Karriere vs. Herz


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Er hatte davon gehört.

Von dem Haus, an dessen Tür man Tag und Nacht klopfen konnte, wenn man niemanden mehr hatte.

Luca Stone wusste nicht, ob es dieses Haus wirklich gab.

Es war vielleicht nur ein Gerücht oder sogar eine Lüge, um kleine Jungs und Mädchen wie ihn anzulocken, aber nach drei Tagen, die er abgewartet hatte, weil er immer leise sein musste, wenn sie diese fremden Männer in ihrem Zimmer hatte, damit die ihm nichts antun konnten, spürte er, dass seine Mama nie mehr aufwachen würde.

Luca hatte solchen Hunger, doch in den Schränken in der Küche gab es nichts mehr zu essen und die kleine Dose, in die sie ihm immer Geld gelegt hatte, für den Fall, dass er Hunger bekam und sie gerade nicht da war, um ihm etwas zu kochen, war schon seit Wochen leer.

»Komm nicht raus, wenn sie da sind. Sie dürfen dich nicht sehen. Versprich es mir, Luca.«

Das hatte seine Mama immer flüsternd zu ihm gesagt und er hatte es ihr versprochen und war nie aus seinem Zimmer gekommen. Na gut, meistens jedenfalls. Manchmal hatte Luca es heimlich doch getan, denn es war ziemlich einfach gewesen, sich ins Badezimmer zu schleichen und aus dem Wasserhahn zu trinken, sobald er Durst hatte.

Und jetzt musste er sein Wort wieder brechen, denn es roch seltsam vor Mamas Zimmer und Luca traute sich nicht, zu ihr reinzugehen. Aber er hatte so großen Hunger und vielleicht, wenn es nicht gelogen war, gab es dieses Haus und dort hatte man bestimmt etwas zu essen für ihn.

Deswegen nahm Luca am vierten Tag schließlich all seinen Mut zusammen und verließ sein Zuhause, in der Hoffnung, im »Boston Hearts« ein neues zu finden.

Zwei Tage später, so lange lief er durch die Stadt, bevor er sich traute einen Taxifahrer zu fragen, ob der so nett war, ihm etwas von seinem Sandwich abzugeben, weil ihm vor lauter Hunger übel und Mama tot war, erfuhr Luca, dass das »Boston Hearts« keine Erfindung war, denn besagter Taxifahrer wusste, wo es war und brachte ihn dann dorthin. Er wollte dafür nicht einmal Geld von Elias Endercott annehmen, der ihnen die Tür öffnete und sich geduldig seine Geschichte anhörte, ehe er dem Taxifahrer dankte und Luca an die Hand nahm, um ihn in die Küche zu bringen, damit er endlich etwas zu essen bekam.

Und Luca aß. Die dick belegten Sandwiches, die köstliche Tomatensuppe, den warmen Pudding – er aß alles, was sie ihm hinstellten, während Elias mit einem weiteren Mann namens Maximilian telefonierte, dem von seiner toten Mama erzählte und dass er, Luca, jetzt niemanden mehr hatte, wobei Elias ihn immer wieder lächelnd anschaute und am Ende vor Glück fast zu strahlen schien und mehrfach »Ja, wirklich? Bist du sicher?« fragte, und was auch immer der andere Mann antwortete, Elias Endercott gefiel es.

Am selben Abend lag er müde in einem weichen Bett, unter einer flauschigen Decke, in einem kleinen Zimmer im »Bostons Hearts«, und lauschte der tiefen, äußerst angenehmen Stimme von Maximilian Endercott, der mit Elias im Flur direkt vor der angelehnten Tür zu seinem Zimmer stand.

»Sie haben seine Mutter gefunden. Offenbar hat ihr letzter Freier sie erwürgt. Die Tür war zu, was mich hoffen lässt, dass er sie nicht so gesehen hat.«

»Gott sei Dank«, hörte er Elias sagen.

»Er ist zwölf Jahre alt und war nie in der Schule.«

»Zwölf?«, echote Elias überrascht. »Das kann gar nicht sein, er ist so klein und zart.«

»Die Behörden haben es überprüft, die Geburtsurkunde ist sauber. Sie suchen jetzt nach Angehörigen von ihm, aber so wie es aussieht, war seine Mutter alles, was er hatte. Die Wohnung war sauber und aufgeräumt, es gibt viele Bücher. Sie hat ihn zu Hause unterrichtet, so gut sie konnte.« Luca hörte Maximilian seufzen. »Lily Stone ist ein typischer Fall all derer, die durchs Raster fallen, aber sie hat sich gut um ihren Sohn gekümmert, haben mir die Polizisten erzählt, die in ihrer Wohnung waren. Einer hat mich vorhin übrigens scherzhaft gefragt, ob wir nicht das Dutzend vollmachen wollen.«

Elias lachte leise. »Ich glaube, acht sind wirklich genug. Wir werden schließlich nicht jünger.«

»Acht also, ja?«

Daraufhin kam keine Antwort, aber Luca hörte Maximilian ebenfalls lachen und beide Männer klangen dabei genauso wie seine Mama, wenn sie glücklich gewesen war. Deshalb lächelte er und schlief mit diesem Lachen in den Ohren ein.

Mit zwölf Jahren verlor Luca Stone seine Mutter.

Mit dreizehn wurde er der achte Sohn der Endercotts und bekam sieben Brüder, die es sich zur Aufgabe machten, gut auf das Küken ihrer Familie aufzupassen.

Mit vierzehn schenkten ihm seine Väter eine Gitarre, als sie erkannten, wie sehr er Musik liebte.

Mit achtzehn hatte er seinen ersten öffentlichen Aufritt in einer Bar mit Livemusik mitten im Zentrum von Boston.

Einen Tag später stellte ein Gast der Bar diesen Auftritt auf YouTube und machte Luca damit über Nacht zu einer kleinen Berühmtheit.