Kopf vs. Herz


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Osaro Adewale war gerade zwölf Jahre alt, als er – blutend, splitterfasernackt und vor lauter Angst um sein Leben beinahe wahnsinnig, auf allen Vieren vor jenem Mann davon kroch, der ihn zuvor vergewaltigt hatte – eine geladene Waffe in die Hand bekam und seiner Kindheit mit ihr ein Ende setzte.

Einige Jahre lang schwer misshandelt und als Kindersklave aus Nigeria in die USA geschmuggelt, um, anstatt zu arbeiten, wie man es seinen Eltern versprochen hatte, an jeden verkauft zu werden, der genug Geld für ihn bezahlte, erschoss er einen unschuldigen Mann, der seine Flucht aus dieser Lagerhalle, die als Bordell diente, zufällig mitbekam und ihm helfen wollte. Er tötete einen verheirateten Mann und Vater, weil er glaubte, der wäre gekommen, um sein nächster Vergewaltiger zu werden, da er so ein niedliches Gesicht hatte, wie seine Peiniger nicht müde wurden, ihm mit einem hämischen Grinsen mitzuteilen, bevor sie ihn dem nächsten Perversen überließen, der gern mit Kindern Sex hatte.

Was dann kam, begriff Osaro genauso wenig, wie das laute Geschrei von Männern und Frauen, die ihm jedes Mal, bevor er in diesen großen Saal gebracht wurde, wo Männer in Anzügen darüber stritten, ob er getötet oder für den Rest seines Lebens eingesperrt werden sollte, Mikrofone vors Gesicht hielten und riesige Schilder hochreckten, auf denen Dinge standen, die er nicht verstand, weil er nicht lesen konnte.

Osaro wusste nicht, wie lange er bereits in dieser kleinen Zelle saß, in der sie ihn eingesperrt hatten, bis eines Tages ein Mann dort auftauchte, der genauso aussah wie viele von jenen Männern, die ihn immer wieder gekauft hatten.

Doch Maximilian Endercott war nicht wie einer von diesen bösen Männern. Sein Lächeln war ehrlich, seine Freundlichkeit echt und das Angebot, ihm zu helfen und ab sofort sein Anwalt zu sein, kein haltloses Versprechen.

Maximilian bat ihn um sein Vertrauen und nach einer sehr langen Weile, die er einfach so dagesessen und ihn angesehen hatte – etwas, das der andere Mann, dem die Pflicht zugeteilt worden war, ihn zu verteidigen, nicht mochte, während dieser große, blonde Mann mit seinen eindringlichen, grünen Augen sich nicht daran zu stören schien –, gab Osaro es ihm.

Kinderprostitution, Menschenschmuggel, lang anhaltender, körperlicher und sexueller Missbrauch – in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten hörte Osaro immer wieder, wie sie im Gerichtssaal über diese seltsamen Begriffe diskutieren, während Maximilian um seine Zukunft kämpfte, aber was sie bedeuteten, erfuhr er erst viel später.

Mit zwölf war sein Leben vorbei – glaubte er.

Mit fünfzehn brachte Maximilian ihn in ein riesiges Haus mit einem noch größeren Garten, in dem er die ersten Wochen jede Nacht schlief, aus Angst, man würde ihn einsperren, wenn er zu lange im Haus blieb.

Doch das geschah nicht.

Stattdessen bekam er zwei Väter, denen er wichtig war, und sechs Brüder, die ihn in der ersten Zeit ebenso neugierig aus der Ferne beäugten wie er sie, bis Cole, der älteste Sohn, eines Abends kurzerhand eine Isomatte neben ihm ausbreitete, um bei ihm im Garten zu übernachten.

Nach dieser Nacht begann Osaro langsam zu glauben, dass er bei diesen Männern wirklich sicher war, und er beschloss, es auf auf einen Versuch ankommen zu lassen.

Und die Endercotts enttäuschten ihn nicht.

Sie gaben ihm ein Zuhause, Sicherheit, Wärme und Schutz.

Sie besorgten ihm Hilfe, als die Angst irgendwann nachließ und dafür die Albträume begannen.

Aber vor allem gaben sie ihm einen neuen Namen.

Einen unbefleckten Namen.

Maximilian und Elias machten es möglich, dass er aufhören konnte, Osaro Adewale zu sein, dieser beschmutzte Junge, der so oft seinen Körper hatte hergeben müssen, um am Leben zu bleiben, und sie versprachen ihm unter Tränen, dass er niemals wieder so etwas würde tun müssen.

Osaro glaubte ihnen.

Und wurde zu Leon Williamson.