will ich dafür sorgen können, dass wir eine Chance haben abzuhauen.«

Da hat er nicht unrecht. Ich nicke. »Ich bringe es dir bei.«

Alex ist zufrieden und guckt wieder auf den See. »Ich hätte gerne irgendwann einen Hund. Tante Alice hatte einen, als ich ganz klein war, ich kann mich kaum an ihn erinnern, aber ich weiß, dass er mich geliebt hat. Er durfte eine Weile in meinem Bett schlafen und ich habe ...« Er verstummt und zuckt mit den Schultern. »Ich hätte einfach gern wieder einen. Vielleicht hört Bubbles dann auf, eifersüchtig auf mich zu sein.«

Ich schmunzle und gehe zu ihm. »Du glaubst wirklich, dass er eifersüchtig ist, oder?«

»Es stand auf der Webseite«, antwortet er schlicht und das erinnert mich wieder daran, dass er sich vor ein paar Tagen in Bezug auf Bubbles schlau gemacht hat, da wir uns mittlerweile doch ziemlich wundern, dass der Rabe keine Anstalten macht, wegzufliegen. Aber offenbar kann das durchaus vorkommen, dass diese Tiere richtig zutraulich werden oder sich sogar auf einen Menschen prägen.

Abwarten und Tee trinken, sage ich dazu nur, denn mit der Zeit wird es Bubbles sich garantiert ein Weibchen suchen und aus dem Staub machen. So lange kann er gerne weiter in seiner Kiste übernachten und mir auf die Nerven gehen, wenn er mal wieder Hunger hat, aber zu faul ist, sich selbst etwas zu fressen zu suchen. Er ist beizeiten eine echte Nervensäge, aber ich mag den frechen Federwisch viel zu sehr, um mich großartig daran zu stören. Außerdem ist er ein echt schöner Anblick mit diesem glänzenden, schwarzen Fell und den dunklen Knopfaugen.

Allerdings gibt es hier noch einen schönen Anblick, obwohl der nicht mit Federn dienen kann. Dafür hat er aber zumindest auch schwarze Haare und umwerfend blaue Augen. Von dem Rest von ihm gar nicht zu reden. Zierlich gebaut, schlank, etwa eine Handbreit kleiner als ich, und durch die Arbeit im Garten hat er an den richtigen Stellen Muskeln entwickelt und ist nach einem langen Tag längst nicht mehr derart fix und fertig, wie er es in den ersten Wochen war. Dazu dieser Hintern …

Und ich sollte besser aufhören, so über Alex zu denken.

Ich bin mir nicht mal sicher, wieso ich es seit ein paar Tagen tue. Er ist zwar nicht der erste Mann, über den ich so denke, er ist allerdings definitiv der Jüngste, und überhaupt, ich hatte so lange keine Affäre beziehungsweise Beziehung mehr, dass ich gar nicht mehr weiß, wie das geht.

Herrgott, ich hatte seit Ewigkeit keinen Sex mehr, nicht mal mit mir selbst. Meine Libido ist zwar grundsätzlich vorhanden, aber ich bin gut darin geworden, meine Morgenlatte einfach zu ignorieren, sodass mein Körper es irgendwann eingesehen hat und mich seither kaum noch damit belästigt.

Es gibt ja wohl wichtigere Dinge im Leben als Sex.

Alex zum Beispiel, der mir zwar vorhin einiges erzählt hat, doch mir ist nicht entgangen, dass er dabei Dinge ausgelassen oder elegant umschifft hat, und darum gehe ich um ihn herum und ergreife ein weiteres Mal seine Hand. Die Art und Weise, wie er daraufhin beide Schultern hochzieht und meinem Blick ausweicht – er ahnt garantiert, was ich vorhabe, und es tut mir auch leid, weil ich ihm einerseits wirklich nicht wehtun will, aber andererseits keine andere Wahl habe.

Wir müssen darüber reden.

Und zwar jetzt.

»Alex ...« Er schüttelt heftig den Kopf, doch das wird mich nicht stoppen. Ich lege eine Hand unter sein Kinn und bringe ihn mit sanftem Druck dazu, mich anzusehen. »Bitte erzähl mir von den Experimenten, die sie mit dir gemacht haben.«

Meine Bitte löst einen derartig großen Widerwillen in Alex aus, dass seine Augen abrupt tiefrot werden, doch ich bleibe an Ort und Stelle stehen, rücke keinen Millimeter von ihm ab, und meine Nähe hilft ihm schließlich, sich wieder zu beruhigen, bis seine Pupillen zu ihrer dunkelblauen Farbe zurückkehren und das Weiße um sie herum aussieht wie zuvor.

Und diese Reaktion bestärkt mich nur in einer neuen Idee, die ich vor kurzem hatte, denn obwohl es für Alex anfangs so aussah, glaube ich nicht länger daran, dass Wut der alleinige Auslöser für das Feuer ist. Ich vermute viel eher, dass es wie in diesem Buch ist, das wir gelesen haben. Sein Vater und diese Wissenschaftler haben in dem Labor jahrelang und vermutlich mit der Zeit auf immer bösartigere Weise versucht, das Feuer aus ihm hervorzulocken, doch Alex hat dagegen gekämpft. Er hat sich geweigert und gegengehalten, über viele Jahre hinweg, bis der Druck am Ende so groß war, dass es nicht mehr ging.

Und als sie dann verlangten, dass er diesen Soldaten tötet, der, aus welchem Beweggrund auch immer, versucht hat, ihm zu helfen, ist das sprichwörtliche Fass übergelaufen.

Statt Alex zu helfen, in kleinen Schritten die Kontrolle über seine Kräfte zu finden, so wie man einem Kind in der Schule hilft, Neues zu begreifen, wollten diese Wahnsinnigen alles auf einmal und haben damit ihr eigenes Todesurteil unterzeichnet. Und zurück blieb ein Junge, der nicht versteht, was er ist und der solche Angst vor sich selbst hat, vor dem, was er in einem Anfall von Zorn tun könnte, dass es fast unmöglich sein dürfte, ihn dazu zu bringen, wieder das kleine Kind zu werden, dass er unbedingt sein muss, wenn er jemals die Kontrolle über sich selbst haben will.

Aber vielleicht klappt es ja doch.

Wie in diesem Buch.

Okay, es ist nur eine erfundene Geschichte, aber wir haben leider nicht mehr als das, und im schlimmsten Fall legt er eben mein Haus und mich in Schutt und Asche. Das ist immer noch besser, als ständig auf der Flucht zu sein, immer in Angst und voller Anspannung zu leben, und das Feuer dann irgendwann in einem vollbesetzten Bus oder in einer Großstadt ausbrechen zu lassen. Ich bin nur einer, das wären Millionen, je nachdem, wie stark das Feuer in seinem Inneren ist. Aber wenn ich da an diesen Ascheregen denke – ich muss es versuchen.

Damals bin ich weggelaufen.

Noch mal tue ich das nicht, denn Alex braucht mich heute dringender denn je.