Anwalt mit Herz


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Mit acht Jahren starb Paul Jones zum ersten Mal an einer Alkoholvergiftung.

Er war drei Minuten tot, bis die Ärzte ihn zurück ins Leben holten, um ein Jahr später erneut um selbiges zu kämpfen, weil er ohne Alkohol nicht zurechtkam und es weder seine Eltern noch den Sachbearbeiter vom Jugendamt kümmerte, ob er sich zu Tode trank oder nicht.

Mit zehn schafften das schließlich seine Eltern, aber da sich niemand darum scherte, was aus dem Sohn einer kubanischen Schlampe und eines arbeitslosen Säufers wurde, Hauptsache, er verschwand aus der Bruchbude, in der sie gehaust hatten, damit die neu vermietet werden konnte, landete Paul auf der Straße, wo er sehr schnell lernte sich durchzuschlagen und vor allem, sich Tag für Tag genügend Bier, Wein oder Schnaps zu klauen, um das heftige Zittern in seinen Händen lange genug unter Kontrolle zu halten, weil man süß und hübsch aussehen musste, um von reichen Weibern mit teuren Handtaschen ein paar mickrige Dollar zu erbetteln. Oder ihnen die Handtaschen kurzerhand zu klauen, falls sie kein Geld rausrückten.

Mit zwölf gelang es Paul im allerletzten Augenblick, einem Zuhälter zu entwischen, der auf das Vermitteln kleiner Jungs spezialisiert war, nur um auf seiner kopflosen Flucht quer über die Straße vor eine silberne Limousine zu laufen.

Dieser Unfall rettete Paul das Leben.

Als Besitzer des Wagens sah es Maximilian Endercott, ein stinkreicher Anwalt, als seine bürgerliche Pflicht an, ihn in ein Krankenhaus zu schaffen, und da Paul mit einem gebrochenen Bein nicht flüchten konnte, ließ er die milde Tat einfach über sich ergehen.

Fest entschlossen, so schnell wie möglich wieder aus dem Krankenhaus abzuhauen, hatte er diesen Plan allerdings ohne Endercott und seine Entzugserscheinungen gemacht, die Pauls ersten Fluchtversuch vereitelten, da hatte er es mit der lästigen Stützschiene, die man ihm statt eines Gipsbeins verpasst hatte, gerade mal ins Treppenhaus geschafft.

Zitternd, schwitzend, unfähig sich auf den Beinen zu halten und mit schlimmen Schmerzen in allen Gliedmaßen, fand ihn Endercott einige Zeit später weinend auf der Treppe, doch statt zu schimpfen oder ihm Vorwürfe zu machen, tat dieser Mann etwas, das bisher niemand in seinem Leben je getan hatte – er zog Paul einfach in seine Arme und ließ ihn weinen.

Und während Paul weinte, erzählte Maximilian Endercott ihm eine Geschichte über andere Jungen in seinem Alter, alle mit Problemen, die er und sein Ehemann Elias aufgenommen und in den letzten Jahren zu ihren Söhnen gemacht hatten, und er fragte ihn tatsächlich, ob Paul nicht auch einer dieser Jungs werden wollte. Diesem Anwalt war es vollkommen egal, dass er ein Säufer, ein Dieb und zudem dunkelhäutig war – letzteres führte sogar zu einem Streit zwischen ihnen, als Paul Endercott fragte, ob der tatsächlich sicher war, einen dreckigen Kubaner in seinem Haus haben zu wollen.

Trotzdem lehnte Paul ab, weil er dem Braten nicht traute, aber Maximilian Endercotts Dickschädel war härter als seiner. Der Mann unterlief seine innere Verteidigungsmauer, indem er seinen Ehemann und ihre mittlerweile fünf Söhne mitbrachte, allesamt weiß und vorlaut, und ihn dann feixend fragte, ob er zu viel Schiss hätte, sich mit den Endercotts abzugeben oder ob er glaubte, nicht mithalten zu können.

Ein Jahr später war Paul trocken und gab seinen Einstand im Endercott-Haushalt, indem er seinem ältesten Bruder Cole dessen Auto klaute, um damit eine Spritztour durch das Viertel zu machen.

Ein weiteres Jahr später ließ Cole ihn seinen Wagen dann heimlich fahren, um damit hübsche Mädchen und süße Jungs zu beeindrucken. Dreimal ging es gut, dann wurden sie leider von Maximilian erwischt, was dazu führte, dass weder Cole noch er in den kommenden Monaten ein Auto zur Verfügung hatten. Sehr zur Belustigung ihrer übrigen Brüder.

Mit siebzehn stieß Paul sich die Hörner endgültig ab und schloss als einer der besten seiner Schule die Highschool ab.

Mit achtzehn machte er ein Praktikum in der Kanzlei seines Vaters, weil er alles, was mit Gesetzen, Anwälten, Richtern und Anklagen, zu tun hatte, ziemlich faszinierend fand und mehr darüber wissen wollte.

Zwei Wochen später nahm ihn Maximilian als Besucher mit zu einer Gerichtsverhandlung.

Am nächsten Tag entschloss sich Paul, eines Tages der beste und schlaueste Anwalt von Boston zu werden und seine Väter stolz zu machen.

 

Kapitel 1
Paul

»Du siehst gut aus.«

»Wie oft hast du das jetzt schon zu ihm gesagt, Finn? Hör lieber damit auf, sonst fängt er an zu hyperventilieren und fällt tot um, ehe er das Ja-Wort keuchen und Derrick sein Vermögen überschreiben kann.«

»Joe!«

Seine Brüder und Schwäger brüllten vor Lachen, während Paul mit dem Hintern am ehemaligen Schreibtisch von Cole in dessen altem Kinderzimmer lehnte, das sie für Coles Hochzeit zum Umkleidezimmer und Warteraum umfunktioniert hatten, und sich der Hoffnung hingab, möglichst unsichtbar zu sein. Was bisher ganz gut klappte, denn er wurde in Ruhe gelassen, seit er heute früh aus seinem Zimmer getreten war, und wenn es nach ihm ging, durfte das ruhig für den Rest des Tages, gern auch für das gesamte Wochenende, so bleiben.

»Meine Güte, du führst dich auf, als würdest du gleich zum Schafott schreiten. Dabei ist es bloß deine Hochzeit.«

»Bloß? Bloß? Was heißt hier bloß? Ich heirate heute, weil du ein hinterhältiger Verräter bist, Finn Endercott, und als wäre das nicht schon schlimm genug, heirate ich Derrick in einem Haus, das mal meinen Vätern gehört hat und jetzt aussieht wie die Werbung für einen demnächst erscheinenden Horrorfilm. Wer hatte eigentlich die Idee, die Halloweendekoration gleich als Hochzeitsdekoration beizubehalten? Was im Übrigen auch für unsere Hochzeitstorte gilt.« Cole sah entrüstet zu Kade, der für die dreistöckige Torte der beiden verantwortlich war und jetzt gönnerhaft grinste. »Totenschädel? Ernsthaft?«

»Wäre dir die regenbogenfarbene mit pinkem Überzug, wie Grandpa sie wollte, um dich zu ärgern, etwa lieber gewesen?«, konterte sein Bruder ungerührt und wieder lachten alle – außer Paul –, während Cole erbost nach Luft schnappte.

»Außerdem ist der Totenschädel immer noch besser als die Spinnen auf den Häppchen«, warf ihr Bruder Marc trocken ein und prustete los, als Blake und Dare Cole daraufhin festhalten mussten, um zu verhindern, dass der sich auf Marc stürzte.

»Wenn du an Halloween heiratest, darfst du dich wirklich nicht über die Dekoration zu beschweren. Sei lieber froh, dass dein Kerl sich durchgesetzt hat, als es um die Frage nach einer kostümierten Hochzeit ging, sonst würdest du heute zwischen Skeletten und Geistern heiraten«, warf Leon amüsiert ein und runzelte im nächsten Augenblick die Stirn, als sich ihre Blicke durch den Raum hinweg trafen, weil Paul dem Geplänkel zwar zuhörte, aber mit den Gedanken meilenweit weg war, seit er vor vier Tagen zufällig seinen Mann – nun ja, zumindest hatte Paul bisher gedacht, dass dieser ehemalige US-Marine das mal werden könnte – beim Rumknutschen mit einem anderen Kerl überrascht hatte, der sich dann auch noch als sein eigener Boss herausgestellt hatte.

Als war es nicht schon grausam genug, auf diese Weise zu erfahren, dass Deacon offenbar mehrere Eisen gleichzeitig im Feuer hatte, musste es ausgerechnet sein Boss sein? Der immer so bieder wirkende Jameson von Brahms, dem seine Anzüge ganz ausgezeichnet standen, knutschte mit dem Kerl herum, in den Paul verliebt war. Tja, und um der Wahrheit die Ehre zu geben, galt das gleiche auch für seinen Boss, was diese ganze Situation leider nur noch verworrener machte und aus ihm am Ende wohl den gehörnten Deppen.

Paul fühlte sich doppelt betrogen, wozu er im Grunde nicht mal das Recht hatte, denn Deacon und er hatten von Anfang an keine Exklusivität vereinbart. Eine Entscheidung, der er sofort zugestimmt hatte, weil er schon ewig heimlich in Jameson von Brahms verliebt war. Paul hatte seit Wochen überlegt, wie das funktionieren könnte, ohne einen der beiden Männer aufgeben zu müssen, doch anstatt eine Lösung zu finden, hatte er beide verloren. Zumindest fühlte es sich für ihn seit Tagen so an, und wäre heute nicht Coles Hochzeit, hätte er sich für den Rest des Wochenendes in seinem Zimmer verkrochen und still vor sich hin gelitten, damit er am Montagmorgen sein bestes Pokerface aufsetzen und weitermachen konnte, denn er betreute derzeit sieben Fälle gleichzeitig und durfte sich weder Liebeskummer noch einen Fehler leisten.

Ist alles okay?, fragte Leon lautlos und Paul nickte, bevor er wegschaute, weil er keine Lust auf neugierige Fragen hatte, die kommen würden, sobald der Rest seiner Familie begriff, wie es um seine aktuelle Laune bestellt war.

»Halloween ist erst übermorgen«, knurrte Cole und zog an seiner Krawatte, bis Dare die Augen verdrehte und ihm auf die Finger schlug. »Aua!«

»Hör auf damit. Derrick fällt in Ohnmacht, wenn wir nicht dafür sorgen, dass du vor dem Altar gleich perfekt aussiehst, von Grandpa gar nicht zu reden, der ...«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn. »Seid ihr soweit?«, rief ein hörbar amüsierter Corey draußen, der für den Zeitplan zuständig war, und als Dare »Komm rein.« sagte, steckte Finns Verlobter den Kopf ins Zimmer, um zu grinsen, als sein Blick auf Cole fiel, der jetzt vornübergebeugt auf der Bettkante saß. »Dreht er durch?«

Dare nickte feixend. »Seit etwa zehn Minuten. Sag unseren Vätern, sie können mit Derrick schon mal vorgehen. Wir tragen ihn gleich runter.«

Paul musste unwillkürlich grinsen, denn das hätte er gerne gesehen, wie Dare versuchte, Cole die Treppe runterzutragen, und zwar ohne blaue Flecken oder gebrochene Knochen, denn Cole würde sich das nie und nimmer gefallen lassen. Am Ende fand dann wahrscheinlich ein Boxkampf auf der Treppe statt, über den weder ihre Väter noch Adrian sonderlich begeistert wären, von Derrick gar nicht zu reden.

Leon zwinkerte ihm lächelnd zu und dann brach die ganze Bande auch schon auf, um den ältesten Endercott-Sohn endlich zu verheiraten, oder, um es in den Worten ihres Großvaters zu sagen, den lahmsten seiner Burschen in den sicheren Hafen der Ehe einlaufen zu lassen. Paul lachte in sich hinein, während er sich an Adrians Worte dazu erinnerte.

»Dass ich das noch erleben darf. Herrgott, Bursche, wenn du Finn nicht hättest, hätten Derrick und du euren Walzer am Ende auf meinem Grab tanzen müssen.«

Und es war nicht der einzige freche Spruch gewesen, der in den letzten paar Wochen von Adrian gekommen war, während die Hochzeit und Halloween immer näherrückten, und sie alle in die Vorbereitungen involviert gewesen waren, weil Cole und Derrick eine Traumhochzeit verdienten, so wie sie ihre Brüder bereits gehabt hatten. Maximilians Worte und denen hatte von seinen Brüdern natürlich niemand widersprochen.

Es wäre so schön gewesen, für seine eigene Hochzeit eines Tages auch seine Familie als Helfershelfer zu engagieren, doch die war ja nun leider in weite Ferne gerückt.

Mit einem Seufzen zog Paul ein letztes Mal seine Krawatte gerade, ehe er den Jungs in den Garten folgte. Es brachte nichts mehr, sich über Deacon zu ärgern, der Zug war sprichwörtlich abgefahren. Außerdem würde er garantiert nicht die Hochzeit seines ältesten Bruders mit seiner schlechten Laune verderben. Das hatten weder Cole noch Derrick verdient.

Nein, heute würde er feiern, so gut es ihm möglich war.

Später würde er sich betrinken, um zu vergessen.

Nun ja, zumindest in Gedanken, denn seine Väter und vor allem Adrian würden ihn ohne zu zögern übers Knie legen, wenn sie ihn mit einer Flasche Alkohol erwischten.

Morgen würde er sich dann eine Million Tränen und einen gedanklichen Katzenjammer gönnen, sich dabei die Bettdecke über den Kopf ziehen und später den Kühlschrank plündern, so wie er es als Teenager oft getan hatte.

Und am Montag würde das Leben weitergehen.

So wie es das immer tat.

***

Es wurde eine wunderschöne Trauung.

Derrick und Cole sprachen selbstgeschriebene Gelübde aus, ihre Jungs brachten ihnen hinterher die Ringe und wann hatte man schon mal die Gelegenheit, ein großes Stück Totenschädel in Tortenform zu essen.

Paul schaffte es, ein paar Stunden nicht an die zwei Männer zu denken, die er jetzt nie mehr haben würde, während er mit einem süßen Mädchen auf dem Arm – er hatte keine Ahnung, ob Dare ihm Tabea oder Teresa in die Hand gedrückt hatte, als er grinsend auf dem Weg zum Buffet gewesen war – durch den Garten seiner Väter spazierte. Fast ein Jahr waren die Zwillinge jetzt alt und beide erzählen beinahe ununterbrochen, obwohl Paul kaum ein Wort verstand. Aber das war auch nicht nötig, denn die kleine Dame zeigte ihm immer sehr eindringlich, wo sie hinwollte, und natürlich war er ein guter Onkel und brachte sie zu all den Büschen und Bäumen, die selbst im hintersten Teil des Gartens halloweentechnisch geschmückt waren, und er lachte mit ihr, als der Bewegungsmelder ansprang und das am Baum hängende Skelett mit Hut anfing zu kichern.

Aber als der Tag in einen schönen Abend überging und es dunkel war, gelang es selbst der leuchtenden Dekoration nicht mehr, seine Gedanken von Jameson und Deacon fernzuhalten und Paul nutzte die erste Gelegenheit, als er kein Kind im Arm hatte und auch niemand auf ihn achtete, sich wieder tiefer in den Garten zurückzuziehen. Seine Väter hatten am hinteren Ende erst vor Kurzem einen neuen Baum gepflanzt, nachdem sie seinen Vorgänger hatten fällen lassen müssen, und vor dem Kirschbaum standen jetzt eine Bank, ein kleiner Tisch und zwei Stühle. Auf dem Tisch stand ein ausgehöhlter Kürbis, in dem ein Teelicht flackerte, und gleich daneben lag eines von Lillys Kuscheltieren – ein alter, schon ziemlich zerfledderter Bär, den Dare ihr an ihrem ersten Weihnachtsfest als Familie geschenkt hatte und den sie seither überall mit hinnahm.

Er setzte sich auf die Bank, lehnte sich zurück und seufzte in die Stille hinein, die hier hinten herrschte. Sein Blick lag auf dem Bär und er schürzte die Lippen, weil der Gedanke, dass er das vielleicht auch hätte haben können, wehtat. Mehr als er je erwartet hatte. Natürlich war es ein Wunschtraum, der sich nie erfüllt hätte. In zwei Männer verliebt zu sein, war ja schon fast ein Ding der Unmöglichkeit. Mit eben diesen beiden Männern dann Kinder zu haben – ach, was soll´s?

Das würde niemals passieren.

Und er würde mit Sicherheit nicht der naive Lückenbüßer sein, wenn Deacon in naher Zukunft – oder wann auch immer – wieder Lust auf einen anderen Kerl hatte.

Jetzt stellte sich für Paul nur noch die Frage, ob er Jameson von Brahms warnen sollte, bevor es seinem Boss genauso ging wie ihm und er Deacon mit dem nächsten Typen beim Küssen erwischte. Hatte er das Recht, etwas zu sagen? Oder war es das Beste, wenn er sich nicht einmischte, sondern einfach Deacons Nummer in seinem Telefon blockierte und ihm vorher deutlich zu verstehen gab, dass er keinen Bock darauf hatte, sich von einem Betrüger verarschen zu lassen? Sein Problem dabei war nur, dass er weiterhin für Jameson arbeitete und wenn das mal nicht irgendwann nach hinten losging.

Er könnte kündigen und sich eine andere Kanzlei suchen. Allerdings würde das umgehend für neugierige Fragen seitens seiner Väter sorgen, sobald sie davon erfuhren, und er wollte weder Maximilian noch Elias diese total vertrackte Geschichte erzählen müssen.

Jemand setzte sich auf einmal neben ihn und Paul schreckte zusammen, weil er gar nicht bemerkt hatte, dass er nicht länger allein war. Er grinste schief, als sein Blick auf seine Großmutter fiel, die in ihrem orangefarbenen Kleid mit weißer Jacke richtig schick aussah. Gut, das taten sie heute alle, aber irgendwie war Emma Endercott für ihn schon immer der Inbegriff von Würde und Eleganz, und gerade in schönen Kleidern kam das für Paul erst so richtig zum Ausdruck.

»Erzähl es mir«

Oh je. Paul seufzte. »Ist es so offensichtlich?«

Emma nickte. »Ja, und sie lassen dich nur in Ruhe, weil ich ihnen mit Schimpf und Schande gedroht habe. Wir feiern heute eine Hochzeit und alle sind glücklich. Außer dir.« Eine warme Hand legte sich auf seine und umschloss seine Finger. »Hat es mit diesem Mann zu tun, von dem du mir erzählt hast?«

Seine Großmutter war die einzige, der er schon von Deacon erzählt hatte, nachdem sie ihm vor einer Weile auf den Kopf zu gesagt hatte, dass er verliebt wäre. Wie sie solche Dinge immer bemerkte, war ihm ein Rätsel, aber im Endeffekt war das auch egal, denn sie würde es für sich behalten, solange er das wollte, und jetzt gab es ohnehin keinen Grund mehr, den anderen von Deacon zu erzählen. Geschweige denn von Jameson, wobei er sich nicht sicher war, ob seine Väter und natürlich Adrian diese Schwärmerei nicht längst durchschaut hatten. Wundern würde es ihn jedenfalls nicht.

»Ja«, antwortete er schließlich leise und drehte seine Hand, um Emmas Finger mit seinen eigenen zu umschließen. »Er hat einen anderen Mann geküsst.«

»So ein Mistkerl. Du solltest ihn mit dem Spaten erschlagen und unter meinen Rosen vergraben.«

Paul lachte leise, doch seine Belustigung verging ihm sofort wieder, als er an Jameson dachte. Von dem zweiten Mann in seinem Herzen hatte er seiner Großmutter bisher nicht erzählt, aber vielleicht hatten seine Väter das übernommen. Oder eben sein Großvater. Tja, es wurde Zeit, genau das herauszufinden, entschied er und suchte den Blick seiner Großmutter.

»Er hat Jameson geküsst.«

Es dauerte nur einen Moment, dann weiteten sich Emmas Augen begreifend. »Weiß dein Boss Bescheid?« Paul schüttelte den Kopf. »Wissen beide, dass du sie gesehen hat?« Wieder ein Kopfschütteln und jetzt war es seine Großmutter, die seufzte. »Das ist eine sehr vertrackte Lage, Paul. Du bist in deinen Boss verliebt, praktisch, seit du dort arbeitest, und jetzt hast du dich in einen anderen Mann verliebt, der wiederum Jameson küsst.« Auf seinen verdutzten Blick hin lachte Emma leise. »Jeder weiß von Jameson, Paul, das sollte dir eigentlich klar sein, immerhin lebst du schon etwas länger in unserer Familie.« Sie zwinkerte ihm zu, wurde aber schnell wieder ernst. »Niemand weiß von dem anderen Mann. Jedenfalls habe ich es niemandem erzählt, nicht mal deinem Großvater. Und nein, ich finde es überhaupt nicht gut, dass dieser andere Mann ...«

»Deacon«, unterbrach Paul sie, denn wenn er hier schon die Karten auf den Tisch legte, dann konnte er es genauso gut auch richtig machte. »Sein Name ist Deacon Gregory.«

Seine Großmutter sah ihn einen Augenblick verblüfft an, im nächsten lächelte sie und boxte ihm gegen den Oberarm. Sein empörtes »Aua.« ignorierte sie. »Du solltest sie beide dafür zur Rede stellen.«

»Was? Wieso?«

Emma verdrehte leise glucksend die Augen. »Weil du seit sehr vielen Jahren ein erwachsener Mann bist und wenn du die Männer, die du liebst, dabei ertappst, wie sie sich küssen, hast du ja wohl einer Erklärung verdient, oder nicht? Und wenn dir Deacon keine geben kann, hast du außerdem jedes Recht, ihm dafür die Nase zu brechen.«

»Grandma!«

Seine Großmutter prustete los.

***

Eine Stunde später war Paul allerdings jede Belustigung für den Rest der Nacht vergangen.

Das hatte er nun davon, dass er sich aus der Küche für die Nacht noch etwas zu trinken hatte holen wollen, statt einfach das Wasser aus der Leitung im Badezimmer zu nehmen. Wäre er ins Bad gegangen, würde er jetzt nicht im Flur an der Wand stehen und lauschen, wie in ihrer Küche seine älteren Brüder Cole, Dare und Finn darüber diskutierten, ob sie ihn auf seinen Freund ansprechen sollten beziehungsweise eher darauf, dass er erstens wohl auf Ältere stand und zweitens scheinbar gleich mit zwei Kerlen auf einmal ins Bett ging.

Dass Paul letzteres bislang weder mit seinem Boss noch mit Deacon getan hatte – geschenkt. Er war nicht so schnell wie ein Teil seiner Brüder, was Sex anging. Nicht, dass er keinen hatte, aber als Halbkubaner im Anzug und noch dazu mit seinem Job war es nicht gerade leicht, willige Männer für Sex zu finden. Noch komplizierter wurde es, wenn man den Sex sehr gern mit Gefühlen verband und keine Lust hatte, sich ständig mit One-Night-Stands oder kurzweiligen Affären zu begnügen.

»Sprechen wir ihn jetzt darauf an oder nicht?«, fragte Dare auf einmal und bekam nur Schweigen zur Antwort. »Jetzt seht mich nicht an, als hätte ich vorgeschlagen, Grandpa davon zu erzählen. Ich bin doch nicht verrückt. Wenn er in zwei Männer verliebt ist, ist er eben in zwei Männer verliebt, na und?«

»Du weißt, dass Grandpa das dezent anders sehen wird«, warf Finn ein und das war ein Einwand, den Paul ebenfalls im Auge behalten musste, denn sein Bruder hatte das Ganze dank seiner extravaganten, erotischen Interessen schließlich erst vor ein paar Monaten am eigenen Leib erlebt. Mittlerweile war sein Großvater, wohl auch dank ihrer Väter, lockerer geworden und hatte akzeptiert, dass Finn in der Hinsicht etwas anders tickte, aber das bedeutete noch lange nicht, dass er nichts dazu sagen würde, dass Paul in zwei Männer gleichzeitig verliebt war. Die er jetzt ohnehin in den Wind schießen konnte.

»Mag sein, aber das geht ihn im Endeffekt nichts an. Wenn Paul glücklich ist, hat er das zu akzeptieren, und mal ehrlich, hast du vergessen, wie Leon diesen Deacon beschrieben hat?« Cole lachte leise. »Hätte ich nicht Derrick, würde ich ...«

Paul war so schnell in der Küche, dass seine Brüder wie ein Mann zusammenzuckten und ihn erschreckt ansahen. »Wag es ja nicht. Du hast vor Derrick die Typen gewechselt, wie andere Leute ihre Hemden, aber von Deacon lässt du genauso deine gierigen Finger wie von Jameson, ist das klar?«

Cole blinzelte überrascht. »Äh, dir ist bewusst, dass ich erst vor ein paar Stunden geheiratet habe?«

Oh. Ähm, ja. Das hatte er gerade irgendwie vergessen. Paul ärgerte sich über sich selbst und weil er gleichzeitig bockig und sauer war, verschränkte er die Arme vor der Brust und presste nur ein überhebliches »Und?« hervor, was Cole gegenüber sehr unfair war, aber das ging ihm erst auf, als sein Bruder ihn böse ansah und die Hände zu Fäusten ballte. Trotzdem brachte er es nicht über sich, seinen Trotzkopf zurückzuschrauben und sich zu entschuldigen.

»Keine Schlägerei mit dem Bräutigam«, murmelte Finn und stellte sich vor Cole, womit er ihren Blickkontakt unterbrach. »Vor allem nicht, weil der Garten immer noch voller Leute ist, von denen jederzeit einer in die Küche kommen und uns hier erwischen kann.« Finns Blick wurde tadelnd. »Paul, wir haben absolut keine Ahnung, welche Laus dir schon vor Tagen über die Leber gelaufen ist, weil du nicht darüber reden willst, aber normalerweise kannst du einen Scherz als solchen erkennen. Du weißt genau, dass Cole weder Derrick betrügen noch sich an deine Freunde heranmachen würde.«

»Ex-Freunde«, platzte aus Paul heraus, dann machte er auf dem Fuße kehrt, nur um in Blake und Corey zu laufen, die auf dem Weg zu ihnen waren und unverkennbar einiges mitgehört hatten, ihren mitfühlenden Blicken nach zu urteilen, die Pauls Laune noch weiter in den Keller trieb. »Vergesst es. Was habe ich auch erwartet? Außerdem erwischt man ja schließlich nicht jeden Tag seinen tollen Boss und seinen eigenen Freund beim Rumknutschen vor einem Italiener.« Paul winkte ruppig ab, als Blake etwas sagen wollte. »Lasst es. Ich gehe ins Bett.« Ihm fiel Cole wieder ein und Paul seufzte beschämt, bevor er zu seinem Bruder zurückschaute. »Es tut mir leid.«

Cole nickte. »Mir auch. Wegen Deacon und Jameson.«

Paul zuckte die Schultern, weil er nicht wusste, was er dazu noch hätte sagen sollen oder können. Es gab nichts mehr zu sagen. Und es würde auch nichts bringen, die beiden zur Rede zu stellen. Das machte es nicht besser und half ihm am Ende auch nicht über seinen Liebeskummer hinweg. Er hatte Deacon und Jameson aneinander verloren und das Beste, was Paul jetzt tun konnte, war, darüber wegzukommen und ihnen alles Gute zu wünschen.

Allerdings würde er sich ernst gemeinte Glückwünsche für die nächste Zeit doch besser sparen, denn noch war die Gefahr zu groß, dass er ausholte und sowohl Deacon als auch Jameson die Faust mitten ins Gesicht schlug.

Paul stöhnte resigniert, als er kurz darauf mit einem Glas Wasser – weil er in der Küche nicht mehr daran gedacht hatte – aus dem Badezimmer in sein Zimmer trat und Leon auf seinem Bett liegend entdeckte. »Wer hat dich hergeschickt?«

»Cole.«

Na klar, der Älteste hielt sie zusammen – zumindest immer dann, wenn es um Sachen ging, die ihre Väter möglichst nicht oder zumindest noch nicht erfahren sollten. Paul verdrehte die Augen, stellte das Glas auf den Nachttisch und ließ sich so wie er war, samt Anzug und Schuhen, auf seine Tagesdecke fallen, und zwar bäuchlings, was Leon lachen ließ.

»Sie wissen Bescheid, oder?«, nuschelte er in die Decke und hörte seinen Bruder erneut lachen. »Ich schätze, ich will es gar nicht wissen.«

Leon stupste ihm neckend gegen den Oberarm. »Sofern du damit auf die Tatsache anspielst, dass du dir im Moment wohl zwei Männer gleichzeitig warm hältst, dann ja, das weiß jeder unserer Brüder. Aber ich habe keinen Aushang am schwarzen Brett gemacht, bevor ich herkam, also gilt das nicht für jeden in unserer riesigen Familie.«

Paul drehte sich auf die Seite. »Hat Cole dir erzählt, was in der Küche vorgefallen ist?«

Leon drehte sich ihm zugewandt ebenfalls auf die Seite und sah ihn an. »Ja. Jeder weiß längst von Jameson, auch Grandpa. Was bislang keiner wusste, war, dass es Deacon gibt. Ich habe euch vor ein paar Monaten zufällig in der Stadt gesehen, als ich einkaufen war, und meine Schlüsse gezogen.«

Boston war offensichtlich ein Dorf – zumindest wenn es um Geheimnisse ging, von denen Mann, also in dem Fall er selbst, nicht wollte, dass sie demnächst ans Licht kamen. Tja, da sich das nun erledigt hatte, konnte er auch offen mit Leon reden. Es wäre schließlich nicht das erste Mal. Leon und er teilten einige Geheimnisse, gerade aus ihren jüngeren Jahren, von denen ihre Familie nicht das Geringste wusste.

»Warum hast du nichts gesagt?«, fragte er.

Sein Bruder zuckte die Schultern. »Warum hätte ich das tun sollen? Wenn du dazu bereit gewesen wärst, hättest du ihn uns schon vorgestellt. Ich war anfangs ein bisschen verwundert, da schließlich Jameson von Brahms der Favorit unserer Väter und auch von Grandpa ist«, Paul stöhnte erneut und Leon gluckste, »und ich wette Stein und Bein, dass er gerade dabei ist, einen Plan zu schmieden, um euch zu verkuppeln.«

Paul gestand sich ein, dass er, auch wenn er immer wieder und überall das Gegenteil behauptete, insgeheim nicht einmal etwas dagegen gehabt hätte, schließlich hatte ihr Großvater in den letzten dreieinhalb Jahren bereits fünfmal eine verdammt gute Nase dafür bewiesen, welche Art von Männern zu seinen Brüdern passten. Und Jameson hätte mit Sicherheit gut zu ihm gepasst, allein schon da sie dasselbe Faible für teure Kleidung und gut sitzende Anzüge teilten. Ja, okay, das war kein echter Grund, vor allem da Deacon keinen Anzug zu besitzen schien und die meiste Zeit in seiner Ausbilderkluft herumlief, aber es war dieser krasse Gegensatz, der Paul so heftig zu diesen zwei Männern hingezogen hatte – und beide zueinander.

»Tja, der Zug ist nun sprichwörtlich abgefahren«, murmelte er und drehte sich enttäuscht seufzend auf den Rücken, wobei er dennoch weiter zu Leon sah, der jetzt nickte.

»Ich weiß. Cole ist stinksauer deswegen und überlegt, dem Kerl eine reinzuhauen.«

Paul schmunzelte. »Das mache ich lieber selbst, danke. Dad fände es bestimmt nicht lustig, seinen frisch verheirateten Sohn aus dem Knast holen zu müssen. Und ich möchte lieber nicht wissen, was Derrick mit Cole anstellt, wenn er davon erfährst. Du weißt, unser Schwager ist bei Gewalt etwas eigen und sieht sich gerne als Pazifist.«

»Ich richte Cole deine Bedenken natürlich sehr gerne aus«, erklärte Leon hoheitsvoll und Paul schnaubte. »Was? Glaubst du mir etwa nicht?«

»Leon!«

Sein Bruder kicherte und zwinkerte ihm zu. »Keine Sorge, Derrick wird ihn davon abhalten, weil er der Meinung ist, dass Cole den Jungs ein gutes Vorbild sein muss. Auch wenn sie am Ende trotzdem nackt auf seinen Tischen tanzen werden.«

Oh Gott, nicht das Endlosthema wieder. Paul winkte hastig ab, sein Bruder fing an zu grinsen und im nächsten Moment lagen sie beide lachend auf dem Bett, weil es einfach zu lustig war, zu beobachten, wie Cole sich sträubte und sträubte, dabei hatten Logan und Matt ihn längst in der Hand. Die zwei waren tolle Jungs und sie wollten schon so lange in Coles Bars tanzen, dass Paul sicher war, sie eines Tages auf der Bühne zu sehen. In seinen Augen war das nur noch eine Frage der Zeit.

Leon setzte sich neben ihm auf und in einen Schneidersitz. »Also? Was wirst du unternehmen? Kämpfst du um Jameson und schießt diesen Deacon in den Wind? Oder kämpfst du um beide Männer? Denn scheinbar magst du ja beide.«

Und dazu würde er hier und jetzt garantiert nicht äußern. Nicht einmal vor seinem Bruder. Stattdessen schürzte Paul die Lippen. »Wer sagt denn, dass ich kämpfen werde?«

Jetzt war es an Leon aufzustöhnen. »Warum wusste ich nur, dass du das sagen würdest?«

»Weil wir zwei uns in der Hinsicht recht ähnlich sind.« Paul rieb sich die müden Augen. »Ich bin ein Mischling, den keiner will, und du ein Schokoladenkeks, mit demselben Schicksal.«

Leon zog eine Grimasse. »Lass das ja nie Maximilian oder Elias hören. Ich frage mich immer noch, ob wir ihnen damals nicht davon hätten erzählen sollen. Maximilian hätte ihn ohne zu zögern rausgeworfen, bevor er … Du weißt schon.«

Ja, das wusste Paul nur zu gut, aber sie hatten beide nichts gesagt. Bis heute nicht. Niemand wusste, dass der ehemalige Bibliothekar des Zentrums sie einmal hinter den Bücherregalen mit billigem Fusel und Joints erwischt hatte, doch anstatt sie zu verraten, hatte er ihnen beides abgenommen, sie wegen ihrer Hautfarben beleidigt und war einige Monate später von ihrem Vater Maximilian mit den Fäusten und einer riesigen Menge Wut im Bauch aus dem »Boston Hearts« getrieben worden, als sich herausstellte, dass der Mistkerl den verletzlichen Kids im Zentrum nachstellte.

Paul erinnerte sich noch sehr gut daran, dass anschließend die Sicherheitsvorkehrungen im Zentrum für lange Zeit massiv verstärkt worden waren, vor allem wenn es um Einstellungen für Lehrer und überhaupt für Mitarbeiter ging, und er wusste, dass seine Väter sich in den folgenden Wochen um das Opfer gekümmert hatten, der heute irgendwo unter anderem Namen ein glückliches Leben führte.

Etwas, das er sich für selbst, aber vor allem auch für Leon und ihr Küken Luca wünschte, der so sehr in seiner Musik und dem Traum aufging, erfolgreicher Musiker zu werden, dass er manchmal Angst davon hatte, dass Luca darüber irgendwann den Blick für die alltägliche Realität verlor.

Aber selbst wenn das tatsächlich geschah, würde Luca sich nie mit Leons oder seinen Problemen herumschlagen müssen, denn ihr jüngster Bruder war ein schlanker, blonder Sunnyboy mit tiefblauen Augen, den er in Gedanken schon öfter mit dem jungen Jared Leto verglichen hatte, und das nicht nur weil Leto ebenfalls ein Musiker war. Luca hatte eine tolle Stimme und er würde irgendwann groß rauskommen, daran glaubte Paul fest. Wenn er doch nur in sich selbst denselben unerschütterlichen Glauben gehabt hätte.

Doch Leon als schwarzer Mensch aus Nigeria und er selbst als Halbkubaner – sie würden immer mit Vorurteilen kämpfen müssen, ganz gleich, wer ihre Väter waren. Dieses Land hatte sich durch ihren letzten Präsidenten wieder einen gewaltigen Schritt zurückentwickelt, was Rassismus und Homophobie in all seinen Formen anging, und es war mehr als fraglich, ob ihr derzeitiger Präsident es schaffen konnte, die vielen, tiefen Risse zu kitten, die diese orangefarbene Bowlingkugel in vier Jahren auf so unfassbare Weise vergrößert hatte.

Pauls Hoffnung war jetzt, dass man es irgendwie schaffte, zu verhindern, dass dieser Verrückte ein zweites Mal zur Wahl antrat, denn sonst sah er schwarz für die USA und außerdem für seine Karrierepläne. Ein kubanischer Oberstaatsanwalt war im Augenblick genauso unwahrscheinlich wie eine weibliche und zudem dunkelhäutige Präsidentin, die es bereits zur Vize gebracht hatte, obwohl Paul ihr den Job durchaus zutraute.

»Wir könnten es ihnen jetzt sagen«, schlug Leon leise vor, was Paul nicht mal mehr ein müdes Kopfschütteln entlockte, da sie darüber nicht zum ersten und wahrscheinlich auch nicht zum letzten Mal diskutierten.

»Und was würde es ändern? Das Ganze ist viele Jahre her. Sie wären im Höchstfall enttäuscht, dass wir nicht gleich etwas gesagt haben.« Paul kam ein Gedanke und er warf Leon einen warnenden Blick zu. »Mach das ja nicht. Wir sind nicht schuld daran, was der Mistkerl getan hat, das weißt du. Wir wussten überhaupt nichts davon. Woher auch?«

»Wenn Maximilian ihn damals rausgeworfen hätte, weil er ein Rassist war ...«

»Hätte er woanders ein Kind missbraucht und wäre damit vielleicht sogar davongekommen«, unterbrach er Leon, weil er keine Lust hatte, schon wieder dieses Gespräch zu führen, das am Ende ohnehin zu nichts führte, da sie nicht den Mut hatten, reinen Tisch zu machen. »Im Zentrum hat man ihn wenigstens erwischt und er darf nie wieder mit Kindern arbeiten.«

»War es das wert?«, wollte Leon daraufhin wissen und Paul schnaubte.

»Fragst du mich das gerade ernsthaft? Ich bin Anwalt für Strafrecht, Leon, und unsere Väter haben dafür gesorgt, dass sein Opfer alle Hilfe bekommt, die es nötig hatte. Ihm geht es heute gut. Wenn du mich also wirklich ernsthaft fragst, ob ein einzelnes Opfer besser gewesen ist als zehn oder zwanzig oder sogar noch mehr, dann ja, war es das wert.«

»Und was ist mit den vielen Opfern, von denen wir nichts wissen?«, hielt Leon dagegen und Paul schüttelte den Kopf.

»Denk an ihren Aufruf. Sie haben öffentlich nach weiteren Opfern gesucht, es meldete sich niemand. Auch wenn das erst mal nichts heißen muss, ist es leider alles, was Dad tun konnte. Ich weiß nur eines, nämlich, dass unser Schweigen wegen dem Schnaps und den Joints weitere Opfer verhindert hat, da er im Zentrum erwischt worden ist. Das mag keine perfekte Lösung sein, aber die gibt es ohnehin nicht. Wenn ich eines als Anwalt gelernt habe, dann das.«

Daraufhin sagte Leon nichts mehr, sondern schaute sich in seinem Zimmer um, wobei es da nicht viel zu sehen gab. Paul hatte es vor ein paar Jahren das letzte Mal gestrichen und sich im Zuge dessen ein neues Bett gekauft und seinen Schreibtisch entsorgt, da er ohnehin lieber unten im Wohnzimmer arbeitete, wenn er sich Akten mit nach Hause nahm. In der freien Ecke stand heute ein Regal voller Bücher und den alten Star Wars – Figuren, die er mal gesammelt hatte. Sonst gab es nur das Bett,  Nachttische zu beiden Seiten, einen großen Einbauschrank und zwei Kommoden, in denen er jede Menge Kram aufbewahrte. Dazu kamen ein paar Grünpflanzen, die er ständig vergaß zu gießen, und Bilder an den Wänden. Paul sah sie gar nicht, weil es für ihn einfach ein Zimmer war. Es war das ganze Haus, das er als sein Zuhause ansah, und eines Tages würde er ebenfalls ein Haus besitzen.

Es musste nicht groß sein, es musste nur ausreichend Platz für einen Ehemann und zwei bis drei Kinder haben. Und einen Garten. Wo er eine Schaukel aufhängen würde, wie seine Väter es einst getan hatten. Und wo er viele Beete mit bunten Blumen und ein paar Obstbäume haben würde. Ach ja, und Haustiere. Vielleicht ein Hund oder zwei Katzen. Hasen. Oder Hühner?

Sein Bruder Finn liebte das Federvieh und gegen gekochte Eier am Frühstückstisch hatte schließlich kaum jemand etwas einzuwenden, vor allem nicht, wenn sie aus eigener Haltung kamen. Oh ja, einen Stall mit gackernden Hühnern – er würde auf jeden Fall ernsthaft darüber nachdenken, sobald es einen neuen Kandidaten gab, der als Ehemann für ihn infrage kam.

»Es bringt nichts zurückzuschauen, Leon«, murmelte Paul und gähnte. »Wir haben nichts falsches getan, im Gegenteil.«

Sein Bruder seufzte leise. »Ich weiß ja, das du grundsätzlich recht hast, aber …« Leon schwieg für einen Augenblick. »Weißt du, ich wünsche mir manchmal, ich wäre genauso pragmatisch oder wohl eher realistisch wie du. Das würde mein Leben um einiges einfacher machen.«

Er sah zu Leon auf. »Ist ja komisch, denn ich wünsche mir immer wieder, ich wäre etwas gefühlsbetonter. Das würde mir die Arbeit mit meinen oft sehr nervösen Klienten mit Sicherheit um einiges erleichtern.«


Kapitel 2
Jameson

»Wir müssen reden.«

Das war Jameson von Brahms bereits bewusst gewesen, als er Deacons Wagen nach Feierabend vor seiner Kanzlei entdeckt hatte, und als sein Mann, statt mit ihm zu fahren, ihm mit dem eigenen Wagen nach Hause gefolgt war, wusste er, dass sie ein Problem hatten. Deacon Gregory hielt nur Abstand, wenn ihm etwas die Laune verhagelt hatte oder er irgendein Problem im Kopf wälzte – heute schien es Letzteres zu sein.

Nicht, dass Jameson davon wirklich überrascht war. Seiner Meinung nach, war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sein Plan ihnen auf die Füße fallen würde, aber ihm war leider kein besserer eingefallen, um Paul Jones für sie zu gewinnen, also würde er jetzt auch für das Chaos geradestehen, das er damit auf den Weg gebracht hatte. Denn er wollte Paul noch immer und wenn ihn seine Menschenkenntnis nicht vollends im Stich gelassen hatte, wollte der ihn ebenfalls. Das Problem war nur, dass er auch Deacon wollte, also in zwei Männer gleichzeitig verliebt war, und damit nicht gut klarkam.

Nun, für Jameson war das kein Problem, immerhin war er mit Deacon schon mehr als zehn Jahre verheiratet. Leider hatte Paul von diesem klitzekleinen Detail keine Ahnung, da sie vor ein paar Monaten entschieden hatten, es ihm vorerst nicht zu erzählen, um ihn nicht zu erschrecken. Eine Dreierbeziehung war schließlich nichts Alltägliches und Deacon und er suchten schon lange nach einem dauerhaften dritten Partner. Doch sie hatten bereits so viele enttäuschende Erfahrungen durchstehen müssen, dass sie beide Angst gehabt hatten, mit Paul würde es genauso laufen.

Deswegen hatten sie, jeder für sich allein, seit dem Frühjahr um Paul geworben, und der hatte sich in letzter Zeit merklich Deacon zugewandt, war damit aber unübersehbar nicht gerade glücklich. Jameson hätte seinen besten und teuersten Anzug im Schrank darauf gewettet, dass Deacon genau aus dem Grund jetzt hinter ihm herfuhr, anstatt auf dem Beifahrersitz zu sitzen und ihn mit seinen unanständigen Händen völlig verrückt zu machen, so wie er es immer tat, sobald sie gemeinsam ein Auto benutzten.

Jameson öffnete das Tor vor seinem Grundstück mit einem Klick auf der Fernbedienung, gab danach den Sicherheitscode ein und wartete bis Deacon an ihm vorbeigefahren war, bevor er das Tor wieder schloss.

Als er Deacon die lange Zufahrt folgte und dann ihr Haus in sein Blickfeld kam, musste er unwillkürlich lächeln. Es war schon längst offiziell ihrer beider Haus – laut Deacon eine viel zu große Protzvilla – und trotzdem amüsierte er sich jedes Mal aufs Neue über die unglaubliche Dickköpfigkeit seines Mannes und ihre tagelangen Streits, nachdem er einfach die Papiere für das Haus geändert hatte, ohne Deacon das vorher zu erzählen. Oh ja, sein Ehemann hatte lästerlich geflucht, ihn sogar einen Idioten genannt, und ihn anschließend mehrere Wochen allein in dem großen Schlafzimmer mit angeschlossenem Bad und einem Balkon übernachten lassen, bis er schließlich doch noch sein Apartment gekündigt hatte und zu ihm gezogen war.

Deacon warf ihm regelmäßig vor, zu oft Nägel mit Köpfen zu machen, statt Dinge vernünftig auszudiskutieren, und dem konnte er leider nicht widersprechen, weil er es einfach nicht anders kannte. So war er groß geworden und als Anwalt mit einer eigenen Kanzlei, die auf das Strafrecht spezialisiert war, leisteten ihm sein – jedenfalls laut Deacon – nerviger Sturkopf und sein unbändiges Durchsetzungsvermögen vor Gericht und in Verhandlungen mit dem Staatsanwalt in den meisten Fällen ganz wunderbare Dienste.

Dass es im Privatleben nicht ganz so einfach war und man manchmal besser Kompromisse schloss – nun ja, das würde er gleich wieder zu hören bekommen.

»Wir müssen es ihm endlich sagen.«

Deacon lehnte mit finsterem Blick und abwehrend vor der Brust verschränkten Armen an seinem SUV, als Jameson seinen Audi A8 neben ihm parkte und ausstieg. Seine dunklen Augen blickten noch finsterer drein, als er sich davon nicht stören ließ, sondern auf Deacon zutrat und ihn ruppig am Oberteil seiner schwarzen Kampfmontur packte, um ihn zu küssen. Er musste direkt vom Trainingsgelände gekommen sein, ohne vorher zu duschen oder sich umzuziehen. Jameson wäre am liebsten hier und jetzt über ihn hergefallen, und warum tat er es eigentlich nicht? Das ganze Grundstück war mit einer Alarmanlage und Überwachungskameras gesichert, und zusätzlich durch Zäune und dichten Bewuchs vor fremden Blicken geschützt.

Außerdem gab es kein Personal mehr, das neugierig hätte zusehen können, seit Deacon ihm kurz nach ihrer Hochzeit gestanden hatte, dass er sich unwohl damit fühlte, dass fremde Menschen für sie kochten und putzten. Also hatte Jameson am nächsten Tag dafür gesorgt, dass ihre Köchin und die Putzfrau neue Jobs bekamen und den beiden zusätzlich eine anständige Abfindung bezahlt. Den einzigen Luxus, den er ihnen immer noch gönnte, war eine professionelle Reinigungsfirma, die das gesamte Haus jeden Monat vom Keller bis auf den Dachboden säuberte. Ach ja, und ein Gärtner kam auch regelmäßig vorbei, weil sein Grundstück schlichtweg zu groß war, als dass Deacon und er sich vernünftig darum hätten kümmern können.

Dass Deacon und er nicht mal ein Ei hatten kochen können, nachdem sie keine Köchin mehr hatten – nun ja, ein Jahr und mehrere Kochkurse später waren sie dazu in der Lage, für sich selbst zu sorgen und mit der Zeit hatten sogar die ständigen Verfärbungen seiner weißen Hemden durch Deacons zumeist bunte Socken nachgelassen.

Gott, er liebte sein ruhiges Leben mit diesem manchmal so bockigen Ex-Marine, der heute Polizisten in Selbstverteidigung ausbildete, während er selbst Menschen verteidigte, die wegen ihrer Herkunft und Hautfarbe für schuldig gehalten wurden, obwohl sie es in den wenigsten Fällen waren. Nicht, dass seine Klienten immer unschuldig waren, im Gegenteil. Er hatte vom Drogendealer bis hin zum Schläger alle verteidigt und er hatte genauso oft Fälle verloren wie gewonnen. Dennoch kamen sie immer wieder zu ihm, weil er sich mit seiner Kanzlei in den letzten Jahren den Ruf erarbeitet hatte, ehrlich, hart und fair zu sein, und für seine Klienten das beste rauszuholen, selbst wenn das am Ende eine Haftstrafe bedeutete.

»J., ich muss wirklich erst duschen«, murmelte Deacon und schien zu überlegen, ob er weitermachen oder lieber erst seine Debatte wegen Paul beenden wollte.

Jameson nahm ihm die Entscheidung ab. »Für mich riechst du gut genug. Zieh dich aus, Deacon. Ich werde dir zuerst den Hintern lecken und dich danach so tief in meinen Mund stoßen lassen, wie du es willst und brauchst.«

Die dunklen Augen weiteten sich begehrlich. »Hier?«

»Oh ja«, flüsterte er, legte seinen Aktenkoffer auf das Dach des SUV und stützte sich hinterher mit den Händen links und rechts von Deacon am Wagen ab. »Genau hier. Und während du nackt bist, werde ich angezogen bleiben, weil ich nämlich genau weiß, wie geil dich das macht.«

Sie waren lang genug verheiratet und liebten sich noch viel länger, als dass sie einander nicht in- und auswendig kannten. Sie würden über Paul reden, sobald dieses kleine Intermezzo beendet war, aber jetzt wollte Jameson unbedingt seinen Mann begrüßen und ihn hinterher fragen, wie sein Tag gelaufen war. Und später konnten sie zusammen kochen und und über Paul sprechen, solange Deacon das wollte.

Deacon leckte sich unwillkürlich über die Lippen. »Glaub ja nicht, dass du ins Haus kommst, ohne dass ich deinen Arsch haben durfte.«

Jameson setzte ein herausforderndes Grinsen auf. »Falls du ihn zweimal so schnell hintereinander hoch kriegst, gehört dir mein Arsch die ganze Nacht.«

***

»Was hältst du von Käsenudeln zum Abendessen?«, fragte Jameson amüsiert, während er sich zu Ende abtrocknete, weil Deacon noch damit beschäftigt war, sich das Sperma aus den Haaren zu waschen.

Manchmal sollte man seinen Mund sprichwörtlich nicht zu voll nehmen, aber diesen Gedanken behielt Jameson lieber für sich, denn noch eine Runde wie vor dem Haus hielt sein Arsch heute nicht durch. Nicht, dass er es nicht liebte, wenn Deacon den Boss raushängen ließ, aber entweder deponierten sie dafür in Zukunft eine Flasche Gleitgel in einem Blumentopf – was ihr Gärtner mit Sicherheit lustig fand – oder sie beschränkten sich abseits des Schlafzimmers in Zukunft auf harmlosen Sex, der nicht damit endete, dass er mit hastig heruntergezogener Hose bäuchlings auf der Motorhaube landete.

»Mit Ketchup?«, wollte Deacon wissen und Jameson verzog angeekelt das Gesicht.

»Das ist widerlich«, murrte er und schauderte dabei, denn Deacon liebte die eklige Matschpampe aus Spaghetti, Käse und Ketchup. Jameson selbst war mehr ein Fan von Eiernudeln und eigentlich konnten sie ruhig beides machen. Ob sie nun später zwei Pfannen oder eine abwaschen mussten, machte in seinen Augen keinen Unterschied. »Okay, du kriegst deine widerliche Pampe, ich dafür meine heiß geliebten Eiernudeln.«

»Du hattest doch gerade erst zwei Eier«, kam frech zurück und Deacon lachte, als Jameson stöhnte, bevor er das benutzte Handtuch aufhing und in saubere Kleidung schlüpfte. Deacon war manchmal ein richtiger Kindskopf, aber gerade deswegen liebte er ihn auch so sehr, denn sein Mann schaffte es wie kein zweiter, ihn immer wieder zum Lachen zu bringen. Wahlweise zum Stöhnen, wenn er schlüpfrige Kommentare oder schlechte Witze von sich gab.

»Ich setze schon mal die Nudeln auf«, sagte er und machte sich auf den Weg nach unten, wobei er kopfschüttelnd an dem Totenschädel vorbeiging, der das Treppengeländer zierte.

Halloweendekoration, die außer ihnen niemand zu Gesicht bekam, denn Kinder kamen nicht auf ihr Grundstück, um nach Süßigkeiten zu fragen. Jameson stellte und hing die Dekoration trotzdem Jahr für Jahr auf, weil Deacon sie liebte, und er hatte dank seines Ehemannes bereits vor Jahren damit angefangen, für Weihnachten Tischkränze selbst zu machen. In der Küche erwartete ihn ein grinsendes Skelett neben einem Geist, dessen Augen im Dunkeln leuchteten, und im Wohnzimmer hatte sein Mann das Bücherregal derart mit Spinnweben und künstlichen Spinnen zugehängt, dass er erst wieder an eines seiner Bücher kam, sobald der Kram für das nächste Jahr eingepackt und auf den Dachboden gebracht worden war.

»Was tue ich nicht alles für ihn?«, murmelte Jameson samt einem Grinsen, während er einen Topf mit Wasser füllte, nach den Spaghetti suchte und anschließend Eier, Ketchup und ein paar Gewürze bereitlegte. Sie waren beileibe keine Superköche, aber es reichte für die alltäglichen Mahlzeiten. Und notfalls tat es auch mal ihre Lieblingspizzeria oder der Lieferservice ihres Stammasiaten, der in Jamesons Augen die beste gebratene Ente der Stadt machte.

Er warf gerade eine Handvoll Spaghetti in den Topf voller kochendem Wasser, als Deacon zu ihm in die Küche trat, sich einen zärtlichen Kuss abholte und hinterher zum Kühlschrank ging, um für sie zwei Gläser Wasser einzufüllen.

»Oder willst du lieber ein Bier?«, fragte Deacon und schien zufrieden, als Jameson den Kopf schüttelte. Alkohol stand bei ihnen beiden nicht hoch im Kurs, obwohl sie sich durchaus ab und zu ein Bier oder ein Glas Wein gönnten. Kurz darauf stand das Glas mit Wasser in seiner Reichweite und Deacon lehnte in einer tiefsitzenden Jeans, die ihre besten Tage hinter sich hatte, gegenüber an der Kücheninsel und sah ihm beim Kochen zu.

»Ich höre dir zu«, sagte Jameson, denn er spürte, dass sein Mann langsam wieder unruhig wurde. Sie mussten unbedingt über Paul reden, bevor sie in einen gemütlichen Feierabend auf der Couch übergehen konnten.

»Ich habe deinem Vorschlag im Frühjahr zugestimmt, weißt du noch?«, fragte Deacon und Jameson nickte. »Ich habe meine Meinung geändert.«

Eine Tatsache, die ihn nicht weiter überraschte. »Du warst von Anfang an nicht begeistert davon.«

Und das war noch milde ausgedrückt. Sie hatten eine halbe Ewigkeit darüber diskutiert, wie sie es richtig angehen sollten, nachdem Jameson Pauls begehrliche Blicke in seine Richtung aufgefallen waren. Er hatte schon vor Jahren erkannt, dass Paul privat an ihm interessiert war, aber damals war der noch keine Dreißig gewesen und Deacon und er absolut nicht dazu bereit, mit jemandem in dem Alter etwas anzufangen. Doch Paul war durch seine Arbeit in der Kanzlei erwachsen geworden und er war außerdem ein richtig hübscher Kerl mit seiner sportlichen Statur, der dunkleren Haut und diesen tollen grünen Augen, in denen früher oft der Schalk gestanden hatte.

Jameson wusste, dass Paul es nicht immer leicht hatte, weil er zur Hälfte Kubaner war. Er musste härter und auch meistens länger arbeiten, als seine Kollegen, ein Umstand, der ihn schon seit einer Weile ernsthaft beunruhigte, weil er nicht wollte, das Paul eines Tages ausbrannte. Dafür war er ein zu guter Anwalt und deshalb hielt Jameson mittlerweile immer dagegen, wenn es darum ging, dass Paul die halbe Nacht in der Kanzlei hockte und an seinen derzeitigen Fällen arbeitete. Er konnte vielleicht nicht verhindern, dass Paul sich Akten mit nach Hause nahm, aber er konnte zumindest im Büro ein Auge darauf haben, dass Paul es nicht übertrieb.

»Ich weiß, aber ich wollte es wenigstens auf einen Versuch ankommen lassen. Doch in letzter Zeit hat sich irgendetwas in Paul geändert. Er überspielt es mit einem Lachen oder schiebt seine Arbeit vor, sobald ich ihn darauf anspreche ...« Deacon brach ab und schnaubte genervt. »Wobei auch das mittlerweile ein Problem ist.«

Jameson, der die Nudeln umrührte, runzelte die Stirn und sah über die Schulter. »Wie meinst du das?«

»Er ignoriert sei Tagen meine Nachrichten und jeder Anruf landet sofort auf seiner Mailbox.« Deacon zuckte die Schultern, als Jameson ihn tadelnd ansah, weil ihm das neu war. »Ja, ja, ja, sieh mich nicht so an. Ich habe nichts gesagt, weil ich erst mit ihm reden wollte. Letztes Wochenende war die Hochzeit seines Bruders, also habe ich heute wieder versucht, ihn zu erreichen. Nichts.« Deacon schürzte nachdenklich die Lippen. »Ich weiß absolut nicht, was los ist, aber bei unserem letzten Treffen war er in sich gekehrt und grüblerisch. Und meine Einladung zum Mittagessen hat er kurzerhand abgesagt. Deshalb denke ich ja auch, dass irgendetwas nicht stimmt.«

Jameson kam ein Gedanke. »Kann er uns gesehen haben?«

Deacon trank einen Schluck. »Möglich ist es. Wir gehen in der Öffentlichkeit zwar nicht mit unserer Ehe hausieren, aber ich habe dich schon mehr als einmal vor der Kanzlei oder nach dem Einkaufen auf dem Parkplatz geküsst, was dir hoffentlich nicht entfallen ist.« Deacon grinste. »Falls doch, solltest du bald zum Arzt gehen und dich auf Alzheimer untersuchen lassen, mein Schatz.«

Jameson lachte leise. »Keine Sorge, deine Küsse werden mir nie entfallen.« Dann runzelte er die Stirn, als ihm abrupt etwas einfiel, an das er nicht mehr gedacht hatte, weil er Paul heute nur zweimal, und das sprichwörtlich zwischen Tür und Angel, im Büro gesehen hatte. »Es würde allerdings sein komisches Verhalten von heute erklären. Paul war schon angespannt, als er ins Büro kam, konnte mir kaum in die Augen sehen und hat sich gegen Mittag mit Arbeit herausgeredet, als ich ihn gefragt habe, ob er Lust hat, mit den anderen und mir Kuchen zu essen und einen Kaffee zu trinken, beziehungsweise Tee.« Er lächelte kurz, denn er hatte noch eine Packung Sweet Kiss im Auto, die er neulich beim Einkaufen gesehen und für Paul gekauft hatte. »Eine meiner Anwältinnen hat Geburtstag und dafür Kuchen mitgebracht. Normalerweise ist er bei solchen Anlässen immer einer der erster.«

Deacon gluckste. »Ich weiß. Er liebt Kuchen. Besonders den von seinem Vater Elias.«

»Wie hat er auf deine Essenseinladung reagiert?« Jameson wandte sich wieder den Spaghetti zu. Noch ein paar Minuten, dann waren sie fertig.

»Er hat mich mit einer WhatsApp abgebügelt«, antwortete Deacon. »Das war letzten Mittwoch. Seither ignoriert er mich.«

»Mittwoch?« Jameson merkte auf. »Was hat er geschrieben? Ich meine, hat er dir einen Grund genannt?«

»Eine Verhandlung wäre verschoben worden und er müsse sich die Akte zu dem Fall noch mal vornehmen.«

Verdammt. Jameson schaltete den Herd aus, damit ihm die Nudeln nicht überkochten, und drehte sich zu Deacon herum. »Dann hat er uns definitiv gesehen. Wahrscheinlich als du mir vor dem Italiener auf einmal das Gehirn zu Brei geküsst hast, während wir vor der Tür auf unsere Pizza gewartet haben. Das war am Dienstag, schon vergessen?«

»Was?«, fragte Deacon verdattert und Jameson seufzte.

»Diese Verhandlung wurde nicht nur verschoben, sondern erst mal abgesagt, bis sie einem neuen Richter zugeteilt werden kann. Der verhandelnde Richter hatte einen Herzinfarkt. Paul kennt die Akte in- und auswendig, denn er hat sich bereits seit Monaten akribisch auf diesen Fall vorbereitet. Es ist seine erste Mordanklage. Er hat dich angelogen, Deacon.«

»Scheiße«, murrte sein Mann und rieb sich aufstöhnend die Augen. »Was machen wir jetzt?«

Jameson zögerte nicht. »Lass mich die Woche erst allein mit ihm reden. Im Büro. Neutraler Boden sozusagen. Mal schauen, wie er auf mich reagiert. Wenn er mich genauso abbügelt wie dich, setzen wir uns zusammen und überlegen, wie wir ihn zu einladen und ihm die Wahrheit sagen und uns entschuldigen können. Ich werde das garantiert nicht in der Kanzlei machen, wo uns jeder zuhören kann.«

Deacon nickte. »Einverstanden.« Dann trat er zu ihm, warf einen Blick in den Topf und fing an zu grinsen. »Tja, das wären dann wohl perfekte Matschnudeln für mich. Danke sehr. Und was wolltest du heute noch mal essen?«

Jameson fluchte und Deacon begann zu lachen.

***

Als sie am nächsten Morgen bei Kaffee für Deacon und Tee für ihn in der Küche saßen, hätte er Deacon am liebsten seinen Tee ins Gesicht geschüttet.

Sein Ehemann wirkte schon seit dem Aufstehen dermaßen selbstzufrieden, dass er dringend auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden sollte. Wenn das Ganze doch nur nicht so lustig gewesen wäre. Außerdem war er selbst schuld, also war eine Beschwerde über seinen wunden Arsch kaum angebracht, fand Jameson und warf Deacon trotzdem einen bösen Blick zu, als der leise lachte und ihm frech die Zunge herausstreckte. Ja, ja, ja, er hatte es herausgefordert, schon klar. Gott sei Dank war bei keinem seiner Fälle für heute eine Verhandlung angesetzt, wo er auf einem harten Stuhl hätte sitzen müssen.

»Was? Hast du wirklich gedacht, ich lasse mir so eine tolle Herausforderung entgehen?«

»Mistkerl«, grollte er und grinste unwillkürlich, als Deacon heiter lachte, während Jameson sich an die vergangene Nacht erinnerte, die verdammt kurz gewesen war.

***

»Was wird das?«, fragte er und runzelte die Stirn, als Deacons schwielige Hand auf seiner nackten Kehrseite landete, kaum dass sie ins Bett gegangen waren.

»Was hast du vorhin gesagt? … Wenn du ihn zweimal so schnell hintereinander hoch kriegst, gehört dir mein Arsch die ganze Nacht.« Deacon rückte an ihn heran und Jameson biss sich auf die Lippe, weil der harte Schwanz, der sich gegen seinen unteren Rücken drückte, unmissverständlich war. »Tja, sieht ganz so aus, als würde der hier«, sein Ehemann rieb sich mehr als aufreizend an seinem Hintern, »für den Rest der Nacht mir gehören. Also dreh dich um und mach deine hübschen Beine breit, mein Schatz.«

Jameson stöhnte auf.

***

»Du musst heute nicht zufällig ins Gericht, oder?«

Jameson streckte die Hand aus und zeigte Deacon mitsamt einen genüsslichen Grinsen den Mittelfinger, wofür er prompt wieder ausgelacht wurde.

»Ich schätze mal, das heißt Ja?«

»Sei nicht so selbstzufrieden«, grollte er gespielt und erhob sich, wobei er das Gesicht verzog. Er stellte seine Tasse in die Spüle und war im nächsten Moment zwischen zwei kräftigen Armen gefangen, die ihn an eine ebenso kräftige Brust zogen.

»J.?«, fragte Deacon leise.

Jameson konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sein Mann angefangen hatte, seinen Namen so abzukürzen, aber da er es mochte, hatte er nie etwas dazu gesagt. Wozu er aber mit Sicherheit etwas sagen würde, war der nervöse Unterton, denn Deacon machte sich gerade Sorgen, ob er zu wild gewesen war. Und ja, ein bisschen war das auch der Fall, doch darauf würde er nicht herumreiten – er würde vorerst überhaupt nicht mehr reiten, weder auf Pferden noch auf seinem heißen Ehemann –, denn sie hatten sich beide abreagieren müssen, also war das in Ordnung für ihn.

»Es geht mir gut, Deacon. Du wirst mir heute Abend ein schönes Bad einlassen und du bringst für uns Abendessen mit, dann bin ich dir wieder gewogen.« Jameson sah betreten über die Schulter. »Vielleicht wäre ein Schnaps angebracht.«

»Wozu?«, wunderte sich Deacon.

»Falls Paul mich genauso ruppig abfertigt wie dich, werden wir ihn brauchen.«

»Willst du ihn heute gleich fragen?«

Jameson zuckte die Schultern und drehte sich in Deacons Armen herum, damit er seinen Mann umarmen konnte. »Keine Ahnung. Es wird darauf ankommen, welche Termine für heute in seinem Kalender steht. Ich will ihn auf keinen Fall von einer anstehenden Verhandlung ablenken. Aber ich kann ihm einen Guten Morgen wünschen und dabei in Erfahrung bringen, wie es um seine Laune bestellt ist.«

»Nimm die Hochzeit seines Bruders als Aufhänger« schlug Deacon vor Jameson nickte zustimmend.

»Gute Idee«, meinte er, küsste Deacon sanft und löste sich nach einem Blick auf die Uhr von ihm. »Wir müssen los, sonst kommst du zu spät zum Unterricht.«

»Schreib mir  eine Nachricht, wie es gelaufen ist.«

Jameson nickte erneut. »Mache ich.«

Deacon strich ihm über die Wange. »Ich liebe dich.«

»Ich dich auch.« Jameson zwinkerte ihm zu. »Vielleicht gibt es ja bald noch jemandem, zu dem wir das sagen können.«

Deacon lächelte. »Ich hätte nichts dagegen.«

»Ich auch nicht«, sagte Jameson und verdrehte amüsiert die Augen, als sein Handy piepte. »Der liebe Alltag. Ab mit Ihnen, Mister. Und brich heute bitte nicht zu viele Herzen oder Seelen von deinen Schülern.«

»Ich könnte die Herzen unangetastet lassen und stattdessen nur ein paar unschuldige Seelen quälen.«

Jameson schmunzelte. »Wehe, du bringst wieder jemanden zum Weinen.«

Deacon schnaubte. »Das war nur einmal und er war selbst Schuld, das weißt du genau. Man springt nicht einfach so über eine Mauer, ohne sich durch Kollegen abzusichern. Er wird auf der Straße kein Jahr durchhalten, falls ein Mörder oder Dealer beschließt, mit gezogener Waffe hinter besagter Mauer auf ihn zu warten. Ich habe ihm das im Training oft genug gesagt. Und wer nicht hören will«, Deacon grinste hämisch, »tja, der muss ab und zu eben auch mal fühlen.«

»Deacon ...«, murmelte Jameson tadelnd, obwohl er wusste, dass es sinnlos war. Und das bestätigte ihm auch der folgende, betont unschuldige Blick.

»Was denn? Es war doch nur ein Trog voller Scheiße.«

»Im wahrsten Sinne des Wortes.«

Deacon kicherte und küsste ihn erneut. »Er durfte hinterher duschen gehen, also beschwer dich nicht. Und außerdem guckt er beim Training jetzt jedes Mal nach, bevor er über die Mauer hüpft. Ziel erreicht.«

***

Bring Schnaps mit!

Und zwar jede Menge, dachte Jameson am späten Vormittag, während er auf die Nachricht für Deacon starrte, bevor er sie mit einem frustrierten Laut schließlich doch abschickte.

Er schlich jetzt bereits eine Stunde darum herum, denn sein Versuch, mit Paul zu reden, war morgens zuerst durch einen ehemaligen Klienten vereitelt worden, den sie nur mithilfe der hinzugerufenen Polizei wieder losgeworden waren, und dann hatte Paul es volle drei Stunden geschafft, ihm aus dem Weg zu gehen, in dem sich überall in der Kanzlei aufhielt, bloß nicht in seinem Büro mit einer verschließbaren Tür.

Wow. Ist es so schlecht gelaufen?

»Du hast ja keine Vorstellung«, murmelte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er würde Deacon antworten, nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, denn im Augenblick stand er kurz davor, zurück in Pauls Büro zu stürmen und ihm mit sehr deutlichen Worten zu sagen, wo er sich seine schlechte Laune und sein zickiges Verhalten hinstecken konnte.

Paul war eindeutig sauer, und zwar nicht nur auf Deacon, was Jameson nur darin bestätigte, dass er sie zusammen in der Stadt gesehen und daraus die falschen Schlüsse gezogen haben musste. Woran sie leider ganz allein schuld waren. Das wieder geradezubiegen, würde nicht einfach werden, und ohne einen wasserdichten Plan war es sinnlos auch nur damit anzufangen, Entschuldigungen zu stottern.

Sie … Nein, Stopp.

Nicht Deacon, sondern nur er selbst, weil es immerhin sein Plan gewesen war. Er hatte es vergeigt, schlicht und ergreifend. »Mist«, flüsterte Jameson und rieb sich die schmerzende Stirn. Er bekam langsam Kopfschmerzen von der Selbstquälerei, die ihm am Ende auch nicht weiterhalf. Ein neuer Plan musste her, wie schon gesagt, und dieses Mal würde er ihn nicht wieder allein aushecken, und er würde Deacon auch nicht überreden, etwas zu tun, mit dem sein Ehemann nicht hundertprozentig einverstanden war.

Nein, dieses Mal würden sie alles gemeinsam entscheiden, soviel stand für ihn bereits fest.

Sein Telefon klingelte.

Eine willkommene Ablenkung, allerdings konnte Jameson mit der Nummer auf dem Display nichts anfangen. Sonderbar. Aber da entweder Maggie oder Sarah, seine beiden Vordamen, die bereits für ihn arbeiteten, seit er die Kanzlei eröffnet hatte, den Anruf durchgestellt hatten, war selbiger offenbar dringend genug, um ihn in seiner beginnenden Mittagspause zu stören. Nun gut, mal sehen, wer da etwas von ihm wollte.

»von Brahms?«

»So, so, Sie sind also der Mann, der meinen Burschen schon seit Wochen unglücklich macht.«

Jameson blinzelte verdattert, sah noch mal aufs Display, um sicherzugehen, dass er wirklich einen Anrufer hatte und nicht bewusstlos unter dem Schreibtisch lag, weil er seit dem Tee am Morgen weder etwas gegessen noch getrunken hatte, doch die Nummer auf dem Display verriet ihm immer noch nichts und das gerade einsetzende, leise Lachen förderte seine Laune nicht gerade. Eher im Gegenteil.

»Wer sind Sie?«, fragte er kühl, denn er hatte nun wahrlich keine Lust, sich mit irgendjemandem herum zu ärgern, der ihn offenbar verwechselte.

Da konnte er sich genauso gut Tee kochen und nachsehen, ob im Kühlschrank schon etwas zu essen lag, weil sie es in der Kanzlei so hielten, dass jede Woche ein anderer mittags loszog, um Sandwichs, Salate, Joghurts und Obst für alle zu besorgen, da er hier nicht der einzige war, der tagsüber ständig das Essen vergaß, und wer hatte schon jeden Tag Lust auf Pizza, Hotdogs oder fettige Burger?

»Adrian Endercott.«

Jameson richtete sich hastig in seinem Stuhl auf und verbiss sich in allerletzter Sekunde einen saftigen Flucht. Oha. Hier lag ganz offensichtlich keine Verwechslung vor, und der Bursche, von dem Adrian Endercott da sprach, konnte nur Paul sein, der zwei Zimmer weiter seinen Groll auf ihn pflegte. Was Jameson umgehend noch schlechtere Laune bescherte, denn er war noch niemals zuvor mit einem läppischen »War es das dann, Mister von Brahms?« aus einem Büro komplimentiert worden.

Schon gar nicht von einem seiner eigenen, ihm unterstellten Anwälte. Jameson war derart perplex gewesen, dass ihm keine passende Erwiderung eingefallen war. Stattdessen hatte er auf dem Fuße kehrtgemacht und Pauls Büro verlassen.

Ein strategischer Fehler, den er nicht mehr zurücknehmen konnte. Noch etwas, worüber Jameson sich seit nun mehr einer geschlagenen Stunde ärgerte. Und entweder hatte Paul sich bei seinem Großvater deswegen ausgeheult, was er nicht glaubte, oder Adrian Endercott hatte auf anderem Wege in Erfahrung gebracht, dass etwas nicht stimmte, und wenn Jameson daran dachte, was er über die Endercotts in den vergangenen Jahren schon alles gehört hatte, tippte er auf Letzteres.

»Brauchen Sie einen Anwalt, Mister Endercott?«, fragte er mit einem spöttischen Unterton, der ihm prompt eine deutliche Reaktion bescherte.

»Was ist das denn bitteschön für eine dumme Frage? Falls ich jemals einen guten Anwalt brauche, frage ich meinen Sohn oder verteidige mich selbst. Gewinnen würde ich in jedem Fall, was man von Ihnen nicht behaupten kann.«

Jameson hob überrascht eine Braue. Wollte dieser Mann ihn tatsächlich herausfordern, indem er ihm unterstellte, kein guter Anwalt zu sein? Wie gut, dass er im Moment in der passenden Laune war, um Pauls Großvater diesbezüglich Paroli zu bieten, denn er war schon seit Jahren ein verdammt guter Anwalt und er würde niemandem, nicht einmal einem Endercott, erlauben, das infrage zu stellen.

»Wenn Sie schon herumspionieren, was Sie ja wohl ständig tun, wie man überall so hört, dann machen Sie es auch richtig. Mir geht es nicht ums gewinnen, sondern darum, das jeweils Beste für meine Klienten herauszuholen, und das ist manchmal sogar eine Haftstrafe. Können Sie das von sich auch behaupten oder rufen Sie nur an, um sich zu vergewissern, dass Ihr Enkel nicht weinend in seinem Büro hockt, nachdem ich ihm erklärt habe, dass er seine Beziehungsprobleme gefälligst zu Hause zu lassen hat?«

»Ich hör wohl nicht recht ...«

»Auf Wiedersehen, Mister Endercott!«

Pauls Großvater schnappte entrüstet nach Luft und das war auch das Letzte, was Jameson von dem alten Mann hörte, ehe er auflegte und schnaubend den Kopf schüttelte. Im nächsten Augenblick ging ihm auf, was er da eigentlich gerade zu einem der besten Anwälte dieser Stadt gesagt hatte.

Jameson stöhnte laut auf. »Ach du Scheiße.«

Deacon würde ihm dafür so was von den Arsch aufreißen – sprichwörtlich gesehen. Und er wollte lieber gar nicht darüber nachdenken, was erst los war, wenn Paul erfuhr, was er seinem Großvater soeben lautstark an den Kopf geworfen hatte.

Und das alles nur, weil er, Jameson von Brahms, ein Trottel war, der sich einfach nicht beherrschen konnte, und Paul Jones, der Mann, in den Deacon und er verliebt waren, sich wie eine zickige Diva aufführte. Mit einem tiefen Seufzen ließ Jameson den Kopf auf die Tischplatte sinken.

Er war erledigt. Und zwar spätestens heute Abend, wenn er Deacon beichten musste, was er getan hatte.