Liebe hat viele Facetten


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Prolog
Declan

»Das ist eine absolut dumme Idee.«

Die weichen Lippen, die über meinen Hals schmusen, hoch bis zum Ohr und dann sanft am Ohrläppchen knabbern, was in mir eine Saite zum klingen bringt, an die ich mich schon nicht mehr erinnere, da es so lange her ist, dass es jemanden gab, der sie angestimmt hat, sehen das offensichtlich anders.

Mein Körper will das hier, es zu leugnen ist sinnlos, denn es war doch ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis es dazu kommt. Trotzdem. Ich muss die Stimme der Vernunft bleiben.

»Wir müssen wirklich damit aufhören.«

»Warum? Mich stört nicht, dass du keine Ahnung vom Sex zwischen Männern hast. Ich weiß genug für uns beide.«

Ich schnaube, was ihn an meinem Hals lachen lässt, bevor er mit seinen verführerischen Lippen betont langsam in Richtung Schlüsselbein wandert. Moment. Wo ist mein Jackett geblieben? Und wann hat er sich um meinen Schlips gekümmert und die obersten Knöpfe meines Hemds geöffnet? Herrje.

»Dass ich keine Ahnung habe, ist mir völlig egal.«

»Warum sollten wir dann keinen umwerfenden Sex haben? Du bist so geil, dass du bald deine Hose sprengst, und mir geht es nicht anders. Wir lauern beide seit Wochen, ach was, es sind garantiert schon Monate, darauf, Declan.«

»Du bist mein Klient und ich bin dein Anwalt, darum sollte das hier enden, bevor wir … Fuck!«

Mein lästerlicher Fluch, als er einfach seine Hand zwischen meine Beine schiebt und fest zupackt, lässt ihn an meiner Haut grinsen, ehe er über sie leckt und mich gleich darauf unerwartet beißt. Ich fluche erneut, er beißt mich ein weiteres Mal. Sanfter diesmal. Ich murre darüber, was für ihn offenbar eine Erlaubnis ist, denn jetzt leckt und beißt er sich genüsslich mein rechtes Schlüsselbein entlang, massiert dabei die ganze Zeit ungerührt meinen Ständer und ich kann nichts anderes tun, als mich an ihm festzuhalten, weil ich sonst umkippe.

»Wehe«, drohe ich, als seine zweite Hand mein Hemd packt. »Wenn du dieses Hemd zerreißt, verklage ich dich.«

Er hält tatsächlich inne, ich bin begeistert. Doch seine Hand bleibt, wo sie ist, als er meinen Adamsapfel küsst und hinterher meinen Blick sucht. »Ist es ein besonderes Hemd?«

»Es ist ein fünfhundert Dollar teures Hemd, auf das ich drei Monate gespart habe.« Und das weiß er, immerhin kennen wir uns schon eine gefühlte Ewigkeit. Sein unschuldiges Lächeln ist daher nicht sehr glaubwürdig. »Darren ...«

»Was?« Er gluckst heiter, als ich ihn tadelnd ansehe. »Dabei dachte ich immer, Anwälte wären überbezahlt.«

»Sind sie auch, sobald sie einen festen und dabei möglichst finanzkräftigen Kundenstamm haben. Aber als ich dieses Hemd gekauft habe, fing ich gerade erst damit an, mir geduldig einen aufzubauen, was du verdammt gut weißt, immerhin gehörst du selbst zu diesen finanzkräftigen Kunden.«

Sein folgendes Grinsen als frech zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung, doch bevor ich mein Hemd retten kann, hat er es mit beiden Händen gegriffen und im nächsten Augenblick fliegen die Knöpfe in alle Richtungen davon.

»Darren!«

Lachend packt er meine Handgelenke, als ich ihm instinktiv eine verpassen will. Das war mein Lieblingshemd. Gut, es ist alt und ich trage es nur noch selten, denn mittlerweile habe ich den Schrank voll mit teuren Hemden, aber es hat mir trotzdem eine Menge bedeutet. Es ist, nein, es war, für mich schon immer das Sinnbild meiner erfolgreichen Karriere, an der ich lang und hart gearbeitet habe.

»Es ist alt, du hast viel schickere Hemden im Schrank.«

»Darum geht es nicht.«

»Doch, das tut es. Wir hören jetzt auf, an der Vergangenheit festzuhalten, und zwar wir beide.«

»So einfach ist das nicht«, widerspreche ich, denn gerade er weiß, dass einen die Vergangenheit mitunter niemals loslassen kann. Aber ich hoffe dennoch für ihn, dass sich das eines Tages ändert, denn sonst dürfte er für immer in Angst leben und sich Sorgen machen und das verdient niemand.

Darren schon mal gar nicht.

Ich übrigens auch nicht, aber das ist ein anderes Thema und gehört definitiv nicht hierher.

»Schick mir die Rechnung«, flüstert er und verschlingt dann meinen Mund, als wäre dieser eine köstliche Praline, auf die zu essen er jahrelang warten musste.

In gewisser Weise stimmt das sogar, denn dass es zwischen uns eine gegenseitige Anziehung gibt, ist weder ihm noch mir entgangen. Wir haben ihr nur nie nachgegeben. Bis heute. Und ich weiß nicht mal, warum ausgerechnet heute. Wir haben uns in seinem Apartment getroffen, um Geschäftliches zu bereden, wie wir das schon oft getan haben, seit er mein Klient ist, doch irgendetwas war von der ersten Sekunde an anders als sonst. Den Finger darauf legen kann ich aber nicht, wobei er definitiv keine Probleme hat, seine Finger auf mich zu legen.

Ein letztes Mal versuche ich es mit Vernunft. »Darren, wenn das schiefgeht ...«

»Wird es nicht«, unterbricht er mich und schaut mich an. Er ist so erregt, dass sich seine Augen verdunkelt haben, und sein Blick verrät mir, dass das die letzte Chance ist, die er mir geben wird, um wirklich Nein zu sagen und damit sind nicht die eher halbherzigen Versuche gemeint, die ich bislang gestartet habe, ohne sie wirklich ernst zu meinen.

In meinen Augen ist Darren Walker ein bildschöner Mann und wenn ich jetzt nicht Nein sage, werde ich heute das erste Mal Sex mit einem tollen Kerl haben. Ich habe keine Ahnung, wo das am Ende hinführt, weil ich Beziehungen aus dem Weg gehe, seit meine erste und gleichzeitig letzte so unschön endete, aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass er mich nicht anmacht. Mir war vor meiner Freundschaft zu ihm nicht einmal bewusst, dass ich auf beide Geschlechter abfahre, und nur, weil wir Sex haben, bedeutet das nicht, dass daraus mehr werden muss. Dafür sind wir beide zu gern Einzelgänger. Dennoch, die Anziehungskraft war immer vorhanden, wir hätten beide blind und taub sein müssen, das nicht zu bemerken, und was spricht schon dagegen, ihr ein einziges Mal nachzugeben?

Morgen werden wir wieder bloß gute Freunde und er wird weiterhin mein Klient sein, so wie ich sein Anwalt sein werde. Und als der habe ich jetzt eine Ansage zu machen.

»Also gut.« Ich hebe die Hand, als er sich vorbeugt. »Träum weiter. Mir das Hemd zerreißen und selbst immer noch bis zum Hals zugeknöpft dastehen. Runter mit den Klamotten, Walker. Wenn ich mich darauf einlasse, in dein Bett zu steigen, will ich vorher wenigstens sichergehen, dass es sich für mich lohnt.«

Den letzten Satz hätte mir sparen sollen, denn er grinst nach meinen Worten dermaßen arrogant, dass ich aufstöhne, was ihn wiederum lachen lässt. Dann ist er bei mir und packt mit seinen Händen meinen Arschbacken. Ich lege automatisch meine Beine um seine Hüften, als er mich hochhebt.

»Es wird sich für uns beide lohnen, dafür sorge ich.«


Kapitel 1
Declan

»Wovon träumst zu gerade?«, flüstert mir eine tiefe Stimme ins Ohr, bevor sie kurz am Ohrläppchen knabbert, was mich ins Hier und Heute zurückholt. Darren gluckst, als ich ihm einen unwirschen Blick zuwerfe. »Ah, ich ahne es. Du wirst nur dann an deinen Ohren so verräterisch rot, wenn du an unsere einzige, aber zugleich wundervolle Nacht denkst.«

»Es war helllichter Tag«, grolle ich und ärgere mich, dass er mich ertappt hat, weil ich nicht erwartet hatte, ihn heute Abend im 'Black Shine' anzutreffen, denn der Montag gehört seit einer Weile ihm und Adrian – sprich, sie haben Dates, die allgemein zu Hause im Bett enden, nicht hier im Club.

»Und es dauerte bis tief in die Nacht«, kontert Darren frech und kichert, als ich resigniert aufstöhne, ehe ich ihm, als er den Barhocker neben mir in Beschlag nimmt, einen Ellbogen in die Rippen boxe. »Aua. Brutaler Kerl.«

»Gib nicht so an, sonst frage ich Adrian, ob du immer noch so fit und gelenkig bist wie damals.«

Darren lacht, er hat eindeutig gute Laune heute. »Du kannst so eine Miesmuschel sein. Wer ist dir denn im Büro auf diesen hübschen Schlips getreten?« Er beugt sich verschwörerisch zu mir. »Ich wette, es waren nicht die Türsteher, deren Namen wir nicht nennen wollen, und die dich mit ihren Blicken jedes Mal förmlich auffressen, sobald du herkommst.« Er schweigt einen Moment, dann zwinkert er mir zu. »Oh, ich weiß. Du bist heute Abend hergekommen, damit sie dich ablenken, nicht wahr? Ty hat übrigens in fünf Minuten Pause.«

Als wäre ich deswegen hergekommen. »Und?«

»Ich wollte es nur erwähnt haben.« Er winkt einem von den neuen Barkeepern, um sich ein Wasser reichen zu lassen. »Also? Wer hat dich heute geärgert?«

»Ein gewisser US-Marshal«, murre ich, denn obwohl mir im Grunde klar ist, dass er nur seinen Job macht, versuche ich seit Monaten regelmäßig, eine Statusmeldung von Agent Hobbs zu bekommen, wie es Ben und Maxwell geht. Aber der Mistkerl ist zu keiner Aussage bereit und mittlerweile drückt er mich sogar weg, sobald ich ihn anrufe. Verdammter Dickschädel. Wäre ich nicht so anständig und wüsste nicht, wie gefährlich das für Ben und Maxwell ist, hätte ich ihm längst ein offizielles Anschreiben ins Büro geschickt, aber ich schätze, das wäre ein Schritt zu viel und ich will es mir mit ihm nicht völlig verderben. Dafür ist mir die Möglichkeit, Lukas Hobbs irgendwann vielleicht doch noch eine kleine Information für Darren und Connor zu entlocken, viel zu wichtig.

Darren seufzt leise und sieht mich dann schief grinsend an. »Du musst damit aufhören, Declan.«

Jetzt seufze ich. »Darren ...«

»Ich weiß«, unterbricht er mich und trinkt einen Schluck aus der Flasche, ehe er weiterspricht. »Und ich würde dir unzählige Male danken, wenn du etwas erreichst, aber das wirst du nicht, und das wissen wir doch beide. Dieser Marshal und auch Agent Wicked haben mehr als deutlich klar gemacht, dass Maxwell und Ben weg sind und dass wir sie nicht wiedersehen werden, und das muss auch so sein, um sie zu schützen.«

»Er würde sich keinen Zacken aus der Krone brechen, wenn er uns wenigstens sagt, dass es ihnen gut geht«, kontere ich, da mir einerseits klar ist, dass Darren recht hat, aber ich sehe eben auch, wie sehr ihm Maxwell fehlt und welche Sorgen er sich um seinen Freund macht.

»Stimmt, aber er ist US-Marshal, Declan. So wie ich diesen Mann einschätze, wird er sich eher erschießen, als irgendetwas preiszugeben. Und ich glaube nicht, dass sein Ehemann, dieser finster aussehende Staatsanwalt, das lustig fände.«

Ich sehe Darren verblüfft an. »Du hast herumgeschnüffelt?«

»Sicher«, gibt er unumwunden zu. »Es hat mich ein kleines Vermögen gekostet, aber ich kenne da einen Hacker ...«

»Darren!«, fluche ich, als mir abrupt klar wird, wen er in die Sache reingezogen hat.

Er zieht eine ertappte Grimasse. »Ich weiß, ich weiß. Es war auch nur einmal, weil er es hinterher Niko gestanden hat.« Sein empörtes Schnauben lässt mich feixen. »Lach nicht. Ja, ich habe es verdient, dass er mir danach verbal den Marsch geblasen hat, aber immerhin habe ich ein paar Informationen bekommen.« Er sieht so schuldig aus, dass ich misstrauisch werde. »Spar dir die Frage«, kommt Darren mir allerdings zuvor und fängt an, mit dem Deckel der Wasserflasche zu spielen. »Drei Tage später hat ein Staatsanwalt aus Detroit bei mir im Büro angerufen und mir in sehr blumigen Worten erklärt, was er mit meinen Arsch tut, falls ich noch einmal wage, ihm hinterher zu spionieren.«

Ich pruste los.

»Sehr komisch. Danke, Declan«, knurrt Darren, muss wegen meines Gelächters dann aber selbst lachen. »Ich hatte fast eine Gänsehaut, aber nur fast. Der Mann hat eine drohende Stimme und sie wurde fast tödlich, als ich ihm im Gegenzug androhte, dasselbe mit dem Arsch seines Mannes zu tun, was er natürlich nicht lustig fand. Wir wurden uns einig, die jeweiligen Ärsche, sprich unsere eigenen und die unserer Ehemänner, in Ruhe zu lassen, und im Gegenzug hat er mir verraten, dass sie einen Teil dieses Snuff-Clubs ausgehoben haben, an dem Gruber beteiligt war. Und zwar für immer.« Er schürzt die Lippen. »Um ehrlich zu sein, habe ich mich nicht getraut, ihn zu fragen, was er damit genau meint.«

Ich schätze, ich weiß es, aber ich werde mich hüten, darüber auch nur ein Wort verlauten zu lassen. Es ist kein Geheimnis, dass Recht und Gesetz manchmal nicht greifen oder sie tun es leider nur auf eine Art und Weise, die man im besten Falle noch befriedigend nennen kann. Darum gibt es – wobei das offiziell bloß eine Legende ist – gewisse Unterbereiche in den hiesigen Behörden, die jenseits von Gesetzen oder von irgendeiner Form von Rechtsstaatlichkeit ermitteln und die sich angeblich nicht scheuen, dieselbe Gewalt anzuwenden, wie die Monster, die sie jagen. Ich weiß nicht, ob US-Marshal Hobbs zu diesen Männern gehört, aber ich würde es ihm und seinem Ehemann zutrauen, da kann der Staatsanwalt von Detroit sein und ein, zumindest in meinen Augen, perfektes Image haben, soviel er will.

Um ehrlich zu sein, würde ich Lukas Hobbs ohne zu zögern einen Mord zutrauen. Ich kann nicht genau sagen, woher dieses Gefühl kommt, denn ich habe ihn bloß ein einziges Mal aus der Entfernung gesehen, als ich damals ins Krankenhaus gefahren bin, während Ben ungeduldig darauf wartete, dass ihm endlich jemand sagt, wie es Maxwell geht, aber ich bin mir sicher, mich nicht in ihm getäuscht zu haben. Dieser US-Marshal würde für seine Schutzbedürftigen in ein Land einmarschieren und es im Notfall sogar erobern, aber genauso würde er ohne das kleinste Zögern seine Waffe ziehen und jemanden töten.

»Na sieh mal, wer da kommt«, murmelt Darren und kichert wie ein kleiner Junge, als ich mich an meiner Cola verschlucke, weil ich eigentlich längst weg sein wollte, bis er Pause hat.

Eine schwere Hand legt sich auf meine Schulter. »Brauchst du vielleicht eine Mund-zu-Mund-Beatmung? Es wäre äußerst unschön, wenn der Superanwalt meines Bosses in seinem Club an einem Schluck Cola erstickt.«

»Nein, danke«, krächze ich leise, obwohl Ty, eigentlich Tyler William Langdon – nein, ich habe mir keine Akte von ihm und Garrett Samuel Thompson angelegt, und ihre Namen weiß ich auch nur durch Zufall –, bestimmt wahnsinnig gut darin wäre. »Es geht schon.«

»Immer gerne, Declan«, erklärt Ty und nimmt eine Flasche Wasser von Jonathan entgegen, der nur grinst, ehe er sich einem anderen Gast zuwendet. »Darren, hast du einen Moment?«

»Sicher. Lass uns ins Büro gehen«, antwortet Darren, erhebt sich vom Barhocker und sofort ist alle Belustigung aus seinem Blick verschwunden. Er ist ein großartiger Chef, deswegen hat er auch nie Probleme, neue Leute zu finden, so wie den blonden Schönling zu meiner Rechten, der heute Jonathan hinter der Bar unterstützt. Er heißt Christian und ist so verdammt jung, dass ich mich insgeheim frage, wo eigentlich die letzten Jahre meines Lebens geblieben sind.

Dabei liebe ich mein Leben, wie es ist, gar keine Frage, aber seit um mich herum nach und nach sämtliche guten Männer in die Ehehäfen eingelaufen sind, kommt mir ab und zu doch der Gedanke, dass ich vielleicht mehr haben könnte als eine Arbeit, die ich gern tue und die mich ausfüllt, und ein Apartment, das ich als gemütlich und als mein Zuhause ansehe. Ich hatte früher ein paar Mal darüber nachgedacht, mir ein Haus zu kaufen, nur wozu? Was soll ich allein in einem Haus mit fünf Zimmer und zwei Bädern? Oder einem gewaltigen Garten, um den ich mich dann kümmern müsste.

Ty und Garrett haben sich erst vor Kurzem in genau diese Verpflichtung gestürzt und sich ein Haus gekauft. Das weiß ich von Darren, der ihnen mit einem Kredit geholfen hat, denn als Türsteher verdient man im 'Black Shine' zwar nicht schlecht, für ein großes, zweistöckiges Haus mit Garten in einer der sicheren Gegenden von Chicago reicht es aber trotzdem nicht. Es ist eine alte viktorianische Villa, die sie renovieren müssen. Sehr chic, laut Adrian, und ich glaube ihm, denn der Mann versteht etwas von Design und weiß, was gut aussieht.

Vielleicht sehe ich sie mir irgendwann mal aus der Ferne an, um meine Neugier auf das Haus zu befriedigen, immerhin habe ich für Darren den Vertrag aufgesetzt und ihre Adresse daher in meinen Unterlagen.

Aber jetzt ist es Zeit zu verschwinden, bevor Ty wieder nach unten kommt und beschließt, charmant zu sein, denn das kann er ganz ausgezeichnet. Vor allem wenn er seinen Schmollmund nutzt, dem nicht mal Darren widerstehen kann. Ich weiß nicht, wie Garrett das macht, der dagegen immun zu sein scheint, ihm will ich heute allerdings auch nicht mehr über den Weg laufen, deswegen nehme ich den Hinterausgang vom Club, was Darren nicht gerne sieht, seit Niko im Hinterhof fast ermordet worden wäre, doch da er beschäftigt ist, wird er es nie erfahren.

Das Mehrfamilienhaus, in dem ich ein Apartment gemietet habe, ist so dunkel wie die heutige Nacht und wirkt nach außen hin auf den ersten Blick wenig einladend. Innen jedoch kann ich mich nicht beklagen, denn alle Leitungen sind neu, die Fenster dicht und wenn es Probleme mit Wasser und Heizung gibt, ist unser Vermieter sofort zur Stelle. Dafür bezahle ich auch gerne mehr Miete, als in der Gegend normalerweise üblich wäre. Mir ist ein privater Vermieter, dem sein Objekt wichtig ist, lieber, als einer von diesen gewissenlosen Mistkerlen, die zwar pünktlich jeden Monat die Miete einstecken, sich aber ansonsten nicht um ihr Objekt kümmern. Von solchen Typen habe ich für Darren so einige verklagt und zum Teil um ihre Häuser, beziehungsweise sie selbst gleich ins Gefängnis gebracht.

Seufzend nehme ich heute den Fahrstuhl, statt der Treppe, obwohl letzteres besser wäre, wenn ich an meinen Anblick vom Morgen im Spiegel denke, nur bin ich schlicht zu müde, um mir heute Nacht noch Gedanken darüber zu machen, dass ich einen Bauch ansetze und mein Haar langsam dünner wird. Für mein Alter sehe ich ansonsten nämlich noch ganz manierlich aus, das weiß ich, sonst würden mir die Doms und Tops im Club nicht regelmäßig interessierte Blicke zuwerfen.

Sie wissen, dass sie keine Chance bei mir haben, trotzdem versuchen sie es immer wieder. Genau wie Ben es bei Maxwell versucht hat, und wie das endete, weiß ich nur zu gut. Genauso wie ich weiß, dass ich nur einmal die Hand nach Garrett und Ty ausstrecken müsste, sie würden sofort zugreifen. Das haben die beiden mehr als einmal deutlich gemacht und wäre ich nicht so feige, würde ich den Sprung in ihr Bett vielleicht wagen, denn was Darren und ich damals hatten, war schön und es hat mir mehr als gut gefallen.

Ein heißer Dreier mit Ty und Garrett – ich bekomme prompt eine Gänsehaut bei der Vorstellung, und ich werde hart, was ich mit einem frustrierten Stöhnen kommentiere, denn das kann ich heute wirklich nicht mehr gebrauchen. Ich will nur noch unter die Dusche und dann ins Bett und schlafen, denn ich bin längst zu alt dafür, um die Nacht zum Tag zu machen.

Ich bleibe wie angewurzelt stehen, als im Wohnzimmer ein leises Seufzen zu hören ist. »Wer ist da?«, frage ich automatisch und überlege gleichzeitig, ob ich zur Tür raus oder in die Küche flüchten soll, wo ein Messerblock voller scharfer Klingen steht, den ich im Notfall durchaus zu benutzen weiß, dafür haben ein Selbstverteidigungs- und Überlebenskurs gesorgt.

Als Anwalt in einem so großen Unternehmen wie Darren es leitet, macht man sich früher oder später Feinde, und obwohl es bislang nie zu Drohungen oder einem Übergriff auf mich kam, war und bin ich lieber vorbereitet, denn ich weiß, was es heißt, sich hilflos zu fühlen. Hintergangen zu werden und schließlich nur noch die Scherben auffegen zu können. Nie wieder will ich mich so fühlen wie damals, als meine kleine, naive Welt vor mir zusammenbrach, und wenn ich das verhindern kann, indem ich lerne zu kämpfen und mich zu verteidigen, dann tue ich es oder besser gesagt, ich habe es bereits getan.

Im Wohnzimmer lacht jemand. »Das fragen Sie jetzt, wo ich längst im Haus bin? In ihrer Wohnung? Ich hätte Sie umlegen und Ihre Leiche hinterher auf nimmer Wiedersehen entsorgen können, während Sie dastehen und überlegen, was Sie jetzt tun sollen. Und verdient hätten Sie es, Declan Melarge, weil Sie eine verdammte Nervensäge sind.«

Jetzt erkenne ich ihn endlich und bin überrascht, denn dass er höchstpersönlich bei mir auftaucht, sogar in mein Apartment einbricht – ich hatte eher damit gerechnet, dass er mir ein oder zwei finster dreinblickende Marshals mit ein paar sehr direkten Worten ins Haus schickt.

»Sie hätten nicht persönlich kommen müssen«, sage ich und atme tief durch, denn ich bin nicht in Gefahr. Noch nicht, sollte ich besser sagen, denn bei diesem Mann kann man nie wissen. Es dürfte wohl darauf ankommen, wie sich unser Gespräch in den nächsten Minuten entwickelt.

»Doch, das musste ich, Melarge, denn wir zwei werden uns jetzt darüber unterhalten, wie man Zeugen nicht gefährdet. Da Sie offenbar nur wissen, wie man es tut«, grollt er und schaltet die kleine Lampe neben meiner Couch an, als ich das Zimmer betrete, immer noch in Jacke und Schuhen, obwohl ich es kaum aus der Wohnungstür schaffen würde, wäre er ernsthaft hinter mir her und nicht bloß stinksauer. Trotzdem. Ich bin niemand, der nachgibt, schon gar nicht in diesem Fall.

»Sagen Sie mir einfach, ob es den beiden gut geht, mehr will ich nicht wissen«, fordere ich ihn daher unverblümt auf und im ersten Moment ist er so überrascht, dass er schweigt.

»Nein!«, knurrt er kurz darauf und ich verdrehe die Augen, während ich kehrtmache, um meine Halbschuhe ins Regal zu stellen, wo sie hingehören, und meine Jacke aufzuhängen.

Ich mag keine Unordnung. Sie macht mich nervös und stört mich beim Denken. Bei mir hat alles seinen Platz, bloß auf dem Schreibtisch, den ich mir im Wohnzimmer eingerichtet habe, da es praktischer ist, nebenbei die Nachrichten zu schauen, statt es hinterher zu machen. Ich bin gerne effizient und habe ohnehin keine Zeit zu verschwenden.

Mein Gast augenscheinlich schon, obwohl ich mich hüten werde, ihn zu fragen, wie lange er hier schon sitzt, denn gerade schält US-Marshal Lukas Hobbs seinen schätzungsweise an die zwei Meter großen Körper aus meinem für ihn eindeutig viel zu kleinen Sessel, streckt sich ausgiebig, und behält mich dabei die ganze Zeit im Auge, während mein Blick irgendwie an seinem Bauchnabel hängenbleibt, da sein Shirt entweder eingelaufen ist oder er absichtlich derart kurze Oberbekleidung trägt. Erst sein heiteres Lachen reißt mich aus der Betrachtung einer dunklen, verführerischen Haarlinie, die gleich unterhalb des Bauchnabels beginnt, und weil ich eine gute Vorstellungskraft besitze, habe ich keine Probleme damit, mir im Detail auszumalen, wo diese Linie krauser Haare endet.

»Sie brauchen dringend Sex, Melarge, und soweit ich weiß, haben zwei interessante Herren diesbezüglich schon vor einiger Zeit ein mehr als ernsthaftes Interesse angemeldet, welches Sie ignorieren, obwohl Sie nichts lieber täten, als das Angebot von beiden anzunehmen.«

Woher …? Nein, ich werde nicht fragen. »Toll, was Sie alles wissen, Hobbs. Sagen Sie mir jetzt, was ich wissen will?«

»Nein!«

»Herrgott noch mal!« Die Beleidigung mithilfe graufelliger Huftiere erspare ich mir, da ich nicht sonderlich scharf darauf bin, von dem Mann gegen eine Wand gedrückt oder verhauen zu werden, weil ich ihn als Esel betitelt habe. Oder auch beides, wer weiß das schon. »So schwer kann es nicht sein, diese Frage mit Ja oder Nein zu beantworten.«

»Und wenn mit Nein antworte?«, kontert er gehässig.

Meine Brauen ziehen sich verärgert zusammen, denn es ist unverkennbar, dass er das nicht ernst meint, sondern mich jetzt absichtlich provozieren will. »Dann komme ich über sie wie ein Tornado der Stärke 5, Hobbs. Es gibt andere Möglichkeiten, Sie zu nerven, statt mit harmlosen Anrufen, die Sie nicht mal mehr annehmen.«

»Warum wohl?«, murmelt er und lacht, als ich fluche. »Was mich übrigens zu der Frage führt, woher Sie meine Durchwahl haben, Melarge«, sagt er und verschränkt die muskulösen Arme vor der Brust, was ihn wie den sprichwörtlichen Hulk aussehen lässt, nur ohne die grüne Farbe, aber auch das behalte ich lieber für mich. Ich hänge nämlich an meinem Leben.

»Das geht Sie kaum etwas an«, grolle ich und ahme derweil seine Geste mit den verschränkten Armen nach. Nicht, dass ihn das beeindruckt. Ich schätze, es gibt nicht viel, was einen Mann wie ihn beeindruckt, und ein kleiner Anwalt, der so nervig wie eine Klette ist, dürfte für ihn kaum mehr Bedeutung haben, als ein juckender Mückenstich.

»Ja, das dachte ich mir schon«, kontert er und atmet einmal tief durch, bevor er sein Handy aus der Hosentasche zieht. »Ich werde Ihnen niemals sagen, was Sie wissen wollen. Stattdessen werde ich es Ihnen zeigen. Ein einziges Mal. Danach werde ich gehen und wir sehen uns im besten Fall nie wieder, haben wir uns verstanden?«

Und dazu fällt mir erst mal nichts ein. Muss es auch nicht, denn Marshal Hobbs ist eindeutig ein Mann der Tat, als er mit langen Schritten zu mir kommt und mir kurz darauf das Handy unter die Nase hält. Ich sehe ein Bild. Es ist aus der Entfernung aufgenommen, aber als er es mit einem Wisch vergrößert, kann ich Maxwell und Ben eindeutig erkennen. Und das, was neben ihnen steht.

»Ist das ein dreibeiniger Hund?«, frage ich verblüfft, worauf Hobbs lacht und dabei nickt.

»Ja, und der Köter sabbert, da kriege ich Gänsehaut bei der Vorstellung, so ein Tier daheim zu haben«, erklärt er und steckt sein Handy wieder weg, nachdem der Bildschirm erloschen ist. »So. Ihre Frage wäre damit geklärt. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Melarge?«

Ich sollte eindeutig nicht grinsen, ich weiß das, aber so eine Frage darf mir dieser arrogante Mistkerl nicht in einem derart spöttischen Tonfall stellen, dass die Herausforderung in seiner Stimme unüberhörbar ist. Und ich sollte auch nicht antworten, weil er gar keine Antwort erwartet. Er bekommt sie trotzdem.

Hobbs lacht losgelöst. »Träumen Sie schön weiter, Melarge. Ihre dreckigen Fenster können Sie gefälligst selbst putzen.«

»Sie haben gefragt«, kontere ich trocken und er reagiert, wie ich es mir erhofft hatte.

»Das war ein Scherz!«

»Und seit wann kümmert mich das? Wir spielen dieses Spiel seit Monaten, Hobbs, und langsam müssten Sie wissen, dass ich für meine Freunde eine Menge tun würde.«

So wie er auch, wird mir im nächsten Augenblick klar, denn sein Blick ist unmissverständlich. So wie die Drohung darin, es nicht zu weit zu treiben. Aber wie immer ist mein Mundwerk schneller als mein Verstand.

Komisch, dass mir das nur bei ihm so geht.

Und bei Ty und Garrett. Verflixt.

»Also? Wann soll ich Sie das nächste Mal anrufen?«, will ich als nächstes wissen und Hobbs knurrt vor Ärger.

»Wenn Sie mich noch ein einziges Mal kontaktieren, Declan, lasse ich Sie einsperren.«

»Das möchte ich sehen«, stichele ich weiter und frage mich gleichzeitig, wo ich den Mut dafür hernehme. Aber dieser Kerl – US-Marshal hin oder her – hat irgendetwas an sich, dass mich so unvernünftig handeln lässt. Seltsamerweise kenne ich noch zwei mitunter sehr lästige Kerle, für die dasselbe gilt.

Manchmal jedenfalls.

Herrje.

»Verdammt noch mal, Declan, es geht hier um die Sicherheit zweier Menschen, die mir anvertraut wurden. Einen hätte ich fast verloren und ich werde alles tun, um zu verhindern, dass das noch mal passiert, solange wir den Sumpf nicht ausgehoben haben, in dem Stone damals gefangen war.«

Aus einem Scherz meinerseits ist auf einmal tödlicher Ernst geworden. Hobbs wird handeln, das ist mir klar, und er würde für Maxwell und Ben im schlimmsten Fall sein Leben riskieren. Und irgendwie ist mir das entgangen. Wahrscheinlich weil ich zu sehr damit beschäftigt war, mich über ihn zu ärgern, seit er dazu übergegangen ist, meine Anrufe zu ignorieren, anstatt sie mit brüsken Worten abzubügeln. Ich sollte dringend über mein Verhalten nachdenken und das sehr gründlich, denn Hobbs hat recht. Ich hielt es für recht sicher, ihn zu kontaktieren, eben weil er US-Marshal ist. Wenn jemand weiß, wie er sich und andere schützen kann, dann er. Doch möglicherweise gibt es sogar bei ihm, in seiner Behörde, Leute, die für Filme, wie Gruber sie von Maxwell gedreht hat, Unsummen zahlen würden.

Kinderschänder sind perfekt darin, ihre Spuren nach außen hin zu verwischen, das zeigen die vielen Fälle, in denen solche Perversen nur zufällig in den Blick der Behörden geraten und es oft genug nicht einmal zum Prozess schaffen, weil sie sich das Leben nehmen oder in Untersuchungshaft Unfälle erleiden, die leider tödlich enden.

Ich habe mich schon oft gefragt, wie viele dieser Unfälle von Stellen angeordnet wurden, die entweder nicht wollen, dass der Täter aussagt oder aber, dass er jemals wieder auf freien Fuß kommt. Es gibt Auftragskiller, die darauf spezialisiert sind, dass sie solche Verbrecher töten, und häufig bekommen sie den Tipp dazu von Polizisten oder Staatsanwälten, die frustriert sind, da sie wissen, dass sie nicht genug Beweise für eine Verurteilung haben. Das mag moralisch verwerflich und zudem illegal sein, aber verstehen kann ich es trotz allem. Jeder lebende Mörder, Folterer oder Kinderschänder ist einer zu viel auf der Welt.

Mir kommt ein Gedanke. »Sagen Sie mir, dass Sie den Snuff-Club, für den Gruber diese widerwärtigen Filme von Maxwell gemacht hat, endlich ausgehoben haben, Hobbs.«

»Ich wünschte, das könnte ich«, antwortet er und schnaubt, als ich ihn fragend ansehe, weil ich auf weitere Informationen hoffe, die er mir kaum geben wird, aber versuchen muss ich es dennoch. »Keine weiteren Fragen«, bügelt er mich wie erwartet ab. »Dieser Fall ist so groß und zieht derart weite Kreise, dass es noch Jahre dauern wird, um den Kopf der Medusa zu kriegen, falls wir es jemals schaffen. Maxwells Peiniger war kein kleines Rädchen im Getriebe, aber auch nicht groß genug.« Hobbs hebt die Arme und stützt sich mit den Händen links und rechts von mir an der Wand ab. »Ihre Hartnäckigkeit ist bewundernswert, das will ich gar nicht bestreiten, und wenn ich mir nicht sicher wäre, dass Sie dem Druck nicht standhalten können, würde ich Ihnen einen Job anbieten, aber darum geht es jetzt nicht. Es geht um die riskante Tatsache, dass Ihre Hartnäckigkeit früher oder später die falschen Leute wieder auf Stone aufmerksam machen könnte, verstehen Sie das, Declan?«

Was er nicht sagt, ist, dass diese Perversen offenbar so weit oben in den Chefetagen von Firmen oder der Politik sitzen, das sie für ihn unerreichbar sind. Zumindest noch.

»Wie hoch geht es?«, will ich leise wissen, da mich plötzlich die Frage umtreibt, ob wir vielleicht abgehört werden, doch als ich das ihn das flüsternd frage, schüttelt er den Kopf. »Sicher?«

»Würde ich so offen mit Ihnen reden, wäre ich es nicht?«

Gut, der Punkt geht an ihn. »Verstanden. Was ist mit meiner Frage?«

Hobbs verdreht die Augen, schmunzelt dabei aber. »Sie sind schlimmer als ein Hund mit seinem Knochen. Und es geht sehr hoch. Ich mache mir keinerlei Illusionen darüber, dass wir es jemals ganz herauszufinden. Aber ich kenne jemanden, der so unorthodox arbeitet, dass jeder Polizist ihn dafür ohne zögern abknallen würde, und es dadurch vielleicht doch schaffen kann, irgendetwas zu erreichen. Und ich werde dafür sorgen, dass er auch die Chance dazu erhält, selbst wenn das bedeutet, dass ich Sie dafür aus dem Weg räumen, beziehungsweise an die Wand klatschen muss, damit Sie Ruhe geben. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«

Deutlicher geht es kaum. Und das war nicht nur auf Hobbs' Worte bezogen, denn er ist, während er gesprochen hat, dichter an mich herangerückt, und was ich da an meinem Bauch fühle, ist so deutlich, dass mir heiß und kalt zugleich wird. Das kann dieser Mistkerl unmöglich ernst meinen. Aber er tut es, denn als ich den Kopf schüttle, grinst er plötzlich spöttisch und reibt sich nebenbei kurz an mir.

Ich muss träumen. »Sie sind verheiratet, Hobbs.«

»Das hat Sie vorhin nicht gestört, als Sie meinen Bauchnabel mit Blicken aufgefressen haben.«

Dass er mich das nicht vergessen lassen wird, hätte ich mir ja eigentlich denken können. Ich schnaube abfällig. »Ein Fehler meinerseits, der sich nicht wiederholen wird.«

»Ach nein?«, kontert er, löst sich von der Wand und streicht mit den Händen zärtlicher, als ich es ihm zugetraut hätte, über meine Seiten nach unten bis zu meinen Hüften, wo er dann mit der Kraft zupackt, die er ausstrahlt und die ihm jeder ohne den Funken eines Beweises zutrauen dürfte.

Wer so aussieht wie Lukas Hobbs, nun, ich sage es mal so, ein Arnold Schwarzenegger ist nichts dagegen und früher, ehe ich mit Darren im Bett war und ehe ich Ty und Garrett kannte, wäre mir im Traum nicht eingefallen, auf so einen Typ Mann zu stehen. Da mein Körper weit weniger Probleme hat als ich, zu zeigen, was er will, versuche ich es noch mal mit Vernunft.

Nicht, dass es bei Darren damals etwas gebracht hätte, aber egal. Versuch macht klug. Oder so ähnlich.

»Hobbs, Sie haben einen Ehemann zu Hause.«

»Und er wird bis ins Detail erfahren, was ich hier getrieben habe, denn darauf fährt er ab, so wie Sie auf muskulöse Kerle.«

Den letzten Halbsatz lasse ich unkommentiert, doch was er davor gesagt hat, macht mich ziemlich neugierig. »Führt ihr so etwas wie eine offene Ehe?«

»Ist das von Belang für Sie, Declan?«

Eigentlich nicht. Andererseits bin ich kein Fan davon, mich in Beziehungen einzumischen. Als Anwalt ist es mit der Moral oft nicht weit her, besonders wenn man böse Buben verteidigt, aber ein wenig davon habe ich mir bewahrt, und auch wenn ich nie aufgehört habe, Darren Walker umwerfend zu finden, wäre ich nicht so weit gegangen, ihn Adrian streitg zu machen. Mal ganz davon zu schweigen, dass Darren ein Beziehungsmensch ist und ich nicht. Was mich zu Hobbs Frage zurückführt, denn er hat recht. Es ist nicht von Belang, wenn er ficken will, obwohl er einen Ehemann in Detroit hat.

Jedenfalls nicht für mich.

Was wohl eine Menge über meinen Charakter aussagt, denn wir sollten das wirklich nicht tun. Aber da sein Mann Bescheid weiß und vielleicht dasselbe tut, wann immer Hobbs unterwegs ist, zerstöre ich mit ein bisschen Sex, den ich wirklich seit einer Ewigkeit nicht hatte, weil es mir zu mühsam war, mich in Clubs oder sonst wo nach einem Partner oder einer Partnerin für eine Nacht umzusehen, immerhin keine Ehe.

Der Rest geht mich nichts an, das muss dieses Paar für sich klären, finde ich. Eines wäre vorher jedoch definitiv zu klären, und zwar am besten gleich. »Ich bin nicht gerade scharf darauf, morgen deinen wütenden Ehemann vor der Tür zu haben, weil er das anders sieht als du.«

Jetzt wird der Griff an meinen Hüften schmerzhaft und ich zische auf, woraufhin er sofort locker lässt. Ihm zu unterstellen, ein Lügner zu sein, war offensichtlich keine Glanzleistung von mir, nur habe ich leider die Erfahrung gemacht, dass so gut wie jeder bereit ist. zu lügen, sofern der Preis stimmt oder etwas für ihn dabei herausspringt. Warum sollte er also anders sein? Und das sage ich ihm auch, woraufhin Hobbs nickt.

»Wir haben beide Berufe, die uns tagtäglich daran zweifeln lassen, ob die Menschheit es wert ist, zu überleben«, sagt er und lehnt seine Stirn gegen meine. »Aber das heißt nicht, dass ich in meinem Privatleben ein Lügner oder Fremdgeher wäre. Du hast gefragt, ob wir eine offene Ehe führen, und die Antwort darauf ist Ja. Er fickt jetzt vermutlich einen niedlichen, süßen Twink in einem Club, und wenn ich heimkomme, wird er mir jedes noch so kleine Detail davon erzählen, genauso wie ich das tun werde. Er wäre nicht wütend, weil ich dich gefickt habe, im Gegenteil, er würde mitmachen wollen.«

Wow, okay. Das war deutlich. Sogar sehr deutlich. Und es ist etwas, das mich definitiv nichts angeht. Wobei die Vorstellung, einen Dreier zu haben, nicht uninteressant ist, besonders wenn ich an Ty und Garrett denke, was ich den Rest der Nacht besser nicht tue, denn wenn ein Mann wie ich ein Angebot von einem Kerl wie Lukas Hobbs bekommt – ich sage es mal so: Ich wäre bescheuert, es abzulehnen, und wenn ich eines definitiv nicht bin, dann bescheuert.

»Okay, wären nur noch zwei Dinge zu klären«, sage ich und packe ihn im Nacken, als er sich zurückziehen will. Sein leises »Was?« lässt mich grinsen. »Erstens, ich bestehe auf Kondome, und zweitens … Wer liegt oben?«

***

Sein lautes Lachen habe ich noch eine halbe Stunde später im Ohr, da haben wir die letzte Frage längst geklärt, die nie zur Debatte stand, und ich hatte sie ohnehin nur gestellt, um ihn damit zu ärgern. Die Strafe dafür folgte auf dem Fuße, weshalb jetzt mein Arsch brennt, allerdings ist es ein gutes Brennen, das nicht davon rührt, dass er grob gewesen wäre. Jedenfalls nicht mehr, als ich es von ihm verlangt habe.

Nein, mein Arsch brennt, weil er trotz aller Vorbereitung ein großer Kerl ist, was auch seinen Schwanz betrifft, doch er lässt mir Zeit und bewegt sich nur langsam in mir, während er mich mit Küssen und Bissen ablenkt, und seine Hände dabei ständig überall und nirgends zu sein scheinen.

Lukas Hobbs genießt mit seinem ganzen Körper und er hat mir mit ein paar verdammt harten Schlägen auf den Arsch klar gemacht, wer das Sagen hat, als ich versuchte, das Kommando für eine Weile zu übernehmen. Er gibt mir, was ich will, sobald ich mehr fordere, aber damit hört seine Kooperation auch schon auf, und so kann ich nichts weiter tun, als mit weit gespreizten Beinen auf dem Bauch zu liegen und ihn machen zu lassen, wie er es von der ersten Sekunde an getan hat, und was sein Mund vorhin begann, wird sein harter Schwanz schon bald zu einem für uns beide genüsslichen Ende bringen, denn er trifft seit drei Stößen direkt meine Prostata, und als mein Keuchen deswegen lauter wird, packt er meine Handgelenke, um mich unter sich zu halten, denn ich will nicht, dass es bald vorbei ist, während mir gleichzeitig zwei andere Männer im Kopf herumschwirren, die das hier mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht gutheißen würden, im Gegensatz zu Hobbs' Ehemann.

»Du kannst sie haben, du musst nur zugreifen«, sagt Hobbs plötzlich und vergräbt sich bis zum Anschlag in mir, wobei sein Schwanz wiederholt sein Ziel trifft, und als er mich dann auch noch in den Nacken beißt, als wäre ich sein Eigentum, kann ich meinen Höhepunkt nicht länger zurückhalten und komme mit den Namen der Männer auf den Lippen, die ich wirklich will.

Vielleicht sollte ich mich entschuldigen, doch als Hobbs sich aus mir zurückzieht, kurz ins Badezimmer verschwindet, bevor er mich und danach sich selbst säubert, schweige ich und sehe ihn einfach nur an, wie er sich danach anzieht. Sein Holster mit der Waffe ist das letzte, was er anlegt, bevor er noch mal zu mir kommt und sich zu mir beugt, bis wir Nase an Nase sind.

»Keine Anrufe mehr. Keine Bilder. Kein gar nichts. Es endet heute Nacht, Declan«, sagt er eindringlich und ich seufze, bevor ich nicke, denn alles andere wäre falsch von mir und gegenüber ihm einfach nur unfair. Hobbs grinst kurz, dann drückt er mir einen albernen Schmatzer auf die Nase. »Ich meinte übrigens ernst, was ich zuvor gesagt habe. Sie gehören dir. Du musst nur endlich den Mut finden und zugreifen.«

»Das ist nicht so einfach.«

Er schnaubt. »Das ist Liebe nie, Melarge. Aber weißt du was, sie ist es trotzdem wert. Also lass dir die beiden nicht durch die Lappen gehen, nur weil du Schiss hast, dass sie herausfinden könnten, wer du einmal warst.« Ich will hochfahren, damit ich ihn anschnauzen kann, doch Lukas hält mich davon ab. »Nein! Ich habe dich genauso überprüft, wie alle anderen. Leb damit. Und lass deine Vergangenheit endlich hinter dir. Vor dir wartet die Zukunft darauf, gelebt zu werden. Vermassel sie nicht.«

»Arschloch!«

Hobbs lacht abfällig. »Ja, das höre ich ständig.« Er steht auf und sieht mir zu, wie ich mich aufsetze, um dann stinksauer zu ihm aufzusehen. »Was? Kein weiteres Schimpfwort?«

»Fick dich!«

Und schon grinst er wieder. »Du verstehst ja sicher, dass ich damit warte, bis ich wieder zu Hause bei meinem Staatsanwalt bin.« Er wendet sich ab. »Leb wohl, Melarge.«

»Lukas?«

Er hält an der Tür inne, sieht aber nicht zu mir. »Was?«

»Wie lange hast du gebraucht, um ihn zu lieben?«

Es dauert ein paar Sekunden, aber dann dreht er sich doch wieder zu mir um. »Geliebt habe ich ihn vom ersten Moment an. Doch mir das einzugestehen, zu begreifen, dass ihm mein Herz genauso anvertrauen muss, wie er mir seines anvertraut hat, weil es sonst nie funktionieren und uns eines Tages wieder auseinanderreißen würde, hat Jahre gedauert.«


Kapitel 2
Garrett

»Das ist die dümmste Idee, die wir in letzter Zeit hatten.«

Das sagt Ty jetzt zum dritten Mal in der letzten Stunde und langsam fange ich an, ihm recht zu geben, denn es war eine mehr als dumme Idee, nach Feierabend zu Declans Apartment zu fahren und nach dem Rechten zu sehen. Gut, ich hätte Nein sagen und Ty nach Hause ins Bett schleifen können, aber als er mir erzählt hat, wie seltsam Declan im 'Black Shine' heute war, bin ich neugierig geworden. Und darum stehen wir jetzt hier im Dunkeln herum und beobachten Declans Wohnzimmerfenster, in dem immer noch Licht brennt, was es um zwei Uhr morgens definitiv nicht mehr tun sollte, immerhin muss Declan früh raus und ist ohnehin nicht der Typ Mensch, der sich die Nächte um die Ohren schlägt. Ich bezweifle, dass er das jemals war, dafür ist er viel zu ernst, aber das gehört nicht hierher.

»Ich dachte, der Hauskauf war die dümmste Idee, nachdem wir uns ausgerechnet in eine Villa verliebten, die wir uns ohne Darren niemals hätten leisten können.«

Daran haben auch die Entschädigungszahlen nach unserem letzten Einsatz nichts geändert. Eine Villa ist eine Villa und hat einen entsprechenden Preis. So sparsam kann man gar nicht im Alltag sein, um solche Kosten aus der Portokasse stemmen zu können. Aber dank Darren müssen wir uns deshalb jetzt keine Sorgen mehr machen, denn die Kreditraten sind moderat und den laufenden Unterhalt, wenn erst mal alles fertig ist, können wir mit unseren Gehältern problemlos finanzieren. Und notfalls schieben wir halt ein paar Überstunden und arbeiten möglichst an jedem Feiertag, denn solche Schichten bezahlt Darren mehr als gut, um sie attraktiv genug zu machen. Nicht, dass er jemals ernsthafte Probleme gehabt hätte, genug Leute für Halloween, Thanksgiving oder Weihnachten zu finden. Gerade Singles, die sonst nichts vorhaben, arbeiten gerne in diesen Nächten, denn wann wird man schon doppelt fürs Arbeiten bezahlt und kann gleichzeitig mittendrin in einer Party sein. Selbst als Türsteher sind wir nie wirklich außen vor an den Feiertagen, dafür sorgen Adrian, Darren und die Gäste schon.

Ty schnaubt. »Du weißt genau, das ich ungern Schulden bei irgendwem habe.«

Oh ja, das weiß ich sehr gut. Schließlich haben wir wegen der Villa eine gefühlte Ewigkeit diskutiert, die uns nur deshalb keiner vor der Nase weggeschnappt hat, weil sie erstens eine Bruchbude war und zweitens der Makler, der sie im Portfolio hatte, ein Freund von Darren ist.

»Ich habe lieber einen Kredit bei Darren, als bei einer Bank«, kontere ich und grinse, als Ty grummelnd wieder um die Ecke sieht. »Na? Immer noch Licht an?«, frage ich und lehne mich an die Mauer, was zwar nicht sonderlich bequem wird, aber nach stundenlangem Stehen und Frieren an der Tür wenigstens ein bisschen abstützt. Ich will dringend unter die heiße Dusche und dann ins Bett. Mir tun die Füße weh. Und mir ist kalt.

»Ja. Was treibt er da bloß so lange?«, will Tyler wissen. Er ist so ungeduldig in Bezug auf Declan, versucht aber immer, sich das vor dem Mann nicht anmerken zu lassen. Ich bin gespannt, wie lange es ihm noch gelingt.

»Vielleicht hat er jemanden über Nacht bei sich?«, überlege ich, denn die Möglichkeit besteht. Nur weil er uns noch nicht in sein Bett eingeladen hat, heißt das ja nicht, dass er niemanden in sein Bett einlädt. Und auch wenn mir die Vorstellung, dass er genau das tut, nicht sonderlich gefällt, wir sind alle erwachsen. Solange er nicht zu Ty und mir gehört, kann Declan darum tun und lassen, was er will.

Nichts gegen offene Beziehungen, aber für uns ist das nichts und wird es auch nie sein. Wir wollen einen Dritten in unserem Leben. Schon sehr lange. Und ein paar Mal dachten wir bereits, diesen besonderen Menschen gefunden zu haben. Allerdings ist es schwer, in den Kopf von Leuten hineinzusehen und bisher ist jede unserer Beziehungen daran gescheitert, wer wir damals in der Sektion waren. Dabei hatten wir unseren Ex-Freunden nicht mal die schlimmsten Details erzählt. Dazu kam es nie, weil sie schon vorher die Grenze zogen und sich eiligst aus dem Staub machten.

Was uns vermutlich weniger verletzt hätte, hätte wenigstens einer von ihnen den Mut gehabt, ehrlich mit uns zu reden, statt einfach unsere Telefonnummern zu blockieren und schweigend die Straßenseite zu wechseln, wenn wir uns zufällig irgendwo über den Weg liefen.

Mir ist klar, dass wir damals nicht gerade einen alltäglichen Job hatten, nur ist mir leider auch klar, dass wir einem Partner unser früheres Leben nicht verschweigen dürfen, da selbst jetzt noch, nach all den Jahren, eine kleine Möglichkeit besteht, dass uns irgendjemand von einem der Undercover-Fälle erkennt und dann sind wir und alle um uns herum in Gefahr. Wir haben den US-Marshal-Service zwar verlassen, aber wir werden immer die Notfallkontakte aktuell halten müssen, sollten wir, wie Maxwell Stone, eines Tages gezwungen sein, Chicago in einer Nacht- und Nebelaktion hinter uns zu lassen.

Hoffentlich tritt dieser Fall niemals ein. Ich will weder diese Stadt noch das Haus aufgeben. Und ich will auf gar keinen Fall Declan Melarge aufgeben.

»Und sitzt mit ihm mitten in der Nacht Kaffee trinkend im Wohnzimmer?«, hält Ty dagegen und da ich diesem Argument nicht widersprechen kann, zucke ich nur die Schultern.

Im nächsten Moment fällt mir etwas ein und ich verkneife mir ein Lachen. »Was, wenn es eine Sie ist?«

Ty erstarrt neben mir, dreht seinen Kopf in meine Richtung und schluckt hörbar. »Eine Frau?«

Er klingt derart schockiert, dass ich darüber erst mal lachen muss, was ihn vor Ärger knurren lässt. »Das war ein Witz, Ty.«

»Aber ...«

»Nein!«, unterbreche ich ihn ruppig, denn obwohl Declan uns auf Abstand hält, bin ich mir sicher, was sein Interesse für Ty und mich angeht. »Seine Blicke sind eindeutig und du weißt, wie gut ich Menschen anhand ihrer Blicke einschätzen kann. Er hat keine Frau da oben.«

»Was treibt er dann bloß?«

Tja, wenn Ty das wissen will, gibt es nur eine Möglichkeit, um es herauszufinden. »Du wirst wohl klingeln müssen, wenn du das wissen willst.«

»Bist du verrückt?« Ty tippt sich vielsagend an die Stirn und stößt gleich darauf die Luft aus, als ich wiederholt lache, weil er in Bezug auf Declan leider genauso feige ist wie ich. »Nächstes Mal bin ich nicht so dämlich und bezahle den Sprit mit deiner Kreditkarte«, murmelt er auf einmal und sieht ein weiteres Mal verstohlen um die Hausecke.

Ich verdrehe die Augen. »Ich hätte dir den Arsch versohlen sollen. Von wegen, es gäbe da ein Angebot im Baumarkt.«

Nur eine der Ausreden, die er mir aufgetischt hat, während er schon wochenlang Declan hinterher spionierte, um nach und nach geduldig herauszufinden, wie dessen Gewohnheiten und Tagespläne aussehen. Und vermutlich hätte er dieses Spiel noch für eine ganze Weile unbehelligt weitertreiben können, wäre ich ihm nicht aufgrund der unplanmäßigen Tankstopps außerhalb unseres normalen Wohn- und Arbeitsumfeldes auf die Schliche gekommen.

»Wann sind wir diesem Mann eigentlich so verfallen?«, will ich wissen, obwohl mir die Antwort darauf klar ist, seit wir ihn damals in Dannys Wohnung das erste Mal privat erlebt haben. Um genau zu sein, seit er über irgendetwas, das Darren gesagt hat, lachen musste. Danach war Dannys Umzug für uns prompt zur Nebensache geworden und Declan Melarge zu einer feinen Obsession, die wir seither nicht mehr losgeworden sind. Nicht, dass wir das überhaupt wollen.

»Seit er gelacht hat«, murmelt Ty und wieder grinse ich.

Bis mir dann abrupt auffällt, dass wir uns gerade wie zwei verrückte Stalker aufführen. Ich stoße mich von der Wand ab. »Schluss jetzt. Ab nach Hause. Ich will ins Bett. Übrigens, wird sich das hier nicht wiederholen, Ty.«

Ich versuche böse zu klingen, was ich nicht bin, aber wenn ich Ty jetzt keinen Einhalt gebiete, hört er nicht auf und das bringt uns in Teufels Küche, sollte Declan herausfinden, dass er von meinem Mann verfolgt und beobachtet wird. Ty kann das verdammt gut, gar keine Frage, aber so lernt man nun mal nicht seinen zukünftigen dritten Ehemann kennen. Denn dass Declan das eines Tages sein wird, darauf hoffen wir sehnlichst.

Außerdem bin eigentlich ich derjenige von uns beiden, der den ersten Schritt macht, sobald uns jemand gefällt. Nur leider hat Declan Melarge alle unsere Regeln völlig über den Haufen geworfen, weil er so kratzbürstig und stur ist, wie kein anderer Mann vor ihm. Er will uns, darauf hätte ich sogar unser frisch gekauftes Haus gewettet, aber da gibt es etwas ganz Gewaltiges in seinem Leben oder aber in seiner Vergangenheit – ich tippe auf Letzteres, weil es uns genauso geht – das ihn vor Ty und mir, überhaupt vor Beziehungen, zurückschrecken lässt.

Geduld, spreche ich mir stumm Mut zu und greife nach Tys Hand, um ihn nach Hause zu bugsieren, als er plötzlich scharf einatmet und kaum hörbar »Das gibt’s doch nicht.« sagt.

Ich bin sofort alarmiert, als er sich anspannt, und schaue um ihn herum Richtung Apartmenthaus. »Fuck«, schimpfe ich leise und kann kaum glauben, wen ich da drüben sehe, aber er ist es, und dem Grinsen nach zu urteilen, das wir dank einer Laterne perfekt sehen können, war er bei Declan – und zwar nicht, um mit ihm um halb drei Uhr morgens Kaffee zu trinken.

»Ich bringe ihn um.«

»Nein!« Ich halte Ty entschieden zurück. »Lass uns erst mal hören, was er hier macht. Umbringen kannst du ihn später.« Ich suche Tys Blick. »Vielleicht.«

Er erkennt die Warnung und er akzeptiert sie, weil er weiß, dass seine Wut gefährlich ist. Wir sind nicht mehr im Training, seit Jahren aus dem Team raus, und der arrogante Mistkerl da drüben war uns erstens schon immer haushoch überlegen und ist zweitens garantiert nicht allein gekommen. Wir hätten den Wagen längst bemerken müssen und dass wir das nicht getan haben, verrät nicht nur mir eine Menge.

Damit Declans Gast uns nicht durch die Lappen geht, stoße ich im nächsten Moment einen Pfiff aus. Er reagiert umgehend. Seine Hand zuckt zu seiner Hüfte, was mich leise lachen lässt, während Ty aus dem Schatten auf den breiten Gehweg tritt und ihm erklärt: »Die brauchst du nicht.«

Lukas Hobbs schnaubt abfällig und schiebt dabei eine Hand in seine Jackentasche, wo, sofern er seine Angewohnheiten in den letzten Jahren nicht komplett auf den Kopf gestellt hat, eine scharfe Klinge unter dem Futter versteckt sein müsste. Dieser Mann geht nicht unbewaffnet aus dem Haus – niemals.

»Hätte ich mir ja denken können, dass ihr euch immer noch hinter Hausecken und im Dunkeln rumdrückt. Manche Dinge ändern sich wohl nie.«

»Es ist auch schön, dich zu sehen, Hobbs.«

Er kommt über die Straße zu uns, groß, dunkel, mit seinem kurzgeschorenen Haar und einem Körper, der noch um einiges muskulöser ist, als ich ihn in Erinnerung habe. Was allerdings gleich geblieben ist, ist der wachsame Blick, mit dem er ständig die nähere Umgebung in Augenschein nimmt. So waren Ty und ich auch mal und es dauerte sehr lange, bis wir aufhörten, jeden Abend dreimal alle Fenster und Türen zu prüfen und mit einer Waffe unter dem Kopfkissen zu schlafen. Von den unsichtbaren Fallen überall in der Wohnung gar nicht zu reden. Wir waren so paranoid, wie man es als Marshals nur sein kann, dabei waren wir zu der Zeit offiziell bereits entlassen worden. Aber niemand legt eine jahrelange Konditionierung einfach so von heute auf morgen ab und wir haben es schlussendlich nur mithilfe einer Therapeutin geschafft, die sich auf Ex-Cops, Ex-Militärs und so weiter spezialisiert hatte.

»Wie geht es euch?«

Die Frage ist ehrlich gemeint, obwohl ich nicht glaube, dass er nicht über uns im Bilde ist. Ein Mann wie Lukas Hobbs wird seine ehemaligen Aktivposten im Auge behalten, solange er sie für nützlich hält, und Ty und ich waren verdammt nützlich. Für Hobbs, die Sektion und die vielen Opfer, die wir retten konnten, selbst wenn ihre Rettung bedeutete, dass die Täter selbige nicht überlebten.

Wen interessiert schon ein toter Pädophiler, der zufällig auf einer Treppe ausgerutscht ist? Diese Meinung vertreten viele in der Gesellschaft und ich kann nicht behaupten, dass ich jemals einem Täter eine Träne nachgeweint hätte. Die Art von Monster, die wir gejagt und zur Strecke gebracht haben, will niemand in seinem Haus oder unter dem Bett vorfinden, wenn er glücklich und zufrieden in sein sicheres Zuhause kommt, ohne zu ahnen, welcher Schrecken dort auf ihn wartet.

Ty schnaubt und reißt mich damit aus den Erinnerungen an einen ganz schlimmen Fall von uns, bei dem fünfzehn Frauen auf bestialische Weise sterben mussten, bis es uns gelang, nicht nur einen, sondern gleich zwei Täter dingfest zu machen, die es als Herausforderung und Spiel ansahen, wer von ihnen beiden der bessere Mörder war. Einer hat es auf die Intensivstation und von dort ins Grab geschafft, um die aufgebrachte Bevölkerung zu beruhigen, den anderen hat Hobbs seinem Mann überlassen.

Zumindest soweit ich weiß.

Ich habe nie gefragt und ich werde auch nicht fragen, denn es gibt Antworten, die ich einfach nicht wissen will.

Ein misstrauischer Seitenblick trifft mich, doch bevor Ty die Sorge in seinen Augen in Worte fassen kann, schüttle ich leicht den Kopf und konzentriere mich auf Hobbs.

»Es geht uns gut«, sage ich schlicht, weil ich ihm weder von unserem neuen Haus noch unserem Leben erzählen will.

Wir sind keine, und wir waren es auch nie, Freunde. Damals sah ich das anders, aber was wirkliche Freundschaft bedeutet, haben Ty und ich erst durch Darrens Club kennengelernt. Es ist vielleicht unfair Hobbs gegenüber, denn vielleicht würde er die Chance, die wir auf ein zweites Leben bekommen haben, auch verdienen und vor allem nutzen, doch Ty und ich tragen zu viel Ballast mit uns herum, um ihm gegenüber nicht misstrauisch zu sein und es auch zu bleiben. Lukas Hobbs ist loyal und ich habe nie mit einem besseren Mann zusammengearbeitet, aber für ihn kommen sein Ehemann und seine Schützlinge immer zuerst.

Selbst wenn das für andere US-Marshals bedeutet, dass sie einen Einsatz mit dem Leben bezahlen.

Mir kommt automatisch Declan in den Sinn und die Angst, die mich daraufhin überfällt, kann ich nur mühsam verbergen. Doch ich darf Hobbs gegenüber nicht schwach erscheinen, das würde er sofort ausnutzen.

»Er wird nicht aufhören, Lucas«, sage ich daher, weil es nur eine Sache geben kann, die ihn zu Declan geführt hat, und das ist die eine Sache, die Ty und mich einen Abend lang ernsthaft, zumindest für fünf Minuten, hat überlegen lassen, Hobbs eine Nachricht zu schicken und nach Maxwell zu fragen. Wir haben es nicht getan, weil wir nichts mehr mit unserem alten Leben zu tun haben wollen, und Lukas Hobbs gegenüber öffnet man nie leichtfertig eine Tür – weder in der Realität noch symbolisch.

»Sie haben Angst vor ihm.«

Das hat unsere Therapeutin einmal leise gesagt und damit ins Schwarze getroffen, denn wer keine Angst von Lukas Hobbs und seinem Ehemann hat, ist entweder verrückt oder hat keine Ahnung, mit wem er es zu tun hat. Ich habe mir oft Letzteres für Ty und mich gewünscht, denn manchmal sind Naivität oder Unwissenheit ein wahrer Segen.

Hobbs darauffolgendes, überhebliches Grinsen sagt mir im nächsten Augenblick etwa anderes, das seine Worte dann noch mal bestätigen. »Doch, das wird er.«

Ty knurrt und macht drohend einen Schritt auf Hobbs zu, aber mein Griff wird härter und hält ihn zurück. Bevor ich die zwei aufeinander loslasse, will ich erst wissen, was genau er mit Declan besprochen hat.

»Wie willst du das sicherstellen?«

»Ich habe ihm eine deutliche Ansage gemacht.«

Das reicht mir nicht, außerdem ist da etwas in seinem Blick. Er hat noch etwas anderes getan. »Und?«

»Ihm ein Foto gezeigt.«

Ty erstarrt ebenso wie ich. »Ein Foto?«

»Maxwell«, flüstere ich und kann kaum glauben, dass er das wirklich getan hat.

Lukas Hobbs ist nicht nachsichtig.

Niemals.

Andererseits, kenne ich diesen Mann denn wirklich oder ist es nur meine miese Erfahrung, die aus mir spricht, wenn ich an ihn und die Sektion denke? Immerhin haben Ty und ich dort so viele Jahre genau dasselbe getan wie er, und zwar aus vollster Überzeugung heraus. Doch wir haben uns verändert.

Vielleicht hat Lukas Hobbs das in den vergangenen Jahren ebenfalls getan.

»Lukas?«, fragt Ty, unfähig sich zurückzuhalten, und Hobbs abwartender Blick wird mitfühlend, als er begreift, was Ty von ihm will.

»Es war auf einmalige Ansicht programmiert. Tut mir leid, Tyler.«

Mein Mann flucht lästerlich und verschränkt die Arme vor der Brust, als ich ihn loslasse und mir über die Augen reibe. Ich hätte eine Menge dafür gegeben, einen letzten Blick auf Stone werfen zu können, um Darren morgen zu sagen, dass es seinem Freund gutgeht.

»Wir hätten es alle sehen sollen.«

»Ihr hättet gar nichts sehen sollen, Tyler, und ich habe auch nur für Melarge eine Ausnahme gemacht, weil er sonst niemals aufhören würde, wie Garrett es richtig erkannt hat. Aber damit gefährdet er die, nach denen er inbrünstig sucht, und das habe ich ihm klar gemacht.«

»Und?«, hake ich sofort nach, denn da ist immer noch mehr, das fühle ich einfach, und als Hobbs daraufhin grinst, ist er nur noch einen Atemzug davon entfernt, meine Faust ins Gesicht zu bekommen, denn ich weiß, wie jemand aussieht, der gefickt hat, und das hat ausnahmsweise mal nichts damit zu tun, dass wir in der Sektion derartige Dinge öfters mitbekommen haben, weil Hobbs und sein Mann Paarbildungen zwar nicht wünschen, sie aber auch nicht verbieten oder ihnen im Weg stehen – Ty und ich sind dafür das beste Beispiel.

»Wer liebt, kämpft im Notfall besser. Vor allem um seinen Partner oder seine Partnerin.«

Das hat Hobbs mal zu seinem Mann gesagt und ich habe es zufällig gehört, als ich auf dem Weg in unser Quartier war, um zu duschen. Eines der wenigen Dinge, die ich Ty bis heute nicht erzählt habe, denn das würde unsere gemeinsamen Einsätze für ihn in ein völlig anderes Licht rücken, und ich kann und will es Hobbs nicht vorwerfen, dass er Paare bewusst zusammen in die Einsätze geschickt hat.

Sein Mann hätte da keine Skrupel, da bin ich mir sicher, nur ist Lukas nicht sein Ehemann, auch wenn mir unbegreiflich ist, wie man einen Verrückten wie Kane Williams lieben und sogar heiraten kann.

Andererseits sind Ty und ich auch nicht gerade das, was im Normalfall als Traumschwiegersohn durchgeht, daher kann ich mir kaum ein Naserümpfen erlauben.

»Ich habe ihn fertig gemacht.«

Das ist mir klar, beantwortet aber nicht meine Frage, denn Hobbs wäre nicht nur wegen Sex hergekommen. Den kann er schließlich problemlos zu Hause bekommen, obwohl ich mich dunkel erinnere, dass er und sein Mann selbst als Ehepaar nicht monogam sind. Es gab diesbezüglich unzählige Gerüchte, aber da mich das nichts angeht, ob die beiden nebenbei mit anderen Kerlen ins Bett steigen, habe ich darauf nie viel gegeben.

»Und?«, frage ich daher erneut und daraufhin grinst Hobbs spitzbübisch, was mich stöhnen lässt, weil ich mich verdammt gut an dieses Grinsen erinnere. »Das ist doch nicht dein Ernst. Der Mann ist Anwalt.«

»Na und?«

»Hobbs!«

Er lacht. »Keine Sorge, ich habe nur ein Suchprogramm über seinen Laptop und das Handy laufen lassen. Seine Arbeit blieb davon völlig unangetastet.« Hobbs schürzt die Lippen. »Wollen wir wetten, wie lange es dauert, bis ihm auffällt, dass ich sogar eine Seite in seinem altmodischen Adressbuch ersetzt habe?«

Ty lacht und zeigt Lucas den Stinkefinger, was den nur noch breiter grinsen lässt, während ich die Augen verdrehe. Die zwei waren von Anfang an wie gegensätzliche Magnete, aber sobald es darum ging, Spuren zu verwischen, haben sie jedes Mal eine Art Wettbewerb daraus gemacht, wer es schneller schafft, ohne dabei fremdes Eigentum zerstören zu müssen.

»Werden wir ein Problem miteinander kriegen, weil ich ihn gefickt habe?«, will Hobbs auf einmal wissen, was Ty und mich gleichermaßen irritiert, denn früher waren ihm Überlegungen wie diese, oder gar ein schlechtes Gewissen, völlig fremd.

Er scheint sich tatsächlich verändert zu haben und vielleicht erreichen wir, also mein Mann und ich, eines Tages den Punkt, dass wir uns ernsthaft damit befassen können, ohne gleich die nächste Falle hinter dieser Freundlichkeit zu suchen, wie ich es im Augenblick insgeheim eindeutig tue, da ich Hobbs nicht mal ansatzweise über den Weg traue und das weiß er. Was Declan angeht, hat er allerdings nichts zu befürchten, darum schüttle ich den Kopf, und das lässt Hobbs die Stirn runzeln.

»Was mich zu der Frage führt, auf was ihr zwei eigentlich wartet? Schnappt ihn euch endlich. Oder ist euch in letzter Zeit entgangen, dass er kaum die Augen von euch lassen kann?«

Was meine Frage beantwortet, ob Hobbs uns hat beobachten lassen. Egal. Darüber werde ich jetzt garantiert keinen Streit mit ihm anfangen, dann hätte Ty nur einen weiteren Grund, Hobbs eine reinzuhauen. Beziehungsweise, es zu versuchen, was dann mit Sicherheit zu einer Schlägerei führt und ich erinnere mich noch viel zu gut an ihre letzte. Das muss ich kein zweites Mal haben, definitiv nicht.

»Er ist noch nicht bereit für uns«, sagt Ty, ehe ich es kann.

Hobbs winkt mit einem abfälligen Schnauben ab. »Niemand wird jemals bereit für euch zwei sein, Tyler. Sorgt dafür, dass er in die Stiefel hineinwächst, die er brauchen wird, um mit euch klarzukommen.«

»Passen deinem Anwalt seine Stiefel schon?«

Hobbs schnaubt wieder. »Frag lieber, ob sie mir passen.«

Bevor Ty genau das tun kann, halte ich ihn mit einem »Nein, Ty!« davon ab und suche Lukas' Blick. »Niemand in der Sektion hat erwartet, dass du heiratest. Und dann ausgerechnet diesen finsteren Mistkerl mit einem Herzen aus Stein?«

»Er ist kein Mistkerl, Garrett, und das war er auch nie. Aber er hatte ein Leben von mir, genauso wie ihr oder ich, und das hat Spuren hinterlassen.« Hobbs atmet tief durch. »Jeder, der in unserer Einheit arbeitet, ist kaputt oder gebrochen oder beides, darum sind wir ja auch so gut in dem, was wir tun. Darum wart ihr perfekt in dem, was wir tun.«

Ty wendet sich ab und diesmal lasse ich ihn einige Schritte gehen, damit er sich beruhigen kann, denn er hat Schlimmeres hinter sich als ich. Trotzdem, ich werde niemals zulassen, dass Hobbs die Vergangenheit wieder aufrührt, wir haben zu lange gebraucht, uns von ihr zu lösen und neu anzufangen.

»Ja, wir waren perfekte Mörder, Lukas, und eben deswegen sind wir gegangen. Weil wir kurz davor standen, die Grenze zu überschreiten, die uns von den Monstern trennte. Und du weißt das sehr genau. Also wag es ja nicht, die Vergangenheit wieder aufzurühren.«

Hobbs sieht mich ernst an, bevor er eine Hand hebt und die Fassade von Declans Apartmenthaus hinauf zeigt. »Er wird sie aufrühren, Garrett, und sofern ihr mit ihm eine Zukunft haben wollt, müsst ihr das auch zulassen. Hör mir zu!«, braust er auf, als ich ihm sofort widersprechen will. »Ich sage das nicht, um euch wehzutun, sondern weil ich den Weg schon gegangen bin und dagegen ankämpfte, bis ich den Mann, den ich liebe, fast verloren hätte. Ihr könnt keine Zukunft haben, wenn ihr eure Vergangenheit verleugnet. Melarge hat das Recht, von euch die brutale, schonungslose Wahrheit zu hören. Genauso wie ihr das Recht habt, seine Wahrheit zu hören, sobald die Zeit reif ist.«

Ich runzle die Stirn. »Wie meinst du das?«

»Glaubst du, ihr seid die einzigen, die einen Berg Ballast mit sich herumschleppen? Declan ist über Fünfzig und sein Leben war nicht immer dieses langweilige Anwaltsdasein, das er jetzt führt. Er hat sich sehr bewusst dafür entschieden, und zwar aus einem gutem Grund.«

»Du hast Declans gesamtes Leben durchleuchtet?«, frage ich verdutzt, denn damit habe ich nicht gerechnet. Was mir wieder einmal zeigt, wie lange Ty und ich schon ein neues Leben leben, denn Hobbs muss für Maxwells und Bens Sicherheit sorgen, darum wird er jeden von uns genau unter die Lupe genommen haben. »Vergiss es.«

Hobbs nickt und sieht im nächsten Moment nach links und dann die Straße runter. »Ich muss los.«

Ich brauche länger, bis ich den Wagen entdecke. »Scheiße«, murmle ich, denn dieser alte Ford ist so unauffällig, dass er Ty und mir nie hätte entgehen dürfen.

Hobbs lacht heiter. »Ihr seid aus der Übung. Zumindest für unser Team. Andererseits war das nach der langen Zeit auch zu erwarten.« Er tritt dicht auf mich zu und sofort steht Ty wieder an meiner Seite. »Ich verlange von euch beiden, dass ihr auf die Männer aufpasst, die Maxwell einfach alles bedeuten. Und ich verlange, dass ihr auf den Kerl da oben aufpasst, der euch zwei alles bedeutet. Denn das sind die Menschen, die zählen. Selbst für solche Freaks wie uns, kapiert?«

»Kapiert«, antworte ich, denn Ty wird es nicht tun, genauso wenig, wie er Hobbs jemals verzeihen wird, und das weiß der genau, so wie er Ty jetzt ansieht.

»Hass mich ruhig, Tyler. Ich kann es verstehen.«

»Trotzdem wirst du dich nicht dafür entschuldigen«, faucht Ty und ballt die Hände zu Fäusten. Er ist selbst nach all der Zeit immer noch unglaublich wütend auf Hobbs und so sehr ich mir wünschte, etwas für ihn tun zu können, so sehr weiß ich, dass das unmöglich ist. Dafür ist damals zu viel schief gegangen. Ich kann Hobbs für nicht die alleinige Schuld geben, weil wir alles getan hatten, was möglich war. Manchmal geht trotzdem schief, was schiefgehen kann, und im damaligen Fall war ich dann der Leidtragende. Darum ist Ty für derartige Details auch mehr als nur ein bisschen unempfänglich.

»Nein. Niemals. Denn ich würde diese eine Entscheidung in jedem Fall wieder treffen.«

Diesmal bin ich nicht schnell genug, um zu verhindern, dass Ty Hobbs seine Faust ins Gesicht rammt, der daraufhin stöhnt und nach hinten taumelt, aber er bleibt auf den Beinen und hält sich die blutende Nase, während ich Ty an den Armen packe, um Schlimmeres zu abzuwenden.

»Lass mich los, damit ich ihm die Knochen brechen kann!«, flucht Ty, doch ich werde den Teufel tun. Ich habe gesehen, was passiert, wenn die zwei die Beherrschung verlieren und damals, als ich noch im Krankenhaus lag, war ich körperlich nicht in der Lage, sie aufzuhalten. Das mussten am Ende vier Polizisten und drei Marshals übernehmen, sonst hätten sie die Etage der Klinik komplett in Schutt und Asche gelegt.

Gut, dass diese Klinik privat war und dass der ruinierte Flur mit einem großen Scheck genauso zu reparieren war, wie sich damit das Schweigen der Angestellten erkaufen ließ. Wir waren und sind auf solche Kliniken angewiesen. Beziehungsweise ist es Hobbs, der auf solche Orte angewiesen ist, wo auch immer er sie in diesem Land findet, um verletzte Agenten behandeln zu lassen oder Zeugen vor ihren Peinigern schützen zu können.

»Geh, Lukas!«, verlange ich ruppig, denn Ty wehrt sich und ich werde ich ihn nicht ewig festhalten kann. Wir sind, in Bezug auf unsere Körperkraft, ebenbürtig, aber wenn er wirklich will, habe ich keine Chance gegen meinen Mann und das weiß auch Hobbs, denn er nickt und macht kehrt, um nach drei Schritten zu fluchen und umzudrehen.

Er ist so schnell wieder bei uns und hat Tys Gesicht mit den Händen gepackt, dass wir förmlich an Ort und Stelle erstarren, denn weder Ty noch ich haben so eine Reaktion erwartet. Lukas Hobbs weiß, dass Ty gefährlich ist. Sehr gefährlich. Trotzdem fordert er es geradezu heraus, noch eins auf die Nase oder auch in den Magen zu bekommen. Je nachdem, wohin Ty als erstes tritt, bevor er alle Beherrschung fahren lässt und sich auf Hobbs stürzt, um ihn umzubringen.

»Ich verstehe dich«, sagt Hobbs ruhig und hält Ty weiterhin fest. »Nein, hör mir zu! Damals gab es für uns nur den Job, den Auftrag, und ich wusste, wie gut Garrett ist. Es konnte niemand anderes sein, da er die ganze Vorarbeit gemacht hatte und diese Schweine ihn kannten. Ich wusste, dass er das Ganze überleben kann, darum habe ich ihn in das Lagerhaus geschickt, und ich hatte recht, denn er hat den Einsatz nicht nur überlebt, sondern ihn halb tot sogar noch erfolgreich abgeschlossen.«

»Du gefühlloses Schwein!«, brüllt Ty voller Wut los und ich kann nur beten, dass niemand sein Geschrei hört.

»Du hast recht, das war ich wirklich, denn mir war absolut nicht bewusst, wie sehr du ihn liebst. Ich hätte es sehen müssen, aber das habe ich nicht. Das kannst du mir ankreiden, gerne für den Rest deines Lebens, wenn du dich dann besser fühlst, aber ich würde trotz allem immer wieder so handeln.« Hobbs flucht saftig, weil Ty nach ihm tritt, aber was hat er nach den Worten erwartet? »Ich war noch nicht fertig, also hör zu, du Idiot! Dass ich nicht anders handeln würde, heißt nicht, dass ich dich nicht verstehen kann.«

Ty spuckt ihn an und ich verziehe gequält das Gesicht, doch Hobbs lässt es kommentarlos über sich ergehen, während sein Blut und Tys Spucke sich verbinden und über sein Gesicht zum Kinn laufen und dort zu Boden tropfen. Ich glaube langsam, Ty hat ihm die Nase gebrochen, so heftig, wie sie blutet.

»Auch wenn du mir nicht glaubst, Tyler, es ist so. Ich weiß mittlerweile ganz genau, wie du dich fühlst.«

»Woher willst du wissen, wie ich mich fühle? Nur weil du dich mit diesem Irren eingelassen hast, heißt das nicht ...«

»Er ist ein aktiver Serienmörder, Tyler!«

Ty verstummt abrupt, während ich Lukas verblüfft anstarre, weil ich nicht glauben kann, was ich da höre. Sein angeblich so überkorrekter Staatsanwalt ist bitteschön was?

Okay, dass Kane Williams nicht ganz dicht ist und gern mal Recht und Gesetz verbiegt oder auch bricht, war mir nicht neu, immerhin habe ich mehr als einmal erlebt, wie er mit Tätern im Verhörraum gearbeitet hat, die später oft genug auf einer Trage nach draußen gebracht werden mussten. Und ich war eigentlich bis gerade eben davon ausgegangen, dass dieser Frauenmörder, den Hobbs ihm überlassen hat – Oh mein Gott, er hat ihn Kane nicht zum Verhör und ein bisschen Prügel überlassen.

Ich schnappe fassungslos nach Luft. »Dieser Frauenmörder, der überlebende Teil dieses Duos, das wir geschnappt hatten … Was hat Kane mit ihm gemacht?«

Hobbs Gesichtsausdruck verschließt sich zu einer neutralen Maske, bevor er fragt: »Was glaubst du denn, was er mit diesem Schwein gemacht hat, Garrett?«

Manchmal ist keine Antwort auch eine Antwort.

»Oh Gott«, flüstert Ty neben mir entsetzt und als wir einen Blick tauschen, sehe ich in den Augen meines Mannes dieselbe Angst, wie er sie in meinen sehen kann. Wir waren so nah dran, wie Kane Williams zu werden. So nah. Du lieber Himmel.

Lukas seufzt leise. »Ihr macht mich fertig. Denkt ihr beiden wirklich, ich könnte euch nicht verstehen? Ich liebe. Und das ist ein so erschreckendes Gefühl, da es mich angreifbar macht, was ich nie sein wollte. Aber ich liebe meinen Mann trotzdem oder vielleicht gerade deswegen. Er ist genauso kaputt wie wir, nein, er ist noch viel kaputter als ihr oder ich es jemals sein könnten, und ich würde dennoch alles tun, um ihn zu beschützen.«

»Du würdest ihn umbringen, wenn du müsstest«, wirft Ty ihm vor und ich schürze die Lippen, weil das brutal, aber leider die Wahrheit ist.

»Ja, das würde ich«, stimmt Lukas ihm unerbittlich zu und das lässt Tys Gegenwehr abrupt ins Nichts verpuffen. »Würde er jemals einen Fall ernsthaft gefährden oder in Gefangenschaft geraten und ich hätte keine Chance, ihn rauszuholen, würde ich ihm eine Kugel zwischen die Augen jagen, um zu verhindern, dass er unter Folter redet, und das weiß er auch, denn er würde dasselbe für mich tun. Jederzeit. Genauso wie du es damals fast für Garrett getan hättest.«

Moment, was?

»Ty?«, frage ich kaum hörbar, denn das höre ich heute zum ersten Mal, und dass er sich versteift, als ich erneut nach seinem Arm greife, verrät ihn. Hobbs hat die Wahrheit gesagt. Nicht, dass ich daran gezweifelt hätte. »Lukas. Du solltest jetzt gehen. Ich habe mit meinem Mann zu reden.«

Er nickt, sucht ein letztes Mal Tys Blick. »Er muss es wissen, Tyler, also sag es ihm. Er wird dich nicht weniger lieben, denn dazu ist er überhaupt nicht in der Lage.« Hobbs löst sich von Ty und tritt zurück. »Viel Glück. Und auch wenn ihr mir das wohl nicht glaubt, ich wünsche euch beiden nur das Beste. Das habe ich immer getan.«