Aussicht mit Herz


Leseprobe

(Achtung: unkorrigierte Leseprobe)

Marc MacDonald starb als Kind ohne Namen.

Später erzählte man ihm, er wäre bereits mehrere Minuten tot gewesen, als man ihn und seinen Bruder völlig verwahrlost auf dem Dachboden im Haus seiner Eltern fand, ein Stockwerk unter sich seine tote Mutter im weißen Brautkleid in ihrem Bett liegend, während ihr Vater geistig komplett verwirrt war und von den ansässigen Behörden innerhalb kürzester Zeit als nicht zurechnungsfähig erklärt und anschließend auf Dauer in eine geschlossene Anstalt eingewiesen wurde.

Später erhielt er auch seinen Namen, ausgesucht von jenen beiden Männern, die die ersten Menschen waren, die sich um seinen Bruder und ihn kümmerten, sich ehrlich um sie sorgten und die schlussendlich zu ihren Vätern wurden.

Er erfuhr, dass er wohl zwölf Jahre alt war, als man ihn und Kade fand.

Er lernte, dass künstliches Licht und Geräusche, auch wenn er sie die erste Zeit überhaupt nicht einordnen konnte, normal und nichts Gefährliches waren.

Er lernte, dass es ein Leben außerhalb des Dachbodens und des dunklen Kellers gab.

Er lernte Bücher kennen. Filme. Blumen. Gerüche. Lachen. Schokolade. Und so vieles mehr.

Er bekam Brüder, die ihm das Fahrradfahren beibrachten, während seine Väter ihnen glücklich lächelnd zusahen.

Doch es gab auch Rückschläge.

Besonders als er wieder Angst bekam, nachdem seine Väter sich eines Tages stritten. Plötzlich war es wieder wie im Keller oder auf dem Dachboden. Laute Stimmen machten ihm Angst. Grelles Licht machte ihm Angst. Dass er so viele Dinge nicht kannte oder nicht wusste, machte ihm Angst. Dass sein Bruder jedes Mal so viel mutiger war als er selbst, machte ihm sogar ganz gewaltige Angst.

Marc weinte oft und lange, manchmal einfach so, ohne dass es überhaupt einen Grund dafür gab.

Sein Zwilling und seine neuen Brüder versuchten ihm zu helfen und waren doch hilflos.

Seine Väter machten sich Sorgen und waren ebenso hilflos.

Bis sie ihn zu Sean Beaumont ins »Boston Hearts« brachten, ein guter Arzt wie sein Vater Elias, nur für den Kopf, nicht für den Körper. So erklärten es ihm seine Väter in der ersten Zeit, während er Sean mehrmals in der Woche besuchte oder, wenn es nicht anders ging, der zu ihnen kam, und erst einige Monate später erfuhr Marc, was ein Psychologe war.

Und Sean war ein guter Mensch. Er half ihm zu verstehen, dass es in Ordnung war, Angst zu haben. Dass es nicht falsch, schlimm oder peinlich war, wenn man weinte. Er begriff, dass Kade und er, so sehr sie sich immer aufeinander verlassen und aneinander gehangen hatten, zwei verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen waren. Mit Seans sanfter Hilfe und Anleitung, und einer unendlich scheinenden Geduld, die der Mann dabei an den Tag legte, erkannte Marc, dass er auch ohne seinen Bruder zurechtkam. Dass er Kade immer brauchen und lieben würde, es aber gleichzeitig das Richtige war, dass er eigene Hobbys für sich entdeckte, eigene Freunde fand – sich langsam ein eigenes Leben aufbaute.

Mit der Liebe, Hilfe und Sorgfalt seiner neuen Familie, und der anhaltenden Unterstützung durch Sean, schaffte Marc den Schulabschluss und erkannte dabei, dass er es mochte, anderen Kindern etwas beizubringen, genau wie seine Lehrer ihm viele Dinge beigebracht hatten.

Zuerst gab er nur seinen Klassenkameraden Nachhilfe.

Doch dann, als die Lehrer davon Wind bekamen, förderten sie ihn behutsam, bis er sie im »Boston Hearts« schließlich bei ihrer Arbeit mit den schwierigeren Schülern unterstützte.

Am Ende schlug ihm sein Vater Elias vor, selbst ein Lehrer zu werden und im Zentrum zu arbeiten.

Mit zwölf Jahren war er tot.

Mit fünfzehn litt er an heftigen Angstzuständen aufgrund einer Kindheit, die diese Bezeichnung nicht verdiente.

Mit zwanzig, genau wie sein Zwilling, schaffte Marc seinen Schulabschluss und half seinem Bruder Cole dabei, den ersten Freund von Kade zu verprügeln, da der nur mit den Gefühlen seines Zwillings gespielt hatte.

Mit zweiundzwanzig, als Kade gerade erst damit begann, für sich eine Zukunft zu finden, steckte Marc bereits mitten im Studium, um Lehrer zu werden und wissensdurstigen Jungen und Mädchen all jene wundervollen Dinge zeigen zu können, die er selbst erst so spät hatte kennenlernen dürfen.

Mit sechsundzwanzig übernahm er schließlich seine erste eigene Klasse im »Boston Hearts« – es war der glücklichste Tag seines bisherigen Lebens.