Magie mit Herz


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Sie retteten sein Leben, obwohl er versucht hatte, ihnen das Auto zu klauen.

Mit vierzehn Jahren, von der eigenen Mutter verachtet und von seinem Vater halbtot geschlagen, landete er auf der Straße, nachdem er mit einem Schmuddelheft voller nackter Männer erwischt worden war, und nach einer Woche eisiger Nächte in düsteren Ecken oder neben stinkenden Mülltonnen, hielt er es für eine sehr gute Idee, sich den teuren Lexus direkt vor einer schicken Anwaltskanzlei unter den Nagel zu reißen, um damit eine Spritztour frontal gegen die nächste Mauer zu machen.

Allerdings hatte der Besitzer des Wagens etwas gegen seine Pläne einzuwenden, und Maximilian Endercott war sich nicht zu fein, ihn höchstpersönlich im teuren Zwirn vom Fahrersitz zu zerren, über dem er gerade lag, um an die Verkabelung des Luxusschlittens zu kommen.

Finn Henderson war ein Träumer, aber kein Dummkopf. Er wusste, dass er in Schwierigkeiten steckte, als der riesige Kerl ihn am Kragen gepackt hielt, aber er hatte solchen Hunger und große Schmerzen von den Wunden, die seinen Körper zierten, weil er gegen die von seinen Eltern geforderte Umerziehung rebelliert hatte, da sie auf gar keinen Fall einen schwulen Sohn haben wollten, dass er gegen den Mann mit den mitfühlenden, grünen Augen ankämpfte, bis ihm schwarz vor Augen wurde.

Im Krankenhaus kam er wieder zu sich, versorgt und in ein schmales, aber sauberes Bett gepackt, auf sich eine wärmende, dicke Decke und neben sich eine Schüssel mit Tomatensuppe und knusprigen Brotstückchen, die er fast einatmete, nachdem ihm dieser Fremde mit den grünen Augen versicherte, dass sie für ihn war. Ebenso wie der Schokoladenpudding, der Tee und die Kekse, die er danach verschlang, aus Angst, dass sie wieder weg waren, wenn er sie jetzt stehenließ.

Später am Abend kam ein weiterer Mann ins Zimmer, der blaue Augen hatte, ein Arzt war und einen Schokoladenkuchen dabei hatte, der so lecker war, dass er Finn die Tränen in die Augen trieb, nachdem er ihn und die zwei Fremden eine halbe Stunde lang misstrauisch gemustert hatte, auf der Suche nach einer Falle, die es nicht gab.

Sie behielten ihn. Einfach so.

Und sie gaben ihm vier Brüder. Einfach so.

Dass es Unmengen an Papierkram kostete und seinen Vater Maximilian jede Menge Nerven, weil sein leiblicher Vater nicht kampflos auf das Sorgerecht verzichten wollte, erfuhr Finn erst sehr viel später.

Mit vierzehn war ihm all das jedoch egal.

Für ihn zählte die ersten Monate nur, dass er nicht mehr in der eisigen Winterkälte übernachten musste, dass er jeden Tag saubere Kleidung und regelmäßig etwas zu essen bekam, und dass er auf einmal vier Brüder hatte, mit denen er sich ständig zankte, falls sie nicht gemeinsam damit beschäftigt waren, das nette Hauspersonal in den Wahnsinn zu treiben oder einander über das riesige Endercott-Grundstück zu jagen, das zu einen ebenso riesigen Haus mit Unmengen an Zimmern gehörte.

Dass seine Brüder genauso schwul waren wie die übrigen Kinder in dem Zentrum, das seine Väter führten, und dass das niemanden kümmerte, machte sein neues Leben für Finn umso lebenswerter.

Er versuchte nie wieder, sich das Leben zu nehmen, obwohl es nicht leicht war mit den Narben, die er von der Prügel und den anfangs unversorgten Wunden seines Vaters zurückbehielt zurechtzukommen. Er schämte sich lange Zeit für sie, bis Elias irgendwie Lunte roch und ihm wie nebenbei eines Tages Sean Beaumont vorstellte. Dass der Psychologe war und auf fast alle Fragen die richtigen Antworten hatte, erkannte Finn erst einige Monate darauf, als er innerlich längst begonnen hatte, mit sich und seinem Äußeren seinen Frieden zu machen.

Mit vierzehn Jahren war Finn Henderson ein Straßenkind ohne Perspektive.

Mit fünfzehn wurde er offiziell ein Endercott, auch wenn er seinen Namen behielt – eine Tatsache, die sein Großvater nicht lustig findet und sich, zum Amüsement aller, selbst heute noch regelmäßig darüber beschwert.

Mit achtzehn ließ er das College hinter sich, überlegte eine Weile, ob es sich vielleicht lohnen würde, auf die Uni zu gehen, und fing, nachdem er sich ein paar Jahre mit eher kurzweiligen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten hatte, schließlich in der Bar seines ältesten Bruders an zu arbeiten.

Mit zweiundzwanzig war er ein magerer Laufbursche, der für Cole Botengänge erledigte und Regale einräumte.

Mit dreiundzwanzig stand er zum allerersten Mal im Leben hinter einer Bar und versuchte sich als Barkeeper – was leider nur so lange funktionierte, wie er keine Cocktails mixte, weil er ständig die Zutaten durcheinanderbrachte.

Mit vierundzwanzig stellte er dann überraschend fest, dass es ihm weit besser gefiel, Getränke an Tische zu bringen, locker mit den oftmals männlichen Gästen zu flirten und dabei jeden Abend ein schönes Trinkgeld einzustreichen.

Finn liebte sein Leben – bis eines Tages sein leiblicher Vater auf der Bildfläche erschien.