Magie mit Herz


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Sie retteten sein Leben, obwohl er versucht hatte, ihnen das Auto zu klauen.

Mit vierzehn Jahren, von der eigenen Mutter verachtet und von seinem Vater halbtot geschlagen, landete er auf der Straße, nachdem er mit einem Schmuddelheft voller nackter Männer erwischt worden war, und nach einer Woche eisiger Nächte in düsteren Ecken oder neben stinkenden Mülltonnen, hielt er es für eine sehr gute Idee, sich den teuren Lexus direkt vor einer schicken Anwaltskanzlei unter den Nagel zu reißen, um damit eine Spritztour frontal gegen die nächste Mauer zu machen.

Allerdings hatte der Besitzer des Wagens etwas gegen seine Pläne einzuwenden, und Maximilian Endercott war sich nicht zu fein, ihn höchstpersönlich im teuren Zwirn vom Fahrersitz zu zerren, über dem er gerade lag, um an die Verkabelung des Luxusschlittens zu kommen.

Finn Henderson war ein Träumer, aber kein Dummkopf. Er wusste, dass er in Schwierigkeiten steckte, als der riesige Kerl ihn am Kragen gepackt hielt, aber er hatte solchen Hunger und große Schmerzen von den Wunden, die seinen Körper zierten, weil er gegen die von seinen Eltern geforderte Umerziehung rebelliert hatte, da sie auf gar keinen Fall einen schwulen Sohn haben wollten, dass er gegen den Mann mit den mitfühlenden, grünen Augen ankämpfte, bis ihm schwarz vor Augen wurde.

Im Krankenhaus kam er wieder zu sich, versorgt und in ein schmales, aber sauberes Bett gepackt, auf sich eine wärmende, dicke Decke und neben sich eine Schüssel mit Tomatensuppe und knusprigen Brotstückchen, die er fast einatmete, nachdem ihm dieser Fremde mit den grünen Augen versicherte, dass sie für ihn war. Ebenso wie der Schokoladenpudding, der Tee und die Kekse, die er danach verschlang, aus Angst, dass sie wieder weg waren, wenn er sie jetzt stehenließ.

Später am Abend kam ein weiterer Mann ins Zimmer, der blaue Augen hatte, ein Arzt war und einen Schokoladenkuchen dabei hatte, der so lecker war, dass er Finn die Tränen in die Augen trieb, nachdem er ihn und die zwei Fremden eine halbe Stunde lang misstrauisch gemustert hatte, auf der Suche nach einer Falle, die es nicht gab.

Sie behielten ihn. Einfach so.

Und sie gaben ihm vier Brüder. Einfach so.

Dass es Unmengen an Papierkram kostete und seinen Vater Maximilian jede Menge Nerven, weil sein leiblicher Vater nicht kampflos auf das Sorgerecht verzichten wollte, erfuhr Finn erst sehr viel später.

Mit vierzehn war ihm all das jedoch egal.

Für ihn zählte die ersten Monate nur, dass er nicht mehr in der eisigen Winterkälte übernachten musste, dass er jeden Tag saubere Kleidung und regelmäßig etwas zu essen bekam, und dass er auf einmal vier Brüder hatte, mit denen er sich ständig zankte, falls sie nicht gemeinsam damit beschäftigt waren, das nette Hauspersonal in den Wahnsinn zu treiben oder einander über das riesige Endercott-Grundstück zu jagen, das zu einen ebenso riesigen Haus mit Unmengen an Zimmern gehörte.

Dass seine Brüder genauso schwul waren wie die übrigen Kinder in dem Zentrum, das seine Väter führten, und dass das niemanden kümmerte, machte sein neues Leben für Finn umso lebenswerter.

Er versuchte nie wieder, sich das Leben zu nehmen, obwohl es nicht leicht war mit den Narben, die er von der Prügel und den anfangs unversorgten Wunden seines Vaters zurückbehielt zurechtzukommen. Er schämte sich lange Zeit für sie, bis Elias irgendwie Lunte roch und ihm wie nebenbei eines Tages Sean Beaumont vorstellte. Dass der Psychologe war und auf fast alle Fragen die richtigen Antworten hatte, erkannte Finn erst einige Monate darauf, als er innerlich längst begonnen hatte, mit sich und seinem Äußeren seinen Frieden zu machen.

Mit vierzehn Jahren war Finn Henderson ein Straßenkind ohne Perspektive.

Mit fünfzehn wurde er offiziell ein Endercott, auch wenn er seinen Namen behielt – eine Tatsache, die sein Großvater nicht lustig findet und sich, zum Amüsement aller, selbst heute noch regelmäßig darüber beschwert.

Mit achtzehn ließ er das College hinter sich, überlegte eine Weile, ob es sich vielleicht lohnen würde, auf die Uni zu gehen, und fing, nachdem er sich ein paar Jahre mit eher kurzweiligen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten hatte, schließlich in der Bar seines ältesten Bruders an zu arbeiten.

Mit zweiundzwanzig war er ein magerer Laufbursche, der für Cole Botengänge erledigte und Regale einräumte.

Mit dreiundzwanzig stand er zum allerersten Mal im Leben hinter einer Bar und versuchte sich als Barkeeper – was leider nur so lange funktionierte, wie er keine Cocktails mixte, weil er ständig die Zutaten durcheinanderbrachte.

Mit vierundzwanzig stellte er dann überraschend fest, dass es ihm weit besser gefiel, Getränke an Tische zu bringen, locker mit den oftmals männlichen Gästen zu flirten und dabei jeden Abend ein schönes Trinkgeld einzustreichen.

Finn liebte sein Leben – bis eines Tages sein leiblicher Vater auf der Bildfläche erschien.



Kapitel 1
Finn

»Du bringst Schande über deine Mutter und mich!«

Finn rannte durch die Eingangstür seines Apartmenthauses in den Empfangsbereich, wo Malcolm, der Concierge, eben von seinem Platz aufsprang und mit bösem Blick an ihm vorbeilief, um zu verhindern, dass Carl Henderson auch nur einen Fuß in das Gebäude setzte.

Doch auch wenn sein Erzeuger ein verbohrter, homophober Mistkerl war, ein Dummkopf war er nicht, denn gegen ihn lag aktuell wieder einmal eine einstweilige Verfügung vor, die sein richtiger Vater Maximilian Endercott erst vor zwei Monaten für Finn erwirkt hatte, um ihm damit wenigstens einen Anschein von Privatsphäre zu geben. Viel gebracht hatte es bisher leider nicht, denn nicht mal der dichte Schneefall und das seit Tagen eisige Winterwetter hielten Carl Henderson davon ab, ihm fast jede Nacht vor dem Haus aufzulauern. Selbst wenn er mit den Jungs in der Bar die Schicht tauschte, wartete sein Erzeuger auf ihn, egal wie lange er dafür in der Kälte ausharren musste.

»So ein Idiot«, grollte Malcolm kopfschüttelnd, als er wenig später zurück in den Eingangsbereich trat, und sah ihn danach mitfühlend an. »Wie lange ist er draußen? Drei Monate? Wieso lernen diese Arschlöcher es einfach nicht?«

Finn seufzte. »Frag mich nicht.« Er zog sein Handy aus der Tasche und betätigte nebenbei den Rufknopf für den Fahrstuhl. »Ich rufe Dad an und sage ihm Bescheid. Er hat mich zwar von Anfang gewarnt, dass der Kerl bei mir auftaucht, sobald sie ihn entlassen, aber seit seine Frau tot ist, wird es immer schlimmer mit ihm. Das war jetzt die sechste Nacht in Folge und langsam geht er mir ernsthaft auf die Nerven. Hast du ihn heute Abend draußen gesehen?«

Malcolm schüttelte den Kopf. »Leider nein. Ich hätte sofort die Cops gerufen, wie dein Vater es mir geraten hat. Die sollten den Irren endlich wegsperren, und zwar dauerhaft.« Malcolm stieß verärgert die Luft aus. »Wenn das so weitergeht, brauchst du bald einen Bodyguard, das kann´s doch echt nicht sein.«

Nein, das konnte es wirklich nicht, und Finn war heilfroh, als der Fahrstuhl endlich die Türen öffnete, damit er Malcolm mit einem dankbaren Lächeln zunicken und anschließend nach oben in sein Apartment verschwinden konnte. Er wollte nicht, dass Malcolm bemerkte, wie sehr ihm die Hände zitterten. Von wegen, dass sein Erzeuger ihm langsam auf die Nerven gehen würde. Wenn es doch nur das gewesen wäre.

Stattdessen hatte Finn mittlerweile panische Angst vor dem Mann, der ihn vor zwanzig Jahren fast totgeschlagen hatte, nur weil er Jungs interessanter fand als Mädchen. Er hatte immer Angst vor seinem leiblichen Vater gehabt, obwohl er sich schon viele Jahre ziemliche Mühe gab, sich das vor seinen wirklichen Vätern nicht mehr anmerken zu lassen, weil Finn wusste, dass Elias und Maximilian ihm dann keine Ruhe lassen würden, bis er entweder eine bis an die Zähne bewaffnete Armee zu seinem Schutz akzeptierte oder wieder zu Hause einzog, was für ihn absolut nicht infrage kam.

Finn liebte seine Unabhängigkeit und vor allem das kleine Apartment, das nicht weit weg von dem Haus lag, indem sein seit Weihnachten verheirateter Bruder sich im Augenblick mit seinem Künstlerehemann darum stritt, ob sie ein eigenes Haus brauchten oder lieber weiter in ihren zwei Apartments wohnen bleiben sollten.

Jack war für die Apartments und da Marc seinem Mann nie etwas abschlagen konnte, sobald der lächelte, setzte Finn ganz auf Jack Parker, was die Wohnfrage anging. Sie würden in dem Apartmenthaus bleiben und irgendwann – wahrscheinlich sehr viel früher, als ihre Väter und vor allem Adrian hofften – damit anfangen, das erste Kinderzimmer einzurichten, denn Jack und auch Marc liebten die Mädchen von Dare und Blake und boten sich alle naselang als Babysitter an.

Sehr zu Finns Belustigung, und nicht nur zu seiner, wie er von Paul, Leon und Luca wusste, die, genauso wie er selbst, bei der Vorstellung zu heiraten und sich danach einen Stall voller Kinder anzuschaffen, jeweils eine dicke Gänsehaut bekamen. Wobei Finn sich nicht sicher war, ob sein Bruder Paul ihnen in der Hinsicht nicht etwas vorflunkerte, denn er sprach in letzter Zeit ziemlich häufig von seinem angeblich nervigen Boss, doch er tat das in einer Art und Weise, die Finn misstrauisch machte, weil sie ihn zu sehr daran erinnerte, wie Kade anfangs über Joe gesprochen hatte und die beiden waren mittlerweile ebenfalls verheiratet und hatten Brody bei sich aufgenommen.

Finn seufzte kopfschüttelnd. »Wenn das so weitergeht, sind wir in spätestens fünf Jahren allesamt verheiratet«, nörgelte er, während sich die Fahrstuhltüren auf seiner Etage öffneten, und schloss kurz darauf seine Wohnungstür auf. Dass er in der Zeit bereits sein Handy ans Ohr gehoben hatte, fiel Finn allerdings erst auf, als sein Vater am anderen Ende auf einmal leise lachte. »Oha … Äh … Hey, Dad.«

»Adrian wird begeistert sein, wenn ich ihm erzähle, was du gerade zu mir gesagt hast.«

Finn stöhnte auf. »Oh Gott, bitte tu mir das nicht an.«

Maximilian gluckste. »Aber nur weil du es bist. Hallo, mein Sohn. Du rufst mitten in der Nacht deine armen Väter an, das kann nichts Gutes bedeuten. Muss ich dich und deine Brüder etwa schon wieder aus dem Gefängnis holen?«

Finn kicherte, während er seine Schlüssel auf den Esstisch warf und sich hinterher die Schuhe und die dicke Winterjacke auszog, wobei er eine Ladung Schnee auf dem Boden verteilte und darüber resigniert die Augen verdrehte. Er sollte sich für den schmalen Flur wirklich endlich eine Garderobe oder etwas Ähnliches anschaffen, damit er nicht ständig Dreck von seinen Schuhen oder eben Schnee wegräumen musste.

»Das war nur ein einzige Mal, was du sicher noch sehr gut weißt, denn immerhin hast du die Kaution für uns dich ständig furchtbar nervende Bande, was übrigens ein Zitat von dir ist, wie ich dich erinnern möchte, ohne mit der Wimper zu zucken bezahlt.«

»Und du kannst von Glück reden, dass wir Adrian davon bis heute nichts erzählt haben. Also? Was ist los? Hat Cole dich geärgert und du rufst an, um dich über ihn zu beschweren?«

»Schön wär´s«, murmelte Finn und als sein Vater daraufhin schwieg, seufzte er – zum wiederholten Mal heute, bevor er in die kleine, aber dafür offene Küchenzeile ging und sich ein Bier aus dem Kühlschrank nahm. »Rate mal, wer mir gerade unten vor dem Haus aufgelauert hat?«

»Schon wieder?« Maximilian fluchte unflätig. »Hat er …?«

»Keine Sorge, mir geht’s  gut, Dad, und Malcolm hat dafür gesorgt, dass er nicht ins Haus kommt«, wehrte Finn sofort ab, obwohl ihn ein Blick auf seine immer noch zitternde Hand eine Grimasse ziehen ließ.

Vielleicht sollte er sich vor dem Schlafgehen statt des Biers lieber wieder einen hochprozentigen Absacker genehmigen. In den vergangenen Nächten hatte das ganz gut funktioniert, aber Finn wollte daraus eigentlich keine Gewohnheit machen. Das fehlte ihm jetzt noch, dass er wegen seines Erzeugers zu einem Problemtrinker mutierte, wie es sein Bruder Paul als Teenager gewesen war. In diese Spirale wollte Finn auf gar keinen Fall abrutschen, denn aus ihr kam man ohne professionelle Hilfe in den allermeisten Fällen nie mehr heraus, selbst mit dem besten Willen nicht. Paul hatte heute noch Probleme mit seiner Sucht, die ihn nie komplett aus ihren Klauen gelassen hatte, und das, obwohl er bereits seit Jahren trocken war.

»Ich werde noch mal mit Sean reden und mich erkundigen, was aus dem Antrag auf Einweisung geworden ist. Der Mann wird langsam zu aufdringlich für meinen Geschmack.«

Dem konnte er schlecht widersprechen. »Wie lange gilt die Verfügung noch?«, fragte Finn, obwohl er es wusste. Sie hatten Februar und spätestens zum ersten März würde sie verlängert werden müssen.

»Diesen Monat, aber ich habe bereits eine Verlängerung bei Gericht beantragt. Sie wird durchkommen, was bloß nicht viel bringt, solange er dir trotzdem ständig auflauert.« Maximilian überlegte kurz. »Ich werde mich wegen Präzedenzfällen schlau machen. Es muss möglich sein, ihn irgendwie dran zu kriegen, so lange, wie er dich trotz Verfügung mittlerweile stalkt. Und du wirst gefälligst noch mal mit deinem Bruder darüber reden. Gleich morgen, hörst du? Die Jungs in der Bar sollen sämtliche Augen offenhalten, damit er nicht noch dort auftaucht.«

Das konnte Finn sich sparen, denn Cole war längst im Bilde und fuchsteufelswild, was Carl Henderson anging. »Der Mann wird keinen Fuß in die Bar setzen. Du weißt, dass Cole ihn auf die schwarze Liste gesetzt hat und jeder Türsteher, Barkeeper und selbst die Putztruppe in seinen Bars Carls Bild kennen. In der Bar bin ich sicher.«

»Ich mache mir trotzdem Sorgen.«

Damit war Maximilian nicht allein, aber Finn würde ihn in seiner Beunruhigung nicht noch zusätzlich unterstützen. Dann stand nämlich ruckzuck wieder der vorübergehende Einzug in das Haus seiner Jugendzeit auf dem Trapez und diese Debatte wollte er definitiv nicht noch mal führen müssen.

»Dad ...«

»Elias will mit dir sprechen.«

»Dad!«, schimpfte Finn, aber da hörte er bereits Elias leise lachen und musste unwillkürlich lächeln, denn wo Maximilian in seinem Auftreten, seiner Stimme, einfach in allem, meistens hart war, war Elias sanft, ruhig und sehr geduldig. Die beiden ergänzten sich auf eine Art und Weise, die ihn neidisch machte, weil er so eine Beziehung auch für sich wollte.

»Wie geht es dir, Finn?«, fragte sein Vater und Finn ging zu seiner Couchecke hinüber, stellte das Bier ungeöffnet auf dem Tisch ab und ließ sich danach in die weichen Polster der Couch sinken, die ihn ein kleines Vermögen gekostet hatte, aber jeden Penny wert war, so oft wie er nach einer langen Schicht auf ihr einschlief, weil er es nicht mehr ins Bett schaffte.

»Ich weiß nicht, ob ich mir Sorgen machen oder einfach nur sauer sein soll. Wieso kann er mich nicht in Ruhe lassen?«

»Carl Henderson ist sehr krank«, sagte Elias besonnen. »Ich weiß, dass es leichter wäre, wütend auf ihn zu sein, aber das ist zu einfach. Er braucht Hilfe.«

Das war Finn durchaus klar, es änderte nur nichts daran, dass sein Erzeuger ihn nicht in Ruhe ließ. Wenn er wenigstens einen verständlichen Grund für diese Hartnäckigkeit von Carl Henderson gehabt hätte. Der Mann hatte ihn als Jugendlichen zuerst halb tot geprügelt und dann auf die Straße gesetzt, und jetzt, wo er die Frau verloren hatte, seine leibliche Mutter, an die Finn nur noch wenige, vage Erinnerungen hatte, heftete er sich, kaum, dass er aus dem Gefängnis entlassen worden war, sofort an seine Fersen.

Warum? Um ihm sein Schwulsein vorzuwerfen? Tja, wenn es das wirklich war, würde der arme Mann aber eine mehr als herbe Enttäuschung erleben, denn Finn dachte nicht im Traum daran, irgendwas an der Tatsache zu ändern, dass er auf große, muskulöse Typen stand, die ordentlich zupacken konnten und im allerbesten Fall einen Dreitagebart trugen.

Also genauso wie Cory Wilson.

Finn zuckte ertappt zusammen, schüttelte dabei heftig den Kopf und konzentrierte sich hinterher wieder auf das Telefonat mit seinem Vater. »Tja, das zu wissen, hilft mir leider nicht viel weiter.«

»Ich weiß.« Elias schwieg kurz. »Lass das Bier heute stehen und iss lieber noch eine Kleinigkeit, bevor du ins Bett gehst.«

Finn richtete sich auf. »Woher …?«

»Ich kenne meine Söhne«, antwortete sein Vater mit einem Lächeln in der Stimme, das Finn ächzend die Augen verdrehen ließ, während er gleichzeitig gegen ein Grinsen ankämpfte. »Es tut dir nicht weh, jetzt zu lachen, glaub´s mir.«

»Dad!« Finn prustete los.

»Ich hab dich lieb, mein Junge.«

Auf einmal war Finns Welt wieder in Ordnung. Zumindest für heute Nacht. »Ich liebe euch auch.«

***

»Finn, du Traum meiner schlaflosen Nächte. Wann brennst du endlich mit mir durch?«

Diese Frage war nicht neu und sie kam von einer Finn sehr wohl bekannten Stimme, deswegen legte er auch einen völlig übertriebenen Schmollmund auf, der die sechs Männer an dem Tisch, denen er gerade Getränke gebracht hatte, loslachen ließ, bevor er sich mit Schwung umdrehte und den älteren Mann im perfekt sitzenden, dreiteiligen Anzug musterte, der sich hinter ihm aufgebaut hatte und ihm jetzt eine lilafarbene Rose reichte. Finn nahm sie mit einer nonchalanten Geste.

»Danke.« Die Rose duftete herrlich, aber sie überzeugte ihn nicht. Das tat sie nie. »Und? Hast du dich endlich von deinem Ehemann scheiden lassen? Du kennst meine Bedingung. Kein Direktflug nach Vegas, um zu heiraten, solange du verheiratet bist. Und wehe, du bestehst auf einem Ehevertrag. Ich vergrabe dich tief in der Wüste und reiße dein Vermögen an mich, wenn du es wagen solltest, mir so ein schändliches Schriftstück unter die Nase zu halten, statt mir voller Liebe zu vertrauen, dass ich dich nicht aus Versehen mit der Pfanne erschlage.«

Ein tiefes, resigniertes Seufzen war zu hören, während um sie herum bereits unzählige Gäste grinsten, die ihnen zuhörten und auf das warteten, was da bald kam, denn so war es immer, wenn Barney Masterson in die Bar kam, um mit ihm zu flirten. Er war einer der ältesten Gäste hier und seit Jahren Stammgast. Noch viel länger war er mit Robert zusammen und Finn liebte das Paar, das nie müde wurde, ihn in ihr Bett einzuladen, auch wenn er diese Einladung niemals annehmen würde. Er mochte die beiden Männer viel zu sehr, um ihre Freundschaft mit Sex zu verkomplizieren, und beide wussten das. Trotzdem neckten sie ihn bei jedem Besuch und Barney brachte ihm zudem gerne eine Rose mit.

»Du bist so streng zu mir, geliebter Finn. Und natürlich bin ich immer noch verheiratet. Du weißt doch, wie gerne Robert zusieht. Vor allem dir.«

»Und wo ist er dann heute Abend?«, fragte Finn amüsiert.

Sein Gegenüber seufzte erneut. »Im Büro, wo sonst? Eines Tages werde ich ihn noch von seinem Schreibtisch abschneiden müssen.«

Finn lachte und trat zu Barney, um ihn zu umarmen, wobei er sehr wohl bemerkte, wie gut der Mann roch und wie perfekt er seinen Anzug ausfüllte. Dennoch würde zwischen ihnen nie mehr sein als ein lockerer Flirt, denn Barney und Robert waren auf der Suche nach einem dritten Mann und er selbst war nicht bereit, eine feste Beziehung zu dritt zu führen. Finn wollte den einen, ganz besonderen Mann in seinem Leben, damit der ihn heiraten und nie mehr loslassen würde.

»Du hast mir gefehlt, Barney«, sagte Finn, nachdem er sich von ihm gelöst hatte, und nahm das Tablett mit leeren Gläsern an sich, das noch auf dem Tisch der Männertruppe stand. »Ich gebe dir einen aus, wenn du mir erzählst, was ich alles verpasst habe. Ich wette, es gab einen flotten Dreier.« Finn grinste, weil Barney nach seinen Wort rote Wangen bekam. Das war noch so etwas, das er an dem alten Mann liebte, dessen Schüchternheit, wenn es um Sex ging, dabei stand das Paar auf Spiele, die Finn nicht mal besoffen freiwillig spielen würde. »Ha! Ich wusste es. Erzähl mir jedes schmutzige Detail.«

»Er war umwerfend, aber er wollte leider nicht bleiben.«

Finn winkte ab, legte die Rose zwischen die Gläser auf das Tablett, damit sie keinen Schaden nahm, und begann sich einen sicheren Weg zwischen den Tischen hindurch Richtung Tresen zu bahnen. »Dann hat er euch nicht verdient.«

»Was ist denn mit eurem heißen Türsteher? Glaubst du, er lässt sich zu einem flotten Dreier überreden und bleibt danach in unserem Bett?«

Bei der Frage überfiel Finn eine sehr dicke und verdammt unangenehme Gänsehaut, denn die Vorstellung, dass Corey im Bett von Barney und Robert landete und dabei feststellte, dass es ihm gefiel dort zu sein – nein, darüber wollte er lieber nicht weiter nachdenken. Ganz und gar nicht. Finn stoppte und hob tadelnd eine Hand, während er über seine Schulter sah.

»Du kennst meine oberste Regel und Corey ist immer noch der Neue bei uns.« Finn setzte ein überhebliches Grinsen auf, weil das so von ihm erwartet wurde, und erhob hinterher seine Stimme. »Und ihr alle hier wisst genau, was passiert, wenn ihr mir die neuen, sexy Jungs im Team vor der Nase wegschnappt, nicht wahr?«

»Du vergräbst uns im Garten deines Großvaters, unter den geliebten Rosenbüschen deiner Großmutter«, schallte ein Chor unzähliger Stimmen zu ihm, ehe alle in Gelächter ausbrachen und sein Bruder Cole, der an einem der Tische im Moment die Dienstpläne für nächsten Monat durchging, hob den Kopf und verdrehte grinsend die Augen.

Finn zwinkerte ihm zu und sah zu Barney. »Da hast du es. Und jetzt folge mir gefälligst. Ich spendiere dir ein Bier und du lässt kein unanständiges Detail aus, verstanden?«

Barney grinste. »Das würde ich mich nie wagen.«

»Braver Junge«, murmelte Finn und lachte leise, als Barney prompt wieder rot wurde, bevor er sich abwandte, weil bereits ein weiterer Tisch auf neue Getränke wartete und die Männer am Tisch hinter Cole hatten ihm mit einem erhobenen Arm zu verstehen gegeben, dass sie zahlen wollten.

***

»Hast du mal wieder Corey für dich beansprucht?«, fragte sein Bruder ein paar Stunden später belustigt, als er an die Bar trat, wo Finn eben mit Branson, der heute als letzter Barkeeper noch hier war, die Vorräte wieder auffüllte, damit sie das nicht vor der nächsten Schicht machen mussten.

Eigentlich gehörte das gar nicht zu seiner Jobbeschreibung, doch damit nahm es niemand in den Bars so genau. Selbst Cole schleppte beinahe täglich Kisten voll mit Bierflaschen aus dem Lager, weil er genauso half wie es jeder andere tat, sobald Hilfe gebraucht wurde. Und er konnte Branson schlecht alles alleine machen lassen, wo der Rest des Teams mittlerweile Feierabend gemacht hatte. Die Bar hatte zwar offiziell noch zwei Stunden geöffnet, doch mitten in der Woche und noch dazu im Winter war ab elf Uhr abends nie viel los, darum hatten Branson und er die Gelegenheit genutzt und schon damit angefangen, leere Getränkekisten ins Lager und volle nach vorne zu holen.

»Natürlich. Die heißesten Männer behalte ich ganz für mich alleine«, antwortete Finn belustigt und grinste, als Branson das mit einem Lachen kommentierte, bevor er anfing, Salzcracker und Chips einzuräumen.

»Lass das nur nicht Grandpa hören«, stichelte Cole auf ihm herum und gluckste heiter, als Finn unwillkürlich schauderte, bevor er seinen Bruder finster ansah.

»Wenn du auch nur ein einziges Wort in der Richtung ihm gegenüber fallen lässt, werde ich Grandpa erzählen, dass dein Verlobter gerne im Sommer heiraten würde, aber du hältst ihn davon ab, einen Termin festzulegen.«

Cole zog eine ertappte Grimasse, bedrohte ihn danach mit der geballten Faust und dann lachten sie beide, während Cole sich auf einen Barhocker schob und eine Liste über den Tresen zu Branson schob, der diese Woche die Oberaufsicht über ihre Barkeeper hatte, was bedeutete, er kam abends als erster und ging in der Nacht als letzter.

»Der Plan für nächsten Monat steht. Lass die Jungs bitte im Laufe der Woche draufgucken, damit ich Änderungswünsche rechtzeitig einbauen kann.«

Branson nickte und steckte die Liste ein. »Geht klar, Boss.«

Cole nickte dankbar und sah ihn danach an. »Kannst du für die letzten beiden Stunden alleine die Stellung halten? Ich will den anderen Bars einen Besuch abstatten, anschließend meinen Kerl anrufen und ihn zu schnellem Telefonsex überreden, aber ich werde pünktlich zum Abschließen wieder hier sein.«

Finn stöhnte auf, weil er wusste, was das heiß. »Cole ...«

»Vergiss es. Dad hat es mir heute Morgen erzählt. Den Rest der Woche fahre ich dich nach Hause und die nächste Woche übernimmt Corey. Danach sehen wir weiter. Basta!«

Finn schnappte empört nach Luft, hatte aber keine Chance seinem Bruder die Leviten zu lesen, denn der machte sich mit langen Schritten aus dem Staub und als er wütend zu Branson sah, schürzte der nachdenklich die Lippen.

»Was?«, knurrte Finn missmutig.

»Er hat recht, Finn. Ich weiß, du willst das nicht hören, aber wir machen uns alle Sorgen wegen deines Alten. Dieser Kerl ist nicht ganz richtig im Kopf und es bringt keinen von uns um, dich abwechselnd daheim abzusetzen, damit du nicht den Bus nehmen musst.«

»Ich könnte mir ein Auto zulegen«, schlug er vor, obwohl es das letzte war, was er wollte. Im Gegensatz zu fast all seinen Brüdern hatte er nie viel Interesse daran gehabt, jeden Tag mit dem Auto zu fahren, geschweige denn, eins zu besitzen. Finn hatte zwar vor Jahren den Führerschein gemacht, wer wusste schon, wofür man den mal brauchte, aber im Normalfall, wenn seine Brüder ihn nicht mitnahmen, fuhr er mit der Bahn, nahm den Bus oder rief sich ein Taxi.

»Dass er dir dann zerkratzt oder lieber die Reifen zersticht? Oder noch schlimmer, was, wenn er dir früher oder später den Bremsschlauch durchschneidet?« Branson sah ihn ernst an. »Er ist krank, Finn, und ich denke, es wäre klug, das lieber nicht zu vergessen.«

»Hältst du mich wirklich für so naiv?«, fragte Finn verblüfft und auch ein wenig verärgert.

»Nein, im Gegenteil. Du hast genauso große Angst wie wir, aber du spielst sie herunter.« Branson wandte sich ab und griff nach dem Geschirrtuch. »Ein Freund von mir hat das auch mal gemacht und war am Ende tot.«

»Was?«, fragte Finn entsetzt.

»Sein Ex hat ihn erst gestalkt und dann ermordet. Deshalb habe ich Chicago verlassen und bin hergezogen. Ich hab´s dort nicht mehr ausgehalten, weil mich alles an ihn erinnert hat.«

»Du hast ihn geliebt, oder?«, flüsterte Finn und als Branson nickte, verzog er das Gesicht. »Es tut mir leid, Branson.«

Branson sah ihn wieder an. »Muss es nicht. So lange arbeite ich hier noch nicht, dass wir uns derart Privates erzählen. Aber ich fand es richtig, dir das zu sagen. Ich will dir damit nicht zusätzlich Angst machen, ich will nur, dass du vorsichtig bist, okay? Lieber einmal zu viel und umsonst die Cops rufen, als in der Leichenhalle enden.«

Und weil er dagegen kaum argumentieren konnte, tat Finn es auch nicht, sondern schnappte sich stattdessen ein zweites Geschirrtuch, um Branson dabei zu helfen, die letzten Gläser zu spülen, bevor sie noch den Tresen saubermachten, hinterher den Vorder- und Hintereingang abschlossen, nachdem sie Sam, der heute an der Tür stand, nach Hause geschickt hatten, und dann nach hinten in ihre Umkleide gingen.

Für die Reinigung der Tische und des großen Barraums mit der Bühne für die Tänzer war ihre Putztruppe zuständig, die immer am frühen Morgen kam, wenn Finn üblicherweise noch im Bett lag und schlief. Sein Handy vibrierte, als er sich gerade seinen Pullover aus dem Spind nahm und nach einem kurzen Blick aufs Display lachte er kopfschüttelnd.

»Der Boss?«, fragte Branson, der sich eben die Jacke anzog.

»Ja. Er braucht etwas länger, weil sein, Zitat, frecher Mann ihn am Telefon aufgehalten hat, Zitat Ende.«

Branson lachte und setzte sich auf die Bank neben ihm. »Ich warte so lange.«

Finn winkte ab. »Brauchst du nicht. Wir haben doch schon alles abgeschlossen und mein sturer Bruder wird sich hinten reinlassen, so wie immer. Hau ruhig ab.«

»Sicher?«, fragte Branson mit zweifelndem Blick und Finn nickte grinsend.

»Ich nehme mir noch was zu trinken, futtere eine Chipstüte mehr und klaue Cole dann eine von den edlen Whiskyflaschen, um sie Grandpa zu schenken. Du weißt, er steht auf das teure Zeug. Besonders wenn es geklaut ist.«

Branson lachte und Finn brachte ihn nach vorne, wo sie mit prüfendem Blick rasch die Umgebung vor der Tür ausspähten, bevor Branson sich auf den Weg machte. Jedoch erst, nachdem Finn abgeschlossen und Branson draußen versucht hatte, die Tür zu öffnen. Eine Sicherung, die allerdings nichts mit seinem Erzeuger zu tun hatte, sondern für alle galt, wenn sie abends mit abschließen dran waren. So wurde sichergestellt, dass die Tür wirklich verschlossen war, denn in dieser Hinsicht wollte Cole auf Nummer sicher gehen, weil der letzte in der Bar auch dafür zuständig war, die Einnahmen des Tages zu zählen und in Coles Büro im Safe einzuschließen.

Heute würde Finn diese Aufgabe zufallen und er erledigte sie so gewissenhaft wie immer, wenn er abends der letzte war. Danach holte er seine Jacke aus der Umkleide, steckte Handy, Schlüssel und Geldbörse ein und zog sein Handy im nächsten Moment stöhnend aus der Hose, weil es klingelte. Cole verriet ihm der Blick aufs Display.

»Hey, ich bin´s«, meldete sich Cole und fluchte leise. »Alles okay bei euch?«

Finn runzelte die Stirn. »Ja, wieso? Ich habe eben das Geld eingeschlossen und klaue dir gleich eine von den neuen Basil Hayden's Flaschen für Grandpa.«

Cole stöhnte auf. »Nicht den Basil. Weißt du eigentlich, wie lange ich suchen musste, um die drei Flaschen zu finden? Der Jahrgang ist fast ausverkauft.«

»Grandpa wird deinen edlen Whisky-Geschmack wirklich sehr zu schätzen wissen«, stichelte Finn auf dem Weg zur Bar, um sich dann eine Flasche aus dem Regal zu nehmen. »Aber weil ich ein netter Kerl bin, darfst du mir den Preis natürlich vom Gehalt abziehen.« Sein Bruder fluchte unflätig, was Finn heiter glucksen ließ, ehe er fragte: »Warum hast du überhaupt angerufen?«

»Hier gab´s einen Auffahrunfall, deshalb stehe ich im Stau und brauche etwas länger. Passiert ist wohl nicht viel, aber die Wagen sind so blöd verkeilt, dass das Aufräumen dauert.«

Na wenn es weiter nichts war. Finn ließ sich amüsiert auf einen Barhocker sinken. »Kein Problem. Ich warte hier brav auf dich und futterte derweil Chips.«

»Langsam wirst du aber teuer im Unterhalt«, nörgelte sein Bruder, obwohl sie beide wussten, dass das nicht ernst gemeint war. Darum kicherte Finn auch nur darüber.

»Sagt der Mann mit zwei Söhnen zu Hause, die ihm, wie er nicht müde wird, beinahe täglich zu verkünden, angeblich das eh schon lichter werdende Haar vom Kopf fressen.«

»Finn!«

»Bis gleich, Bruderherz«, konterte er in einem lächerlichen Singsang und legte lachend auf, als Cole anfing zu fluchen. Im nächsten Moment hatte er schon das Telefonbuch geöffnet und eine Nummer rausgesucht, die einem alten Mann gehörte, den er von ganzem Herzen liebte. »Ich habe heute Abend etwas für dich geklaut«, erklärte er, als besagte Person seinen Anruf nach dem dritten Klingeln annahm.

»Wäre ich ein anständiger Bürger, würde ich jetzt die Cops rufen und dich verpfeifen, aber vorher will ich wissen, was du mir geklaut hast und ob dein Bruder, der übrigens immer noch nicht verheiratet ist, sich bereits sehr wortgewaltig über diese Schändlichkeit ereifert hat.«

»Und ob er das hat, da er anscheinend ewig gebraucht hat, um diesen edlen und sehr teuren Whisky zu finden, den ich dir erfolgreich gestohlen habe.«

»Du bist ein richtig toller Bursche«, erklärte sein Großvater Adrian Endercott daraufhin mit einem breiten Grinsen in der Stimme und Finn lachte. »Und du rufst mit Sicherheit nicht um diese Uhrzeit bei mir an, nur um mir von deiner erstklassigen Diebesbeute zu erzählen. Ist in eurer Bar heute Abend etwa so wenig los, dass du vor lauter Langeweile einfach beschlossen hast, deinen armen, uralten Großvater von seinem verdienten Schönheitsschlaf abzuhalten?«, wurde er gleich darauf gefragt und Adrian schnaubte prompt empört, als er daraufhin heiter gluckste. »Du bist und bleibst ein viel zu frecher Bursche, der dringend übers Knie gelegt gehört.«

Wie er diese immer so liebevoll hervorgebrachte Drohung doch liebte. Finn grinste. »Eben war ich noch ein richtig toller Bursche.«

»Das war eben und nicht jetzt«, konterte Adrian prompt.

Finn verbot sich ein weiteres Lachen. »Ich wollte eigentlich bloß mal hören, was deine geheimen Pläne bezüglich meines baldigen Ehemannes so machen?«

»Du willst doch gar keinen«, grollte es prompt und äußerst entrüstet an sein Ohr und Finn lachte leise, da das mittlerweile Adrians Standardantwort war, sobald er seinem Großvater die Frage stellte, dabei wussten sie beide, dass das den alten Mann nie und nimmer vom kuppeln abhalten würde.

»Hat dich das je aufgehalten?«

»Natürlich nicht … Pah!«, schimpfte Adrian, weil Finn jetzt doch loslachte. »Warte es nur ab, ich finde den perfekten Mann für dich, und ich wette mit dir, du wirst ihn lieben und sogar vom Fleck heiraten.«

Und die Chance, dass das genau so passierte, stand leider mehr als nur gut, deswegen entschied Finn, Adrians Worte fürs Erste besser zu ignorieren. Er hatte seinen Großvater ohnehin aus einem bestimmten Grund angerufen. Der geklaute Whisky und die alberne Plänkelei waren nur ein Vorwand und weil er dieses Gespräch nicht mit Cole in der Nähe führen wollte, kam er jetzt besser schnell zur Sache.

»Grandpa, ich brauche deinen Rat.«

»Inwiefern?«, fragte Adrian sofort ernst und das liebte Finn an seinem Großvater, denn wenn es darauf ankam, war auf ihn zu jeder Zeit Verlass. Ganz egal, ob es mitten in der Nacht war oder er gerade unter der Dusche stand.

»Mein leiblicher Vater. Ich nehme an, du weißt Bescheid?«

»Worüber? Dass er dir ständig zu Hause auflauert? Dass er die Frechheit besitzt, dir zu drohen? Dass er trotz gerichtlicher Verfügung keinerlei Abstand zu dir hält?« Adrian stieß abfällig die Luft aus. »Wenn du das meinst, Bursche, dann ja, ich weiß sehr genau über all diese Dinge Bescheid, und ich bin gar nicht glücklich über deine Entscheidung, weiterhin allein in deinem Apartment wohnen zu bleiben, solange dieser gestörte Mensch nicht hinter Schloss und Riegel sitzt und du dadurch endlich wieder vor ihm sicher bist.«

Finn seufzte leise. »Dad?«

»Wer sonst? Er macht sich Sorgen. Das tun beide. Aber das lassen sie sich möglichst nicht anmerken, weil du ein Sturkopf bist und nichts von einem Personenschützer wissen willst.«

Jetzt stöhnte Finn. Nicht das Thema wieder. Sie hatten über die Weihnachtstage lang und breit darüber diskutiert, seitdem hing ihm die Debatte sprichwörtlich zum Hals raus, weil Finn wirklich keinen Bodyguard an seiner Seite wollte. Er war nicht berühmt und er wollte seinen leiblichen Vater auch nicht noch zusätzlich aufstacheln.

»Grandpa, ich bin doch kein Promi.«

»Na und? Du bist in Gefahr, oder etwa nicht? Und Cole hat nicht immer Zeit, dich nach Hause zu fahren und danach auch sicherzustellen, dass du es unbeschadet ins Haus schaffst.«

»Er hat Corey für nächste Woche mit ins Boot geholt«, sagte Finn, ohne darüber nachzudenken, und verfluchte sich gleich darauf, weil sein Großvater schwieg. »Denk nicht mal dran. Ich kenne dich zu gut, Grandpa.«

»Du magst euren neuen Türsteher. Außerdem ist er ein sehr guter Bursche, der deinem Bruder das Leben gerettet hat.«

»Deshalb muss ich ihn nicht gleich heiraten«, nörgelte Finn und murmelte einen Fluch, als sein Großvater lachte. »Du bist unmöglich und ich werde den Whisky selbst trinken, wenn du es wagst, mich mit Corey zu verkuppeln.«

»Ich hab dich lieb, Bursche.«

Finn lächelte besänftigt. »Ich dich auch«

»Also? Welchen Rat kann ich dir geben?«, fragte Adrian im nächsten Moment und Finn schürzte die Lippen, denn er ahnte bereits jetzt, dass ihm die Antwort seines Großvater auf seine nächste Frage nicht gefallen würde.

»Mache ich einen Fehler? Weil ich Elias' und Maximilians Vorschlag wegen eines Bodyguards abgelehnt habe?«

Adrian antwortete nicht sofort und das ließ Finn Zeit, noch einmal zurück in die Umkleide zu gehen und seine schmutzige Arbeitskleidung in den Wäschekorb zu werfen, weil Cole einen Wäscheservice für sämtliche Mitarbeiter anbot, bevor er einen prüfenden Blick auf seinen Spind warf und genervt die Augen verdrehte, weil ihm auffiel, dass er vorhin vergessen hatte, ihn zu verriegeln. Nachdem das erledigt war, ließ Finn sich auf die Bank sinken, um seinen schmerzenden Füßen zumindest etwas Erholung zu gönnen, bis Cole kam.

»Wenn du mich fragst, muss es nicht unbedingt gleich ein professioneller Personenschützer sein. Ja, ich fände es gut, das streite ich nicht ab, aber das könnte deinen leiblichen Vater nur noch mehr aufbringen. Außerdem ist es unauffälliger, wenn du von Cole oder auch Corey nach Hause begleitet wirst.« Adrian schwieg kurz. »Andererseits besteht die Gefahr, dass sich dein Erzeuger früher oder später auf uns als deine Familie oder auf Corey konzentriert.«

Finn wurde eiskalt, als ihm abrupt bewusst wurde, dass er daran bisher überhaupt nicht gedacht hatte. »Oh mein Gott, ich bringe euch in Gefahr.«

»Nicht unbedingt. Dein Bruder kann sich selbst verteidigen und Corey Wilson ist ein Riesenkerl mit Bergen von Muskeln. Daher stellt sich für mich eher die Frage, ob dein Erzeuger sich an diesen Mann überhaupt herantraut. Dennoch, du hast mich um Rat gebeten und mein Rat ist, akzeptiere Personenschutz. All diese Männer und Frauen werden speziell für solche Jobs ausgebildet und können dadurch viel schneller auf gefährliche Situationen reagieren als du oder ich.«

Das stimmte allerdings und es war vermutlich besser, wenn sein Erzeuger sich auf einen Bodyguard stürzte, statt auf Corey oder seinen Bruder. Wobei Cole das mit Sicherheit ausnutzen würde, um ihm eine Abreibung zu verpassen. Angedroht hatte er es Carl Henderson bereits, nachdem der zum ersten Mal vor seinem Apartmenthaus aufgetaucht war und Cole ihn an dem Abend zufällig heimgefahren hatte, damit er die Großpackung Windeln für die Zwillinge, die Finn spontan im Ausverkauf für Dare und Blake gekauft hatte, nicht eigenhändig nach Hause schleppen musste.

»Na schön«, gab Finn nach, denn der Logik konnte er nicht das Geringste entgegensetzen. »Ich rufe gleich morgen Dad an und sage ihm, dass er sich darum kümmern soll.«

»Du bist ein guter Bursche«, erklärte Adrian zufrieden und Finn verdrehte die Augen.

»Der nicht verheiratet werden will. Auch nicht mit einem hoffentlich verdammt gut aussehenden Bodyguard«, erinnerte er seinen Großvater sicherheitshalber noch mal, allerdings war Finn über dessen darauffolgendes Lachen nicht im Mindesten überrascht. »Grandpa, wehe ...«

»Ich wasche meine Hände natürlich in Unschuld«, erklärte Adrian mit einem Feixen in der Stimme und Finn stöhnte auf. »Was? Willst du mir etwa vorwerfen, dass ich lüge? Ich sage ja immer noch, dass du und Corey Wilson bei unserem Barbecue zu Ehren von Marcs Lebensretter eindeutig geflirtet habt. Was du ausgerechnet an diesem Bodybilder findest, ist mir zwar ein Rätsel, aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Wobei mir einfällt, hat er lange Daumen? Ich habe erst neulich etwas interessantes gelesen. Über einen Vergleich zwischen Daumen und dem männlichen ...«

Ach du lieber Gott. »Gute Nacht, Grandpa«, verabschiedete sich Finn hastig und musste trotzdem grinsen, weil Adrian am anderen Ende der Leitung in schallendes Gelächter ausbrach.

Kopfschüttelnd steckte er das Handy in seine Jackentasche und machte sich auf den Weg zurück in den Barraum. Bis auf die Lampen über dem Tresen war bereits alles in Dunkelheit gehüllt und obwohl Finn es nicht wollte, blieb er abrupt am Türrahmen stehen, der den hinteren Bereich für die Mitarbeiter vom Rest abtrennte, um einen genauen Blick durch den Raum zu werfen. Er hatte seit jeher Angst gehabt, dass sein Erzeuger eines Tages wieder freikam und ihn belästigte, doch seit dieser Fremde, denn mehr war der Mann für ihn nicht, das wirklich tat, wurde er Tag um Tag nervöser und schreckte mittlerweile sogar nachts des Öfteren aus dem Schlaf, weil Finn glaubte, in seiner Wohnung etwas gehört zu haben.

Plötzlich fiel hinter ihm eine Tür zu und Finn zuckte heftig zusammen, während er gleichzeitig herumfuhr und die Hand zur Faust ballte, um auszuholen. Coles »Ach, hier steckst du.« ging in einem Schmerzenslaut unter, weil Finn zuschlug, ohne nachzudenken, genauso wie sein Bruder es ihm vor einer Weile für den Notfall beigebracht hatte. Allerdings war es nicht Cole, der hinterher aufjaulte und losfluchte.

»Scheiße! Fuck, fuck, fuck!« Seine Hand schmerzte wie die sprichwörtliche Hölle und Finn hielt sie mit der anderen Hand fest, während Cole sich lachend die blutende Nase zuhielt. »So lustig ist das nun auch wieder nicht.«

»Oh doch, das ist es. Ich habe dir gesagt, nicht ins Gesicht. Da kannst du auch gleich auf 'nen Ziegelstein draufhauen. Oh Gott, Derrick bringt uns um, sobald er meine Nase sieht.« Sein Bruder kramte nach einer Packung Taschentücher, zerriss eines und stopfte es sich in die Nasenlöcher, bevor er kopfschüttelnd nach seiner Hand griff. »Zeig mal her.«

»Aua!« Finn zischte schmerzerfüllt, denn es tat richtig weh, als Cole sich jeden einzelnen seiner Finger vornahm und am Ende zufrieden schien.

»Nichts gebrochen. Und bevor du fragst, ja, ich kenne den Unterschied. Allerdings wirst du für den Rest der Woche keine vollen Tabletts mehr durch die Gegend schleppen.« Coles Blick wurde ernst. »Und bevor ich dich gleich nach Hause fahre und wir diesen Vorfall hier besser vergessen werden, zumindest in Hinsicht auf unsere Väter und unseren nervigen Großvater … Wir sollten reden, Finn. Dringend.«

Finn seufzte, denn er wusste, was sein Bruder wollte, und nachdem er ihm eben eine verpasst hatte, konnte er kaum noch länger so tun, als würde ihn nicht sonderlich kümmern, dass er von seinem Erzeuger verfolgt wurde. Nicht dass Cole oder der Rest seiner Familie ihm seine gleichgültige Haltung abgekauft hätten, aber das stand auf einem anderen Blatt.

»Ich weiß. Ich habe mit Grandpa telefoniert, als ich auf dich gewartet habe. Gleich morgen früh rufe ich Dad an, damit er mir Personenschutz organisiert.«

Cole verschränkte die Arme vor der Brust und begann mit einem Schuh auf den Boden zu tippen. Da Finn keine Ahnung hatte, was das sollte, zuckte er ratlos die Schultern, was seinen Bruder resigniert stöhnen ließ.

»Derrick hat mich vorgewarnt, dass du nicht kapierst, was ich meine. Schön, dann eben in direkten Worten. Ich will, dass du bist auf Weiteres bei uns einziehst.«

»Was?«, fragte Finn verblüfft, weil er sich eindeutig verhört haben musste.

»Zieh bei uns ein«, bekräftigte Cole seinen Vorschlag noch einmal. »Wenigstens so lange, bis dieser Wahnsinnige wieder hinter Schloss und Riegel sitzt.«

Oh nein. Auf gar keinen Fall. Finn schüttelte entschieden den Kopf. »Das kommt überhaupt nicht infrage.«

»Finn ...«

»Nein!« Er tippte sich vielsagend gegen die Stirn. »Ich habe mich damals bewusst für dieses Apartmenthaus mit Concierge entschieden, weil ich wusste, dass sich unsere Väter sonst rund um die Uhr Sorgen machen würde. Malcolm wird ihn nicht ins Haus lassen, das weißt du. Ich ziehe garantiert nicht zu Derrick und dir. Ihr habt zwei Teenager im Haus, du Idiot.«

Cole murmelte einen Fluch. »Dann ziehst du eben zurück nach Hause.«

Herrje, langsam drehte seine Familie genauso durch wie er selbst. Zuerst Bodyguards, dann ein vorübergehender Umzug zurück nach Hause und jetzt Coles Angebot. Was kam wohl als nächstes? Eine Fußfessel? Oder lieber gleich ein GPS-Sender im Schuh? Irgendwann würde er sich in Finn Bond umbenennen müssen, weil er genauso durch die Weltgeschichte schlich, wie der berühmte Geheimagent ihrer Majestät.

»Vergiss es. Maria bringt immer wieder ihre Enkel mit und wie dir nicht entgangen sein dürfte, gibt es in unserer Familie seit letztem November zwei süße Babys. Von Lilly und Brody will ich gar nicht erst anfangen. Ich bleibe in meiner Wohnung und damit basta!«

»Finn!«

»Keine Widerrede. Er kann sich an mir vergreifen, aber ich bringe garantiert nicht unsere Familie in Gefahr. Soweit kommt es noch.« Finn grinste böse, als ihm ein Gedanke kam. »Hey, ich könnte mir eine Waffe kaufen.«

Cole sah ihn finster an. »Nur zu, wenn du mit dem Konter von Großvater leben kannst. Oder wäre dir Emma lieber? Ach, nein, warte, ich rufe mal schnell Elias an und erzähle ihm von deinem grandiosen Waffenplan. Er ist bestimmt so begeistert, dass er sofort aus dem Bett klettert, herkommt und dich übers Knie legt.«

»Du hast Maximilian vergessen«, murrte Finn beleidigt und verdrehte die Augen, als Cole prompt anfing zu lachen. »Schon gut, schon gut, vergiss es einfach. Trotzdem. Ich bleibe bei mir. Ich akzeptiere, dass du und Corey mich heimbringen, bis Dad einen Bodyguard für mich engagiert hat, aber ich werde mich nicht einsperren oder verstecken.« Finn rieb unwillkürlich über seinen rechten Oberarm, da seine Narbe dort auf einmal stark juckte. »Ich war nicht jahrelang wegen meiner Angstzustände bei Sean in Therapie, um jetzt wieder damit anzufangen mich aufzuführen, als lauere hinter jeder Ecke ein Wahnsinniger, der mich ermorden will.«

»Die Einsicht kommt eh zu spät.« Cole betastete vorsichtig seine Nase. »Du hast mir schon eine runtergehauen, sofern dir das entfallen sein sollte.«

Oh nein, dafür würde er sich mit Sicherheit kein schlechtes Gewissen einreden lassen. Finn schnaubte und ging rüber zum Tresen, um den Whisky für Adrian zu holen. »Dann schleich nicht im Dunkeln hinter mir rum. Wo warst du überhaupt?«

Cole gluckste. »Auf dem Klo, um nachzusehen, ob wirklich alle Fenster zu sind. Die Jungs vergessen die immer.«

Stimmt, fiel Finn ein, denn durch eines der Fenster war erst vor ein paar Wochen ein Obdachloser eingestiegen und hatte sich danach ungeniert am Alkohol bedient. Mittlerweile war er wieder nüchtern und half Cole beim Papierkram für seine Bars, denn der Obdachlose hatte sich als Steuerberater entpuppt, der einfach nur eine zweite Chance gebraucht hatte.

Genauso wie Corey Wilson, ihr neuester Türsteher. Ein Ex-Knacki, der sich im letzten Jahr einfach an die Bar gesetzt und nach einem Job gefragt hatte, weil sein Bewährungshelfer Cole kannte und fand, dessen Bar wäre der perfekte Ort für Corey, um noch einmal von vorn anzufangen. Sein Bruder hatte einen langen Blick auf Corey geworfen, danach sein Handy gezückte, um sich mit dem Bewährungshelfer zu unterhalten, und Corey keine Stunde später vom Fleck weg eingestellt.

Finn mochte ihn, obwohl Corey ein verdammter Riese war, da gab er Adrian sogar recht. Über 1,90 m groß, mindestens. Er hatte noch nicht viel Gelegenheit gehabt, mit Corey zu reden, aber er hatte im Garten seiner Väter definitiv mit ihm geflirtet und dabei jede Menge Spaß gehabt. Bis ihm abrupt eingefallen war, wie sein Großvater das möglicherweise verstehen könnte. Seither wahrte er in der Bar immer eine professionelle Distanz, auch wenn Corey die nie davon abhielt ihn anzugrinsen, wenn er in seinen Pausen an der Bar saß und ihn beobachtete, wie er Drinks und Essen zu den Tischen brachte, dabei ungeniert mit ihren Gästen flirtete und auch schon mal mit strengerem Blick tadelnde Klapse verteilte, wenn es sein musste.

»So wie du guckst, denkst du an einen gewissen Mann, der für mich arbeitet.«

»Tue ich nicht.« Finn stieß resigniert die Luft aus, weil sein Bruder daraufhin in Gelächter ausbrach. »Ja, ich denke an ihn. Kannst du mir das verübeln? Der Mann ist ein Riese.«

»1,92 m«, erklärte Cole und grinste frech, weil Finn ihn jetzt misstrauisch ansah. »Bevor du mir noch eine verpasst, weil du denkst, ich habe was mit deinem zukünftigen Ehemann, er war bei seinem Bewerbungsgespräch derartig ehrlich, dass ich jetzt Dinge über Corey weiß, die ich definitiv niemals wissen wollte. Glaub´s mir.«

Finn kam ein Gedanke. »Hat er lange Daumen?«

»Äh, ja, warum? Oh mein Gott, hat Großvater etwa wieder …?« Cole prustete los, als Finn »Frag nicht.« stöhnte. »Himmel, ich will lieber gar nicht wissen, wo er das schon wieder herhat. Schlimm genug, dass er mir erst neulich detailreich von diesem Pornofilm erzählt hat. Du weißt schon, der mit dem Darsteller, der seinen ...«

»Cole!«

Sein Bruder kicherte und breitete dabei die Arme aus. »Ich kann nichts dafür. Er hat davon angefangen, weil er gehört hat, dass Derrick überlegt sich ein Tattoo stechen zu lassen, um ihn damit zu ärgern.«

Finn stutzte. »Derrick will ein Tattoo? Hey, warum weiß ich davon noch gar nichts?«

»Weil Großvater uns besucht hat, um zu entscheiden, ob er sich auf die Seite dieser beiden Teufelsbraten stellt, die bald bei mir nackt in der Bar tanzen wollen«, antwortete sein Bruder mit einem finsteren Blick und boxte ihm gegen den Oberarm, weil es jetzt Finn war, der losprustete. »Das ist überhaupt nicht lustig. Wir reden hier schließlich über meine Söhne.«

Und genau deswegen war Finn auch der Meinung, dass die zwei nirgends besser aufgehoben sein würden als in ihrer Bar. Ja, natürlich würde es seltsam sein, Logan und Matt fast nackt – den Slip behielten ihre Tänzer nämlich immer an, auch wenn der kaum etwas verbarg – auf der Bühne zu sehen, aber in den Bars von Cole würden die beiden sicher vor Übergriffen sein, weil jeder ein Auge darauf haben würde, dass ihnen absolut nichts passierte. Sein Bruder wusste das nicht oder aber er tat so, doch seine Mitarbeiter, und damit war ausnahmslos jeder gemeint, liebten ihn, weil er ein großartiger Chef war. Und sie liebten auch Derrick, der sich mittlerweile angewöhnt hatte, wenigstens zwei Abende in der Woche in der Bar mitzuhelfen oder an einem der Tische zu sitzen und Cole lächelnd dabei zu beobachten, wie der mit Gästen und seinem Team sprach, um immer auf dem Laufenden zu sein.

Die zwei war ein auf den ersten Blick ungewöhnliches Paar, aber sie liebten sich über alles und nutzten jede freie Sekunde, um zusammen zu sein. Vor allem ohne die Jungs, die an »ihren Abenden«, wie Cole und Derrick es nannten, entweder in der Obhut eines Babysitters oder bei Elias und Maximilian waren. Ab und zu waren auch schon ihre Großeltern eingesprungen oder Joe und Marc, die mit Brody den dritten Halbwüchsigen in ihrer Familie aufzogen.

»Lass sie für dich tanzen, Cole«, sagte Finn daher. »Hier bei uns wird jeder ein Auge auf sie haben, und das weißt du auch. Noch dazu arbeitet einer der besten Tänzer der Stadt für dich, der in ein paar Jahren zu alt für die Bühne sein wird und dann einen neuen, ebenfalls sicheren Job braucht.«

Finn gab sich unschuldig, als Cole die Stirn runzelte. »Wie meinst du das?«, wollte sein Bruder dann wissen.

»Wer könnte deinen Jungs das Tanzen besser beibringen als Patrick?«, fragte er und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Theke. »Er hat Ballett von der Pike auf gelernt, war jahrelang Mitglied beim 'New York City Ballett', hat mit Ende zwanzig auf Streetdance und erotischen Tanz umgeschwenkt und gibt mittlerweile jedem Tänzer von uns ab und zu Privatstunden. Der Mann ist ein Genie und du hast drei Bars, in denen ständig Tänzer auftreten, die lernen wollen, sich aber meistens keine professionelle Ausbildung geschweige denn einen Privatlehrer leisten können.« Finn hob vielsagend eine Braue. »Patrick wird in zwei Jahren Vierzig. Er kann nicht für immer auf der Bühne stehen. Also biete ihm gefälligst einen festen Job als Lehrer für deine Tänzer an.«

»Mit seiner Ausbildung könnte er überall hingehen«, sagte Cole nachdenklich und Finn nickte, während er sich dabei ein belustigtes Grinsen verkniff. Patrick würde dieser Bar freiwillig nie den Rücken kehren. Jedenfalls nicht, solange Branson hier als Barkeeper arbeitete.

»Oh ja, deswegen hat er die letzten drei Anfragen aus New York City auch abgelehnt, weil er unbedingt von hier weg will, denn du bist ein ganz furchtbarer Boss, den er gar nicht schnell genug hinter sich lassen kann.«

Cole stöhnte laut auf. »Okay, okay, ich habe es verstanden. Herrgott, Finn, wieso weißt du solche Dinge immer viel früher als ich?«

»Weil die Leute mit mir reden.« Finn lachte leise. »Und weil ich sie ungeniert ausfrage, wenn es sein muss. Patrick grübelt schon seit Monaten darüber nach, was er machen soll, wenn er nicht mehr auf der Bühne stehen kann. Außerdem hat er seine Liveauftritte in letzter Zeit merklich zurückgeschraubt.«

Cole nickte. »Ja, ich weiß. Sein Knie macht ihm Probleme.«

Auch das wusste Finn längst. »Er will nicht wieder zurück nach New York, Cole, obwohl sie ihm ein festen Engagement über fünf Jahre angeboten haben. Er will frei tanzen und er will hier bleiben. Was wahrscheinlich an einem gewissen Barkeeper liegt, den du erst vor ein paar Monaten eingestellt hast.«

»Branson?« Coles Augen weiteten sich begreifend, als Finn nickte. »Weiß er Bescheid?«

Da konnte Finn nur raten, aber nachdem was Branson ihm vorhin erzählt hatte, bezweifelte er es. »Selbst wenn, ich glaube nicht, dass er für eine neue Beziehung schon bereit ist.«

»Wie kommst du darauf?«, fragte Cole und Finn schürzte die Lippen.

»Branson hat mir heute etwas sehr Privates anvertraut, das er dir selbst erzählen wird, wenn er soweit ist, denke ich. Nur soviel, er hat jemanden verloren, der ihm wichtig war.«

»Mist«, murmelte Cole und fuhr sich durchs Haar. »Na gut, lassen wir das. Das Privatleben meiner Mitarbeiter ist für mich tabu und das wird es auch bleiben. Aber ich werde, was Patrick angeht, auf dich hören und ihm so schnell es geht einen neuen Job anbieten. Das heißt, sobald ich herausgefunden habe, was man einem Tänzer mit seiner Ausbildung pro Stunde zahlt.«

»Braver Junge«, stichelte Finn und lachte, als Cole seufzend die Augen verdrehte. »Was?« Sei lieber froh, dass ich dir nicht erklärt habe, was für ein frecher Bursche du bist. Und jetzt fahr mich nach Hause. Ich habe Diebesgut zu verstecken.«

»Finn!«


Kapitel 2
Corey

»Vielen Dank, Misses C.«

»Du weißt genau, dass kein Dank notwendig ist«, flüsterte Melissa Clarke und öffnete Corey dabei die Tür zu ihrem extra für Corrie eingerichteten Gästezimmer. Sie eilte an ihm vorbei und schlug die mit bunten Blumen bestickte Bettdecke zurück, damit er seine kleine Schwester auf das Bett legen konnte, die davon Gott sei Dank nicht aufwachte. »Ich bin so froh, dass sie uns mag und wir passen gern auf deinen süßen Schatz auf, das weißt du. Dank ihr hat Jim endlich wieder jemanden, mit dem er über die Welt und das Universum an sich diskutieren kann.« Die alte Dame zwinkerte ihm neckend zu. »Wie war heute euer Abendessen?« Corey zog eine gequälte Grimasse und Melissa gluckste. »Ach je, so schlimm?«

»Erdnussbuttersandwichs«, antwortete er, so als würde das alles erklären, und im Grunde tat es das auch, denn sie kannte die Probleme, die Corey momentan hatte, wenn es darum ging, Corries zum essen zu bewegen.

Melissa schmunzelte. »Du hasst Erdnussbutter.«

»Sagen Sie ihr das«, konterte er und deutete auf Corrie, um gleich darauf zu belustigt zu grinsen, weil seine Schwester im Schlaf genüsslich schmatzte.

»Sie hatte jedenfalls ihren Spaß, würde ich mal sagen. Hast du Hunger, Corey? Wir haben noch Burger übrig, die kann ich dir schnell braten, ehe du zur Arbeit fährst.«

Coreys Magen knurrte vernehmlich, bevor er ihr Angebot dankend ablehnen konnte, und die alte Dame winkte ihn breit grinsend aus dem Zimmer in ihre urig eingerichtete Küche, die alles und noch mehr beherbergte, was man zu zweit tagtäglich brauchte, und die, obwohl die Möbel und Geräte längst in die Jahre gekommen waren, trotzdem weitaus gemütlicher war als seine eigene hochmoderne Küche, die er beim Einzug in sein Apartment vom Vormieter übernommen hatte und die Corey derzeit vor allem dafür nutzte, sich morgens Kaffee zu kochen oder für Corrie ihre heiß geliebten Erdnussbuttersandwichs zu machen.

Für eine Person zu kochen lohnte sich nicht, ganz davon ab, dass er es ohnehin nur sporadisch konnte und im Normalfall mit belegten Sandwichs oder Tiefkühlpizza glücklich war. Erst seit Corrie bei ihm lebte, hatte er sich ein wenig näher mit dem Thema beschäftigt, gesunde Mahlzeiten zuzubereiten, bis ihm klargeworden war, dass Essen für seine Schwester ein Problem war, dem man mit klugen Argumenten nicht beikam.

»Wie sind ihre letzten Tests gelaufen?«, fragte Melissa und öffnete den Kühlschrank.

»Nicht gut. Sie sind immer noch nicht sicher, ob es nur ein Asperger-Syndrom oder richtiger Autismus ist. Als würde das für mich einen Unterschied machen.« Corey zuckte lässig mit den Schultern, als Melissa ihn fragend ansah. »Ich liebe sie. Sie ist meine kleine Schwester und wenn ich für sie die nächsten Tage oder Monate Erdnussbuttersandwichs essen muss, damit sie überhaupt etwas isst, dann mache ich das. Mir ist egal, wie die Diagnose am Ende lautet, sofern wir je einen Arzt finden, bei dem sie nicht sofort völlig dicht macht.«

»Sie kann Ärzte wirklich nicht leiden«, stimmte Melissa zu, während sie saftiges Fleisch und alles weitere, das sie für ihre umwerfenden Burger brauchen würde, aus dem Kühlschrank holte und danach eine Pfanne auf den Herd stellte.

Da er ihr in der Küche nicht helfen durfte, setzte sich Corey an den Esstisch und sah ihr zu, wie immer erleichtert darüber, was für ein Glück er gehabt hatte, als er im vergangenen Jahr, ein paar Wochen nach dem Vorfall mit Marcs Küche, zufällig über das alte Ehepaar gestolpert war. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn Corrie hatte an jenem Abend einen Trotzanfall vom Feinsten gehabt und er war mit ihr auf seinen Armen auf dem Weg in seine Wohnung gewesen. Nur war es unmöglich ein kleines, bockendes und schreiendes Kind ruhig zu halten und nebenbei auf den Weg zu achten.

Corey hatte sich noch Wochen später geschämt, dass er das Paar nicht rechtzeitig gesehen und über den Rollstuhl von Jim Clarke gefallen war. Der ehemalige Uni-Professor hatte ihn mit einem verwunderten Blick angesehen und dann Corrie gefragt, ob sie Einstein kennen würde. Das hatte seine Schwester sofort beruhigt und wenig später waren der alte Mann und Corrie in eine Debatte über die Gefahr von Atomkraft vertieft gewesen. Zwei Genies, die jeder für sich Probleme hatten, denn während seine Schwester durch ihren Autismus als hochintelligent, aber leider auch ziemlich schwierig galt, hatte Jim Clarke mit seiner Demenzerkrankung zu kämpfen, die für ihn immer wieder die Tage zur Hölle machte, an denen er seine eigene Ehefrau nicht mehr erkannte und kaum wusste, welches Jahr sie hatten oder wo er überhaupt war.

»Aber immerhin mag sie ihre neue Schule«, meinte Melissa auf einmal und Corey lächelte unwillkürlich, denn das Drama mit Corries vorheriger Schule, wo die Lehrer weder verstanden noch sich wirklich ernsthaft dafür interessiert hatten, was für ein schlaues und zugleich besonderes Kind Corrie war, hatte er noch viel zu gut in Erinnerung.

Doch seit dem neuen Schuljahr ging sie in eine Privatschule für Begabte, die er sich nur dank der Förderung einer Stiftung leisten konnte, die unter der Schirmherrschaft der Endercotts stand – ein Tipp von Cole, nachdem er seinem Boss von seinen Geldproblemen erzählt hatte –, und war dort überglücklich. In dieser Schule gab es keine Klassen 1 bis 12, sondern gemischte Lerngruppen jeden Alters, in denen im Höchstfall zehn Kinder zusammensaßen und gemeinsam nach ihren ganz besonderen Bedürfnissen und Kenntnissen lernten.

»Sie können sich nicht vorstellen, wie froh ich darüber bin. Dort gibt es nur Genies und sie kann jederzeit zeigen, was sie drauf hat. Neulich war Corrie mit ihrem Lehrer in eine Debatte über Einstein vertieft, als ich sie abgeholt habe.«

»Wie viel hast du verstanden?«, fragte Melissa amüsiert.

»Nicht ein Wort«, gab Corey zu und Melissa lachte, ehe sie ihm einen Teller mit zwei dick belegten Burgern hinstellte. »Ich werde fett, wenn ich ständig bei Ihnen esse.«

»Dafür hast du zu viele Muskeln«, winkte die alte Lady mit einem Feixen ab und nahm sich ein Glas aus dem Schrank. Wenig später saß sie bei ihm am Tisch, trank Orangensaft und lauschte kurz in Richtung Flur, als es klapperte. Doch es blieb ruhig und Melissa lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.

»Wie geht es Mister C?«, fragte er nach dem ersten Bissen und stöhnte genüsslich. »Sie kochen göttlich, Misses C.«

»Danke. Und nenn mich endlich Melissa.«

»Natürlich, Misses C.«

Sie lachte heiter und deutete mit dem Finger auf ihn. »Du bist und bleibst ein frecher Kerl. Das gilt übrigens auch für den Jungen, den du letztes Jahr gerettet hast. Wie man so hört, hat er mittlerweile seinen Künstler geheiratet?«

Als wäre das eine Neuigkeit. Das Paar war an Weihnachten von einer geschmückten Limousine abgeholt worden, begleitet von einer Schar johlender Freunde und natürlich sämtlichen Mitgliedern der Endercott-Familie. Die ganze Straße hatte das Spektakel mitbekommen und Marc war vor lauter Verlegenheit knallrot im Gesicht gewesen, während Jack Parker ihn geküsst und hinterher lachend in die von Adrian Endercott organisierte Limousine gezerrt hatte. Und das wusste Corey, da die Brüder das in Coles Bar ausführlich geplant hatten. Inklusive lautem Gelächter und jeder Menge schmutziger Witze.

Seither wusste er mehr über diese verrückte Familie, als er jemals erwartet hatte, was ihm irgendwann hoffentlich nützlich sein würde, sobald es darum ging, mehr zu tun, als mit Finn Henderson harmlos zu flirten. Corey räusperte sich und schob seinen Gedanken an den schlaksigen Bruder seines Bosses zur Seite, der ihm schon an Silvester in sehr unmissverständlichen Worten mitgeteilt hatte, dass er ihn mit Betonschuhen im Meer versenken würde, sollte er Finn je unglücklich machen.

Corey hatte nichts dergleichen vor, trotzdem würde er mit Vorsicht und behutsam an die Sache herangehen, denn obwohl Finn ihn mochte, das wusste er, hatte er sich zuletzt von ihm zurückgezogen und dafür war wahrscheinlich sein leiblicher Vater verantwortlich, den Corey nur zu gern mal in die Finger bekommen hätte, um ihm eine Abreibung zu verpassen. Dieser prügelnde Mistkerl stalkte bereits seit Wochen seinen eigenen Sohn und reihte sich damit ein in die lange Reihe von Vätern, die diese Bezeichnung nicht verdienten.

Sein eigener Vater war auch so ein widerlicher Drecksack, der mit Genuss seine eigene Ehefrau schlug und sich am Ende sogar an Corrie vergriffen hatte. Gott sei Dank war er da schon aus dem Gefängnis raus gewesen und hatte eingreifen können, nachdem seine süße, unschuldige Schwester ihn eines abends überraschend auf dem Handy angerufen hatte. Sie hatte so laut geweint, dass er fast zehn Minuten gebraucht hatte, um aus ihr herauszubekommen, was los war, doch danach hatte er keine Sekunde gezögert und war zu der Bruchbude von Haus etwas außerhalb von Boston gefahren, um sie zu holen.

Nur einige Tage später hatte das Jugendamt sie offiziell aus der Familie genommen und bei ihm einquartiert, da es so gut wie unmöglich gewesen wäre, für ein Mädchen wie Corrie eine Pflegefamilie zu finden. Tja, und so war er von jetzt auf gleich praktisch Vater einer einzigartigen Tochter geworden, und das gerade erst frisch aus dem Gefängnis entlassen, ohne einen Job und ohne vernünftige Perspektive. Die hatte ihm anschließend sein Bewährungshelfer geboten, nachdem er ihm erzählt hatte, wie es in seinem Leben im Augenblick aussah, denn der Mann kannte Cole Brighton aus einem Boxclub und er wusste, dass der ständig neue Mitarbeiter für seine drei Bars suchte.

Und weil Cole Brighton zig Leute kannte, die ihm Gefallen schuldeten, war es danach kein großes Problem gewesen, eine bezahlbare Wohnung zu finden, die für Corrie und ihn weitaus passender war, als das kleine Hotelzimmer, in dem er bis dato mit ihr gehaust hatte.

Noch vor einem Jahr hatte er im Knast die Tage gezählt und den herbeigesehnt, an dem er in die Freiheit entlassen werden würde. Heute lebte er in einem großen Apartment, hatte einen sicheren Job und war für ein 9-jähriges Genie verantwortlich, das ihn seit einer Woche dazu zwang, Erdnussbuttersandwichs zu essen, da sie im Moment einfach nichts anderes aß. Vorher waren es Rühreier gewesen und davor Marmeladenbrote.

Corey fragte sich jetzt schon, womit Corrie ihn als nächstes überraschen würde, und auch wenn ihre Ernährung durch ihre Besonderheit ziemlich einseitig war, sparte er andererseits jede Menge Geld, das er wiederum in Bücher und schöne Kleidung für sie investierte, denn Corrie hatte kaum etwas besessen, als er sie aus ihrem gemeinsamen Elternhaus geholt hatte.

Aber das war kein Thema für ein abendliches Gespräch mit Melissa Clarke, obwohl sich die ehemalige Köchin vermutlich längst ihren Teil dazu dachte, warum ein 29-jähriger Türsteher seine kleine Schwester großzog.

Corey lachte leise. »Haben Sie etwa mal wieder am Fenster gestanden und geguckt, was gegenüber los ist?«

Melissa grinste frech. »Natürlich. Ich bin eine alte Lady und habe nicht viel zu tun. Außerdem ist gegenüber immer was los, seit der Endercott-Junge ernsthaft versucht, kochen zu lernen. Vorgestern stieg dichter, schwarzer Rauch durch die Balkontür nach draußen, während die beiden laut hustend und keuchend versuchten, irgendetwas zu retten, das Marc gekocht hatte. Ich hoffe doch für dich, du hast deinen Feuerlöscher vom letzten Mal mittlerweile wieder auffüllen lassen.«

»Sie haben selbst einen, Misses C.«

»Nur einen?«, fragte seine Nachbarin gespielt entsetzt und Corey prustete los. »Lach nicht. Sie sollten sich lieber heute als morgen einen Feuerwehrmann engagieren. Irgendwann brennt der Junge noch das Haus ab.«

»Oder er jagt es in die Luft«, konterte Corey belustigt und nahm sich den nächsten Burger vor. »Laut meinem Boss laufen in der Hinsicht wohl einige familiäre Wetten.«

Melissa schüttelte feixend den Kopf, dann schnipste sie mit den Finger. »Da fällt mir ein, ich habe das Keksrezept, das du mit deiner Süßen ausprobieren wolltest. Ganz einfach mit viel Kakao. Ich hole es schnell.« Sie verschwand aus der Küche und Corey hörte sie kurz mit ihrem Mann reden, bevor sie wieder zu ihm in die Küche trat, einen Zettel in der Hand. »Jim freut sich aufs Frühstück morgen. Er ist fest entschlossen, Corrie mit den Freuden von gebratenem Speck bekanntzumachen … Und was deine Frage angeht, Jim hatte heute einen guten Tag.« Ihr Blick verriet ihm deutlich, wie sehr sie sich darüber freute.

»Wenn Sie jemals Hilfe mit ihm brauchen, Misses C ...«

»Ich weiß, mein Junge, ich weiß.« Sie legte ihm liebevoll die Hand an die Wange und widmete sich dann wieder ihrem Saft. »Und ich werde nicht zögern, darum zu bitten, darauf habe ich dir schließlich mein Wort gegeben. Aber noch kommen wir gut zurecht und Corrie ist der Sonnenschein in seinem Leben, den du uns hoffentlich niemals wieder verwehrst.«

»Warum sollte ich?«, fragte Corey lächelnd und stand auf, um sich die fettigen Finger zu waschen. »Sie liebt Sie und Jim, ich könnte mir keine besseren Großeltern für sie wünschen.«

»Wirst du es mir irgendwann erzählen?«

Corey wusste sofort, was sie meinte und schürzte kurz die Lippen, bevor er den benutzten Teller abwusch und sich dann wieder zu ihr setzte. Ihre Blicke trafen sich. »Sie haben bislang nie danach gefragt.«

»Jeder Mensch darf seine Geheimnisse haben, Corey, und du hattest genug damit zu tun, dir das neue Leben mit deiner kleinen Schwester einzurichten. Aber mittlerweile habt ihr zu einem einigermaßen normalen Alltag gefunden und ab und zu spricht Corrie von ihnen. Meistens, wenn sie spielt oder einen Anfall hat.«

Corey merkte auf. »Anfälle? Davon haben Sie mir nie etwas gesagt, Misses C.«

Die alte Dame winkte lässig ab. »Warum denn? Jim und ich kommen gut mit ihr klar, selbst wenn sie bockt oder schreit. Es braucht nur ein bisschen Zeit und Ablenkung und darin ist Jim längst ein Meister. Sobald er Corries Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, beruhigt sie sich wieder.« Melissa sah ihn ernst an. »Sie spricht im Schlaf und sie hat Angst vor eurem Vater.«

Corey seufzte und senkte den Blick. »Ich weiß. Ich kam fast zu spät an dem Abend, als ich sie von dort weggeholt habe. Sie redet mit mir nicht darüber, ich habe es versucht, aber Corrie hat jedes Mal sofort dichtgemacht und sich dann über Stunden in sich selbst zurückgezogen. Damit kann ich nicht umgehen. Es ist eine Sache, für Corrie einen Tagesablauf mit festen Zeiten und Regeln festzulegen, die es ihr leichter machen, aber wenn sie mich stundenlang ignoriert, dabei auf ihrem Bett sitzt und stumm auf und ab wippt, das macht mich fix und fertig.«

Melissa nickte verständnisvoll, als Corey zu ihr aufsah. »Sie ist ein wirklich bezauberndes, aber eben auch ganz besonderes Mädchen, und ich denke, du machst einen wunderbaren Job als Vater, obwohl du eigentlich ihr Bruder bist. Mit der Zeit wirst du Routine für sie entwickeln und wer weiß, wie sie sich in den nächsten Jahren entwickelt.« Die alte Dame zwinkerte ihm neckend zu. »Ich drücke dir natürlich beide Daumen, dass ihre derzeit so heißgeliebten Erdnussbuttersandwichs bald der Vergangenheit angehören.«

Corey prustete los.

***

Zwei Stunden später stand Corey an seiner üblichen Stelle vor der Eingangstür der Bar und verdrehte genervt die Augen, als er in der wartenden Menge einen jungen Kerl erkannte, den er heute schon zweimal abgewiesen hatte, da Cole keinen Wert darauf legte, Betrunkene in seiner Bar zu haben und dazu auch eine entsprechende Regel erlassen hatte, die zudem gut lesbar auf Hinweisschildern stand, die in den Fenstern und direkt am Eingang hingen.

Sam, der heute mit ihm arbeitete, weil ein Freitagen immer mehr los war, als ein Türsteher allein bewältigen konnte, warf ihm einen resignierten Blick zu. Er hatte den störrischen Bengel also auch schon gesehen.

»Wie alt ist der Junge? Zwölf? Wieso lernen diese Typen es eigentlich nicht?«, fragte Sam leise und winkte ein männliches Paar in die Bar, die sie beide schon kannten, denn die älteren Männer waren Stammgäste und einer der beiden flirtete immer mit Finn, sobald er ihn entdeckte.

»Weil sie zu besoffen sind, um noch genug Gehirnzellen im Kopf zu haben«, murmelte Corey und lockerte seine Schultern, denn der junge Mann war gleich bei ihnen und er sah nicht so aus, als würde er sich noch einmal von freundlichen Worten beeindrucken lassen. Trotzdem würden sie es versuchen, denn das taten sie immer. Cole mochte keine Prügeleien, auch wenn ihr Boss sich nie zu schade war, selbst mitzumischen, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Bisher hatte Corey so eine Situation aber selbst noch nicht erlebt, sondern kannte nur Erzählungen der anderen im Team, die allesamt von Coles Rechter ziemlich beeindruckt waren.

Sam ließ einen jungen Mann im Anzug in die Bar, warf ihm einen fragenden Blick zu und betätigte den Notfallknopf neben der Tür. Eine Sicherheitsmaßnahme, die Cole eingebaut hatte, um seine Mitarbeiter zu schützen und zu unterstützen, sobald sich ernste Probleme anbahnten, deshalb dauerte es auch keine Minute, bis sich die Eingangstür hinter ihnen öffnete. Nur war es leider nicht Cole, der dann nach draußen trat, sondern Finn. Corey fluchte innerlich.

»Was ist los?«, wollte Finn wissen.

Sam räusperte sich. »Blaue Jacke. Basecap. Sturzbetrunken. Wir haben ihn schon zweimal abgewiesen und sein Blick zeigt deutlich, dass er jetzt auf Ärger aus ist.«

»Drogen?«, fragte Finn leise und verschränkte nebenbei die Arme vor der Brust. Er hatte den Störenfried bereits im Blick und Corey rückte unwillkürlich näher an ihn heran, denn Finn war um einiges kleiner und schmaler als Sam und er selbst es waren, und keiner von ihnen war scharf darauf, Coles Zorn auf sich ziehen, falls Finn hier draußen verletzt wurde.

»Schwer zu sagen, würde mich aber nicht wundern«, sagte Sam und Finn nickte nur, bevor er einen entschlossenen Blick aufsetzte, denn der Trunkenbold hatte sie erreicht und sah nun zwischen ihnen umher, ehe sein Blick auf Finn hängenblieb.

»Was soll das denn?« Ein hämisches Grinsen legte sich über das Gesicht des Bengels. »Willst du mir jetzt schagen, dass ich mich verpischen soll?«

Meine Güte, war der Junge besoffen. Corey sah fragend zu Finn, der jedoch nur leicht den Kopf schüttelte, ehe er vor Sam und ihn trat, und obwohl er etwas kleiner als der Störenfried war, schien er auf einmal größer als der zu wirken und das fiel auch dem jungen Kerl auf, denn er stutzte und wich dann nach hinten zurück, bis die nächsten Gäste ihn stoppten, da er ihnen sonst auf die Füße getreten wäre.

»Die Regeln für die Gäste sind eindeutig. Betrunken bleibst du draußen, nüchtern darfst du rein.« Finn hob warnend eine Hand, als der Kerl einen Schritt auf ihn zumachte. »Versuch es gar nicht erst. Du bist zu langsam und zu betrunken, um mich zu überrumpeln. Geh nach Hause und komm nüchtern wieder, dann gebe ich dir einen aus und wir vergessen den peinlichen Auftritt hier.«

Die restlichen Männer in der Warteschlange nickten, leider war der stockbesoffene Bengel nicht so schlau wie sie, denn er versuchte sein Glück wirklich und griff nach Finn. Doch Coles Bruder hatte damit offenbar gerechnet, denn er machte einfach einen Schritt nach links und ließ den Kerl dadurch ins Leere stolpern, der nicht mehr das nötige Gleichgewicht hatte, um sich zu halten, sondern der Länge nach auf den Boden schlug. Das spöttische Gelächter der Menge verstummte nach einem Blick von Finn sofort wieder, bevor der sich zu dem Betrunken hockte und ihm etwas zuflüsterte, das Corey genauso wenig verstand, wie die Antwort des Stänkerfritzen.

Doch offensichtlich hatte Finn die richtigen Worte gewählt, denn der junge Kerl nickte und ließ sich danach sogar von ihm aufhelfen. Finn sah zu ihnen. »Sam, rufst du für Jonathan bitte ein Taxi? Es wird Zeit, dass er ins Bett kommt. Wir feiern seine Beförderung morgen Abend.« Finn zwinkerte dem Störenfried neckend zu. »Das erste Bier geht auf mich, bleibt´s dabei?«

Er bekam ein schiefes Grinsen zur Antwort. »Ich werde hier sein. Punkt 9 Uhr, wie du gesagt hast.«

»Nüchtern«, erinnerte ihn Finn und gluckste heiter, als das mit einem Stöhnen kommentiert wurde. »Hey, ein Versprechen hält man, Mister Bürovorsteher.«

»Okay, okay, ich werde nüchtern sein. Versprochen.«

Finn war zufrieden. »Dann sehen wir uns morgen Abend.«

Damit war die Sache für Finn geklärt und er verschwand in die Bar, während Jonathan bei ihnen blieb, bis sein Taxi eintraf. Der Bengel entschuldigte sich sogar bei ihnen, bevor er in den Wagen stieg, und Corey tauschte einen überraschten Blick mit Sam, ehe sie lachten und sich daran machten, weitere Gäste in die Bar zu lassen.

Die folgende Stunde verging ohne Probleme und als Corey Sam fragte, ob er ein paar Minuten ohne ihn zurechtkam, weil seine nächste Pause anstand, nickte der bloß und Corey machte sich, nach einem Abstecher zu den Toiletten, auf den Weg zur Bar, wo er sich etwas Alkoholfreies zu trinken bestellte, das ihn während der Arbeit nichts kostete. Noch eine Regel von Cole, die Corey gut fand.

Er arbeitete wirklich sehr gerne hier, obwohl es mit Corrie manchmal nicht ganz leicht war, pünktlich zu erscheinen. Aber auch in der Hinsicht hatte er Cole von Anfang an reinen Wein eingeschenkt, woraufhin sein Boss ihm schulterzuckend erklärt hatte, wenn er zu spät kam, hatte er halt länger zu bleiben und beim Aufräumen zu helfen. Notfalls würde er ihm eine längere Verspätung einfach vom Gehalt abziehen. Corey war froh, dass es dazu noch nie gekommen war. Er brauchte jeden Cent, um seine laufenden Kosten zu decken, denn auch wenn er hier gut verdiente, war es nicht gerade billig, ein Kind aufzuziehen.

»Na, Großer? Alles ruhig draußen?« Finn trat vor ihn, ein Geschirrtuch in der Hand, mit dem er ein Bierglas polierte.

»Jap«, antwortete er salopp und prostete Finn mit der Cola zu, die Branson ihm zuvor gegeben hatte. »Aber du darfst gern wieder mit mir nach draußen kommen und übernehmen, dann können Sam und ich früher Feierabend machen.«

Finn lachte und schlug ihn hinterher spielerisch mit dem Geschirrtuch, bevor er sich das nächste Glas vornahm. »Nichts da. Ich liebe meinen ruhigen Job hier drinnen.«

»Wie viele unmoralische Angebote hast du heute Abend schon bekommen?«, fragte er neugierig, weil das schon fast ein Running Gag war. Finn war bei den Gästen schwer beliebt und wenn er nicht mit dem älteren Paar flirtete, das ihn ständig auf einen flotten Dreier einlud, flirtete er mit den anderen Gästen. Er war immer freundlich und für einen Scherz aufgelegt, ganz gleich wie mies es ihm wegen dieses Irren ging, der ihn stalkte, und dafür liebten ihn nicht nur die Gäste der Bar.

»Leider nur eins. Barney und Robert ruinieren schändlichst meinen neuen Rekordversuch.«

Corey lachte leise und sah sich danach zur Tanzfläche um. »Wo sind die zwei überhaupt? Reingelassen haben wir sie, aber rausgekommen sind sie bisher nicht.«

»Hinten rechts. Tisch zehn. Sie werfen sich lange Blicke zu, geilen sich gegenseitig auf und ich wette, Barney kommt heute nicht ohne einen Handjob hier raus.«

Woah. Augenblick mal. Cole hatte eine eindeutige 'Kein Sex in meiner Szenebar'-Regel, die er auch rigoros durchsetzte und die Finns Idee gewesen war, das hatte Cole ihm selbst erzählt, weil die Brüder einfach nicht wollten, dass ihre Gäste sich an den Abenden, an denen die Tänzer auftraten, wegen der Show aufgeilten und sich daneben benahmen. Morgen war wieder so ein Abend und Corey hatte mit Sam Innendienst, um dafür zu sorgen, dass ihre Tänzer unbehelligt blieben, denn es war noch gar nicht so lange her, dass ein angetrunkener Gast erfolglos versucht hatte, auf die Bühne zu kommen.

Solche Vorfälle waren laut Cole selten, aber es gab sie, und darum waren an den Abenden mit Tanzshow immer sämtliche Türsteher im Dienst. Zwei draußen, vier drinnen.

Cole Brighton sorgte in seinen Läden für Sicherheit und er war immer bereit, dafür auch gesondert Geld in die Hand zu nehmen. Aber vor allem war Cole bereit, sich selbst die Hände schmutzig zu machen, wenn er in der Bar Leute bei sexuellen Handlungen erwischte. Solche Gästen wurde rausgeschmissen und bekamen durch die Bank weg Hausverbot. Wer sich nicht an die Regeln hielt, hatte in seiner Bar nichts zu suchen, lautete Coles Motto und Finn stimmte mit seinem Bruder da überein.

Darum konnte Corey seine Verblüffung nicht verbergen, als er sich jetzt zu Finn umdrehte, der daraufhin laut loslachte und damit verriet, dass er ihn nur verarscht hatte. »Danke sehr. Das hätte ich mir eigentlich denken sollen.«

»Ja, das hättest du. Aber du hättest vor allem deinen Blick sehen sollen, als du überlegt hast, ob ich das ernst meine.« Finn zwinkerte ihm neckend zu und winkte hinterher ab. »Barney und Robert haben natürlich keinen Sex in der Bar. Sie sind seit einer Weile hinten bei Cole im Büro, um mit ihm irgendetwas Geschäftliches zu bereden, frag mich nicht.«

Corey nickte nur und widmete sich wieder seiner Cola, bis ihm etwas einfiel. »Sag mal, wo hast du das eigentlich gelernt? Ich meine, wie du Jonathan auf die Bretter geschickt hast, ohne ihn überhaupt anzufassen?«

»Ach das.« Finn grinste schief. »Cole hat darauf bestanden, dass wir alle Kurse belegen, in denen es um Eskalation und um Selbstverteidigung geht, bevor er die erste Bar eröffnet hat. Du weißt selbst, wie du dich verteidigst, daher war so ein Kurs bei dir nicht nötig.« Finn zuckte die Schultern. »Ich bin klein und an mir ist nicht viel dran. Aber mit betrunkenen Männern wie Jonathan werde ich dennoch locker fertig.«

»So klein bist du nun auch wieder nicht«, sagte Corey und lachte leise, als Finn an ihm empor sah, als wäre so hoch und breit wie das Chrysler Building. »Hey, ich zähle nicht.«

»Für dich brauche ich bestimmt eine Leiter, falls ich mal an dir hochklettern will«, erklärte Finn herausfordernd und Corey hob eine Braue.

»Ich bin natürlich ein Gentleman und helfe dir, sobald du an mir hochklettern willst.«

Finn schüttelte glucksend den Kopf. »Und dieses Gespräch ist hiermit beendet, bevor Grandpa davon erfährt und anfängt, unsere Hochzeit zu planen.«

Augenblick mal, wie bitte? Corey blinzelte irritiert. »Ähm, Sekunde, das musst du mir jetzt aber genauer erklären.«

Finn stöhnte resigniert, grinste dabei aber, und griff sich ein neues Glas zum Polieren. »Du erinnerst dich bestimmt noch an meinen Großvater, oder? Adrian Endercott. Der alte Mann, der dich beim Barbecue zu euren Ehren als wirklich umwerfenden Kerl betitelte, weil ihr Marc, nachdem der seine arme Küche in die Luft gesprengt hatte, den Arsch gerettet habt?«

Corey schmunzelte, denn daran erinnerte er sich noch sehr gut. »Ja, sicher. Groß, elegant, kultiviert, teurer Anzug, äußerst höflich, ziemlich neugierig und mit einem beizeiten ein wenig seltsamen Sinn für Humor.«

Zumindest hatte Corey es bei dem Barbecue im letzten Jahr so empfunden, als Adrian Endercott ihn im Garten auf einmal abgepasst und nach seiner Lebensplanung befragt hatte. Da er sich nichts dabei gedacht hatte, hatte er dem alten Mann offen und ehrlich erzählt, dass er keine Pläne hatte, da Corrie für ihn vorerst an erster Stelle stand, und er sich auch noch in ein paar Jahren nach dem passenden Mann fürs Leben umsehen könne, der immerhin Kinder mögen musste und …

Corey erstarrte. »Sekunde mal, als dein Großvater mich im Garten gefragt hat, wie meine Lebensplanung aussieht ...«

»Oh Gott, hast du ihm etwa geantwortet?«, fuhr Finn ihm entsetzt ins Wort und Corey nickte verdattert.

»Ja, sicher. Auf eine höfliche Frage kann ein Mensch ja wohl auch eine höfliche Antwort erwarten, oder etwa nicht?«

»Ach du Scheiße«, fluchte Finn daraufhin und rieb sich die Augen. »Und ich wette, du warst auch noch ehrlich zu ihm. Ich meine, dass du in nächster Zeit keinen Kerl suchst, weil Corrie an erster Stelle kommt und so weiter und so fort, oder?«

»Äh ...« Corey fühlte sich dezent überfahren. »Hätte ich ihn lieber belügen sollen?«

»Ja!« Finn lachte und stöhnte zugleich. »Grandpa weiß sehr genau, dass ich später Kinder will und auf große Kerle stehe. Und du bist die perfekte Partie in der Hinsicht, wie er mir im Übrigen in den letzten Wochen gleich mehrmals erklärt hat. Oh mein Gott, er hat dich für mich ausgesucht.«

»Dein Großvater hat bitte was?«

Finn warf das Handtuch auf den Tresen, legte den Kopf in den Nacken und lachte kopfschüttelnd, bevor er wieder zu ihm schaute. »Er hat dich für mich ausgesucht. Als Ehemann. Weil er auf dieselbe Weise schon für meine vier älteren Brüder ihre zukünftigen Ehemänner ausgesucht hat. Grandpa ist schon seit Jahren wild entschlossen, dass wir alle heiraten und glücklich werden sollen, am liebsten mit einem Stall voller Kinder. Und weil wir für ihn, Zitat, alle viel zu lahme Burschen sind, Zitat Ende, hat er vor zwei Jahren beschlossen, diese Sache selbst in die Hand zu nehmen. Cole war der erste, danach war Dare an der Reihe. Kade hat letzten Sommer geheiratet und du weißt ja sicher noch, wer letzte Weihnachten vor den Traualtar getreten ist, oder?« Corey blieb vor Staunen der Mund offenstehen und Finn nickte. »Genau so ging es uns auch, als wir begriffen, was er vorhat. Ich bin Enkel Nummer 5 und du sollst offenbar mein Ehemann werden. Hinterher ist mein kleiner Bruder Paul dran, dann Leon und zuletzt Luca, unser Küken.«

»Hat Cole mir darum erklärt, dass er mich mit Betonfüßen im nächsten See entsorgt, wenn ich dir wehtue?«, platzte Corey mit dem ersten Gedanken heraus, der ihm dazu einfiel und als es daraufhin Finn war, der ihn jetzt sprachlos anstarrte, zuckte er ratlos die Schultern. »Na ja, auf die Idee könnte man schon kommen, oder?«

»Mein Bruder hat bitteschön was getan?« Finn knurrte vor Ärger, ehe er abrupt hinter der Bar hervorkam und mit langen Schritten auf den Mitarbeiterbereich zustrebte. Sein empörtes »Ich bringe ihm um.« ging im Zuschlagen der Tür hinter Finn fast unter und als Branson auf einmal in schallendes Gelächter ausbrach, sah Corey zu ihm.

»Was?«

Branson kicherte albern. »Geh ihm nach, bevor er Cole aus Versehen erwürgt. Der hat nämlich letztes Silvester mit seinen bereits verkuppelten drei Brüdern darum gewettet, ob Finn es rauskriegt, bevor ihr zwei glücklich verheiratet seid. Immerhin bist du ja längst bis über beide Ohren in Finn verliebt.«

»Ich bin bitte was?«, fragte Corey fassungslos und Branson sah ihn amüsiert an.

»Denkst du wirklich, wir hätten deine verliebten Blicke in Finns Richtung nicht längst bemerkst? Von eurer anhaltenden Flirterei in deinen Pausen nicht zu reden. Was denkst du denn, warum er Barneys und Roberts Einladungen ständig ablehnt? Finn mag dich. Vermutlich mehr, als er selbst weiß. Und jetzt rettest du bitte unseren tollen Boss vor einem grausamen Tod. Ich sage Sam Bescheid, dass er die Stellung vor der Tür noch ein bisschen länger ohne dich halten muss.«

Corey machte schweigend kehrt, weil er viel zu sehr damit beschäftigt war, sich zu fragen, wann er die Fähigkeit verloren hatte, subtil zu sein? Ja, er flirtete mit Finn, ständig, um ehrlich zu sein, aber er hatte eigentlich gedacht, es nicht auffällig getan zu haben. Tja, Pustekuchen. Wenn es Branson aufgefallen war, und der gehörte als Barkeeper zu den am meist beschäftigten Leuten in der Bar, dann wusste es mittlerweile wahrscheinlich jeder, der hier arbeitete. Inklusive sein Boss. Oha.

»Oh je«, murmelte Corey kurz darauf, denn schon im Flur, der zu Coles Büro führte, konnte er dessen und Finns Stimmen hören und die beiden waren offenbar mitten in einem saftigen Streit. Er beeilte sich ins Büro zu kommen, wo er dann erst mal verdutzt an der Tür stehenblieb, da sein Boss, der 1,85 m große und mit einer kräftigen Boxerstatur ausgestattete Mister Cole Brighton, einen dicken Ordner wie einen Schutzschild vor sich hielt, während er rückwärts um seinen Schreibtisch herumlief, immer zwei Schritte vor Finn, der ihm erbost folgte.

»Was hast du dir bloß dabei gedacht?«

Cole schürzte die Lippen. »Das sollte ich lieber dich fragen, kleiner Bruder, oder hast du ernsthaft gedacht, dass du Adrian entkommen kannst? Er wird uns alle kriegen, wetten?«

»Ah«, erklärte Finn mit finsterem Blick. »Womit wir wieder beim Thema wären. Ich meine, was kommt denn als nächstes? Wettest du mit Grandpa darum, wann Corey und ich heiraten oder wann unser zweites Kind kommt? Als wäre nicht schon schlimm genug, dass du ihn bedroht hast.«

Sein Boss schnaubte. »Corey Wilson lässt sich von mir ganz sicher nicht bedrohen. Ich meine, guck ihn dir doch an, was du, wie wir beide wissen, ständig tust ...«

»Cole!«

»Wo war ich? Ah ja.« Cole grinste frech. »Dein Zukünftiger lässt sich nicht versenken, weder von mir noch von sonst wem, weil nämlich kein Gras mehr wächst, wo er drauf haut. Darum geht es mir aber auch gar nicht.«

»Und worum geht es dir dann?«

Cole zog ein finsteres Gesicht. »Es geht darum, dass du nun mal mein kleiner Bruder bist und ich will, dass du irgendwann glücklich und zufrieden deinen Traumkerl findest. Und in der Hinsicht lässt deine bisherige Auswahl an Männern wohl eher zu wünschen übrig. Oder hättest du einen von denen wirklich unseren Vätern vorstellen wollen?«

Finn stöhnte frustriert auf und Corey lehnte sich neugierig gegen den Türrahmen, denn jetzt wurde die Sache interessant. Er verbot sich ein Grinsen und überhaupt jede Lautäußerung, denn bislang hatte keiner der vier Männer im Raum bemerkt, dass er anwesend war.

»Ich gebe zu, dass meine beiden Ex-Freunde Idioten waren und nein, ich hätte sie garantiert weder Maximilian noch Elias oder gar Grandpa vorgestellt. Allerdings hatte ich das ohnehin niemals vor, denn«, Finn gönnte sich ein anzügliches Grinsen, »sie waren perfekt fürs Bett, wenn du verstehst.«

»Finn!«, brauste Cole auf, doch Finn winkte ab.

»Fang ja nicht so an. Bevor du Derrick kennengelernt hast, bist du jahrelang durch unzählige Betten gehüpft und hast dich ausgetobt. Jetzt tu nicht so, als wärst du schockiert, weil ich das genauso gemacht habe. Und falls du darauf bestehst, weiterhin entsetzt zu tun, solltest du besser nicht mit Dad darüber reden, wie viele Lover er hatte, bevor er sich Hals über Kopf in Elias verliebt hat.«

»Oh mein Gott«, stöhnte Cole schockiert, blieb stehen und ließ den Ordner sinken. »Wie kannst du in so einer Situation ausgerechnet unsere grandiosen Väter erwähnen? Maximilian und Elias haben genauso wenig Sex, wie meine unmöglichen Söhne jemals wilden Sex haben werden und … Finn! Hörst du gefälligst auf zu lachen?«

Finn tat nichts dergleichen und damit war er nicht alleine, da auch Barney und Robert mittlerweile leise lachten, während Corey einen Moment überlegte, ob er die Tür nicht besser noch mal schließen und höflich anklopfen sollte. Andererseits hatte er gehört, was er gehört hatte, und irgendwann würden er und Finn mit Sicherheit an einen Punkt kommen, wo er Finn dann von seinen Verflossenen berichten konnte, von denen bislang auch keiner das berühmte Gelbe vom Ei gewesen war. Er hatte anständige Ex-Freunde gehabt, das ja, aber wenn er so darüber nachdachte, würde er heute keinem von ihnen seine Schwester vorstellen wollen. Finn hingegen … Nun ja. Darüber konnte er auch ein anderes Mal noch in aller Ruhe nachdenken.

Corey räusperte sich und vier Köpfe drehten sich hastig zu ihm um, denn Barney und Robert saßen auf der Couch, die zu seiner Rechten stand, und sahen dem brüderlichen Zwist mit unübersehbarer Belustigung zu. »Eine Wette gibt es schon. Nur in einer etwas anderen Form.«

Cole stöhnte auf. »Danke, du Verräter.«

»Ich hör wohl nicht recht«, fluchte Finn und griff nach dem Briefbeschwerer auf Coles Schreibtisch, woraufhin sich dessen Augen entgeistert weiteten.

»Bitte nicht den. Das ist ein Geschenk von Derrick.«

Finn schnaubte abfällig, stellte den Briefbeschwerer aber im nächsten Moment zurück auf den Tisch, dann verschränkte er die Arme vor der Brust und sah seinen Bruder finster an. »Ich will alles wissen. Jedes noch so kleine Detail. Was auch immer du mit unseren Brüdern und Grandpa ausgeheckt hast, damit ich Corey möglichst schnell mit Haut und Haaren verfalle, wag es nicht, mir auch nur ein Detail vorzuenthalten. Und danach, sobald ich dich erwürgt und Grandpa angerufen habe, um ihm seinen baldigen, grausamen Tod zu verkünden, werde ich für heute Feierabend machen, mit meinem zukünftigen Ehemann etwas essen gehen, auf deine Kosten versteht sich, und dabei werden wir in aller Ruhe entscheiden, ob wir erst mal wilden, schmutzigen Sex haben wollen oder gleich heiraten.«

Corey wusste nicht, ob er lachen oder Einspruch erheben sollte. Er entschied sich für keines von beiden, da sein Boss auf einmal aussah, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Zudem fing das Ganze langsam an, richtig Spaß zu machen, und wenn er auf diese Weise zu einem ersten Abendessen mit Finn kam, würde er nicht so dumm sein und das selbst torpedieren. Über den Sex konnten sie später diskutieren, denn dagegen hätte er nicht das Geringste einzuwenden. Vor allem, wenn Finn sich dazu überreden ließ, wirklich an ihm hochzuklettern. Und falls er dabei sogar nackt war, dann …

Corey zog seine Gedanken sicherheitshalber aus der Gosse, weil Cole ihn gerade misstrauisch ansah und setzte stattdessen ein unschuldiges Grinsen auf, weil er es nicht darauf anlegen wollte, Betonschuhe angepasst zu bekommen. Immerhin hatte Cole eine Menge Brüder, die ihm bestimmt gerne dabei halfen, ihn im nächsten Gewässer zu versenken, falls er der Meinung war, es wäre notwendig.

»Ich mag asiatisch. Nur so als Info.«

»Perfekt.« Finn fing an zu grinsen. »Ich kennen einen ganz tollen Asiaten in der Nähe, der macht die besten gebratenen Nudeln in der Stadt. Ach ja, und du musst die Frühlingsrollen probieren. Mit Fleisch oder vegetarisch – beides ein Genuss.«

»Gekauft«, erklärte Corey amüsiert und deutete hinter sich. »Ich gehe jetzt zurück nach draußen und helfe Sam. Hol mich einfach unten ab, wenn du damit fertig bist, meinen Boss unter die Erde zu bringen.«

»Hey«, nörgelte Cole und verzog sich abrupt zurück hinter seinen Schreibtisch, als Finn ihm »Sei lieber still.« an den Kopf warf, während Barney und Robert sich jetzt erhoben und Finn jeweils einen Kuss auf die Wange gaben, bevor sie an Corey vorbei Coles Büro verließen, jedoch nicht ohne ihm mit einem wissenden Grinsen klarzumachen, dass sie genau wussten, wie es um seine Gefühle für Finn bestellt war. Corey zuckte erneut mit den Schultern und wandte sich Finn zu, der ihm jetzt einen verlegenen Blick zuwarf.

»Entschuldige, dass ich dich nicht gefragt habe, wegen des Essens und überhaupt. Wenn du lieber hierbleiben und nach der Arbeit zu Corrie willst ...«

»Corrie bleibt die Nacht bei ihren Babysittern«, sagte Corey und lächelte, als Finn ihn fragend ansah. »Ein nettes Ehepaar, das direkt gegenüber wohnt. Sie haben ihr Gästezimmer extra in ein Kinderzimmer für sie verwandelt.«

»Ha!«, machte Cole hinter seinem Schreibtisch und grinste harmlos, als Finn ihm mit der Faust drohte.

Corey lachte leise. »Ignorier ihn und lass uns essen gehen.«

»Einverstanden«, murmelte Finn und verdrehte die Augen, als Cole nörgelnd »Habe ich hier eigentlich gar nichts mehr zu sagen?« fragte. »Nein, hast du nicht.« Finn zwinkerte ihm zu, dann drehte er er sich zu Cole um. »So, und jetzt wirst du mir gefälligst erzählen, was du mit Grandpa ausgeheckt hast. Und zwar bis ins letzte Detail, verstanden?«

Weil Corey nicht das geringste Bedürfnis verspürte, länger hier zu bleiben, obwohl Coles Geständnis mit Sicherheit lustig geworden wäre, zog er leise glucksend die Tür zu und ließ die Brüder allein.

Sam warf ihm nur ein belustigtes Kopfschütteln zu, als er wenig später wieder draußen vor der Tür stand und Ausschau nach möglichen Problemgästen hielt, und Corey sparte sich die Nachfrage, ob und wie viel Sam wusste. Dem Grinsen nach zu urteilen, das ihn alle paar Minuten von der Seite her traf, hatte Branson Sam genauestens ins Bild gesetzt und das bedeutete, das spätestens morgen jeder darüber Bescheid wusste, dass er in Finn Henderson verliebt war.

***

»Bist du sicher?«

»Ganz sicher.« Corey stöhnte, da er schlicht und ergreifend vollgefressen war. »Ich kann absolut nicht mehr. Nur noch ein Krümel und der Knopf an meiner Hose wird abgesprengt und schlägt dir wahrscheinlich ein Auge aus. Und ich will nicht von deinem Bruder im nächsten See versenkt werden.«

Finn lachte und deutete auf seinen halb vollen Teller. »Also ich finde es nicht sehr anständig von dir, diese letzte köstliche Frühlingsrolle verkommen zu lassen.«

Corey schob ihm kommentarlos seinen Teller zu und Finn zögerte keine Sekunde, sondern machte sich mit einem lauten, genüsslichen Stöhnen über die Frühlingsrolle her. Corey lachte und schüttelte den Kopf, während er sich insgeheim fragte, wo dieser schlaksige Kerl das alles hin aß. Sie saßen jetzt seit zwei Stunden in dem kleinen, gemütlichen Restaurant und Corey hatte in dieser Zeit mehr gelacht als in den vergangenen beiden Wochen zusammen. Finn kannte unzählige Anekdoten aus der Bar, von peinlichen Vorfällen mit Gästen, über versehentlich zu hoch abgegebene Bestellungen von Getränken – was vorletztes Jahr dazu geführt hatte, dass Cole auf einmal, statt mit fünfzig Kisten Bier mit fünfhundert dagestanden hatte –, bis hin zu der Dragqueen, die sich im letzten Sommer mit ihrem Freund aus Versehen auf der Toilette eingesperrt hatte, wo beide heimlich eine flotte Nummer hatten schieben wollen.

Tja, das Ende vom Lied war ein Feuerwehreinsatz gewesen, weil das Paar sich so merkwürdig verkeilt hatte, dass sie allein nicht mehr aus der Kabine herausgekommen waren. Cole hatte ihnen süffisant grinsend Hausverbot erteilt und die Rechnung für den Feuerwehreinsatz zahlten die beiden vermutlich heute noch ab. Corey hatte bei den Erzählungen Tränen gelacht und Finn, der sich gerade die fettigen Finger an der Serviette sauber wischte, grinste ihn an.

»So. Wir haben uns jetzt zwei Stunden darum gedrückt, zu klären, was wir mit der Erkenntnis anfangen wollen, dass mein unmöglicher Großvater uns verheiraten will.« Finn lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Irgendwelche Vorschläge?«

Sogar eine Menge, aber keinen konnte er hier und heute in die Tat umsetzen, und außerdem war Corey der Meinung, dass man sich für solche Vorschläge etwas besser kennen sollte. Er hatte zwar nicht grundsätzlich etwas gegen One-Night-Stands oder eine heiße Affäre, aber für beides war ihm Finn einfach zu wichtig, obwohl er ihrer geplanten Hochzeit dann doch etwas skeptisch gegenüberstand.

Andererseits war das Ganze immer noch viel zu lustig, um nicht darüber zu lachen, und darum tat Corey genau das dann auch, während er in eine ratlosen Geste die Schultern zuckte. Was sollte man zu so etwas auch sagen? Er hätte sich natürlich darüber aufregen können, da er nicht im Traum daran dachte, gegen seinen Willen verheiratet zu werden, aber Finn war nun einmal genau sein Typ und Corey konnte sich eine Ehe mit ihm durchaus vorstellen. Aber, wie schon gesagt, erst mal wollte er ihn kennenlernen.

Und er wollte ihm unbedingt Corrie vorstellen, denn am Ende würde es auch auf seine kleine Schwester ankommen, ob sie eine Chance hatten oder nicht. Nicht dass er sich ernsthafte Sorgen machte, Finn könnte Corrie nicht mögen. Andersherum wurde allerdings ein Schuh daraus, denn seine Schwester hatte mit fremden Menschen immer Probleme und nicht jeder, der in ihr Leben trat, war wie Jim Clarke. Hoffentlich würde sie Finn genauso mögen, wie den Professor.

»Wir könnten ihn einfach ignorieren und einfach abwarten, was aus uns zwei wird«, schlug Corey schlussendlich vor, um überhaupt etwas zu sagen. »Ich bin ja für weitere Dates, bevor ich mich entscheide, ob ich dich mir überhaupt leisten kann.« Bei seinem folgendem, betont unschuldigen Blick runzelte Finn misstrauisch die Stirn. »Ich meine, bei den Mengen, die du hier gerade verdrückt hast, reicht mein Gehalt vermutlich nicht aus, um drei Personen zu ernähren.«

Finn prustete los. »Du bist ein Blödmann.«

Corey verneigte sich feixend. »Danke.«

»Okay, jetzt mal Scherz beiseite«, meinte Finn anschließend und zuckte dabei genauso hilflos mit den Schultern, wie Corey es zuvor getan hatte. »Ich liebe Grandpa sehr, aber manchmal möchte ich ihn wirklich erwürgen. Und ich bin jetzt mal direkt, denn dich mag ich auch. Was dir kaum entgangen sein dürfte. Das heißt aber nicht, dass wir deshalb gleich heiraten oder uns ein Haus mit weißem Gartenzaun, einem niedlichen Hund und sechs Kindern anschaffen müssen.«

Du liebe Zeit, da hatte aber jemand schon recht eindeutige Vorstellungen, was ihre gemeinsame Zukunft anfing. Wobei er bei sechs Kindern wahrscheinlich doch streiken würde. Corey wollte zwar eines Tages gern eigene Kinder, aber er hatte dabei eher an zwei, höchstens drei gedacht. Und selbst das stand fürs Erste hintenan, denn im Moment war es wichtiger, dass er für Corrie und sich weiter ein stabiles Umfeld aufbaute.

»Gleich sechs? Wow. Ich hatte eigentlich für den Anfang an nur ein weiteres gedacht«, konterte Corey deshalb trocken und grinste, als Finn stöhnend die Augen zur Decke verdrehte. »Na schön, wenn du darauf bestehst, sind zwei auch okay.«

»Corey!«

Corey lachte und trank den Rest seines Wassers aus, bevor er Finn zuzwinkerte. »Na ja, bevor wir schweißtreibenden Sex haben oder sogar heimlich heiraten, um deinen Großvater zu ärgern, würde ich dir gerne meine kleine Schwester vorstellen. Aber ich warne dich lieber gleich vor, denn wenn sie dich mag, worauf ich natürlich hoffe, wird sie dich wahrscheinlich sofort zum Abendessen einladen und momentan lebt sie förmlich von Erdnussbuttersandwichs. Dabei hasse ich das Zeug.«

Finn begann zu grinsen. »Tja, dann trifft es sich ja ziemlich gut, dass ich Erdnussbuttersandwichs mag.«

»Oh mein Gott, noch so einer«, stöhnte Corey und Finn fing an zu lachen.