Der Gesang der Klippen


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Prolog


Er würde heute sterben.

Ertränkt von einem Fabelwesen, das es eigentlich gar nicht geben dürfte und das Aaron dennoch in genau dieser Sekunde erbarmungslos unter Wasser zog.

Er wehrte sich oder versuchte es zumindest, denn die Kälte des Wassers machte ihn langsam und mit jeder Sekunde fühlte er seinen Körper weniger. Eine an sich schöne Abwechslung zu den andauernden Schmerzen, die er sonst fühlte, sobald er am Morgen die Augen aufschlug. Aaron sah den hell leuchtenden Mond oberhalb der Wasseroberfläche, der sich rasch entfernte, und er fühlte sich seltsam teilnahmslos, während ihm langsam die Luft ausging und er im starken Griff seines Mörders hing, von dem er eigentlich geglaubt oder möglicherweise doch eher gehofft hatte, dass der ihm wohlgesonnen war.

Ein wahrhaftiger Meermann, der sich als männliche Sirene entpuppte, der ihn so lange mit seinem tiefen Gesang verführt hatte, bis Aaron dumm genug gewesen war, auf die rutschigen Felsen am Ufer zu klettern, um ihm näher sein zu können.

Seine Lungen begannen zu protestieren und der wachsende Druck auf seine Brust wurde schließlich so unangenehm, dass er nicht mehr gegen den Instinkt zu atmen ankämpfen konnte. Aarons Körper zuckte und krümmte sich, während er begann zu ertrinken, und trotzdem schien er geistig weiterhin voll auf der Höhe zu sein, denn noch immer starrten seine Augen zur Wasseroberfläche hinauf, wo der Mond mittlerweile nur noch eine kleine Kugel war, deren mattes Licht silbrig glänzte.

Vertrau mir, Aaron, es wird dir guttun.

Nie wieder würde er Peter vertrauen. Nie mehr auf seinen Agenten und längst auch guten Freund hören, der von Beginn an an ihn geglaubt und seine oftmals recht düsteren Fantasy-Geschichten zwischen Buchdeckel hatte pressen lassen, damit sie Millionen Leser in aller Welt erreichen konnten.

Er hätte zu Hause bleiben sollen, statt sich von Peter an die Küste schleppen zu lassen. An diese rauen, scharfkantigen und zugleich grandiosen Klippen, um ein neues Leben für sich zu finden. Stattdessen hatte er hier draußen, in der Einsamkeit der schroffen Küste, lebendige Meermänner entdeckt, einem ihrer Kinder das Leben gerettet und würde jetzt, zum Dank dafür, von ihnen getötet werden.


1


Drei Monate zuvor …

Sein Körper war ein Wrack.

Das einzig Gute daran war die Tatsache, dass er immerhin noch einen vollständigen Körper besaß.

Sein One-Night-Stand auf dem Beifahrersitz hatte nicht so viel Glück gehabt, als der betrunkene Fahrer des vollbeladenen Tanklasters die rote Ampel ignoriert und auf der Kreuzung in seinen Wagen gekracht war und dem armen Mann dabei einen kompletten Arm, das halbe Gesicht und später auch sein Leben genommen hatte. Aaron hatte es nur dem beherzten Eingreifen der Besatzung einer zufällig vorbeifahrenden Polizeistreife zu verdanken, dass sein Begleiter und er nicht im Auto verbrannt waren, so wie es dem Lastwagenfahrer ergangen war.

Doch davon hatte Aaron erst erfahren, als er sechs Wochen später im Krankenhaus aus dem Koma geholt worden war.

Elf, teilweise mehrfach gebrochene Knochen, drei verletzte Organe, achtundsiebzig kleine und große Schnittwunden von verbogenen oder gebrochenen Autoteilen, verteilt von Kopf bis Fuß und zweihundertacht Stiche, um seinen Körper von einem blutenden Stück Fleisch wieder zurück in einen Menschen zu verwandeln, den man auch als solchen erkannte.

Nun ja, über letzteres konnte man streiten, denn Aaron war immer noch nicht dazu in der Lage, dieses fremde Gesicht, das ihm seither aus dem Spiegel entgegenblickte, mit dem Gesicht in Verbindung zu bringen, das er von früher kannte. Er machte den Schönheitschirurgen deswegen keine Vorwürfe, immerhin war es ihrer Kunstfertigkeit zu verdanken, dass er wenigstens wieder ein Gesicht hatte, in dem alles so funktionierte, wie es funktionieren sollte. Dass es dem Foto des Schriftstellers Aaron Kingston auf den Rückseiten all seiner Bücher nur noch wage ähnelte – geschenkt.

Andererseits hatte es auch einige Vorteile, nicht länger auf den ersten Blick vor jedermann erkannt zu werden, denn dank seines neuen Gesichts war es Peter Mason, seinem langjährigen Agenten und zudem guten Freund, ohne Probleme gelungen, ihn erst in einen privat angemieteten Jet und danach, mithilfe eines unauffälligen Mietwagens, hier raus ins sprichwörtliche Nirgendwo zu bringen.

Selbigen steuerte Peter jetzt vorsichtig über eine Straße, die kaum mehr war als ein unebener Pfad voller Schlaglöcher, aber damit passte sie sich hervorragend an die Umgebung an, denn es schien hier nichts weiter zu geben außer Felsen, Gras, dichte graue Wolken und Einsamkeit. Und diese grandiosen Klippen, die er schon beim Landeanflug entdeckt hatte und bei nächster Gelegenheit genauer ansehen wollte.

»Vertrau mir, Aaron, es wird dir guttun. Du musst mal für eine Weile aus der Stadt raus. Die Paparazzi geben keine Ruhe und genau die brauchst du, um dich zu erholen. Ich habe ein Ferienhaus an der Ostküste. Familienbesitz. Ich lasse es in Schuss setzen und sobald es bewohnbar ist, fliegen wir rüber. Du machst dich einfach eine Weile rar und verbringst den Winter an der Ostküste.«

Aaron erinnerte sich gut an ihr erstes Gespräch deswegen, denn er hatte nicht das geringste Interesse daran gehabt, sich von der Wärme Kaliforniens zu trennen, um irgendwo drüben im Osten unter meterhohem Schnee und harten Winterstürmen begraben zu werden. Doch die wachsende Schar an Paparazzi, die ihm mittlerweile auf Schritt und Tritt folgten, sobald er sein Haus verließ, nachdem er durch den Unfall ungewollt geoutet worden war, hatten Aarons Meinung schließlich geändert und hier war er nun.

»Wir sind bald da. Es ist ein kleines Häuschen in der Nähe eines Leuchtturms, der voll automatisch läuft. Bis ins nächste Dorf sind es nur ein paar Minuten Fußweg ...« Peter brach ab, sah kurz auf sein Bein und räusperte sich. »Zum Haus gehört auch der uralte Pick-up meines Großvaters. Ich kümmere mich darum, dass er fahrbereit ist, ehe ich zurückfliege. Dann kannst du ihn zum Einkaufen nutzen, bis dein Bein belastbarer ist.«

»Was es nie mehr sein wird.«

»Das weißt du nicht, Aaron.« Peter seufzte, als er daraufhin schwieg. »Ich kenne die Prognose, vergiss das nicht. Es besteht sehr wohl die Chance, dass es besser wird. Aber auch wenn du immer auf den Gehstock angewiesen sein solltest, scheiß drauf. Du lebst, Aaron. Das ist alles, was mir wichtig ist.«

Wie schön, dass Peter sein Leben so wichtig war, ihn selbst interessierte es derzeit nicht im Geringsten. Was war denn bitte an einem Leben noch lebenswert, wenn er ohne Schmerzmittel nicht mehr durch den Tag kam und ihm im Spiegel ein fremder Typ mit tausend Narben entgegen starrte.

»Soll ich Isabell Bescheid geben, wo du bist?«, fragte Peter leise und Aaron konnte sich im letzten Moment ein abfälliges Geräusch verkneifen.

»Wozu?«

Peter seufzte. »Weil sie deine kleine Schwester ist?«

»Dir mir noch im Krankenhaus höflicherweise ausrichten ließ, dass sie kein Interesse daran hat, ihren Schwuchtelbruder jemals wiederzusehen.«

»Und das kümmert dich, weil …?«, konterte Peter trocken und dazu fiel Aaron nichts weiter ein, außer Peter mit offenem Mund anzustarren, bis der schnaubte. »Was? Du wirst dich aus gutem Grund nie geoutet haben, und komm mir jetzt ja nicht damit, dass es um deine Bücher ging. Wir leben nicht mehr im Mittelalter und den meisten Lesern ist völlig wurscht, was ihr Lieblingsautor privat treibt.«

»Es geht niemanden was an«, murmelte Aaron und starrte aus dem Fenster in die aufziehende Nacht.

Der Lichtkegel vom Leuchtturm war schon in dem kleinen Ort zu sehen gewesen, den sie kurz zuvor durchfahren hatten, also müssten sich gleich bei Peters Haus ankommen, obwohl er dank fehlender Straßenlaternen bislang nichts von einem Haus entdecken konnte. Es war verdammt finster hier draußen und Aaron fragte sich, ob es im Haus wenigstens schon Strom und eine funktionierende Heizung gab oder ob er sich mit Kerzen und einem Holz- oder Kohleofen zufriedengeben musste, den er dann nicht bedienen konnte, weil er ein verwöhntes, reiches Arschloch war, das in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal sein Badezimmer selbst geputzt hatte.

»Sicher tut es das nicht, aber du stehst im Rampenlicht, also steht im Normalfall sogar deine Klopapiermarke zur Debatte.« Peter lachte, als Aaron frustriert stöhnte. »Du weißt doch, was ich meine. Und Isabell ist nun mal deine Schwester, auch wenn sie homophob ist, was sie schätzungsweise von deinen Eltern hat, was auch erklärt, wieso du aus deiner Homosexualität nie ein Thema gemacht hast. Also? Soll ich sie kontaktieren, damit sie dich im Notfall erreichen kann?«

Das fehlte ihm gerade noch. Bei seinem Glück tauchte seine kleine Schwester persönlich hier auf, um ihm zu erklären, dass er ein Fehler der Natur war. Eine furchtbare Abartigkeit. Diese und andere Sprüche hatte er noch zu gut von seinen Eltern in Erinnerung, denen ihr Gott ihr Leben lang über alles gegangen war, selbst über ihre Kinder. Tja, viel gebracht hatten ihnen ihr unerschütterlicher Glaube nicht, aber als höflicher Sohn war er trotz ihrer Entfremdung an ihrem Grab erschienen, um je eine Rose auf ihre Särge zu legen.

Damit war seine Trauer dann auch schon wieder erschöpft gewesen und er hatte sich auf den Heimweg gemacht, zurück zu seinen Büchern und seinem ruhigen Leben, das vor allem in seinem Arbeitszimmer an seinem Laptop stattfand, der hinten im Kofferraum lag, weil Peter die Hoffnung hatte, dass ihn die Ruhe und Abgeschiedenheit wieder an seine Tastatur bringen würde, um diese letzte Buchidee über Meermänner zu Ende zu schreiben, an der er vor dem Unfall gearbeitet hatte.

»Nein«, antwortete Aaron verspätet, während er nebenbei die Stirn runzelte, weil in der Entfernung kurz etwas Blaues im Meer zu sehen war. Doch das Leuchten verschwand so schnell wie es aufgetaucht war und Aaron wandte kopfschüttelnd den Blick nach vorn, um direkt auf eine graue Steinmauer zu sehen, die im Lichtkegel der Scheinwerfer aufgetaucht waren. »Isabell und ich hatten uns schon als Kinder wenig zu sagen, Peter, und daran wird sich auch nichts mehr ändern. Ist es das?«

Viel her machte Peters kleines Häuschen mit der schmalen Veranda auf den ersten Blick nicht, allerdings konnte er in der ihn langsam erdrückenden Dunkelheit auch nicht gerade viele Details erkennen. Es gab eine Menge Fenster an der Frontseite und einen mit großen Steinplatten ausgelegten Gehweg direkt vor der Veranda und auch seitlich vom Haus. Vielleicht gab es eine zweite Tür ins Haus? Die Büsche am Gehweg neigten sich stark nach rechts, der Wind musste seit ihrer Ankunft mächtig aufgefrischt haben. Ostküstenwetter. Fehlte bloß noch der erste Schnee, der mit Sicherheit dafür sorgen würde, dass er hier am Arsch der Welt eingeschneit war.

Hoffentlich hatte Peter auch dafür Vorkehrungen getroffen, denn mit seinem Bein konnte er weder dauerhaft Schnee fegen noch wusste Aaron, wie man einen Generator oder Ähnliches in Gang setzte. Da würde ihm auch seine Recherche über das teils ziemlich harte Leben an der Ostküste im Winter nicht viel weiterhelfen. Besonders die einfache Landbevölkerung und die Fischer hatten es nicht leicht, doch sie wussten zumindest, wie man mit nur wenig über die Runden kam. Er hingegen war ein Stadtkind, das von nichts eine Ahnung hatte.

»Ja, das ist es.« Peter lenkte den Wagen auf eine Art kleinen Vorplatz und stoppte. »Du hast dein Privatleben von Anfang an bedeckt gehalten und ich akzeptiere das. Trotzdem glaube ich, dass du in diesem Fall vielleicht einen Fehler machst. Ihr habt nur noch einander.«

»Sie hat ihren Kerl und die Jungs. Sie braucht mich nicht.«

»Brauchst du sie?«

Aaron atmete einmal tief durch, bevor er antwortete. »Ich habe sie gebraucht, als ich im Krankenhaus aufwachte und die Welt, wie ich sie kannte, nicht mehr da war. Sie hat mir jedoch deutlich zu verstehen gegeben, dass ich für sie nicht ab sofort nicht mehr existiere, und das heißt für mich, ob ich sie brauche oder nicht, ist leider vollkommen irrelevant, denn ich habe jetzt niemanden mehr.«

Peter legte eine Hand auf seinen Unterarm. »Du hast mich, Aaron, und das wird sich nicht ändern, bloß weil du nach dem Unfall zu einer launisches Miesmuschel mutiert bist.«

Aaron verdrehte die Augen. »Danke, ich liebe dich auch.«

Peter lachte leise und öffnete die Wagentür, während Aaron bereits wieder aus dem Seitenfenster sah, ohne die Umgebung auch nur ansatzweise wahrzunehmen. Das passierte ihm in der letzten Zeit immer öfter, dass er mit offenen Augen vor sich hin träumte oder eher dumpf vor sich hin starrte, ohne überhaupt einen Gedanken zu fassen.

Posttraumatische Belastungsstörung.

Zumindest hatte das der Psychiater gemeint, den man ihm noch im Krankenhaus ins Zimmer geschickt hatte, und der ihm eindringlich geraten hatte, eine Therapie zu machen, bevor sich daraus eine schwere Depression entwickelte, die dann mithilfe von Medikamenten in Schach gehalten werden musste. Als ob es einen Unterschied machen würde, wenn er zu den jetzigen Schmerztabletten auch noch irgendwelche bunten Pillen in sich hineinwarf, die seine Laune heben sollten.

Das konnte er auch anders haben, schließlich war Aaron in seinen jungen Jahren in mehr als einem Club gewesen, wo man problemlos an chemische Muntermacher herankam, die zudem bedeutend billiger waren als Psychopharmaka, wobei es selbst für die mittlerweile einen stetig anwachsenden, illegalen Markt gab. Und das wusste er, weil er vor seinem Unfall mehr oder weniger regelmäßig die Clubs und Bars besucht hatte, um sich jemanden zum ficken zu suchen, und die Preise für Pillen oder das berühmte weiße Pulver daher gut kannte.

Um letzteres hatte Aaron allerdings immer einen großen Bogen gemacht. Es war eine Sache, sich für den Abend schnell eine bunte Pille einzuwerfen, um zu feiern und dreckigen Sex im Darkroom oder neben dem Hinterausgang zu haben, es war jedoch etwas vollkommen anderes, sich eine Line Koks durch die Nase zu ziehen.

Tja, damit war es jetzt ohnehin vorbei, aber für den Fall der Fälle hatte er sich eine Tüte Pillen eingepackt. Er wollte auf alle Eventualitäten vorbereitet sein und das schloss für Aaron auch seinen Selbstmord mit ein. Es würde außer Peter eh niemanden geben, der ihn vermisste, und wenn ihn das Leben schon so in den sprichwörtlichen Arsch fickte, dann wollte er wenigstens auf seine Weise daraus abtreten. Hochdosierte Pillen, mit jeder Menge Alkohol runtergespült, schien ihm das passende Mittel dafür zu sein, aber notfalls tat es auch ein Kopfsprung von den Klippen ins Meer.

»Du hast bisher nichts dazu gesagt«, murmelte er, während Peter sich neben der offen stehenden Autotür streckte. Dessen fragendes »Was?« ließ Aaron genervt seufzen. »Du hast bislang nichts dazu gesagt, dass ich schwul bin.«

Peter schnaubte und sah zu ihm ins Auto. »Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass es mir als dein Freund egal sein könnte, mit wem du fickst?«

»Und als mein Agent?«

»Als dein Agent hätte ich mir gewünscht, davon nicht aus der Klatschpresse zu erfahren, damit ich im Krankenhaus nicht überraschend damit konfrontiert werde, dass besagter Freund, der zu jenem Zeitpunkt noch mit dem Tod gekämpft hat, einen Kerl im Auto hatte, der bei der hiesigen Polizei als Edelescort bekannt war.«

Ausgerechnet die unselige Geschichte. Aaron verkniff sich ein frustriertes Stöhnen. »Peter ...«

»Ich weiß, dass du davon keine Ahnung hattest und dass er diesen kleinen Nebenjob, der ihm sein Studium finanziert hat, längst an den Nagel gehängt hatte. Der Klatschpresse war das natürlich egal und ihm dürfte es ebenso egal sein, denn er ist tot. Du bist das aber nicht.« Peter sah ihn eindringlich an. »Du lebst und ich will, dass das so bleibt, denn, wie bereits gesagt, als dein Freund ist es mir egal, ob du es mit Frauen, Männern oder beidem treibst, Hauptsache, du bist glücklich dabei. Und genau daran hapert es, seit du aufgewacht bist und festgestellt hast, dass erstens dein Bein völlig im Arsch ist, du zweitens ein neues Gesicht hast, drittens unfreiwillig von der Presse geoutet wurdest und viertens, deine Schwester eine blöde Kuh ist. Ich kann beruflich leider nichts dagegen tun, aber ich kann privat dafür sorgen, dass du für ein paar Monate aus der Schusslinie verschwindest und dich erholen kannst. Schreib dein Buch zu Ende, Aaron. Sieh dir die Gegend an, wandere an den Klippen entlang. Geh regelmäßig spazieren, damit dein Bein nicht steif wird. Finde einen Neuanfang für dich … Und wo wir schon so nett miteinander plaudern, hör, um Himmels willen, mit dieser ständigen Jammerei auf.«

Die Fahrertür fiel ins Schloss, ehe Aaron in irgendeiner Art und Weise auf Peters letzte Worte reagieren konnte. Jammerei? Na besten Dank auch. Wer war denn hier derjenige mit einem neuen Gesicht, einer gefühlt Million ständig juckender Narben und einem kaputten Bein, das laut seiner Ärzte, selbst wenn er jede Therapie oder Operation in Angriff nahm, die es gab, nie wieder so belastbar wie früher sein würde? Sollte er vielleicht freudestrahlend durch die Gegend springen und sich darüber freuen, dass sein Leben im Arsch war? Das würde seinem Bein mit Sicherheit gefallen.

Peter klopfte an seine Fensterscheibe. »Jetzt komm endlich rein oder willst du im Auto übernachten?«, fragte sein Freund mit finsterem Blick und machte sich dann mit zwei Koffern auf den Weg ins Haus.

Es lagen noch weitere Koffer und Taschen im Kofferraum und auf der Rückbank, aber Aaron wusste, dass sein Bein nach dem langen Flug und der ruckeligen Fahrt hierher keine neue Belastung aushalten würde, darum beschränkte er sich darauf, vorsichtig auszusteigen und anschließend seinen Gehstock aus dem Fußraum der Rückbank zu holen, ohne den er sich nicht auf den Beinen hätte halten können. Nach einem Blick auf die medizinische Beinschiene, die er eigentlich tagsüber über der Hose tragen sollte, schloss er die Autotür.

Heute brauchte er sich auch nicht mehr mit diesem starren Ding herumärgern, denn der Weg zum Haus würde mit oder ohne Schiene jedes Mal beschwerlich genug sein. Heute jedoch noch mehr als sonst, nachdem er so lange gesessen hatte, ohne die Möglichkeit sich ein bisschen zu strecken und seinem Bein etwas Erholung zu gönnen.

Aaron setzte jeden Schritt ganz bewusst, um auf keinen Fall zu stolpern, und blieb abrupt stehen, als auf der Veranda eine Lampe anging, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Peter stand in der Tür, nickte ihm zu und machte sich danach daran, das restliche Gepäck ins Haus zu bringen, während Aaron sich eine Verschnaufpause gönnte und dabei sein vorübergehendes Zuhause etwas näher in Augenschein nahm. Okay, das »kleine Häuschen« war offensichtlich um einiges größer, als es auf den ersten Blick den Anschein gemacht hatte.

Und der Eindruck bestätigte sich im Inneren, als Aaron den Weg dorthin endlich hinter sich gebracht hatte und atemlos in einer offenen Diele stand, die links in einen Gang mit weiteren Zimmern führte, rechts in die Küche mit rundem Esstisch und geradezu in einen ziemlich großen Wohnbereich, der über eine weitere Essecke und eine Wohnlandschaft verfügte. Außerdem gab es zwei Liegesessel mit hochklappbaren Fußteilen, perfekt für sein ruiniertes Bein.

Peter trug die letzten Taschen ins Haus und schloss die Tür, ehe er seinen Mantel und die Schuhe auszog, wodurch Aaron erst auffiel, wie warm es im Haus war.

»Wird schon geheizt?«, fragte er.

»Ja.« Peter streckte sich. »Die Heizung läuft seit Anfang der Woche. Ich wollte sichergehen, dass es warm genug ist, sobald wir ankommen.« Peter kam zu ihm, um Aaron dabei zu helfen, Jacke und Schuhe auszuziehen. »Es läuft alles elektronisch. Die Temperatur ist überall auf 22 Grad eingestellt, im Badezimmer sind es zwei Grad mehr. Nachts regelt sich die Heizung runter, morgens um 6 Uhr schaltet sie sich wieder ein. Achtung.«

Aaron stützte sich automatisch auf Peters Schulter ab, da er nicht scharf darauf war umzufallen, während er sich kurz auf sein kaputtes Bein stützen musste, damit sein Freund ihm auch den zweiten Schuh ausziehen konnte.

Im Krankenhaus hatte Aaron sich anfangs mit Händen und Füßen gegen derartige Hilfen gewehrt, bis der ihm zugeteilte Pfleger ihn schließlich einen Tag lang ohne Unterwäsche, Hose und Socken sitzenließ, weil er ohne besagte Hilfe nichts davon hatte anziehen können. Mittlerweile hatte er gelernt, sich allein anzuziehen, auch wenn es manchmal ewig dauerte, und Aaron hatte vor allem verstanden, dass weder sein Pfleger noch Peter ihm unter die Arme griffen, um ihm zu zeigen, dass er hilflos war, sondern dass sie es taten, um ihm zu helfen, damit er sich nicht unterkühlte oder Ähnliches.

Es war heute noch verdammt schwer zu akzeptieren, dass er an manchen Tagen kaum in der Lage war, eine Boxershorts anzuziehen, aber da er den Winter hier oben alleine verbringen sollte, würde er definitiv lernen müssen, im Alltag wieder ohne Hilfe klarzukommen.

Peter brachte ihre Sachen zur Garderobe und schloss dann wieder zu ihm auf. »Es gibt einen Generator hinter dem Haus und ausreichend haltbare Vorräte in der Abstellkammer neben der Eingangstür, um mindestens einen Monat klarzukommen, falls du eingeschneit werden solltest.« Peter blickte ihn an. »Ich habe jemanden engagiert, der alle paar Tage nach dir schauen und im Winter die tägliche Schneeräumung aller Wege rund ums Haus und der Straße ins Dorf übernehmen wird. Versuch gar nicht erst, ihn dazu zu überreden, für dich einzukaufen. Er hat von mir Anweisungen bekommen, wobei er dir helfen darf und wobei nicht, damit du nicht komplett im Haus versauerst. Weil es mit dem Autofahren und dem Laufen momentan noch nicht so wirklich klappt, wird er dir bis Dezember einmal pro Woche frische Lebensmittel ins Haus bringen. Danach bist du für dich selbst verantwortlich und damit ist nicht gemeint, dass du dich den Winter über von den Notvorräten ernährst.«

Also hielt sich Peter genau an die Anweisungen der Ärzte, als sie ihn entlassen hatten. Den November bekam er noch eine Schonfrist, danach müsste sein Bein, dank der Übungen, die er eigentlich jeden Tag machen sollte – nicht, dass er das tat, seit er zu Hause war –, wieder belastbar genug sein, um alltägliche Besorgungen erledigen zu können.

»Links gibt es drei Schlafzimmer und das Badezimmer, den Rest siehst du ja. Ich bringe dein Zeug ins große Schlafzimmer und nehme heute Nacht das kleine daneben. Morgen räumen wir deine Sachen in die Schränke und danach mache ich mich auf den Weg nach Hause. Sprich, du kannst die Mäuse auf dem Tisch tanzen lassen, weil du mich endlich los bist.«

»Na Gott sei Dank«, murrte Aaron beleidigt, weil Peter ihn wie ein Kleinkind behandelte – zumindest fühlte es sich für ihn gerade so an.

»Ich nehme das einfach mal als deine unnachahmliche Art, mir für meine Hilfe in den letzten Wochen liebevoll Danke zu sagen«, konterte Peter trocken und Aaron schnaubte abfällig.

»Wer bist du? Mein Vater?«

»Nein, Aaron, ich bin dein Freund und das heißt für mich, dass ich dir helfe, und zwar notfalls auch mit einem fetten Tritt in den Arsch, den Michael dir übrigens verpassen darf, falls du dich ihm gegenüber nicht benehmen solltest.«

Aaron stutzte. »Michael?«

»Michael Pierce. Wir sind zusammen aufgewachsen. Er lebt im Ort, ist selbstständiger Handwerker, und kümmert sich um die kleinen und großen Probleme der Leute, sowie ab morgen auch um dich. Falls also irgendetwas im Haus kaputt geht, ruf ihn an. Er weiß, wen er wofür anrufen muss, weil er sich schon um das Haus kümmert, seit ich damals von hier weggegangen bin, um Karriere zu machen.«

»Moment … Ich stehe unter Schock. Es gibt hier am Arsch der Welt funktionierende Telefone?«

»Sehr witzig«, grollte Peter und Aaron konnte sich nur mit Mühe ein Grinsen verkneifen. »Natürlich gibt es ein Telefon im Haus, du hast sogar Internet und im Normalfall funktionieren auch die Handys. Der Öltank der Heizung ist voll, du bist ans Stromnetz angeschlossen und um den Müll wird sich ebenfalls Michael kümmern. Ich habe alles arrangiert. Michael hat einen eigenen Schlüssel für die Seitentür des Hauses, wo es in den Wäscheraum geht und wo du bitte den Müll hinstellst, damit er ihn mitnehmen kann. Du kannst die zweite Küchentür zum Wäscheraum auch abschließen, falls du Michael nicht im Haus haben willst, aber er wird sowieso nur Kontakt aufnehmen, um sicherzustellen, dass du nicht tot bist. Wenn du das nicht willst, schreib mir einfach regelmäßig eine Nachricht oder nimm das Telefon in die Hand und ruf mich an, dann lernst du Michael wahrscheinlich nie persönlich kennen.«

Und so würde es wohl das Beste sein, dachte Aaron, behielt den Gedanken aber für sich. Er war noch nie ein umgänglicher Mensch gewesen und er wollte keine Freundschaft mit einem rückständigen Hinterwäldler schließen, der seinen Geburtsort mit Sicherheit noch niemals verlassen hatte und es vermutlich auch nie tun würde.

Aaron verzog das Gesicht, als eine neue Schmerzwelle sein gesamtes Bein erfasste. Es war die vierte, seit er aus dem Auto gestiegen war, und langsam wurde es kritisch. Vor allem, weil er heute keine Schmerztablette mehr nehmen konnte, sofern er nicht im Beisein von Peter eine Überdosis riskieren wollte.

»Ich muss mein Bein hochlegen.«

Peter musterte ihn kurz und fluchte dann unflätig. »Warum sagst du denn nicht, dass die Schmerzen schlimmer geworden sind, du Idiot? Herrgott, immer dasselbe mit dir.«

Peter half ihm ins Wohnzimmer auf einen der Sessel, stellte das Fußteil hoch und warf ihm hinterher die Fernbedienung in den Schoß, ehe er kehrtmachte und in der Küche verschwand, um wenig später mit einer Flasche Wasser zurückzukommen.

»Hier. Trink etwas. Noch eine Tablette bekommst du nicht, du hattest heute schon genug. Ich mache dir das Schlafzimmer und das Badezimmer fertig, damit du schnell duschen und ins Bett verschwinden kannst. Sieh mal zu, ob du irgendwo einen Wetterbericht für die kommenden Tage findest, damit ich weiß, was mich am Flughafen erwartet.«

Weg war er und Aaron legte leise seufzend den Kopf nach hinten auf die Sessellehne. Peter wusste entschieden zu genau über seinen aktuellen Tablettenkonsum Bescheid. Noch so ein Punkt auf der Liste von Dingen, die sein Agent und Freund in den letzten paar Wochen penibel im Auge behalten hatte, und Aaron war nicht naiv genug, um darauf zu hoffen, dass dieser Michael nicht davon wusste und auch deswegen ein oder eher beide Augen auf ihm haben sollte.

Scheiß drauf. Der Mann konnte nicht rund um die Uhr auf seinem Schoß sitzen. Falls er sich wirklich dazu entschloss, aus dem Irrsinn, zu dem sein Leben geworden war, auszusteigen, dann würde er das auch tun und damit basta.

Aaron schaltete den Fernseher ein und fand nach schneller Suche einen Nachrichtensender, der mit Sicherheit noch einen kurzen Wetterbericht senden würde, ehe das Abendprogramm losging, das Aaron bereits seit Jahren nicht mehr interessierte, da es entweder aus dussligen TV-Shows, Sportübertragungen oder Live-Verfolgungsjagden von Gangstern auf dem Highway bestand.

Leise Schritte verrieten ihm, dass Peter zurück kam. Aaron drehte den Kopf ein Stück, um zum offenen Durchgang in die Diele zu schauen, wo Peter stand und ihn musterte. »Was?«

»Wirst du noch am Leben sein, wenn ich nächstes Frühjahr herkomme, um dich nach Hause zu holen?«

Die Frage war eindeutig und Aaron im ersten Moment über die Direktheit überrascht, mit der Peter sie stellte. Sie wussten zwar beide, dass es mit seiner psychischen Verfassung aktuell nicht allzu weit her war, aber so offen gefragt zu werden, ob er vorhatte, sich demnächst umzubringen – Aaron war nicht ganz sicher, wie er darauf reagieren sollte.

»Ich weiß, dass du weder die Übungen für dein kaputtes Bein machst noch vorhast, den Psychologen aufzusuchen, den man dir im Krankenhaus empfohlen hat, um eine Therapie zu machen«, sagte Peter in seine Überlegung hinein, ob er seinen Freund anlügen sollte. »Sei wenigstens ein einziges Mal ehrlich zu mir, Aaron.«

Scheiße. Aaron schürzte die Lippen. »Die ehrliche Antwort auf deine Frage ist: Ich weiß es nicht.«

Peter atmete hörbar durch, dann nickte er, als hätte er diese Antwort insgeheim erwartet, und wandte sich von ihm ab. »Ich gehe eine Runde spazieren. Warte nicht auf mich.«

Aaron seufzte, als die Haustür wenig später hinter Peter ins Schloss fiel. Sie waren noch keine volle Stunde hier und hatten sich dennoch nichts mehr zu sagen. Wobei Peter ihm garantiert noch eine ganze Menge sagen würde, wenn er ihn denn ließe. Oder bereit wäre, seinem einzigen Freund zuzuhören, der ihm nach dem Unfall geblieben war.

Es hätte sich nicht gut gemacht, mit seinem Gesicht voller Narben und seinem extravaganten Gehstock aus Holz weiter in die momentan angesagten Schwulenclubs oder -bars zu gehen. Aaron hatte weder Lust auf die mitleidigen Blicke noch auf die Million neugieriger Fragen gehabt, die früher oder später mit Sicherheit gekommen wären. Und mit dem Gesicht, das er jetzt sein eigen nannte, würde er ohnehin nie mehr in der Lage sein, einen Kerl abzuschleppen. Weder für einen One-Night-Stand, geschweige denn für mehr.

Schwule schrien gern und viel nach Toleranz, aber wenn es um Ihresgleichen ging, waren sie mit die ersten, die ihre Nasen rümpften, sobald ein homosexueller Mann in ihren Augen zu dick, zu alt, zu bärtig oder sonst etwas war.

Es gab bestimmt auch Ausnahmen. Männer, die andere um ihrer selbst willen akzeptierten und liebten, doch so jemanden hatte Aaron nie getroffen. Andererseits hatte er auch nicht nach solch einem Mann gesucht. Als erfolgreicher Fantasyautor, mit einer Startauflage von mittlerweile einer Million Büchern, war es ihm wichtiger gewesen, offiziell hetero zu bleiben, um auch für jede Leserschaft ansprechend zu wirken. Und dank seines, zumindest laut Peter, recht ansprechenden Äußeren, gab es vor allem weibliche Fans, die seinem Verlag und besonders Peters Agentur immer wieder Post schickten, selbst wenn diese in der heutigen Zeit vorrangig elektronisch ankam.

Aaron hatte davon nur wenig mitbekommen, da alle seine Social-Media-Kanäle von seiner Agentur betreut wurden, doch seit dem Unfall und nachdem die ersten Bilder von ihm durch die Klatschpresse gegangen waren, dürfte es mit begeisterter Fanpost wohl vorbei sein. Er konnte schon froh sein, wenn er je wieder ein Buch verkaufte. Allerdings müsste er erst mal seine derzeitige Geschichte beenden, damit sich überhaupt die Frage stellte, ob noch jemand seine Bücher lesen wollte.

Egal wie er es auch drehte und wendete, seine Karriere und vor allem auch sein Privatleben waren bei diesem Autounfall vor vier Monaten sprichwörtlich in Flammen aufgegangen und Aaron hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er dieses weiter vor sich hin lodernde Feuer löschen sollte, geschweige denn, ob er das überhaupt wollte.


2


Er war zurückgekehrt.

Endlich.

Nach so vielen Jahren war er zu ihm zurückgekehrt.

Morcan schwamm so schnell er konnte, seit ihm ein Freund nach der Rückkehr von der Jagd berichtet hatte, dass im Haus beim Leuchtturm Licht durch die Fenster schien.

Er hatte es zuerst nicht glauben können, auch nicht glauben wollen. So oft war er unterhalb der Klippen geschwommen, in der Hoffnung, wenigstens einen kurzen Blick auf den Mensch seines Herzens zu erhaschen, obwohl Morcan bereits lange vor Peters Flucht verstanden hatte, dass er ihn nicht an seiner Seite würde halten können.

Seinem Herzen war diese Einsicht egal gewesen. Sie war es noch, darum war er nun auf dem Weg zum Ufer, zu jener Stelle zwischen den Felsen, wo er den perfekten Blick auf den Strand und das Haus oberhalb hatte, um zu singen und dabei erneut zu hoffen, dass Peter ihn hören und zu ihm hinunter kommen würde. Wenigstens einen letzten Blick, mehr wünschte er sich gar nicht. Vielleicht würde es ihm ja dadurch eines Tages doch noch gelingen, seinem weiterhin sehnenden Herzen begreiflich zu machen, dass Peter nicht sein Großvater war und es niemals sein würde. Dass seine Furcht vor dem Unbekannten zu groß und seine Träume für die menschliche Welt zu stark waren, um auf dieses Leben zu verzichten und unter Wasser ein neues an seiner Seite zu finden.

Ich vermisse dich so sehr.

Natürlich konnte Peter ihn nicht hören. Das hatte er schon damals nicht gekonnt. Miteinander zu reden war erst möglich, nachdem der Mensch zu einem der ihren geworden war. Peters Großvater hatte diesen Schritt gewagt und ihn niemals bereut, auch wenn er seine menschliche Familie immer vermisst hatte und regelmäßig zum Ufer geschwommen war, um seine Frau, seine Kinder und später seine Enkel zu sehen.

Doch William Mason war nun fort, genau wie alle anderen, abgesehen von Peter. Es gab keine Ehefrau, keine Kinder, keine Enkel mehr. Es gab nur noch Peter, den letzten der Masons, die ihr Geheimnis so viele Jahrhunderte bewahrt hatten, bis sie im Dorf Hilfe und Verständnis fanden. Heute wachte der gesamte Ort über die Klippen und besonders über das, was in der Tiefe darunter lag, und Morcan erfreute sich jedes Mal aufs Neue an dem Glück der Paare, sobald sich ein weiterer Mensch für ein Leben unter ihnen entschied.

Morcan erreichte die Felsen, atmete tief ein und streckte im Anschluss den Kopf aus dem Wasser, um ans Ufer zu schauen. Nichts. Er tauchte wieder unter Wasser und begann zu singen. Peters Lieblingsmelodie. Er sang sie dreimal, dann unternahm er einen neuen Versuch, tauchte auf und wurde dafür belohnt, denn vor ihm am Ufer stand nun jener Mann, den er mit jeder Faser seines Herzens liebte.

Peter.

»Morcan.«

Das Wasser trug seinen Namen und auch die Erleichterung in Peters Stimme zu ihm, während Peter in den Sand sank und die Arme um die Knie schlang. Er zitterte und das überraschte Morcan nicht, denn Menschen waren so viel empfindsamer für das Wetter als sie selbst, und der Wind und die Strömungen aus dem Norden deuteten seit Tagen auf den bevorstehenden Einbruch des Winters hin, weshalb sie ihre Höhlen längst für die eisige Jahreszeit befestigt hatten.

Ich bin hier. Ich warte auf dich. Immer.

»Singst du noch einmal unser Lied für mich?«, fragte Peter und natürlich erfüllte Morcan ihm seinen Wunsch.

Er sang so kräftig er konnte, ließ seine Haut dabei leuchten und seinen langen Schwanz auf die Wasseroberfläche schlagen, während er die Grenzen ihrer kleinen Lagune einmal von links nach rechts erkundete und sich dabei die in letzter Zeit durch Erosion entstandenen Veränderungen an den scharfen Felsen und am Meeresboden einprägte, um anschließend zu seinem Beobachtungsplatz zurückzukehren und erneut zum Strand zu blicken.

Peter hatte sich wieder erhoben und beide Hände tief in die Taschen seines knielangen Mantels geschoben, der im kräftigen Wind wehte und ihn schaudern ließ. Morcan betrachtete Peter genauer und die vielen Veränderungen, die er nach all der Zeit an ihm entdeckte, machten ihn neugierig und traurig zugleich. Das da vorn war nicht mehr der junge Mann, der fortgegangen war, aber diese Tatsache traf auch auf ihn selbst zu. Fünfzehn Jahre waren lang und er war ebenso älter geworden. Sie hatten ihre Leben gelebt, dennoch war Peter Mason in jeder Sekunde davon tief in seinem Herzen gewesen.

»Ich konnte nicht bleiben. Ich kann es auch jetzt nicht. Aber ich musste herkommen, bevor ich zurückkehre. In das Leben, das ich gewählt habe.«

Morcan hörte das unterdrückte Schluchzen am Strand und hätte nichts lieber getan, als Peter in seine Arme zu ziehen, um ihn zu trösten. Doch dafür war das Wasser viel zu kalt. Damals im Sommer, wo sie jung und verliebt gewesen waren, da waren sie zusammen geschwommen – täglich, stundenlang, einander neckend und miteinander lachend, einander küssend und den Körper des anderen neugierig erkundend, nachdem Peter seine erste Unsicherheit über sein für ihn befremdliches Aussehen überwunden hatte.

Peter straffte die Schultern und sah in seine Richtung. »Ich habe einen Sohn. Er heißt William.«

Ein Sohn. Ein Urenkel für William. Morcan lächelte, tauchte kurz unter, um zu atmen und kehrte dann zurück, weil er nicht eine Sekunde von Peters Anwesenheit versäumen wollte.

Du ehrst deinen Großvater. Er wäre so stolz auf dich.

»Ich war kurz verheiratet, aber es hat nicht funktioniert. Du warst immer in meinem Kopf und wirst es immer sein.« Peter ließ den Kopf hängen. »Ich werde William von uns erzählen, so wie es in unserem Dorf Brauch ist. Er wird dafür Sorge tragen, dass das Haus, der Grundbesitz der Masons und eure Höhlen unangetastet bleiben. Ihr werdet weiterhin hier draußen sicher sein, ich verspreche es, Morcan.«

Ich danke dir.

»Ich habe einen Freund hergebracht. Er wird eine Weile im Haus bleiben. Bis zum Frühling. Zumindest hoffe ich das. Sein Name ist Aaron und er ist sehr krank. Er will sich umbringen, ich weiß es, und ich kann ihm nicht helfen. Er weiß nichts von euch, aber er glaubt an euch. Na ja, eigentlich glaubt er mehr an Fabelwesen. Er ist ein sehr guter Schriftsteller, Morcan, und ich wünschte, ich könnte dir eines seiner Bücher vorlesen, sie würden dir gefallen. Ich bete und hoffe, dass er sich nicht tötet, sondern hier draußen neuen Lebensmut findet. Vielleicht, und ich weiß, ich habe kein Recht, dich darum zu bitten, aber falls es nicht zu viel verlangt ist, könntest du ihm ab und zu etwas vorsingen? Aaron liebt das Meer.«

Er bedeutet dir etwas, nicht wahr?

»Er ist mein Freund, Morcan. Ich habe ihn niemals geliebt, so wie ich dich liebe, aber er ist mir wichtig. Ich weiß nicht, ob es hilft, ihn hier draußen alleinzulassen, ich weiß mir nur nicht mehr anders zu helfen.« Peter seufzte leise. »Michael wird sich um ihn kümmern und ihn hoffentlich rechtzeitig finden, sollte er wirklich versuchen, sich das Leben zu nehmen.«

Eine schwere Aufgabe, die du Michael überträgst, doch das weißt du, nicht wahr?

Peter stieß mit dem Schuh etwas Sand von sich. »Manchmal frage ich mich, wie es hätte sein können, mit dir für immer im Meer vereint zu sein. Michael hält mich heute noch für einen Vollidioten, weil ich damals fortging und dich verlassen habe, und wahrscheinlich hat er damit auch recht.«

Ich wusste, dass du niemals mein sein wirst, Peter. Bitte hör auf, dich zu grämen. Wir waren jung und naiv. Wir liebten uns. Doch es sollte einfach nicht sein, auch wenn mein Herz weiter nach dir ruft.

Morcan wusste, dass es ein Fehler war, weil es sein Herz zu neuer Hoffnung verleiten würde, aber er konnte nicht anders und schwamm näher ans Ufer heran, bis sich ihre Blicke über das auf einmal ruhig daliegende Wasser hinweg trafen. Selbst der Wind war verstummt, so als wollte er ihnen diesen einen besonderen Moment schenken. Peter konnte ihn nicht wirklich sehen, dazu war es zu dunkel für menschliche Augen, aber er würde das tiefblaue Leuchten seiner Haut sehen und er würde ihn daran erkennen, denn jeder seiner Art besaß einen eigenen Farbton in seiner Haut.

»Ich wusste, du würdest kommen.« Peter atmete zittrig ein und dann lächelte er. »Ich liebe dich.«

Morcan sah die folgende Bewegung von Peters Lippen, las an ihnen das nicht hörbare »Verzeih mir.« ab und dann schlug Peter plötzlich eine Hand vor den Mund, machte auf dem Fuße kehrt und floh, genau wie er vor fünfzehn Jahren geflohen war, nachdem er begriffen hatte, welch hohen Preis er würde zahlen müssen, um für immer mit ihm vereint zu sein.


3


Vielleicht war es ein Fehler.

Vielleicht hätte er Aaron nicht herbringen dürfen.

Sein Schützling und guter Freund hatte so viele Probleme seit dem Unfall, dass sie ihm mit der Zeit schlichtweg über den Kopf gewachsen waren, und Peter hatte mit stetig wachsendem Unbehagen hilflos zusehen müssen, wie sich Aaron Kingston, dieser ruhige, aber zugleich clevere Mann, dessen Bücher jedes Mal ein Renner wurden, in ein depressives, launiges Arschloch verwandelte, das kaum noch sein Haus verließ.

Zuerst hatte Peter geglaubt, dass es an dem unfreiwilligen Outing lag, aber mittlerweile wusste er, dass Aarons Probleme tiefer gingen und er fürchtete sich davor, einen Tages vielleicht einen Anruf zu bekommen, in dem man ihm mitteilte, dass der Mann, den er nun schon so lange kannte und im Grunde doch nur wenig über ihn wusste, sich das Leben genommen hatte.

Vielleicht hätte er es damals anders angehen sollen, als sie sich auf dieser Convention kennengelernt hatten, auf der Peter nach talentierten Schriftstellern für seine Agentur gesucht hatte und Aaron sofort aus der Masse herausgestochen war, mit dem Buch über diesen abgestürzten Alien aus flüssigem Metall, der sich einen Menschen als lebendigen Symbionten gesucht hatte, der zufällig der Freund eines Auftragskillers gewesen war.

Vielleicht wäre es besser gewesen, eine Freundschaftsbasis aufzubauen, statt Beruf und Privatleben möglichst getrennt zu halten. Dann wäre er wohl nicht von der Tatsache überrascht worden, dass Aaron schwul war, und dann stünde er jetzt auch nicht vor der Frage, ob er es tatsächlich wagen konnte, ihn hier draußen an den Klippen alleinzulassen oder ob Peter es damit herausforderte, dass Aaron sich von selbigen ins Meer stürzte und für immer aus seinem Leben verschwand.

Er hatte panische Angst um Aaron, durfte das jedoch nicht zeigen, weil es zu viele Fragen aufgeworfen hätte. Fragen, die er nicht beantworten konnte, weil sie zu neuen Fragen führen würden und dann würde Aaron vielleicht herausfinden, wieso er das Haus seiner Familie vor fünfzehn Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion hinter sich gelassen hatte und seitdem nicht mehr zurückgekehrt war.

»Es tut mir so leid, Morcan«, flüsterte er beschämt in den auffrischenden Wind hinein, der dicke, graue Wolken in einem raschen Tempo über den dunklen Nachthimmel trieb und das hohe Gras zu beiden Seiten des schmalen Trampelpfades, der ihn zu den Klippen führen würde, zum Singen brachte.

Er hatte damals nicht gehen wollen, aber er hatte auch nicht bleiben können. Er war nicht so mutig, wie sein Großvater es einst gewesen war, und er würde es auch niemals sein. Er hatte Morcan geliebt, auf die einzige Weise, die er jemals verstanden hatte, aber die Vorstellung, sein Leben zu verlieren, um in den dunklen Tiefen des Meeres ein neues zu finden, hatte Peter so sehr verängstigt, dass er vor Morcan davongerannt war, um in der Welt, die er kannte und in der er auch leben wollte, bleiben zu können.

Peter stoppte abrupt, als er plötzlich den Gesang hörte, der ihm jedes Mal, selbst nach all den Jahren, eine dicke Gänsehaut über den gesamten Körper trieb. Außenstehende hielten es für Walgesang und die Wissenschaftler freuten sich darüber, Wale an Küsten zu hören, wo sie sonst eigentlich nicht auftauchten. Es war ein immer wiederkehrendes Rätsel für die Forscher auf der ganzen Welt, während er es besser wusste und jetzt seine Schritte beschleunigte, in der Hoffnung, wenigstens einen Blick auf das blaue Leuchten werfen zu dürfen, obwohl er ihn nicht verdiente. Nicht, nachdem er Morcan ohne ein Wort verlassen hatte, wohl wissend, dass er dieses wundervolle Wesen damit zu einem Leben in Einsamkeit verdammte, denn wenn sich ein Meermann oder auch eine Meerjungfrau auf einen Menschen prägten, gab es kein Zurück mehr, es sei denn, sie zerrissen in vollem Bewusstsein die Verbindung, die sie zuvor geschlossen hatten, indem sie sich auf einen neuen Menschen prägten.

Zumindest war das die Theorie, die sein Großvater wenige Tage vor seinem Sprung von der Klippe aufgestellt hatte. Peter kannte das Tagebuch seines Großvaters Wort für Wort und er hielt es seit dessen Sprung auf dem Dachboden versteckt, denn wenn die Welt jemals von dem Wunder erfuhr, dass bereits seit Jahrhunderten unter ihnen existierte, würden sie diese Wesen vernichten, so wie die Menschheit alles vernichtete, was sie in die Finger bekam. Der aktuelle Zustand der Erde oberhalb der glitzernden Wasseroberfläche bewies das.

Der Gesang, ihr ganz persönliches Lied, begann erneut und Peter musste sich wirklich zügeln, um in der Dunkelheit nicht zu schnell zu gehen, weil er sonst ernsthaft Gefahr lief auf dem Weg zum Strand zwischen den großen, scharfkantigen Felsen zu stolpern. Und das wäre hier draußen lebensgefährlich, denn niemand würde über den Wind hinweg seine Hilferufe hören und das Handy hatte er im Haus gelassen.

Als er den Strand endlich erreichte, begann ihr Lied gerade zum dritten Mal und Peter konnte in der Entfernung das blaue Leuchten sehen, das so unverkennbar zu Morcan gehörte, wie Peters seit einem Sturz in der Kindheit schief stehende Nase. Er lächelte und genoss das wohlige Gefühl, das jetzt durch seinen Körper floss, genauso wie es das früher jedes Mal getan hatte, sobald Morcan für ihn sang.

Er würde ihm von seinem Sohn William erzählen. Und von seiner Ehe, die schon zum Scheitern verurteilt gewesen war, da hatten sie noch nicht einmal die Hochzeitstorte angeschnitten. Dabei hatte er wirklich versucht, ein guter Mann zu sein. Nicht um Morcan damit zu vergessen, das würde er ohnehin niemals können, sondern um seiner Ehefrau gerecht zu werden, die ihn ehrlich geliebt hatte und zum damaligen Zeitpunkt bereits sein Kind in sich trug.

Er schloss die Augen und lauschte mit einem zufriedenen Seufzen weiter dem Gesang, während er an seinen Sohn und dessen Mutter dachte, die von all dem hier nichts wussten und im Falle von Williams Mutter musste das auch so bleiben. Sein Sohn jedoch würde eines Tages sein Erbe antreten und sich mit den übrigen Dorfbewohnern um den Schutz von Morcans Volk kümmern.

Der Gesang verstummte und Peters Blick richtete sich auf jene Stelle im Meer, ganz dicht bei den schroffen Felsen, wo er das Leuchten dicht unter der Wasseroberfläche sah. Er konnte Morcan nicht wirklich erkennen, aber Peter wusste, dass sein Meermann da war. Das hier war schließlich allein ihre Lagune. Seit jeher war es immer ihr Platz gewesen. Klein, versteckt und der Weg runter zum Strand war für zufällig vorbeikommende Touristen oder Spaziergänger nicht so leicht zu entdecken. Sie hatten ganze Tage miteinander verbracht. Im Wasser, immer so nah zusammen, wie es möglich gewesen war.

»Morcan«, flüsterte er erleichtert und setzte sich einfach in den Sand, wo er die Arme um sich schlang, weil er auf einmal heftig fror. Er war für dieses Wetter eindeutig nicht dick genug angezogen, aber nichts und niemand auf der Welt würde ihn in den nächsten Minuten von hier wegbringen.

Peter grinste unwillkürlich, als er sich an ihren ersten Kuss erinnerte. Daran, wie abgelenkt er gewesen war, da Morcan so anders war als er selbst. Sein kräftiger Schwanz, die schuppige grün-blaue Haut, die ihn an Fische erinnerte, aber doch anders war. Weicher. Die Schwimmhäute zwischen Morcarns Fingern und die großen Kiemen zu beiden Seiten des Halses. Nicht zu vergessen, seine tiefblauen Augen, die er über Wasser oft mit einer silbrig glänzenden Nickhaut geschützt hatte. Ein wirklich faszinierender Anblick, an dem Peter sich kaum hatte sattsehen können, nachdem er seine Überraschung darüber überwunden hatte, dass es kein Hai war, der da unter ihm im Wasser seine Bahnen zog.

Seine kindliche Vorstellung von hübschen Meerjungfrauen war damals mit einer Realität kollidiert, die Peter sich nicht in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können. Nicht, dass es ihn davon abgehalten hatte, mit Morcan alles zu erforschen, was es an ihren unterschiedlichen Körpern zu erforschen gab. Angefangen mit zögerlichen Küssen, die schlussendlich zu viel mehr geworden waren.

Peter vermisste Morcan so sehr und wusste dabei dennoch, dass er niemals den Mut haben würde, den letzten Schritt über die Klippen zu gehen, um mit ihm vereint zu sein.

»Singst du noch einmal unser Lied für mich?«, bat er, denn mehr als die Erinnerung an das, was sie einst verbunden hatte, würde er nicht haben, sobald er übermorgen nach Hause flog.

Morcan erfüllte ihm seinen Wunsch und sang für ihn.

Genauso wie er es schon damals getan hatte.