Karriere vs. Herz


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Prolog

 

Er hatte davon gehört.

Von dem Haus, an dessen Tür man Tag und Nacht klopfen konnte, wenn man niemanden mehr hatte.

Luca Stone wusste nicht, ob es dieses Haus wirklich gab.

Es war vielleicht nur ein Gerücht oder sogar eine Lüge, um kleine Jungs und Mädchen wie ihn anzulocken, aber nach drei Tagen, die er abgewartet hatte, weil er immer leise sein musste, wenn sie diese fremden Männer in ihrem Zimmer hatte, damit die ihm nichts antun konnten, spürte er, dass seine Mama nie mehr aufwachen würde.

Luca hatte solchen Hunger, doch in den Schränken in der Küche gab es nichts mehr zu essen und die kleine Dose, in die sie ihm immer Geld gelegt hatte, für den Fall, dass er Hunger bekam und sie gerade nicht da war, um ihm etwas zu kochen, war schon seit Wochen leer.

»Komm nicht raus, wenn sie da sind. Sie dürfen dich nicht sehen. Versprich es mir, Luca.«

Das hatte seine Mama immer flüsternd zu ihm gesagt und er hatte es ihr versprochen und war nie aus seinem Zimmer gekommen. Na gut, meistens jedenfalls. Manchmal hatte Luca es heimlich doch getan, denn es war ziemlich einfach gewesen, sich ins Badezimmer zu schleichen und aus dem Wasserhahn zu trinken, sobald er Durst hatte.

Und jetzt musste er sein Wort wieder brechen, denn es roch seltsam vor Mamas Zimmer und Luca traute sich nicht, zu ihr reinzugehen. Aber er hatte so großen Hunger und vielleicht, wenn es nicht gelogen war, gab es dieses Haus und dort hatte man bestimmt etwas zu essen für ihn.

Deswegen nahm Luca am vierten Tag schließlich all seinen Mut zusammen und verließ sein Zuhause, in der Hoffnung, im »Boston Hearts« ein neues zu finden.

Zwei Tage später, so lange lief er durch die Stadt, bevor er sich traute einen Taxifahrer zu fragen, ob der so nett war, ihm etwas von seinem Sandwich abzugeben, weil ihm vor lauter Hunger übel und Mama tot war, erfuhr Luca, dass das »Boston Hearts« keine Erfindung war, denn besagter Taxifahrer wusste, wo es war und brachte ihn dann dorthin. Er wollte dafür nicht einmal Geld von Elias Endercott annehmen, der ihnen die Tür öffnete und sich geduldig seine Geschichte anhörte, ehe er dem Taxifahrer dankte und Luca an die Hand nahm, um ihn in die Küche zu bringen, damit er endlich etwas zu essen bekam.

Und Luca aß. Die dick belegten Sandwiches, die köstliche Tomatensuppe, den warmen Pudding – er aß alles, was sie ihm hinstellten, während Elias mit einem weiteren Mann namens Maximilian telefonierte, dem von seiner toten Mama erzählte und dass er, Luca, jetzt niemanden mehr hatte, wobei Elias ihn immer wieder lächelnd anschaute und am Ende vor Glück fast zu strahlen schien und mehrfach »Ja, wirklich? Bist du sicher?« fragte, und was auch immer der andere Mann antwortete, Elias Endercott gefiel es.

Am selben Abend lag er müde in einem weichen Bett, unter einer flauschigen Decke, in einem kleinen Zimmer im »Bostons Hearts«, und lauschte der tiefen, äußerst angenehmen Stimme von Maximilian Endercott, der mit Elias im Flur direkt vor der angelehnten Tür zu seinem Zimmer stand.

»Sie haben seine Mutter gefunden. Offenbar hat ihr letzter Freier sie erwürgt. Die Tür war zu, was mich hoffen lässt, dass er sie nicht so gesehen hat.«

»Gott sei Dank«, hörte er Elias sagen.

»Er ist zwölf Jahre alt und war nie in der Schule.«

»Zwölf?«, echote Elias überrascht. »Das kann gar nicht sein, er ist so klein und zart.«

»Die Behörden haben es überprüft, die Geburtsurkunde ist sauber. Sie suchen jetzt nach Angehörigen von ihm, aber so wie es aussieht, war seine Mutter alles, was er hatte. Die Wohnung war sauber und aufgeräumt, es gibt viele Bücher. Sie hat ihn zu Hause unterrichtet, so gut sie konnte.« Luca hörte Maximilian seufzen. »Lily Stone ist ein typischer Fall all derer, die durchs Raster fallen, aber sie hat sich gut um ihren Sohn gekümmert, haben mir die Polizisten erzählt, die in ihrer Wohnung waren. Einer hat mich vorhin übrigens scherzhaft gefragt, ob wir nicht das Dutzend vollmachen wollen.«

Elias lachte leise. »Ich glaube, acht sind wirklich genug. Wir werden schließlich nicht jünger.«

»Acht also, ja?«

Daraufhin kam keine Antwort, aber Luca hörte Maximilian ebenfalls lachen und beide Männer klangen dabei genauso wie seine Mama, wenn sie glücklich gewesen war. Deshalb lächelte er und schlief mit diesem Lachen in den Ohren ein.

Mit zwölf Jahren verlor Luca Stone seine Mutter.

Mit dreizehn wurde er der achte Sohn der Endercotts und bekam sieben Brüder, die es sich zur Aufgabe machten, gut auf das Küken ihrer Familie aufzupassen.

Mit vierzehn schenkten ihm seine Väter eine Gitarre, als sie erkannten, wie sehr er Musik liebte.

Mit achtzehn hatte er seinen ersten öffentlichen Aufritt in einer Bar mit Livemusik mitten im Zentrum von Boston.

Einen Tag später stellte ein Gast der Bar diesen Auftritt auf YouTube und machte Luca damit über Nacht zu einer kleinen Berühmtheit.

 

Kapitel 1
Luca

»Das ist Unsinn und eine bodenlose Frechheit noch dazu!«

Dem war kaum etwas hinzuzufügen und so perplex wie er immer noch war, beließ es Luca bei einem Schulterzucken plus Nicken, denn seine erste Freude über den angebotenen Vertrag der Plattenfirma war ruckzuck in Frust und besonders auch in Verärgerung umgeschlagen.

Was bildeten sich diese Leute ein, von ihm zu verlangen, für mindestens fünf Jahre einen heterosexuellen Sänger zu spielen, damit man die erwarteten Verkaufszahlen und Gewinne nicht gefährdete. Luca hatte niemals ein Thema aus seiner sexuellen Orientierung gemacht, weder auf YouTube noch sonst wo, weil er der Meinung war, dass das Privatsache war und niemanden etwas anging, aber die Vorstellung, mindestens fünf Jahre lang so tun zu müssen, als würde er Frauen mögen und, sofern Luca den kurzen Nebensatz mit der Fake-Freundin im Vertrag richtig verstanden hatte, vielleicht ein- oder mehrmals gezwungen zu sein, mit Frauen auszugehen – alles in ihm sträubte sich davor, und das nicht nur, weil er längst einen Mann an der Seite hatte, den er über alles liebte.

Und das war ein weiteres Problem, das er hatte, sowohl mit dem Vertrag als auch mit seiner Familie, denn niemand wusste von Morgan McGregor, obwohl sie bereits seit fünf Jahren – die Zahl schien sein Schicksal werden zu wollen – ein Paar waren und Luca immer öfter darüber nachdachte, es erstens offiziell zu machen, indem er Morgan einen Ring an den Finger steckte, und zweitens ihn seiner Familie vorstellte. Ob vor der Hochzeit oder danach, dessen war er sich noch nicht wirklich sicher, aber die Entscheidung hatte Zeit, denn im Moment war der Vertrag der Plattenfirma wichtiger.

»Du wirst das doch wohl nicht unterschreiben.«

Tja, und das war die Krux an der ganzen Sache, denn diese Entscheidung hatte Luca noch nicht getroffen. Der angebotene Vorschuss war hoch und dementsprechend verlockend, ebenso die Option auf weitere Alben und bessere Konditionen, wenn er gut ankam, und dass er das tat, wusste Luca. Er kannte seinen Wert sehr wohl und wäre er nicht gut, hätte ihn das Label kaum angefragt. Dieser Vertrag, so unmöglich er den Passus über die erwartete Sexualität seinerseits auch fand, war sein Sprungbrett in die Musikindustrie, die Chance auf Konzerte in Hallen vor tausenden von Menschen. Luca hatte Jahre auf so eine Chance hingearbeitet und zigtausende Dollar investiert, um vernünftige Studios zu mieten und sich ein Portfolio an Songs aufzubauen. Er hatte die unmöglichsten Jobs angenommen, um das alles zu finanzieren und seinen Vätern nicht mehr als unbedingt nötig auf der Tasche zu liegen, bis er schließlich durch Auftritte in Bars und Clubs, Streamingangebote und Onlineverkäufe genug verdiente, um das nicht mehr tun zu müssen.

Er arbeitete mit Dienstleistern, pflegte eine Homepage und war auf den wichtigen Social Media Plattformen vertreten, wo er gute Follower- und Klickzahlen aufweisen konnte. Das alles hatte Luca nicht reich gemacht und würde es auch nie, aber er verdiente jetzt genug, um laufende Kosten zu decken und jeden Monat einen kleinen Betrag zur Seite zu legen, weil seine Väter von ihm kein Geld wollten, weder für Unterkunft noch Logis. Darum sparte er das Geld, das er sonst für Miete und Sonstiges ausgegeben hatte, denn wer konnte schon sagen, wofür Luca es eines Tages brauchte.

Ein Verlobungsring fiel ihm da spontan ein und es war nicht so, dass er in letzter Zeit massig Lesezeichen von Juwelieren auf seinem Laptop angelegt hatte. Die paar Seiten. Das fiel doch gar nicht ins Gewicht. Zumindest so lange nicht, wie Morgan nicht zufällig einen Blick auf seinen Laptop warf, wenn er gerade mal wieder diese hübschen Goldringe begutachtete, so wie vorletzte Woche. Es war nur seiner raschen Reaktion zu verdanken, dass Morgan, anstatt der Homepage des Juweliers, auf die Seite ihrer Lieblingspizzeria geschaut hatte, womit seine vorherige Frage nach dem Abendessen geklärt gewesen war.

Egal. Es ging hier nicht um Morgan, sondern um den Traum seines Lebens, der mit diesem Vertrag in greifbare Nähe rückte, und Luca hätte längst unterschrieben, wenn da nicht, tja, diese unmögliche Klausel gewesen wäre.

»Dad ...« Weiter kam er nicht.

»Ja, mir ist bewusst, was dieser Vertrag für dich bedeutet. Es wäre dein Weg nach oben, die Erfüllung eines Traums, auf den du seit so vielen Jahren hinarbeitest. Von dem Vorschuss nicht zu reden, der mir sagt, dass sie sich viel von dir erhoffen, sonst wäre das nicht so eine hohe Summe.« Sein Vater erhob sich von dem Stuhl hinter seinem Schreibtisch und trat ans Fenster, um nach draußen zu sehen. »Trotzdem … Wir leben nicht mehr im Mittelalter. Was glauben die eigentlich, wer sie sind, dir so eine Klausel in deinen Vertrag zu schreiben?«

Luca schürzte die Lippen. »Ich weiß, Dad.«

»Trotzdem denkst du ernsthaft darüber nach, diese Klausel zu akzeptieren, oder? Ist dieser Plattenfirma zufällig entgangen, zu welcher Familie du gehörst? Dass es uns egal ist, ob jemand schwul, bi, trans oder auch hetero ist?« Maximilian grummelte vor sich hin und schüttelte den Kopf. »Du bist nicht hetero und ich finde es unmöglich, dass sie von dir erwarten, mindestens fünf Jahre so zu tun, als wärst du es … Was ist, wenn du dich in der Zeit verliebst und heiraten willst?«

Er musste seinen Vater vom Thema Beziehung abbringen, bevor er sich aus Versehen verplapperte, denn das wollte er auf keinen Fall. Morgan hatte etwas Besseres verdient, als in einem Nebensatz bei einer beruflichen Debatte als zukünftiger, achter Schwiegersohn vorgestellt zu werden.

Außerdem wäre es höflich, Morgan vorher zu fragen, ob es ihm überhaupt recht war, der Familie vorgestellt zu werden. Es war nicht so, dass sie beide es vermieden, über ihre Familien zu sprechen, ganz im Gegenteil. Luca hatte Morgan von Anfang an reinen Wein geschenkt, was seine Väter, Brüder und vor allem was Adrian betraf, und er wusste ebenso, dass Morgans Familie in Schottland lebte, sein Freund zwei jüngere Brüder und eine Schwester hatte, und keiner von ihnen die raue Insel in Europa je verlassen hatte oder es jemals tun würde.

Die McGregors waren sehr stolz auf ihren Ältesten, der als junger Mann ausgewandert war, um in den USA sein Glück zu suchen, aber der Stolz reichte nicht so weit, um ihren familiären Vieh- und Landwirtschaftsbetrieb auch nur für einen Tag hinter sich zu lassen und Morgan hier in Boston zu besuchen. Was das anging, waren die McGregors das vollständige Gegenteil seiner eigenen Familie und allein deswegen wollte Luca, dass Morgan eines Tages ein Teil der Endercotts wurde. Damit er wieder eine Familie bekam. Mit lauter Verrückten, allen voran einem alten, kupplerischen Großvater, der nichts unversucht lassen würde, um ihn an den Mann zu bringen.

Gott, Luca freute sich jetzt schon auf den Tag, an dem er vor Adrian hintreten und ihm breit grinsend unter die Nase reiben konnte, dass er sich seinen Ehemann selbst gesucht hatte.

»Hat Grandpa etwa schon wieder einen tollen Ehemann für mich gefunden?«, fragte er heiter, denn seit Leon vergangenen Herbst geheiratet hatte, präsentierte ihm Adrian alle naselang einen angeblich tollen Kerl, der perfekt für ihn wäre. Luca hatte sich mit keinem einzigen getroffen und würde das auch nicht tun, egal wie oft sein Großvater verkündete, er wäre alt genug, um zu heiraten und eine Familie zu gründen. Er würde sich nur mit einem Mann eine Familie aufbauen und der saß hoffentlich schon im Zug nach Boston, denn sie hatten sich durch Morgans Bauprojekt unten in New York City seit fast drei Wochen nicht gesehen und so langsam kroch Luca diesbezüglich wirklich auf dem sprichwörtlichen Zahnfleisch.

Maximilian gluckste heiter und sah über die Schulter zu ihm. »Er beschwert sich immer noch, dass du nicht mit diesem Mechaniker ausgehen wolltest. Ich weiß zwar nichts Genaues, aber unsere immer gut informierte Gerüchteküche, die übrigens auf die Namen Cole und Finn hört, besagt, dass er jetzt offenbar einen Arzt für dich ins Auge gefasst hat.«

Luca stöhnte leise auf. »Lass mich raten. Der Kinderarzt von Dares Zwillingen?«

Sein Vater nickte lachend. »So ein netter Mann und immer noch Single, dabei ist er schon Mitte Dreißig, bla bla bla … Ich habe am Ende auf Durchzug geschaltet und mich stattdessen in einer ruhigen Minute gefragt, wo du die letzten Wochen deine Nächte verbracht hast. Denn zu Hause warst du nicht.«

Mist, er hätte sich selbst denken können, dass es Maximilian früher oder später auffallen würde, obwohl Rose und Maria ihn immer deckten und so taten, als würden sie auch sein Zimmer saubermachen. Trotzdem hatte er nicht vor, seinem Vater heute von Morgan zu erzählen. Aber er konnte ihn ein wenig ärgern, das hatte er schon viel zu lange nicht mehr gemacht. Aus dem Grund gönnte sich Luca ein süffisantes Grinsen, das genau jene Reaktion hervorrief, auf die er gehofft hatte.

»Nein, erzähl es mir nicht. Bitte nicht. Dann müsste ich Dad anrufen und ihm erzählen, dass du das Kamasutra mit einem Unbekannten nachspielst und auf das folgende Gezeter habe ich heute wirklich keine Lust und auch keine Zeit.« Maximilian schüttelte abwehrend die Hand und deutete dabei auf seinen Schreibtisch. »Siehst du diesen Berg an Papieren? Den muss ich heute noch bearbeiten, dabei würde ich viel lieber deinen Vater nackt ausziehen, um ...«

Um Gottes willen. »Dad!«, schimpfte Luca und fluchte, weil sein Vater leise lachte und »Wie du mir, so ich dir.« erklärte, ehe er die Arme über den Kopf nahm und sich streckte. »Und jetzt raus mit dir. Es gibt in diesem Haus Leute, die arbeiten müssen und nicht auf der faulen Haut rumliegen können, wie die Jungs im Garten, denen ich mich bei der momentanen Hitze zu gerne anschließen würde.«

Noch ein Punkt, dem Luca nicht widersprechen konnte, da der Sommer in diesem Jahr scheinbar Rekorde brechen wollte, dabei hatten sie gerade mal Mitte Juli. Für den August verhieß das nichts Gutes, dabei hätte es dringend Regen gebraucht. Ihn selbst störte die Hitze nicht so sehr, aber er wusste, dass Dares Mädchen, überhaupt die Kinder im Zentrum und auch in seiner Familie, mit der Hitze genauso ihre Probleme hatten, wie seine Großeltern, denen Elias vor Tagen verboten hatte, ihre täglichen Spaziergänge zu anderen Zeiten als früh am Morgen oder auch spätabends zu machen. Sein Vater war in der Hinsicht wirklich unerbittlich und bei täglichen Temperaturen von dreißig Grad im Schatten war Vorsicht definitiv besser als Nachsicht.

Ihm fiel etwas ein. »Was ist eigentlich aus Kades Vorschlag mit dem Gartenpool für die Kids geworden?«

Maximilian winkte ab. »Bei den aktuellen Lieferzeiten wird das frühestens im Herbst was. Ich werde das für nächstes Jahr einplanen, aber diesen Sommer müssen wir ohne auskommen. Wenigstens hat das Haus eine vernünftige Klimaanlage.«

Luca nickte und erhob sich von dem Besucherstuhl, auf dem er bislang gesessen hatte. »Ich werde mir ein Eis schnorren, ehe ich fahre. Bis bald, Dad.«

»Luca?« Sein Vater wartete, bis er ihn anschaute. »Was wirst du wegen des Vertrags tun?«

Luca zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es noch nicht. In Ruhe über alles nachdenken, ein paar Nächte darüber schlafen, mir alle Vor- und Nachteile durch den Kopf gehen lassen und am Ende wahrscheinlich eine Münze werfen.« Er grinste frech, als sein Vater das Gesicht verzog. »Das war ein Scherz, Dad. Ich fahre ins Studio, um noch ein bisschen an meinen neuen Songs zu arbeiten. Wartet heute Abend nicht auf mich.«

»Oh nein, das erzählst du Elias schön selbst, dass du wieder mal nicht zum Abendessen nach Hause kommst«, konterte sein Vater belustigt und lachte, als Luca resigniert aufstöhnte, bevor er ihn mit einer entsprechenden Handbewegung aus dem Büro scheuchte.

Luca grinste, als er die Tür hinter sich zuzog, weil sein Vater immer noch lachte, dann machte er sich auf den Weg zu Elias' Büro, das allerdings leer war. Sein nächster Weg führte ihn nach unten in die Krankenstation, die sie im »Boston Hearts« bereits vor sehr langer Zeit eingerichtet hatten, denn bei einem Haus voller Kinder, Teenager und junger Erwachsener gab es immer irgendjemanden mit aufgeschürften Knien, einer Beule, blauen Flecken oder einem lästigen Schnupfen.

Und auch heute wurde sein Vater gebraucht. Vor allem um Tränen zu trocknen und eine sanfte Umarmung zu verteilen, da die Schiene am Fuß des Mädchens eindeutig unerwünscht, aber dem Blick seines Vaters nach zu urteilen, leider nötig war. Luca wartete geduldig, bis Elias die Behandlung beendet hatte und zu ihm in den Flur trat, wo er ihn mit einem Lächeln in seine Arme schloss.

»Schön, dass du hier bist. Warst du bei Maximilian?«

Luca nickte. »Er wollte sich den Vertrag ansehen und ist, um es mal höflich auszudrücken, nicht sonderlich begeistert davon, dass man mir vorschreiben will, hetero zu sein.«

»Verständlich. Und?«, fragte sein Vater. »Hast du schon eine Entscheidung getroffen?«

»Nein«, gab er zu und ließ sich von Elias zu der Fensterbank ziehen, die es auf jeder Etage an den großen Fenstern gab und wo die Kids oft in den Pausen saßen, wenn das Wetter zu mies war, um draußen zu sein. »Ich werde darüber noch eine Weile nachdenken, schätze ich.«

Außerdem wollte er mit Morgan reden, der eher von diesem Angebot gewusst hatte als seine Väter, aber dennoch genauso verärgert gewesen war. Nicht wegen ihrer Beziehung, sondern aus denselben Gründen wie Maximilian. Ein schwuler Künstler, Sänger, Schauspieler – was auch immer – sollte sich im Jahre 2024 wirklich nicht mehr verstecken müssen. Diese Zeiten lagen ja wohl lange hinter ihnen. Doch trotz seines Ärgers hatte sein Freund ihn und seine Bedenken, den Vertrag zu zerreißen, sehr gut nachvollziehen können, denn Sexklausel hin oder her, sonst war das Angebot großartig und, wie bereits gesagt, eine zu gute Chance, um sie aus einer Laune heraus abzulehnen. Auch aus diesem Grund wollte Luca sich Zeit nehmen, um zu überlegen, was er tun sollte.

Elias nickte zufrieden. »Kluge Entscheidungen sollten man nie aus einer Laune heraus treffen, da gebe ich dir recht. Bleibst du zum Essen?« Luca zog eine Grimasse und sein Vater lachte. »Das dachte ich mir schon. Du hast wieder neue Songs im Kopf, habe ich recht?«

»Ja. Ich habe Dad schon gesagt, dass ihr auch heute Abend nicht auf mich warten sollt. Er hatte aber zu viel Angst, dir das zu sagen, darum bin ich selbst gekommen.«

Elias gluckste heiter. »Darüber rede ich später mit ihm. Und er hat ja recht, du warst schon viel zu lange abends nicht mehr daheim. Aber du bist nun mal ein Künstler mit Leib und Seele, und das wissen nicht nur dein Vater und ich.« Sein Vater warf ihm einen spitzbübischen Blick zu. »Übrigens, ich habe da was von einem gut aussehenden Kinderarzt gehört, den du offenbar bald zu heiraten gedenkst?«

Luca stöhnte resigniert auf und ließ seinen lachenden Vater nach einem »Ich bringe ihn um.« auf der Bank zurück, um zum Studio zu fahren.

Doch vorher würde er einen kurzen Abstecher machen, um einen alten Mann aufzusuchen und ihn ein bisschen zu würgen. Nicht zu viel, das wäre schließlich kaum in Maximilians Sinne, aber ein wenig, damit Adrian in den kommenden Wochen Ruhe gab, was Lucas zukünftigen Ehemann anging.

Seine Großmutter sah ihm seine Überlegung natürlich sofort an, als sie ihm auf sein Klingeln hin die Tür öffnete, und lachte darüber. »Hallo, mein Liebling. Komm rein und lass um Gottes willen diese Hitze draußen. Ich habe frischen Eistee gemacht. Er ist hinten im Schuppen und baut irgendwas.«

»Bei dem Wetter?«, wunderte sich Luca, war aber beruhigt, als seine Großmutter gelassen abwinkte.

»Er hat einen Ventilator mit rausgenommen und die größte Mittagshitze ist ja schon vorbei. Außerdem fällt ihm die Decke auf den Kopf, wenn er nicht jeden Tag an irgendetwas werkeln kann, du kennst ihn doch.« Sie drückte ihm ein Tablett mit einer Glaskaraffe voller Eiswürfel, Zitronenscheiben und dazu zwei Gläsern in die Hand. »In einer Stunde rufe ich euch rein und du hast meine Erlaubnis, ihn notfalls an den Ohren mit ins Haus zu ziehen. Es gibt Spaghetti zum Abendessen.«

Luca seufzte genüsslich. »Mit extra Käse?«

Emma Endercott nickte lachend, denn natürlich kannte sie ihn zu lange und zu gut, um nicht zu wissen, was er gern hatte. »Im Kühlschrank steht schon Schokoladenpudding, für den ich nur noch die Soße kochen muss. Ach ja, wir werden alles selbst aufessen, sofern du lieber ins Studio fährst, um neue tolle Songs einzuspielen.«

Aha, Elias oder Maximilian hatten sie angerufen, als er noch auf dem Weg hierher gewesen war. Typisch. Doch Luca liebte seine Familie dafür umso mehr. »Ich hab dich lieb, Grandma.«

»Ich dich auch. Und jetzt raus aus meiner Küche.«

Mit dem Tablett bewaffnet, machte er sich auf den Weg raus in den Garten, dem man die Sommerhitze der letzten Wochen deutlich ansah, aber Adrian hielt nichts davon, den Rasen Tag um Tag zu sprengen und Unmengen Wasser zu verschwenden, das anderweitig gebraucht wurde. Er legte sich deshalb auch ab und zu mit den Nachbarn an, denn in Zeiten des Klimawandels gab es ja wohl Wichtigeres als einen sattgrünen Rasen. Luca sah das ähnlich, denn Boston hatte zigtausende Obdachlose, die bei dem Wetter gefährdet waren, weshalb Dare aktuell mehr damit beschäftigt war, Wasser, Hüte oder mal ein Eis zu verteilen, statt auf Streife zu gehen. Die andauernde Hitze brachte die Leute an ihre Grenzen und selbst er, obwohl Luca mit dem Wetter recht gut klarkam, hoffte, dass es sich bald etwas abkühlte.

Im Schuppen seines Großvaters war ein Hämmern zu hören und Luca lachte leise, als ein lästerlicher Fluch folgte. Eigentlich war Adrian ein guter Handwerker und fast begnadet talentiert, wenn es um Holzarbeiten ging. Aber nicht einmal das bewahrte ihn davor, sich ab und zu einen Hammer auf den Daumen zu schlagen, wenn auch aus Versehen.

Er öffnete grinsend die Tür und streckte Adrian die Zunge raus, als der ertappt zu ihm aufsah, um gleich darauf entrüstet zu schnauben. »Du kommst mir gerade recht, Bursche. Was hat mir dein Vater da erzählt? Du verschmähst immer noch diesen tollen Arzt, den ich dir ausgesucht habe? Schäm dich.«

»Später«, erklärte er belustigt und goss für sie zwei Gläser Eistee ein, von denen er eines Adrian reichte. »Grandma hat mir erlaubt, dich an den Ohren zu ziehen, wenn du nichts trinkst … Ach ja, und wenn du mir nicht in einer Stunde ins Haus folgst, um zu essen.«

Sein Großvater kicherte heiter. »Spaghetti mit viel Käse?«

»Natürlich«, antwortete er amüsiert und trat zur Werkbank, um sich anzusehen, was Adrian gerade baute. »Wird das eine Wanduhr?« Auf seinen verblüfften Blick hin, schmunzelte sein Großvater und nickte dabei. »Für wen ist die?«

»Leon. Er schimpft ständig, dass er in seiner Werkstatt nie weiß, wie spät es ist, wenn er an diesen Schrottkisten schraubt, aber die normalen Wanduhren gefallen ihm alle nicht und Eric hat mich deshalb gebeten, ihm eine besondere zu bauen, als er das letzte Mal hier war und mir beinahe Emmas zukünftigen Blumenkasten abgeschwatzt hätte.« Adrian grinste, verdrehte aber zugleich die Augen. »Dieser Mann könnte einem Beduinen Sand verkaufen, es ist unglaublich.«

Luca lachte und trank einen Schluck Eistee, während Adrian es ihm nachtat und sich dann wieder der Uhr widmete. Es war ein schönes Stück, mit einem Rahmen aus Metall, der auf sechs verschiedenen farbigen Holzlatten geschraubt war. In der Mitte waren schon die Löcher für das Ziffernblatt und das Uhrwerk gebohrt. Ein echt schickes Teil, das er sich selbst definitiv an die Wand gehängt hätte. Das Design erinnerte ihn an diese schönen Vintage-Möbel, die er für Morgans Büro im Haus besorgt hatte, und falls er sich richtig erinnerte, fehlte dem Raum immer noch ein Teppich oder Läufer, der dazu passte.

Andererseits besaß das ganze Haus glänzende Holzdielen, in einer tiefbraunen Farbe, das ein Teppich mitunter zu viel war und den schönen Boden verdeckte. Er würde in Ruhe darüber nachdenken müssen, ob Morgans Büro wirklich einen Teppich brauchte, so wie er auch über vieles andere nachdenken musste, unter anderem der Tatsache, dass dieser verflixte Vertrag in ihm den Wunsch weckte, Morgan zu heiraten. Nicht, dass der davon wusste oder sie je darüber gesprochen hätten, was bei ihrer fünf Jahre andauernden Beziehung eigentlich recht sonderbar war, doch darüber grübelte er besser nicht in diesem Schuppen nach, sonst kam Adrian ihm auf die Schliche und dann hätte er keine ruhige Minute mehr, bis Morgan und er tatsächlich verheiratet waren und ein bis drei Kinder hatten.

Aber vielleicht hatte sein Großvater zumindest einen Rat für ihn, was den Vertrag des Plattenlabens betraf. »Grandpa?«

»Ja, mein Lieblingsbursche?«

Luca grinste. »Komisch. Letztes Jahr war Leon dein erklärter Lieblingsbursche.«

Adrian winkte ab. »Papperlapapp. Neues Jahr, neues Glück. Sagt dir das was?« Sein Großvater zwinkerte ihm zu, ehe er sich wieder auf die Uhr konzentrierte. »Also? Was ist los?« Kurzes Schweigen, danach traf ihn ein drohender Blick. »Und wehe dir, wenn du mir jetzt sagte, dass du dir einen tätowierten Rocker geangelt hast. Dann lege ich dich übers Knie, Bursche.«

Luca prustete los.

***

Vollgefressen und mit einer Schüssel Reste, die Luca später mit Morgan teilen konnte oder morgen mit ins Studio nehmen konnte, schloss er am späten Abend die Tür zu Morgans Haus auf und seufzte erleichtert, als er in den kühlen und maskulin eingerichteten Eingangsbereich trat, der sich dank ihm von dem ursprünglich anonym wirkenden Glas- und Steinpalast, der das Haus gewesen war, nach und nach in ein gemütliches Zuhause verwandelt hatte.

Ein Blick auf sein Handy verriet ihm, dass Morgan noch im Zug saß und hoffentlich, wie geplant, in einer Stunde durch die Tür treten würde. Ein lang ersehntes Wiedersehen das, wenn er großes Glück hatte, entweder unter der Dusche oder gleich im Bett endete. Luca war mit allem einverstanden, Hauptsache, es war ein nackter Schotte mit im Spiel, und er grinste, als ihn sein erster Weg nicht in die Küche zum Kühlschrank führte, sondern nach links in Morgans Büro, das sich ans Foyer anschloss.

Er schaltete das Licht ein, betrachtete den Schreibtisch und die Regale, warf einen Blick auf die bodenlangen Vorhänge, die zu beiden Seiten an den zwei Fenstern hingen. Nein, entschied er. Kein Teppich. Der Raum war perfekt wie er war.

Luca schaltete das Licht wieder aus, machte einen schnellen Rundgang durch Wohnzimmer, offenem Essbereich und Küche, und nickte zufrieden, als er die Briefe auf der Arbeitsplatte der Kücheninsel liegen sah. Kate, die gute Seele des Hauses, sorgte für die Pflanzen, holte täglich die Post ins Haus, machte sauber und – er beugte sich lächelnd über den Strauß duftender Lilien, die sie in einer eckigen Glasvase arrangiert hatte – sie sorgte für Farbtupfer in Form von Blumensträußen, sobald Morgan von einer Reise zurückkam oder auch einfach so zwischendurch.

»Danke, Kate«, murmelte er und stellte die Schüssel mit den Spaghetti in den Kühlschrank, der gähnend leer war. Dafür war Kate nicht zuständig und falls sie morgen frühstücken wollten, würden sie entweder vorher einkaufen oder sich ein Café in der Nähe suchen. Wie er Morgan kannte, würde letzteres der Fall sein, denn sein Freund führte ihn gern aus. Vor allem, wenn sie sich wochenlang nicht gesehen hatten.

Dabei konnten sie beide durchaus kochen und wussten sehr wohl die Vorzüge eines vollen Kühlschranks zu schätzen, doch Luca gab sich nicht der Illusion hin, dass er jemals so häuslich werden würde wie seine Brüder. Zumindest die mit Kindern. Er vergaß viel zu oft die Zeit, wenn er im Studio arbeitete, und da Morgan nicht viel anders war, störte es sie beide nicht, einander mal ein paar Tage oder eine Woche kaum zu sehen.

Die letzten drei Wochen waren jedoch anders gewesen. Vor allem, seit er den Vertrag im Mailpostfach entdeckt hatte. Jeden Abend Telefonate, Diskussionen, ab und zu Schweigen oder die eine und andere Runde Telefonsex zur Ablenkung. Er war einer Lösung dabei keinen Schritt näher gekommen, deswegen hatte er am Ende auch seine Familie mit einbezogen, aber früher oder später würde er seine Wahl treffen müssen.

Doch noch hatte er etwas Zeit dafür und die verbrachte er heute Abend damit, eine Dusche zu nehmen, anschließend den Fernseher einzuschalten und ein wenig durch die Nachrichten zu zappen, um herauszufinden, was es auf der Welt Neues gab. Da Luca nichts fesselte, schaltete er auf eine Dokumentation über die Tiefsee um und nahm sich danach Block und Stift vom Couchtisch, die jederzeit dort für ihn bereitlagen, und begann eine Melodie vor sich hinzusummen, während er nach schönen Worten suchte, die zu dieser Melodie passen würden.

Aber auch das konnte seine Konzentration heute nicht lange fesseln und am Ende lag er dösend auf der Couch, während im Fernseher ein Drama über eine lesbische Serienmörderin lief, die sich Hals über Kopf in ihr nächstes Opfer verliebt hatte.

Genauso wie er sich damals in Morgan verliebt hatte.

Morgan McGregor und er, Luca Stone, – ein auf den ersten Blick völlig normales und bestimmt auch langweiliges Pärchen, sah man mal davon ab, dass sein Freund in Schottland geboren war, ihn um einen halben Kopf überragte und weit muskulöser war als Luca selbst, den jeder als blonden Sonnyboy ansah, was er beruflich bereits das eine oder andere Mal ausgenutzt hatte. Es hatte nämlich einige Vorteile, dem jungen Jared Leto ähnlich zu sehen und genauso stechend blaue Augen zu haben. Damit hörte die Ähnlichkeit zu dem Musikerkollegen aber auch schon wieder auf und das letzte, was Luca von ihm gesehen hatte, war ein Foto von einer Party der Schönen und Reichen gewesen, auf der Leto ausgesehen hatte, wie ein Hippie, der regelmäßig Gras rauchte und vergessen hatte, dass es solch profane Dinge wie einen Bartschneider oder Scheren für die Haare gab.

Nein, da blieb er lieber bei Männern wie Morgan, die genau sein Typ waren, dachte Luca und kicherte albern, während er sich auf die Seite drehte. Adrian hätte dazu so einiges zu sagen gehabt, vor allem zu Morgans Alter, aber deswegen wusste sein Großvater auch nichts von ihm.

Luca war zwar klar, dass seinem Großvater im Grunde egal war, ob er sich einen jüngeren oder älteren Freund suchte, Pauls Männer waren dafür das beste Beispiel, aber im Moment hatte er nicht mal auf die übertriebenen, familiären Scherze Lust, die auf ihn niedergehen würden, sobald er ihnen Morgan als seinen Lebensgefährten vorstellte. Was er tun würde – eines Tages. Er hatte schließlich nicht vor, aus seinem sexy Schotten für immer ein Geheimnis zu machen. Doch derzeit fand er ihre Beziehung perfekt so und da Morgan in der Hinsicht bislang nichts gesagt hatte – was er sonst unter Garantie getan hätte, sein Freund war kein Mann, der ein Blatt vor den Mund nahm, wenn ihm etwas nicht passte –, gab es für ihn keinen Grund, eine große Sause zu organisieren, um Morgan offiziell seiner Familie vorzustellen.

Luca gähnte, rieb sich die Augen und warf dabei einen Blick auf die Uhr seines Handys. Erst zehn Minuten später als vorhin und Morgan hatte sich auch nicht gemeldet.

Verdammt.

Die Zeit verging heute gar nicht, während sie damals, als er Morgan aus Versehen in dieser Pizzeria angerempelt hatte, wo sie beide auf ihr Abendessen gewartet hatten, gefühlt verflogen war. Nach einer Entschuldigung und zwanzig Minuten weiterer Warterei, hatten sie festgestellt, dass sie sich genauso über Gott und die Welt unterhalten wie sie über Football streiten konnten, und irgendwie war der Rest Geschichte, wie es immer so schön hieß. Er hatte die darauffolgende Nacht bei Morgan verbracht, in diesem furchtbar hässlichen Haus, das der erst kurz zuvor gekauft hatte, und so hatte es auch ausgesehen.

Übernommen von einem reichen Finanzmakler, der es nur ein- bis zweimal im Jahr für ein paar Tage bewohnt und deshalb keine Zeit in eine schöne Einrichtung investiert hatte, war Luca in ihrer ersten gemeinsamen Nacht beinahe rückwärts wieder aus der Tür geflüchtet, da er geglaubt hatte, Morgen hätte ihn in ein noch im Bau befindliches Haus gebracht, und nicht scharf darauf gewesen war, zwischen Bauschutt und Werkzeug Sex zu haben. Allerdings hatte Morgans darauffolgende Verlegenheit ihn vom Gegenteil überzeugt und am Ende hatte er gelacht.

Morgan besaß zwar am Reißbrett und auf seinen Baustellen viele verschiedene Talente, doch von Hauseinrichtungen hatte er absolut keine Ahnung und aus dem Grund war es Luca zugefallen, in den kommenden Monaten Möbel, Teppiche, eine neue Küche und vieles mehr zu kaufen, da die alte Edelstahlküche ihn jedes Mal an eine Schulküche erinnerte. Nach und nach waren Bilder für die Wände, Bücherregale und Bücher, weiche Decken und Kissen für die Couch im Wohnzimmer, eine Kaminumrandung, an der sie zu Weihnachten immer zwei Socken aufhingen, und jede Menge Kleinkram dazugekommen.

Im Scherz hatte Morgan mal gesagt, dass das Schicksal ihm offenbar dieses Haus zum passenden Zeitpunkt beschert hatte, damit er es für sie einrichten und in ein gemütliches Zuhause verwandeln konnte. Damals hatte Luca darüber gelacht, aber in letzter Zeit stimmte er Morgan mehr und mehr zu. Er liebte es, abends vom Studio herzukommen, ganz gleich, ob er allein war oder Morgan auf ihn wartete. Er mochte nicht im Kaufvertrag stehen, aber es war genauso sein Zuhause wie Morgans.

Und diese Erkenntnis war mit ein Grund, wieso Luca schon seit einiger Zeit über Ringe, Verlobungen und den allerletzten Schritt nachdachte, der ihn fest und hoffentlich für immer an Morgan binden würde. Zumindest war das ein weiterer Traum von ihm, denn Luca wollte nur einmal heiraten, genauso wie es seine Väter, Großeltern und Brüder getan hatten.

Für ihre Familie existierte der Begriff Scheidung irgendwie nicht, und nicht weniger als den einen, perfekten Kerl wollte er für sich selbst. Und für Luca war das Morgan McGregor, dieser heiße, hochgewachsene Schotte mit den silbrig-grauen Schläfen, die ihn noch anziehender für ihn machten, und den schönsten braunen Augen, die ihm jemals untergekommen waren.

Ein weiterer Blick auf die Uhr ließ ihn stöhnen. Wie konnten nur fünf Minuten vergangen sein? Das war doch nicht normal. Er zwang sich, eine Weile gelangweilt fernzusehen, da er nicht ohne Morgan ins Bett gehen wollte, und als sein Handy dreißig Minuten später endlich vibrierte, stöhnte er vor Erleichterung und warf es, beim Versuch es vom Couchtisch zu nehmen, fast zu Boden.

»Na endlich«, murmelte er, um nur wenige Sekunden später enttäuscht zu seufzen, als er las, was Morgan geschrieben hatte.

Der Zug hat Verspätung. Geh schlafen, Luca.

Toll. Soviel zu ihrer gemeinsamen Nacht nach drei Wochen Trennung. Luca schnaubte. »Als ob ich jetzt schlafen könnte«, grollte er und legte das Handy zur Seite, ohne zu antworten. Er wusste nicht, was er schreiben sollte, und Morgan kannte ihn viel zu gut, um sich von einem Smiley oder irgendeiner Floskel täuschen zu lassen. Da schrieb er lieber gar nichts. Und ins Bett gehen würde er auch nicht, sondern wach bleiben, bis Morgan durch die Tür kam. Eine zweite Nachricht folgte und die sorgte dafür, dass sich seine schlechte Laune in Luft auflöste.

Ich wecke dich, sobald ich zu Hause bin.

Die dritte Nachricht kam, da lachte Luca noch, weil Morgan eindeutig in spielerischer Stimmung war und das üblicherweise dafür sorgte, dass er am nächsten Morgen einen empfindlichen Hintern hatte.

Bonuspunkte gibt es, wenn du nackt schläfst.

»Oh ja, eindeutig wunder Arsch«, gluckste Luca und erhob sich, um den Fernseher auszuschalten und ins Bett zu gehen.

Mal sehen, wann sein persönlicher Weckruf kam.


Kapitel 2
Morgan

Zwei Uhr morgens und es war immer noch viel zu heiß für seinen Geschmack, dachte Morgan, als er mit seinem Koffer aus dem Taxi stieg, nachdem er gezahlt hatte.

Der aktuelle Sommer brach wirklich alle Rekorde und nach all den Jahren, die er hier in Boston lebte, hatte er erwartet, sich irgendwann an die Hitzewellen, die damit meist einhergehende Schwüle oder die langen, harten Winter zu gewöhnen, doch das war nie passiert. Schottland war da anders, doch nicht mal die aktuellen fünfundzwanzig Grad würden ihn auf die karge Insel und zu seiner Familie zurückbringen, dazu war er hier viel zu glücklich. Besonders seit fünf Jahren, nachdem Luca mit vollem Tempo in ihn hineingerannt war und ihm damit sämtliche Luft aus den Lungenflügeln gepresst hatte.

Blonde Haare, große blaue Augen, die so schuldbewusst auf ihm gelegen hatten, während er nach Luft schnappte – Morgan hatte sich in Luca verliebt, bevor er dessen Namen wusste, und an diesen Gefühlen hatte sich seitdem nichts geändert. Er liebte auch seine Familie, seine Heimat aus Kindertagen, seinen Beruf als Architekt für Großbauprojekte und sein Haus, seitdem Luca daraus ein wunderschönes Zuhause für sie gemacht hatte, aber  vor allem liebte er seinen Mann.

Nicht, dass Luca das war oder in nächster Zeit sein würde – obwohl Morgan ihn sofort und vom Fleck weg geheiratet hätte –, aber eines Tages würde er für den großen Schritt bereit sein und dann würde Morgan nicht zögern und ihn vor den ersten Traualtar schleppen, den er fand, bevor Luca noch auf die Idee kam, es sich im letzten Augenblick anders zu überlegen. Sein Mann war nämlich in der Hinsicht ein wenig zögerlich und teils sogar unstet, aber daraus hatte Morgan ihm nie einen Vorwurf gemacht und würde es auch niemals tun.

Luca war fünfzehn Jahre jünger als er, eine Tatsache, die er nie außer acht ließ, außerdem wusste Morgan, sobald er sich für etwas entschied, blieb er dabei. Und darauf wartete er geduldig, denn Luca würde sich am Ende für ihn entscheiden, dessen war er sich zu einhundert Prozent sicher.

Mit einem amüsierten Kopfschütteln schloss er die Haustür auf und schob sich noch auf der schmalen Veranda die teuren Halbschuhe von den Füßen, um möglichst jedes Geräusch auf dem Dielenboden zu vermeiden. Luca schlief zwar allgemein wie ein sprichwörtlicher Toter, aber nach ganzen drei Wochen Trennung hätte ihn nicht gewundert, im Wohnzimmer Licht zu sehen. Doch das Haus war dunkel und ruhig und so schlich er, nachdem er seinen Koffer neben der Treppe abgestellt hatte, in die Küche, um etwas zu trinken, wobei seine Gedanken zurück zu Luca schweiften, was sie eigentlich ständig taten, sofern er nicht gerade arbeitete oder sich an seinen seltenen und damit so kostbaren freien Abenden in einem Buch verlor.

Wer hätte gedacht, dass er jemals sein Herz an einen um so viele Jahre jüngeren Mann verlieren würde? Morgan selbst mit Sicherheit nicht und seine Brüder würden ihn vermutlich zuerst auslachen, weil sie nämlich beide der Meinung waren, dass die Liebe den passenden Mann oder die passende Frau fürs Leben aussuchte und nicht andersherum, aber dann würden sie einen Blick auf Luca werfen und ihn mit in den Stall nehmen, um ihm die Kühe, Schafe, Hühner, und nur Gott wusste, was an Tieren in den letzten Jahren noch auf ihrem Hof dazugekommen war, vorzustellen.

Aber noch wussten sie nichts von Luca und zuletzt hatte ihr Kontakt per Anrufen und Mail etwas gelitten, was vorrangig an seinem gestiegenen Arbeitspensum lag. Doch nachdem Morgan jetzt das Großprojekt in New York City fertiggestellt hatte, das ihm eine siebenstellige Bezahlung gesichert hatte, wollte er den Rest des Jahres kürzertreten, sich mehr Zeit für sich selbst, für Luca und die Frage, wie es in Zukunft privat und beruflich für ihn weitergehen sollte, nehmen, denn Morgan hatte nicht vor, bis ins hohe Alter hinein wie ein Besessener zu arbeiten.

Nötig hatte er das ohnehin nicht mehr und da er mit großen Schritten auf die Fünfzig zuging, dachte er immer öfter darüber nach, seinen Job in ein paar Jahren an den Nagel zu hängen und mit Luca eine Familie zu gründen, bevor er zu alt dafür war.

Bei der Überlegung gab es nur einen, aber dafür verdammt großen Haken – Charles Brubaker, sein Geschäftspartner und Mitinhaber des Architektenbüros, das sie beide vor mittlerweile über zwanzig Jahren eröffnet und sich durch die Jahre hinweg einen guten Ruf aufgebaut und dadurch ein Vermögen verdient hatten. Darum besaß er ja auch ein altes Herrenhaus mit mehr Zimmer, als er wahrscheinlich jemals brauchen würde, einem riesigen Grundstück und jeder Menge teurer Klamotten, die er jederzeit gegen Jeans und Hemd tauschen würde, wenn man es nicht von ihm erwarten würde, gut auszusehen, sofern er nicht gerade auf seinen Baustellen unterwegs war und dort durchaus noch mit anpackte.

Das einzige, was er sich nie zugelegt hatte, war ein schickes, viel zu teures Auto, weil Morgan nie einen Sinn darin gesehen hatte, Stunden hinter dem Steuer im Stau zu verbringen, wenn er stattdessen genauso gut Bus, Bahn, das Flugzeug oder auch ein Taxi nehmen konnte. Spaß machte es aber trotzdem, ab und zu der Beifahrer zu sein, besonders in Lucas altem Pick-up, den man so gut zum Fummeln benutzen konnte. Oder um wie zwei Teenager im Autokino zu knutschen.

Es gab eine Menge Dinge, die er mit Luca zum ersten Mal so bewusst erlebt hatte, und dieses Gefühl, sich geborgen und über alles geliebt zu fühlen, wollte er nie mehr aufgeben. Er war vielleicht der Ältere von ihnen, aber in Liebesdingen hatte Luca ihm einiges voraus und Morgan profitierte gerne davon, sobald sein Mann wieder mal eine seiner romantischen Anwandlungen hatte, die scheinbar seiner künstlerischen Ader entsprangen. So wie der Song, den Luca für ihn geschrieben hatte.

Morgan war tagelang völlig durch den Wind gewesen, denn wann bekam man schon mal ein Lied geschenkt, das eigens für einen selbst geschrieben und vertont worden war.

Luca Stone war der Mann seiner Träume, der Eine, von dem so viele Menschen auf der Welt hofften, dass er oder sie ihnen ebenfalls noch über den Weg lief, und es wurde wirklich Zeit, dass er die Treppe hochkam, um Luca wachzuküssen und ihm zu beweisen, wie sehr er ihn vermisst hatte.

Morgan lächelte, als er auf dem Rückweg in den Flur an den Lilien vorbeiging, die mit Sicherheit Kate besorgt hatte, um ihm und Luca eine Freude zu machen, und zischte leise einen Fluch, als plötzlich sein Handy klingelte. Unerwartete Anrufe um zwei Uhr Morgens bedeuteten meistens, dass es irgendwo Ärger gab, und zwar dermaßen großen Ärger, dass es nicht warten konnte. Zusätzlich kostete solcher Ärger im Normalfall Unsummen für Anwälte, da sie meist vor Gericht gingen, denn niemand wollte für Unfälle oder sonstige Verzögerungen aufkommen, weil das förmlich ein Schuldeingeständnis gewesen wäre.

Solche Dinge passierten nicht oft und bisher waren Charles und er immer als Sieger aus Prozessen hervorgegangen, nervig war es trotzdem, und das jedes Mal aufs Neue. Vor allem, wenn man, wie er gerade, noch nicht mal die Koffer ausgepackt hatte. Morgan hatte wirklich keine Lust auf ein neues Drama auf einer ihrer Baustellen – jedenfalls nicht heute Nacht. Aber er konnte den Anruf auch nicht ignorieren.

Nach einem Blick aufs Display stöhnte er frustriert. »Ich war gerade drei elendig lange Wochen in New York und eine Etage über mir wartet ein Traumkerl auf mich, daher hoffe ich, dass es etwas verdammt Wichtiges ist, sonst kannst du morgen im Büro was erleben«, erklärte Morgan, als er Charles' Anruf annahm, woraufhin der leise lachte.

»Das weiß ich, Partner, denn ich habe deinen Zug im Auge behalten, darum rufe ich dich jetzt an, in der Hoffnung, dass du mittlerweile zu Hause bist, aber noch alle Klamotten anhast.«

Morgan stöhnte erneut. »Charles ...«

»Komm morgen früh ins Büro, es ist wichtig und wir haben es viel zu lange vor uns hergeschoben.«

Ein Notfall lag also nicht vor, allerdings konnte sich Morgan auf Charles' Worte keinen Reim machen, also runzelte er ratlos die Stirn. »Worüber reden wir gerade?«

»Den sechs neuen Anfragen seit letzter Woche zwecks einer dauerhaften Mitarbeit in unserem Architektenbüro, mit Option auf eine Teilhaberschaft in ein paar Jahren, die bitte langfristig geplant werden soll, denn ich habe mich entschieden, bis Ende des Jahres aus unserer Firma auszusteigen.«

Es war eine riesige Bombe, die Charles damit platzen ließ, und Morgan brauchte einen Augenblick, sich davon zu erholen. Sie hatten beide schon darüber nachgedacht und in letzter Zeit auch ein paar Mal darüber gesprochen, und er selbst hatte erst vor wenigen Minuten in Bezug auf eine eigene Familie mit Luca wieder in Betracht gezogen, kürzer zu treten. Aber offenbar war Charles in seinen Plänen bereits weiter und das war für Morgan Grund genug, um sich seine zuvor angefangene Wasserflasche erneut aus dem Kühlschrank zu holen und sich mit ihr an die Kücheninsel zu setzen. Luca würde verstehen, dass er ihn etwas später weckte, um seine Heimkehr gebührend zu feiern.

»Okay, ich höre.«

»Mackenzie ist schwanger.«

Morgan war froh, sich zuvor hingesetzt zu haben, denn das war die zweite Bombe innerhalb weniger Minuten. »Mir fehlen die Worte«, gab er ehrlich zu und rieb sich die müden Augen. »Versteh das nicht falsch, aber wie gefährlich ist das für sie?«

»Genau das frage ich mich auch.«

Charles seufzte leise und Morgan sah ihn beinahe vor sich, wie er zu Hause im Wohnzimmer oder auf der Terrasse saß und sich in einer nervösen Geste durch seine schwarzen Haare fuhr, die an den Seiten längst ergraut waren, wie seine eigenen auch, denn Charles war einige Jahre älter als er und hatte mit seiner Frau Mackenzie bereits drei Kinder, die fast erwachsen waren.

»Was wollt ihr tun?«, hakte er nach und dachte vor allem an Charles' Frau. Mit Mitte Vierzig würde das für Mackenzie keine leichte Schwangerschaft werden und er mochte sie genauso wie Charles und ihre drei Kinder.

Mehr noch, für Morgan waren sie wie die Familie, die er für sich selbst wollte, und vor Luca war er nicht sicher gewesen, je an diesen Punkt zu kommen. Du meine Güte, er hatte Charles' Kinder aufwachsen sehen. Malcolm, den Jüngsten, hatte er als Baby ab und zu auf dem Schoß geschaukelt und von Michelle, der Mittleren, war er sogar der Patenonkel. Und Charles erfuhr besser niemals, dass Morgan für seinen Ältesten David vor drei Jahren Kaution gestellt hatte, nachdem der angetrunken hinter dem Steuer seines ersten Wagens erwischt worden war. Das einzig Gute an der ganzen Geschichte war, dass David dadurch erwachsen geworden war und sich von Alkohol und vor allem von den ständig stattfindenden Partys, auf denen das Zeug in Massen konsumiert wurde, seither lieber fernhielt.

»Sie ist schon im fünften Monat«, sagte Charles. »Wir haben erst gestern davon erfahren, als sie beim Arzt war, weil sie sich nicht wohlfühlte. Wir dachten eigentlich, es läge an der Hitze.« Charles schwieg kurz. »Mac will es behalten, auch wenn das ein hohes Risiko für sie ist.«

»Und du?«, hakte Morgan nach.

»Ich habe Angst um sie«, gab Charles zu und eine andere Antwort hätte Morgan auch schwer gewundert, denn Charles liebte seine Frau abgöttisch und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, was andersherum ebenso war. Dass er Angst hatte, Mackenzie zu verlieren, konnte Morgan verstehen, denn ginge es um seine Frau, würde er nicht anders reagieren.

»Du willst für sie da sein.«

»Auf jeden Fall. Es geht beiden gut, Gott sei Dank, aber ich brauche deine Hilfe. Ich kann die nächsten Monate nicht in der Welt herumfliegen, ich will in Boston bleiben. Und mir ist klar, dass du seit Luca immer ernsthafter mit dem Gedanken spielst, es genauso zu handhaben.«

Es stimmte, das tat er. Allerdings war Morgan nicht darauf vorbereitet, so schnell eine Entscheidung treffen zu müssen. »Es wäre eine Feuerprobe für die neuen Architekten, wenn wir das machen. Wir müssen uns ganz genau aussuchen, wen wir dafür überhaupt in Betracht ziehen. Ich übergebe unsere Firma nicht an einen dieser Fachidioten, die ihr Studium zwar mit Bestnote abschließen, sich aber zu fein sind, auch nur einen Finger selbst krummzumachen.«

»Darum mein Anruf mitten in der Nacht. Ich drehe am Rad, Morgan, wir müssen darüber reden. Bald. Was die Fachidioten angeht, hast du übrigens meine volle Zustimmung.«

Nun ja, dann sollten sie sich wirklich so schnell wie möglich zusammensetzen. Aber vorher wollte er Zeit für Luca. »Morgen Nachmittag. Fünf Uhr. Diese Zeit musst du mir mit Luca geben. Er hat genauso weitreichende Entscheidungen zu treffen, wie du und ich, mein Freund.«

»Bring ihn doch mal mit zu uns«, schlug Charles vor. »Zum Abendessen. Mac würde sich freuen, das weißt du, und ihr habt euch wirklich lange genug vor der Welt versteckt. Ich will den Mann, der dich dermaßen glücklich macht, kennenlernen, und zwar nicht nur von Fotos.« Es folgte ein heiteres Lachen. »Da fällt mir ein, du weißt noch, dass David sich nicht festlegt, was seine sexuelle Orientierung angeht, oder?«

Morgan runzelte irritiert die Stirn. »Ja, sicher. Ich kenne ihn, seit er kleiner Frechdachs war, der ständig die Schnürsenkel an meinen Schuhen verknotet hat. Warum?«

»Er hat sich Videos von Luca angeschaut, weil er neugierig war, in wen sein Lieblingsonkel da verliebt ist. Sein Kommentar dazu war dann, ich zitiere, 'Wow, heißer Feger. Den würde ich nicht von der Bettkante schubsen.', Zitat Ende.«

Morgan schnaubte und Charles prustete los. »Sehr komisch, wirklich. Sag deinem Junior, dass ich ihn ohne den Ansatz eines schlechten Gewissens im Hafenbecken versenken werde, falls er mit meinem Mann flirtet.«

»Moment mal … Dein Mann? Habt ihr etwa …? Morgan!«

»Was? Nein!« Jetzt musste Morgan lachen. »Nein, wir haben nicht geheiratet. Ich nenne ihn einfach gerne so.«

»Weiß er das?«

»Noch nicht«, gab Morgan zu und trank einen Schluck, als Charles erneut lachte. »Ja, ja, sag es nicht. Und bevor du fragst, ja, ich würde ihn sofort heiraten, aber er ist noch nicht soweit.«

»Hauptsache, ihr seid glücklich«, erklärte Charles. »Was ist nun? Wochenende? Abendessen? Kommt ihr?«

Charles wäre der erste Mensch aus seinem privaten Umfeld, der Luca näher kennenlernen würde, und weil er nicht nur sein langjähriger Geschäftspartner, sondern zudem sein bester und auch sein einziger Freund war, entschied Morgan sich spontan dafür. Falls Luca partout nicht wollte, würden sie das klären, denn die Chancen, das Luca und er in nächster Zeit einen Flug nach Schottland buchten, um seine Familie zu treffen, standen wohl eher gering. Und was Lucas Familie anging, die kannte er in gewissem Maße ohnehin, genauso wie Luca Charles kannte – zumindest aus vielen Erzählungen.

»Samstagabend? Sieben Uhr?«

»Einverstanden. Gibt es irgendwas, das Luca nicht isst oder auf das er allergisch ist?«

»Nein«, antwortete Morgan, denn nach fünf Jahren kannte er seinen Mann in- und auswendig, was das betraf. Er wusste, dass Luca eine bunte Gemüsepfanne genauso liebte wie Fleisch oder Reis und Nudeln. Kurz gesagt, Luca aß alles und wenn er es nicht selbst kochen musste, schmeckte es ihm am besten.

Er grinste bei dem Gedanken daran, wie oft sie sich beide in der Küche davor drückten, kochen zu müssen. Wie gut, dass es Lieferdienste, Mikrowellen und Tiefkühlpizza gab. Und da ihm sein Blick in den leeren Kühlschrank schon verraten hatte, dass er Luca morgen zum Brunch ausführen würde, würden sie sich vermutlich auch gleich etwas zum Mittagessen mitnehmen, ehe er Luca zum Studio bringen und danach weiter ins Büro fahren würde. Allerdings würden sie dafür morgen ein Taxi nehmen, denn Morgan hatte keine Lust, sich um die Mittagszeit herum, vor allem bei dem Wetter, in Bus und Bahn zu quetschen.

»Perfekt. Dann geh deinen Prinzen wach küssen, wir sehen uns im Büro. Da fällt mir ein, du warst jetzt so lange weg, nicht, dass euch das Gleitgel schlecht geworden ist. Ich hoffe, du hast auf dem Heimweg neues gekauft.«

»Gute Nacht, Charles.«

***

Morgan hatte immer noch Charles' Gelächter im Ohr, als er knapp zwanzig Minuten später, nach einer Dusche im Eiltempo und nackt, wie der liebe Gott ihn einst geschaffen hatte, lautlos durch den Flur rüber ins Schlafzimmer schlich. Er hatte extra im zweiten Badezimmer geduscht, weil er Luca nicht früher als nötig wecken wollte, und das war unmöglich, wenn man erst durch das gesamte Schlafzimmer musste, um ins angrenzende Badezimmer zu kommen. So aber war er sauber und bereit für jede Schandtat, die Luca hoffentlich gleich einfiel.

Und da er so schlau gewesen war, neben seinem Koffer auch das Handy unten zu lassen, bestand keinerlei Gefahr, dass sie morgens aus dem Bett geklingelt wurden. Sprich, er konnte mit Luca anstellen, was immer und wie lange er wollte, und wenn sein Mann danach noch genug Energie für eine Revanche hatte, würde er ihm mit Vergnügen zur Verfügung stehen.

Morgan schob die Tür zum Schlafzimmer behutsam auf und schaltete dabei das Licht im Flur aus. Er wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann ging er auf das Bett zu und musste grinsen, weil Luca im Schlaf auf seine Seite gerutscht war und jetzt fast quer im Bett lag. Sein Mann war im Schlaf wie eine Klette. Ein Krake mit tausend Armen, die ihn in jeder Sekunde fest umschlangen und wehe, er musste mitten in der Nacht auf die Toilette. Ein Fesselkünstler war ein Anfänger im Vergleich zu dem, was Luca veranstaltete, wenn er bei ihm schlief, so als wolle er immer sichergehen, dass Morgan noch da war, sobald er morgens die Augen aufschlug.

»Mhm«, brummte es halb erstickt durch das Kopfkissen, als er Luca durch die halblangen, blonden Strähnen streichelte, die besonders nach dem Haare waschen immer unglaublich weich waren. Er wiederholte das Streicheln, bis Luca begann, sich von der Bettdecke zu befreien, und noch während Morgan ihm mit einem Lächeln dabei zusah, wurde er auch schon gepackt und mit einem »Na endlich.« aufs Bett gezogen.

Lachend rangen sie um die Vorherrschaft, bis Morgan Lucas Ohr erwischte und hinein biss, um gleich darauf neckend daran zu knabbern. Luca seufzte hingerissen und ließ sich derweil auf den Rücken sinken, wobei er den Kopf zur Seite drehte, damit Morgan mehr Platz hatte, den er auch sofort nutzte, denn nicht nur Lucas Ohren waren empfindlich.

»Du hast mir so gefehlt«, murmelte er, während er sich viel Zeit nahm, um unterhalb von Lucas Ohr zu knabbern und dann die zarte Haut bis zum Schlüsselbein zu lecken.

»Du mir auch«, keuchte Luca und versuchte dabei, ihn von sich zu schieben, was ihn zum Grinsen brachte, doch Morgan bewegte sich keinen Millimeter. »Morgan … Sollten wir nicht … Für ein paar Sekunden wenigstens … Also könnten wir uns vielleicht mal kurz vernünftig und zivilisiert begrüßen und … Oh Gott, mach das noch mal.«

Morgan tat, wie ihm befohlen und noch während er zärtlich an Lucas Kehlkopf knabberte und nebenbei ein Bein zwischen Lucas schob, spürte er, wie sein Mann langsam hart wurde und ihm selbst damit in nichts nachstand.

Wie gut, dass sie nackt waren, sie sich also nicht zuerst um störende Kleidung kümmern mussten. Und nochmal gut, dass sie schon vor Jahren beschlossen hatten, sich testen zu lassen, um auf Kondome verzichten zu können. Daher zögerte Morgan keine Sekunde, als Luca »Mach schnell.« forderte, und ließ kurz von seinem Mann ab, um im Nachttisch nach dem Gleitgel zu suchen und die Tube neben sie aufs Bett fallen zu lassen.

Danach küsste er Luca erneut und ließ seine Hände langsam über weiche und zugleich auch harte Haut wandern, denn Luca achtete auf sich und manchmal, wenn sie es zeitlich schafften, trafen sie sich nach Feierabend im Fitnessstudio oder gingen zusammen eine Runde joggen. Morgan liebte Lucas Körper. Die langen, schlanken Beine, seine definierte, nicht zu ausgeprägte Brust, die trainierten Oberarme. Und dass es Luca nicht anders ging, bewies sein Mann ihm regelmäßig, wenn er beinahe schon ehrfürchtig mit beiden Händen seinen Körper erkundete, wobei er ihn immer wieder zum Lachen brachte, denn er war kitzlig und Luca frech genug, das auszunutzen.

Noch dazu war Luca nicht auf den Mund gefallen und sein erster und einziger Versuch, sich die Brusthaare zu entfernen, als Morgan damals fand, dass das Grau nicht gut aussah, hatte ihm fast zwei Wochen Sexverbot und einen tagelang beleidigten Kerl eingebracht.

Luca liebte die Haare auf seinem Körper.

Luca liebte ihn.

Und zwar genau so wie er war. Älter, grauer, reicher, weiser – laut Luca war er eine tolle Partie und er wäre verrückt, ihn je wieder gehen zu lassen. Das hatte er einmal im Scherz zu ihm gesagt, aber in Lucas blauen Augen hatte Morgan gesehen, wie ernst ihm seine Worte waren, obwohl er gegrinst hatte, als er sie sagte. Seitdem hatte er nie wieder darüber nachgedacht, ob er möglicherweise zu alt und in seinen Ansichten zu festgefahren für einen Mann wie Luca Stone war, denn er war es nicht. Im Gegenteil. Sie passten perfekt zusammen und sobald Luca ihm auch nur das kleinste Zeichen gab, würde er Ringe kaufen, ihm einen Antrag machen und ihn heiraten.

Für immer und ewig, das war Morgans Ziel.

Heute Nacht würde er sich aber erst mal mit jetzt und sofort zufriedengeben, denn er wollte mehr, also nahm er sich mehr.

Haut an Haut, mit fordernden Lippen, die ungestüm Besitz von Luca ergriffen, ging jeder Gedanke an eine sanfte, mit viel Zeit verbundene Verführung verloren und pure Gier übernahm in Morgan die Oberhand. Sie konnten nachher sanft sein. Beim zweiten oder beim dritten Mal. Jetzt wollte er es heftig, schnell und vielleicht sogar ein bisschen brutal, darum packte er Lucas Hände und zog sie über dessen Kopf, wo er sie energisch aufs Laken drückte und Lucas Körper unter seinem begrub.

Gefangen.

Von seinem Körper und seinen Händen.

Morgan liebte das Gefühl von Überlegenheit, aber vor allem liebte er das Vertrauen von Luca, sich ihm zu überlassen, sich ihm hinzugeben und gleichzeitig mehr zu verlangen, in dem er sich gegen ihn drängte und in ihren nächsten Kuss stöhnte. Es war sein eigenes, schnelles Herzklopfen, das Morgan schließlich aus diesem erregenden Taumel voller Lust riss und er löste sich ein Stück von Luca, um auf ihn hinunterzusehen.

»Hab ich dich«, murmelte er mit einem zufriedenen Grinsen und grinste, als Luca leise lachte.

»Soweit ich mich erinnere, hast du mich seit fünf Jahren an der Backe. Aber ich bin mir nicht sicher, mein Gehirn ist gerade durchgeschmort. Du hast es bestimmt zischen gehört.«

Morgan verkniff sich ein Lachen. »Ach, wie schade. Warte, ich küsse dich einfach nochmal und dann noch einmal, bis alle Synapsen wieder korrekt funktionieren, einverstanden?«

»Na dann her mit Ihnen, McGregor!«

***

»Wir sind am Samstag zum Abendessen eingeladen.«

Morgan grinste, als Luca mit leicht unbehaglichem Blick auf dem Stuhl herumrutschte, während er prüfend zum Tresen sah, ob ihn auch niemand dabei beobachtete. Vielleicht hätte er doch nach einem Kissen fragen sollen, wie er es heute Morgen zuerst vorgehabt hatte, aber dann würde ihm mehr blühen als nur die zwei Wochen Sexverbot wegen seiner Rasur damals, also hatte er den Gedanken beiseitegeschoben und Luca stattdessen dabei zugesehen, wie der in seine alten Turnschuhe schlüpfte, damit sie zum Brunch aufbrechen konnten, und hier waren sie nun.

Das Maisie's war ein hübsches, kleines Café und schon seit zwei oder drei Generationen, das wusste Morgan nicht genau, in Familienbesitz. Luca und er kamen regelmäßig her, seit sie es bei einem Spaziergang entdeckt hatten, denn so klein der Laden auch war, mit bloß sechs Tischen und einer Stehtheke mit fünf Plätzen, es gab hier alles, was das Herz begehrte. Angefangen mit einem Frühstücksbuffet über Torten, Kuchen und Muffins, bis hin zu belegten Brötchen, Salaten und frittierten Snacks. Tag für Tag wurde alles frisch zubereitet und schmeckte so köstlich, dass Morgan nach jedem Besuch im Maisie's sicherheitshalber immer eine Extrarunde im Fitnessstudio einplante.

»Abendessen? Bei wem?« Luca blinzelte. »Moment … Wir?«

Morgan nickte. »Bei Charles und Mackenzie.«

Er hatte Luca vorhin unter der Dusche von seinem Telefonat mit Charles erzählt, auch von ihrem geplanten Treffen heute, er hatte ihm aber weder von der Schwangerschaft noch von seinen Überlegungen, in Rente zu gehen, berichtet. Das würde er jetzt tun, sobald sie ihre Bestellungen bekommen hatten.

»Habt ihr deshalb letzte Nacht telefoniert?«

Morgan nickte und nippte an seinem Kaffee. »Auch. Es gibt eine ziemlich große Neuigkeit in Charles' Leben. Wenn man es genau nimmt, sind es sogar gleich zwei.« Er schwieg, weil die Bedienung mit seinen Pfannkuchen kam, und wartete, bis auch Luca seinen Teller mit Rührei, Speck und Tost bekommen hatte. Als sie wieder unter sich waren, räusperte er sich. »Mackenzie ist schwanger.«

Luca verschluckte sich an seinem eben getrunkenen Kaffee und begann heftig zu husten, und Morgan beugte sich hastig zu ihm, um ihm sanft auf den Rücken zu klopfen, bis der Husten nachließ und Luca ihn fassungslos ansah.

»Ach, du Scheiße.« Luca blinzelte. »Und das klang jetzt total falsch, entschuldige. Ich meinte ...«

»Ich weiß«, kam Morgan ihm zuvor, »denn mein allererster Gedanke ging in eine ähnliche Richtung. Sie ist Mitte Vierzig, es ist also verdammt riskant. Trotzdem wollen sie es bekommen, aber Charles macht sich natürlich Sorgen und will kürzertreten. Um ehrlich zu sein, will er Ende des Jahres aussteigen, um nach der Geburt für Mackenzie und das Baby da zu sein.«

Luca aß zwei Gabeln Rührei, ehe er weitersprach. »Darüber wollt ihr heute reden. Was wird aus eurer Firma? Willst du ab nächstem Jahr alles alleine machen?«

Morgan tat es Luca nach und aß erst mal etwas, um derweil seine Gedanken zu ordnen, denn wie erwartet machte Luca ihm weder Vorwürfe noch meldete er Bedenken oder Zweifel an, ob das nicht zu viel war. Luca würde ihn immer unterstützen, was nicht hieß, dass er jede seiner Entscheidungen gut fand. Doch er akzeptierte sie, sofern sie ihre Beziehung nicht torpedierten, so wie das Hochhaus in Dubai es vor drei Jahren getan hatte. Nach zwei saftigen Streits, wochenlanger Funkstille und einem leeren Bett bei seiner Rückkehr, war Morgan klar geworden, dass man sich mit Geld kein Glück erkaufen konnte, und vor allem nicht die Vergebung des Mannes, den er liebte. Also hatte er die für Dubai kassierten zwanzig Millionen Dollar an verschiedenste Hilfsprojekte – unter anderem das »Boston Hearts« von Lucas Vätern – gespendet und anschließend so lange abends vor dem Studio auf Luca gewartet, bis der bereit gewesen war, mit ihm zu reden und ihm zu verzeihen. Er würde den Fehler, sich halb zu Tode zu arbeiten, nicht noch einmal begehen.

»Nein«, antwortete er und trank etwas Kaffee. »Charles und ich überlegen, Teilhaber in die Firma zu holen, sie den Rest des Jahres zu begutachten und wenn sie sich gut machen, ihnen die Möglichkeit der Firmenübernahme einzuräumen.«

Luca vergaß die Rühreier auf seinem Teller. »Du willst auch aufhören? Seit wann?«

»Ich denke schon eine Weile darüber nach, zumindest etwas kürzer zu treten«, gab Morgan zu. »Für uns. Charles hat mich letzte Nacht mit der Ankündigung zwar ziemlich überrumpelt, aber die Gelegenheit wäre günstig. Ich möchte nicht mit Siebzig noch auf Baustellen stehen. Und Geld habe ich genug verdient, das weißt du. Ich will mehr Zeit mit dir haben und über eine Familie nachdenken. Über Kinder, Luca. Ich hätte gerne welche, bevor ich zu alt dafür bin.«

»Du bist gerade mal Fünfundvierzig, das ist nicht alt.« Luca schmunzelte. »Ich hatte übrigens an eins bis drei gedacht. Oder auch vier, je nachdem, wie sehr sie uns wahnsinnig machen.«

Morgan lachte leise. »Das sehen wir ja dann.«

Damit war Luca zufrieden und widmete sich wieder seinem Frühstück. »Das Abendessen … Wäre es so richtig offiziell? Ich meine, wir als Paar?«

»Ja.« Na? Was machst du jetzt damit?, dachte er amüsiert und gleichzeitig neugierig, denn es würde das erste Mal sein, dass sie zusammen als Paar auftraten. Besuche im Kino oder auch im Restaurant zählten für Morgan nicht, denn dort waren sie unter sich und nicht im Kreise von Freunden oder der Familie. Würde Luca sich darauf einlassen?

»Ich habe noch keine Entscheidung getroffen.«

Damit spielte Luca auf den Vertrag mit dem Plattenlabel an, wusste Morgan, und er nickte, um danach zwei weitere Bissen seiner Pfannkuchen zu essen, damit Luca Zeit hatte, noch etwas nachzudenken, denn er spürte, dass sein Mann nicht alles dazu gesagt hatte.

»Wenn ich Ja sage, wäre das unser erster richtiger Schritt als Paar. Ich müsste meiner Familie von dir erzählen.«

Morgan schüttelte den Kopf. »Du musst überhaupt nichts. Du kannst hingegen alles, wenn du denkst, dass der Zeitpunkt richtig ist. Darum sitzen wir hier, um darüber zu reden. Charles wird es verstehen, wenn wir ihm absagen, und ich wette mit dir um mein schönstes Hemd, dass auch deine Familie es verstehen wird, dass du mich ihnen so lange vorenthalten hast.« Er hob die Hand und schüttelte den Kopf, als Luca etwas sagen wollte. »Du weißt, dass ich dir offen gesagt hätte, wäre ich damit nicht einverstanden gewesen, denn das war und bin ich. Du bist und warst mir immer genug. Meine Familie lebt weit weg und lange Zeit gab es für mich nur die Arbeit und Charles als Freund. Mir hat nie etwas gefehlt und das tut es auch jetzt nicht.«

»Du möchtest sie kennenlernen, nicht wahr?«

Das zu verneinen, wäre eine Lüge gewesen und Morgan log niemanden an. Schon gar nicht den Mann, den er liebte. »Ja, ich möchte sie kennenlernen. Allein schon deinen Großvater. Durch die ganzen Geschichten, die du mir von ihm erzählt hast … Oh ja, ich will ihn definitiv kennenlernen, und das werde ich auch, denn eines Tages wirst du mich ihm vorstellen.«

Luca sah aus dem Fenster auf die Straße und seufzte leise. »Manchmal frage ich mich, warum ich in der Beziehung immer so seltsam bin.« Ihre Blicke trafen sich. »Ist es falsch, dich für so lange Zeit mit niemandem zu teilen?«

»Warum sollte es falsch sein? Wir sind glücklich, Luca, und um das zu sein, braucht es nicht unbedingt einen großen Kreis Freunde oder die Familie.« Morgan nahm eine halbe Erdbeere, die zur Dekoration auf dem Teller lag, und hielt sie Luca hin. Er grinste, als der sie mit dem Mund annahm und aufreizend über seine Fingerspitze leckte. »Und? Lecker?«

Luca sah sich kurz um, aber da der großen Morgenansturm längst vorbei waren, hatten sie das Café im Augenblick fast für sich allein, und die junge Mutter mit ihrem Baby im Tragetuch, interessierte sich weit mehr für die Muffins in der Auslage als dafür, dass er gerade seinen Freund fütterte.

»Nicht so lecker wie du vorhin unter der Dusche«, flüsterte Luca und grinste wissend, als Morgan leise stöhnte, während er sich anders hinsetzte. Ihm tat zwar nicht der Hintern weh, aber Sprüche wie dieser sorgten jedes Mal aufs Neue dafür, dass es in seinen schmal geschnittenen Hosen enger wurde als es beim Sitzen angenehm war. Und er wollte garantiert nicht mit einem schmerzenden Ständer das Maisie's verlassen, geschweige denn Charles nachher im Büro mit einem gegenübertreten.

Er lehnte sich zurück und atmete tief durch, bis sein Körper wieder ruhiger wurde. »Um auf deine Frage zurückzukommen, ich glaube nicht, dass du seltsam bist, weil du uns nicht teilen willst. Falls doch, bin ich genauso seltsam. Außerdem, auf eine gewisse Weise, kennen wir unsere Familien doch längst.«

Luca runzelte die Stirn, verstand aber schnell, worauf er mit den Worten hinauswollte. »Du meinst, weil wir uns immer alles über sie erzählt haben?«

Morgan nickte. »Du weißt von meinen Eltern, meinen zwei Brüdern und meiner Schwester. Ich weiß von deinen Großeltern und Vätern, von deinen Brüdern und von ihren Familien. Es ist nicht so, dass wir nur in unserer kleinen Blase leben. Ich meine, du kennst Charles und Mackenzie vermutlich kaum weniger als ich, dabei hast du sie noch nie gesehen.«

Luca lachte leise. »Stimmt. Na gut, dann sind wir eben beide seltsam.« Er griff über den Tisch hinweg nach seiner Hand und Morgan verschränkte sofort ihre Finger miteinander. »Ich liebe es. Das ist unser kleines Geheimnis. Unser Zuhause. Unsere … Wie hast du es genannt? Unsere Blase?« Morgan nickte nur. »Es ist einfach schön, zu wissen, dass du auf mich wartest. Ich habe meinen Vätern noch nie jemanden vorgestellt, mit dem ich eine Weile Sex hatte oder den ich mehr mochte. Ich habe, um ehrlich zu sein, nie darüber nachgedacht, weil keiner von ihnen, auch wenn das jetzt garantiert komisch klingt, aber keiner von ihnen war würdig, ein Teil meiner Familie zu werden.« Luca drückte seine Hand. »Du bist es. Und ich werde dich Adrian, Elias und Maximilian vorstellen. Du wirst meine Familie kennenlernen und ich werde dich irgendwann ins Flugzeug kriegen, weil ich dein Schottland sehen will.« Luca grinste kurz, als Morgan die Lippen schürzte. »Eines Tages wirst du einen Schottenrock für mich tragen, Morgan McGregor.«

»Ich habe nicht die Beine dafür.«

»Das entscheide ich«, konterte Luca und lachte heiter, als er daraufhin tief seufzte, denn darüber diskutierten sie schon, seit Luca vor Jahren, auf der Suche nach der Weihnachtsdekoration, zufällig über den alten Karton auf dem Dachboden gestolpert war, in dem er Erinnerungen aufbewahrte, die er damals aus Schottland mitgebracht hatte.

Und eine dieser Erinnerungen war ein Schottenrock, obwohl Morgan schon gar nicht mehr wusste, warum er das alte Ding behalten hatte. Er war nie ein Fan davon gewesen, Schotte hin oder her, aber als Kind war er gezwungen gewesen, auf Feiern und zu besonderen Anlässen einen zu tragen und Morgan hatte es nicht über sich gebracht, das ausgebleichte Dinge zu Hause zu lassen. Dasselbe galt für ein paar Kinderbücher, aus denen ihm seine Mutter vorgelesen hatte, einen zerfledderten Bären, der sein Lieblingskuscheltier gewesen war, und eine Reihe von Spielzeugautos, die sein Großvater ihm kurz vor seinem Tod in Ehren übergeben hatte, damit er sie hegte und pflegte.

Vielleicht würde er eines Tages dasselbe für seine Enkel tun, denn Morgan mochte die Vorstellung, welche zu haben, und da Luca mit Kindern einverstanden war, standen die Chancen auf Enkel nicht schlecht. Ob blutsverwandt oder nicht, das war ihm hingegen völlig egal, denn Luca bewies eindeutig, dass Familie nichts damit zu tun hatte, ob man dasselbe Blut teilte.

»Morgan?« Luca hatte den Blick aus dem Fenster gerichtet und sprach erst weiter, als Morgan aufmunternd seine Finger drückte. »Ich will den Vertrag, aber dich will ich auch. Ich liebe dich und ich will mich nicht entscheiden müssen.«

Das Problem war nur, dass die verfluchte Plattenfirma Luca diesbezüglich keine Wahl lassen würde, doch da sein Mann das wusste, sparte Morgan sich jedes Wort dazu.

Schon sehr bald würde sich Luca, ob er es wollte oder nicht, zwischen einem Leben mit ihm und seiner Karriere als Musiker entscheiden müssen, und Morgan hoffte inständig, auch wenn das vielleicht egoistisch war, dass diese Entscheidung zu seinen Gunsten ausfiel.