Anwalt mit Herz


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Mit acht Jahren starb Paul Jones zum ersten Mal an einer Alkoholvergiftung.

Er war drei Minuten tot, bis die Ärzte ihn zurück ins Leben holten, um ein Jahr später erneut um selbiges zu kämpfen, weil er ohne Alkohol nicht zurechtkam und es weder seine Eltern noch den Sachbearbeiter vom Jugendamt kümmerte, ob er sich zu Tode trank oder nicht.

Mit zehn schafften das schließlich seine Eltern, aber da sich niemand darum scherte, was aus dem Sohn einer kubanischen Schlampe und eines arbeitslosen Säufers wurde, Hauptsache, er verschwand aus der Bruchbude, in der sie gehaust hatten, damit die neu vermietet werden konnte, landete Paul auf der Straße, wo er sehr schnell lernte sich durchzuschlagen und vor allem, sich Tag für Tag genügend Bier, Wein oder Schnaps zu klauen, um das heftige Zittern in seinen Händen lange genug unter Kontrolle zu halten, weil man süß und hübsch aussehen musste, um von reichen Weibern mit teuren Handtaschen ein paar mickrige Dollar zu erbetteln. Oder ihnen die Handtaschen kurzerhand zu klauen, falls sie kein Geld rausrückten.

Mit zwölf gelang es Paul im allerletzten Augenblick, einem Zuhälter zu entwischen, der auf das Vermitteln kleiner Jungs spezialisiert war, nur um auf seiner kopflosen Flucht quer über die Straße vor eine silberne Limousine zu laufen.

Dieser Unfall rettete Paul das Leben.

Als Besitzer des Wagens sah es Maximilian Endercott, ein stinkreicher Anwalt, als seine bürgerliche Pflicht an, ihn in ein Krankenhaus zu schaffen, und da Paul mit einem gebrochenen Bein nicht flüchten konnte, ließ er die milde Tat einfach über sich ergehen.

Fest entschlossen, so schnell wie möglich wieder aus dem Krankenhaus abzuhauen, hatte er diesen Plan allerdings ohne Endercott und seine Entzugserscheinungen gemacht, die Pauls ersten Fluchtversuch vereitelten, da hatte er es mit der lästigen Stützschiene, die man ihm statt eines Gipsbeins verpasst hatte, gerade mal ins Treppenhaus geschafft.

Zitternd, schwitzend, unfähig sich auf den Beinen zu halten und mit schlimmen Schmerzen in allen Gliedmaßen, fand ihn Endercott einige Zeit später weinend auf der Treppe, doch statt zu schimpfen oder ihm Vorwürfe zu machen, tat dieser Mann etwas, das bisher niemand in seinem Leben je getan hatte – er zog Paul einfach in seine Arme und ließ ihn weinen.

Und während Paul weinte, erzählte Maximilian Endercott ihm eine Geschichte über andere Jungen in seinem Alter, alle mit Problemen, die er und sein Ehemann Elias aufgenommen und in den letzten Jahren zu ihren Söhnen gemacht hatten, und er fragte ihn tatsächlich, ob Paul nicht auch einer dieser Jungs werden wollte. Diesem Anwalt war es vollkommen egal, dass er ein Säufer, ein Dieb und zudem dunkelhäutig war – letzteres führte sogar zu einem Streit zwischen ihnen, als Paul Endercott fragte, ob der tatsächlich sicher war, einen dreckigen Kubaner in seinem Haus haben zu wollen.

Trotzdem lehnte Paul ab, weil er dem Braten nicht traute, aber Maximilian Endercotts Dickschädel war härter als seiner. Der Mann unterlief seine innere Verteidigungsmauer, indem er seinen Ehemann und ihre mittlerweile fünf Söhne mitbrachte, allesamt weiß und vorlaut, und ihn dann feixend fragte, ob er zu viel Schiss hätte, sich mit den Endercotts abzugeben oder ob er glaubte, nicht mithalten zu können.

Ein Jahr später war Paul trocken und gab seinen Einstand im Endercott-Haushalt, indem er seinem ältesten Bruder Cole dessen Auto klaute, um damit eine Spritztour durch das Viertel zu machen.

Ein weiteres Jahr später ließ Cole ihn seinen Wagen dann heimlich fahren, um damit hübsche Mädchen und süße Jungs zu beeindrucken. Dreimal ging es gut, dann wurden sie leider von Maximilian erwischt, was dazu führte, dass weder Cole noch er in den kommenden Monaten ein Auto zur Verfügung hatten. Sehr zur Belustigung ihrer übrigen Brüder.

Mit siebzehn stieß Paul sich die Hörner endgültig ab und schloss als einer der besten seiner Schule die Highschool ab.

Mit achtzehn machte er ein Praktikum in der Kanzlei seines Vaters, weil er alles, was mit Gesetzen, Anwälten, Richtern und Anklagen, zu tun hatte, ziemlich faszinierend fand und mehr darüber wissen wollte.

Zwei Wochen später nahm ihn Maximilian als Besucher mit zu einer Gerichtsverhandlung.

Am nächsten Tag entschloss sich Paul, eines Tages der beste und schlaueste Anwalt von Boston zu werden und seine Väter stolz zu machen.