Ein Augenblick von Liebe


Leseprobe

Als er irgendwann in der Nacht wiederkommt, habe ich es mir auf der Matratze gemütlich gemacht, die er in einer Ecke des Raums an die Wand geschoben hat und die ich bei meinem ausführlichen Rundgang zwischen den Gemälden entlang erst auf den zweiten Blick entdeckt habe. Genau wie eine schmale Küchenzeile und das kleine Badezimmer, in dem es sogar eine Dusche gibt. Alles wurde nachträglich gebaut und mich würde nicht wundern, wenn Niko es selbst gemacht hat, damit er bei Bedarf auch mal ein paar Tage hierbleiben kann, denn mit dem Bad und der Küche ist das Wichtigste vorhanden, was man für einen normalen Alltag so braucht, und nur darauf wird es ihm ankommen, wenn er herkommt, um zu zeichnen.

Und das macht er augenscheinlich bereits unzählige Jahre, denn ich habe versucht, seine Bilder zu zählen, aber nach dem einhundertsten Gemälde aufgegeben.

Eine Sommerwiese voller knallroter Mohnblumen, die im untergehenden Sonnenlicht förmlich strahlen. Umwerfend. So wie die Bleistiftzeichnungen von zwei Welpen, die ich in einem Block unter der Bettdecke gefunden habe. Anscheinend lernt er gerade, Tiere zu zeichnen, denn im Gegensatz zu den Pflanzen, Stillleben und Landschaften, sehen die Welpen aus, als würden ihre Körper rein von der Größe her noch nicht zu ihren Köpfen passen. Aber vielleicht muss das bei Welpen so sein, ich habe davon absolut keine Ahnung.

Niko schaltet kein Licht ein, sondern zieht nur seine Jacke und die Schuhe aus, bevor er sich seinen Weg durch den Raum bahnt. Schließlich bleibt er stehen, sucht mich offenbar.

Ich schmunzle. »Deine Matratze ist sehr bequem.«

Er gluckst, dann kommt er zu mir und klettert vorsichtig an mir vorbei, um es sich neben mir an der Wandseite bequem zu machen. Von draußen scheint diffuses Licht herein, das von den Straßenlaternen kommt, und es reicht nicht, um ihm in die Augen zu sehen, aber es reicht aus, um zu hören, wie er atmet, seinen Geruch wahrzunehmen, nach Niko selbst und dem Rest eines Parfums, und es reicht vor allem aus, um ihn zu fühlen, denn genau das tue ich nach ein paar Minuten, in denen wir einfach schweigend nebeneinanderliegen, als ich mich zu ihm drehe und anfange, meine Hand behutsam über seinen Körper gleiten zu lassen.

Es ist gut, dass Niko, genauso wie ich auch, seine Kleidung anbehalten hat, sonst würde ich mich das heute Nacht nie und nimmer trauen, aber so, in diesem beschützenden Halbdunkel um uns herum, wage ich es und er erlaubt es mir.

Und er zeigt mir mit genießerischen Seufzern und leichten Bewegungen in Richtung meiner Finger unmissverständlich, was ihm gefällt und wovon er mehr möchte.

Er ist so anders als Alan, für den es zuletzt vor allem um den sexuellen Akt an sich ging. Doch Niko genießt offenbar lieber und er tut es in vollen Zügen. Er versucht nicht, vor mir zu verstecken, dass meine Berührungen ihn erregen, aber er drängt sich mir auch in keinster Weise auf, während ich seine Brust, seinen Bauch, beide Arme, seine starken Hände und am Ende langsam und neugierig sein Gesicht erforsche.

Er hat eine gerade Nase, volle Lippen, von draußen immer noch kalte Wangen und unglaublich lange, weiche Wimpern. Wie gerne würde ich jetzt seine braunen Augen sehen, aber das muss bis morgen warten, denn ich werde kein Licht machen.

Als ich ihn an der zarten Haut hinter seinem Ohr berühre, zuckt er zusammen und lacht leise.

Ich wandere mit den Fingerspitzen tiefer, über seinen Hals und die rechte Schulter, hinunter bis zu seinen Rippen, wo er erneut zusammenzuckt und ein weiteres Mal lacht.

Na sieh mal einer an, da ist jemand kitzlig.

»Das merke ich mir«, drohe ich ihm heiter und werde dafür mit einem weiteren Glucksen belohnt, ehe ich meine zärtliche Erkundung fortsetze.

Himmel, er hat einen Wahnsinnskörper, das kann ich sogar durch seine Kleidung fühlen, und ich liebe die vielen Muskeln an ihm. Er hat mehr als Alan, aber sie machen mir keine Angst. Er macht mir keine Angst. Nicht einmal das leise Aufstöhnen, als ich über seine Jeans streichle und dabei aus Versehen seiner Hüfte zu nahe komme, macht mir Angst, denn Niko ist Niko – ein wahrer Gentleman.

Schließlich ziehe ich meine Hand zurück.

Nicht weil ich genug von ihm hätte, im Gegenteil, aber ich möchte noch etwas für die Zeit aufheben, wenn ich genug Mut gefunden habe, um Niko im Licht und nackt zu erkunden.

»Ist alles okay mit Connor?«, frage ich, aber nicht um ihn auszuhorchen, sondern weil ich mir Sorgen mache.

»Jetzt ja. Er ist da, wo er unbedingt sein will, wenn ich das richtig verstanden habe.« Niko gähnt, bevor er weiterspricht. »Es gibt jemanden, mehr kann ich dir im Moment nicht sagen, weil ich selbst nichts Genaueres weiß. Ich habe Darren nach Hause gebracht, nachdem er Connor zu diesem Mann gefahren hat. Das Ganze ist ziemlich kompliziert, hat er mir gesagt, was immer das im Detail bedeuten mag. Darren ist nicht sonderlich glücklich über die Situation, das war ihm anzumerken, er weiß aber auch nicht, was er tun kann oder eher tun soll.«

»Was hast du ihm geraten?«, will ich wissen.

»Woher weißt du, dass ich das getan habe?«, kontert er mit einem Lächeln in der Stimme und daraufhin bin ich derjenige von uns, der gluckst.

»Weil ihr beste Freunde seid, deswegen. Also?«

»Ich habe ihm gesagt, er soll sich zurückhalten und warten, bis Connor von selbst darüber reden will. Wenn das Ganze eh schon kompliziert ist, braucht er einen Freund, der da ist, aber keinen, der sich zu sehr einmischt.«

»Ich wette, Darren war von deinem klugen Ratschlag nicht gerade angetan«, sage ich und als er daraufhin tief seufzt, ist das Antwort genug für mich.

Darren kann in der Hinsicht nur schwer aus seiner Haut, aber ich hoffe sehr, dass er sich Nikos Worte zu Herzen nimmt, denn im schlimmsten Fall, macht er die Sache für Connor noch um einiges komplizierter, als sie schon ist, und das wird kaum das sein, was er will. Immerhin ist Connor sein bester Freund.

Soso, unser immer so korrekter Doktor Connor Alexander ist also verliebt. Ich muss unwillkürlich grinsen, denn ich finde das wirklich großartig.

Er ist bereits lange Single und nach dem Vorfall mit Adrian hat es ewig gedauert, bis er sich langsam wieder aus seinem Schneckenhaus herausgetraut hat – was das angeht, haben wir so einiges gemeinsam, schätze ich. Natürlich finde ich es toll, dass er endlich einen Partner gefunden hat, für den sein Herz schlägt. Dabei ist es auch unerheblich, dass er sich offenbar in einen Mann verliebt hat, der genauso viele Probleme mit sich herumschleppt, wie ich es tue, denn wenn es jemand schaffen kann, diesem Mann zu helfen, dann ist das Connor.

Niko dreht sich auf die Seite, stützt sich auf einen Ellbogen und sieht mich an. »Was ist?«, frage ich leise, als er nichts sagt.

»Greg und ich … Na ja, wir hatten was miteinander. Es hat Spaß gemacht, aber wir … Ich … Es war nicht ...«

»Das dachte ich mir schon«, unterbreche ich sein Gestotter, denn überrascht bin ich nicht, dass sie mal miteinander im Bett waren. Außerdem kann ich ihm daraus schlecht einen Vorwurf machen. Wir hatten ein Leben, bevor wir uns kennenlernten, vor allem vor dieser Nacht hier.

Es wäre ziemlich seltsam, wäre dem nicht so. Ich meine, ich bin 37 Jahre alt und Niko ist 42 – natürlich haben wir unseren Anteil an Sex und Beziehungen gehabt, und nur weil ich seit meiner Trennung von Alan enthaltsam lebe, heißt das ja nicht, dass ich von meinem neuen Partner dasselbe erwarte.

»Ich wollte, dass du es weißt.«

»Danke«, flüstere ich ergriffen, weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll. Niko ist so … Mir fällt kein Wort dafür ein. Er hätte es mir nicht erzählen müssen, trotzdem tut er es, weil er ehrlich sein will. Warum habe ich im 'Black Shine' damals nicht genauer hingesehen, als Darren uns vorgestellt hat? Das hätte mir eine Menge Schmerzen und Kummer erspart.

Gott, ich wünschte, ich hätte Alan nie kennengelernt, doch für diese Überlegung ist es leider zu spät.

»Anson war auch dabei.«

Sekunde, was?

»Ihr hattet einen Dreier?«, hake ich verdutzt nach und Niko nickt, ehe er sich wieder hinlegt. »Wow«, murmle ich erstaunt, weil ich damit nicht gerechnet habe.

Ein Dreier ist … ungewöhnlich? Nein, eigentlich nicht. Ich meine, wer so etwas mag und wenn alle Männer einverstanden sind, die sich dazu treffen, warum nicht? Jedem das Seine. Ich habe nur keine Erfahrung damit. Könnte ich es mir vorstellen, Niko zu teilen? Selbst einen Dreier zu haben? Eine gute Frage, auf die ich momentan keine Antwort habe, weil ich einerseits die Vorstellung, wie Niko mit Gregory Spaß hat, definitiv nicht abstoßend finde, es mir aber andererseits nicht gefällt, mir jetzt und hier vorzustellen, dass Gregory zu uns stoßen würde.

Nein, das geht gar nicht.

Jedenfalls nicht in nächster Zeit.

Ich will es nicht komplett ausschließen, aber fürs Erste will ich ihn mit niemandem teilen. Wir müssen ohnehin erst mal in aller Ruhe für uns herausfinden, wo diese Nacht uns hinführen soll. Wo wir in einer Woche oder einem Monat gemeinsam sein wollen. Von Sex gar nicht zu reden. Ich möchte welchen haben, unbedingt. Ich möchte Niko ausziehen und überall küssen, nur noch nicht heute.

In ein paar Wochen, sobald wir uns besser kennen, sobald wir Dates hatten, eben all die Dinge, die verliebte Paare so tun, können wir gern über Sex reden – oder auch mehr tun, als bloß darüber zu reden.

»Dein Schweigen sagt mir so einiges … Du bist nicht völlig abgeneigt, kann das sein?«

Nein, das bin ich nicht. Allerdings mit einer Einschränkung und die ist nicht verhandelbar. »Nicht mit Greg.«

Niko prustet los und bevor ich weiß, wie mir geschieht, hat er sich erneut zu mir gedreht und mir einen dicken Schmatzer auf die Nasenspitze gedrückt, der mich empört schnauben und zugleich lachen lässt. Er ist manchmal echt ein Kindskopf.

»Sehr wohl, Boss. Wenn wir eines Tages einen flotten Dreier haben, dann nicht mit Greg.«

Oh, dieser … »Niko!«

Sein Lachen wird lauter und irgendwann boxe ich ihm mit der Faust in den Bauch, was mir mehr wehtut als ihm, denn er lacht ungeniert weiter und steckt mich damit schließlich erneut an. Herrje. Was habe ich hier nur losgetreten? Sicher, Gregory ist ein netter Kerl und mich hat nicht mal das Kleid gestört, das er trug, obwohl der Anblick auch ein wenig ungewöhnlich war, das gebe ich zu, aber ich kann mir absolut nicht vorstellen, den Mann zu küssen oder mehr mit ihm zu tun. Da regt sich bei mir überhaupt nichts.

Ich könnte Darren küssen.

Connor ist allerdings auch sexy, gar nicht zu reden von Ty und Garrett, wobei die beiden mir insgeheim doch etwas Angst einjagen, dabei sind sie die nettesten, sanftesten Kerle im Club, die ich kenne.

Maxwell würde ich ebenfalls küssen, sogar ohne zu zögern, wenn ich ehrlich bin.

Ich stehe eindeutig auf die muskulösen, großen Typen, und der neben mir ist praktisch gleichzusetzen mit einer köstlichen, dreistöckigen Schokoladentorte, inklusive Sahnehäubchen mit Kirsche obenauf. Mag er eigentlich Kirschen? Ich richte mich abrupt neben Niko auf und sein Lachen, das mittlerweile mehr eine Art heiteres Kichern ist, verstummt sofort.

»Was ist los?«, fragt er und ich muss mir einmal fest auf die Lippen beißen, um nicht loszuprusten.

»Magst du zufällig Kirschen?«

»Äh, ja, wieso?«, wundert er sich und richtet sich ebenfalls auf, als nun ich anfange zu kichern. »Wieso habe ich plötzlich das Gefühl, dass du über mich lachst?«

Weil es so ist? Natürlich sage ich das nicht, denn ich bin zu sehr damit beschäftigt, nicht in Gelächter auszubrechen, da ich ihn auf einmal in Gedanken mit einer Portion Sahne auf dem Kopf, in der eine Kirsche steckt, vor mir sehe.

»Danny ...«

»Du bist eine Schokoladentorte mit Sahnehäubchen.«

»Was bin ich?«, fragt er verdattert.

»Und natürlich einer Kirsche obenauf«, setze ich noch nach und daraufhin schweigt er erst mal verblüfft, um wenig später leise zu glucksen.

»Okay, das musst du mir etwas genauer erklären«, bittet er und hört sich für mich schwer danach an, als würde er schon wieder gegen ein Lachen ankämpfen.

Kurz darauf lacht er dann wirklich wieder, und zwar mit dem Gesicht an meiner Schulter, und ich kichere mit, während ich einen Arm um ihn lege, um ihn zu halten, weil sein ganzer Körper durch sein Lachen geschüttelt wird. Kein Wunder. Man wird schließlich nicht jeden Tag mit einer Torte verglichen.

Irgendwann lasse ich mich nach hinten sinken und ziehe ihn mit mir, bis er halb auf, halb neben mir zu liegen kommt, und es ist okay, was ich ihm zuflüstere, da ich die Anspannung in ihm spüren kann. Er hat Angst, dass mir das zu viel ist, und er will mich nicht erschrecken, doch das ist es nicht und das tut er nicht. Im Gegenteil. Es fühlt sich gut an. Mag sein, dass es mir vor einer Stunde noch zu viel gewesen wäre, aber hier und jetzt ist es gut, denn ich mag es, die Wärme zu spüren, die von Niko ausgeht, und diese Kraft, die er in sich hat.

»Trainierst du eigentlich viel?«, frage ich in die Dunkelheit hinein und streiche mit der Hand über seinen Nacken.

»Nicht mehr so viel wie früher«, antwortet er und schmiegt sich mit einem Seufzen dichter an mich. »Die Malerei und der Sport waren mir immer ziemlich wichtig, meine Malerei ist es heute noch, aber seit einigen Monaten habe ich von Mal zu Mal weniger Lust dazu, Hanteln zu stemmen. Ich gehe zwar weiter dreimal die Woche ins Studio, nur mehr um fit zu bleiben und nicht, um neue Muskeln anzusetzen.« Er schweigt kurz. »Keine Ahnung, ob es am Alter liegt, doch in der letzten Zeit sind mir andere Dinge wichtiger geworden.«

Er spricht von mir, das weiß ich instinktiv, und er ist mit seinen Gefühlen nicht allein. Ich bin immer noch mit Leib und Seele Barkeeper und ich liebe es, Cocktails zu kreieren, aber ich ertappe mich auch immer häufiger dabei, Niko während seiner Schichten zu beobachten, sobald er sich zu uns an die Bar setzt, und jede Gelegenheit zu nutzen, um in seiner Nähe zu sein. Er ist mir wichtig, sehr wichtig sogar.

Ich hätte mich zwar niemals getraut, ihn heute Abend zum Tanzen aufzufordern, doch ich bin froh, dass er es getan hat, wenn auch durch Unterstützung von Darren und Adrian, denn jetzt sind wir hier und ich kann mir momentan wirklich nichts Schöneres vorstellen.

Mir fällt etwas ein. »Mum hat letzte Woche angerufen.«

»Ja?«, fragt Niko schläfrig und entspannt sich merklich, als ich anfange, sanft durch das weiche Haar in seinem Nacken zu streicheln.

Er ist offensichtlich ein Kuscheltyp und das gefällt mir echt gut, da ich darauf lang genug verzichten musste. Alan war für ausgiebiges Kuscheln nie zu haben. Natürlich hat er mich auch umarmt oder festgehalten, aber er wäre niemals von selbst auf die Idee gekommen, auf einer Matratze, die als provisorisches Bett herhalten muss, auf dem Fußboden zu liegen, sich an mich zu kuscheln und mir dadurch das Gefühl zu geben, der Größte für ihn zu sein. Vielleicht weil er durch und durch Top war?

Niko ist das nicht. Er hat kein Problem damit, sich bei mir fallen und mir die komplette Kontrolle zu überlassen, und ihn stört es auch nicht, dass wir angezogen auf seinem Bett liegen, umgeben von unzähligen Gemälden und dem unverkennbaren Geruch nach Farbe und dem Holz der Gestelle und Regale, mit denen er versucht, ein bisschen Ordnung in sein künstlerisches Chaos zu bringen.

Er hat wirklich unglaublich schöne Bilder gezeichnet, und ich kann es immer noch kaum glauben, dass er ein Maler ist. Sagt man das so? Maler? Ich weiß es nicht. Ich weiß so vieles nicht über ihn, aber das wird sich ändern. Ich will, dass es sich ändert, denn ich will alles über ihn herausfinden, genauso wie ich will, dass er alles über mich weiß. Und der beste Weg dahin wird sein, ihn in Zukunft enger in meine Familie einzubinden, was mich auf den Anruf meiner Mutter zurückbringt.

»Sie wollte wissen, ob ich tot irgendwo in einer Ecke liege, und als ich das verneinte, hat sie sich darüber beschwert, dass wir seit Februar nichts mehr von uns haben hören lassen. Ich habe sie schimpfen lassen und ihr schließlich versprochen, dich zu fragen, ob wir nicht am nächsten Wochenende zum Essen vorbeikommen wollen.«

»Hat sie das wirklich so gesagt?«, fragt Niko und gluckst, als ich resigniert seufze. Er kennt meine Mutter viel zu gut, um mir das abzukaufen.

»Natürlich nicht. Sie hat verlangt, dass ich dich notfalls an den Ohren zu ihnen schleife, da sie uns beide am Samstag zum Mittagessen erwartet. Mit Betonung auf 'uns', O-Ton Mum«, erzähle ich ihm und wundere mich nicht, dass Niko daraufhin lacht. »Ja, ich weiß. Sie will spionieren, ob wir vielleicht Ringe getauscht und uns die ewige Liebe geschworen haben.«

»Soll ich morgen schnell ein Paar Eheringe kaufen?«

»Niko!«

Wieder prustet er los und ich kann gar nicht anders, als mit ihm zu lachen. Von wegen dummer Russe, er ist ein toller Kerl. Ich weiß, dass er das nicht so sieht und sich selbst leider schon oft genug als 'dumm' bezeichnet hat, dabei ist er das Gegenteil davon. Um das zu wissen, muss ich nur das Licht einschalten, denn niemand, der dumm ist, erschafft solche Kunstwerke.

Gut, vielleicht bin ich voreingenommen, weil ich Niko sehr, sehr gern habe, aber was er hier tut, ist für mich nun mal Kunst und ich finde sie perfekt.

So wie ihn.

Aber das sage ich ihm noch nicht.

Ich will mir dem, was da zwischen uns ist, erst sicher sein. Ich muss mir sicher sein und ich muss aufhören, Niko ständig mit Alan zu vergleichen, was das Schwerste sein dürfte, das ist mir klar, denn er hat für eine sehr lange Zeit zu meinem Leben gehört und ihn komplett hinter mir zu lassen – ich habe keine Ahnung, wie lange das dauert und so lange er mich weiterhin stalkt, dürfte es unmöglich sein, fürchte ich. Aber das bedeutet nicht, dass ich die Zeit mit Niko nicht genießen kann, wie ich es gerade tue, denn er ist warm und stark und obwohl er an mich geschmiegt daliegt, ist er derjenige, der mich beschützt.

Zumindest fühlt es sich so an und ich mag dieses Gefühl, weil es lange her ist, dass ich mich in der Nähe eines Mannes sicher gefühlt habe.

»Ich werde Sally eine Großpackung Pralinen kaufen«, sagt Niko amüsiert, was mich glucksen lässt.

»Sie wird schimpfen wie ein Rohrspatz, dass du sie mit der ganzen Schokolade dick und rund füttern willst.«

»Wie immer also«, kontert er trocken, denn diese kindische Zankerei führen die beiden seit Jahren regelmäßig auf, sehr zur Belustigung meines Dads und mir.

»Und was ist mit Dad?«, frage ich neckisch, denn ich weiß, dass er Dad niemals leer ausgehen lassen wird. Wenn Niko zu uns zum Essen kommt, bringt er immer irgendetwas für beide mit. Das hat sich irgendwann einfach eingebürgert und meine Eltern lieben ihn dafür.

»Hat Burt im Garten noch Platz für einen Rosenbusch?«

Ich schüttle Niko fast von mir runter, so sehr muss ich über seine Frage lachen, denn der Tag wird nie kommen, dass mein Vater einen Rosenbusch verschmäht. So sehr wie meine Mutter auf Süßes abfährt, ist mein Vater verrückt nach Rosen, und das weiß Niko auch sehr gut, schließlich kennt er sie lange genug.

»Ich merke schon, ich sollte wohl besser zwei Rosenbüsche für ihn kaufen.«

»Mum wirft dich am Hosenboden aus dem Haus, wenn du das machst«, kontere ich amüsiert und vergrabe meine Nase in seinem Haar, um tief einzuatmen.

Verdammt, ich möchte ihn küssen.

Ich möchte das Licht einschalten, in seine wunderschönen, braunen Augen schauen und kosten, ob seine Lippen wirklich so herrlich weich sind, wie sie immer aussehen.

Würde er in meinen Mund stöhnen?

Würde er sich nachgebend an mich schmiegen, wie er es im Moment tut, damit ich ihn festhalten und führen kann?

Würde er mir die Führung überhaupt überlassen?

Himmel, ich muss es herausfinden.

Unbedingt.

Aber nicht hier und auch nicht jetzt, denn obwohl ich mich danach sehne, ihn zu schmecken, fühlt sich der Gedanke noch nicht hundertprozentig richtig an, und solange er das nicht tut, werde ich meinen Mund tunlichst bei mir behalten.

Erst das Mittagessen bei meinen Eltern, bei dem wir unter Garantie jede Menge Spaß haben werden, dann ein Date oder vielleicht auch zwei, und hinterher werde ich anfangen, über Küsse nachzudenken, um in der Sekunde, sobald Ort und Zeit perfekt für uns sind, meine Lippen zärtlich auf seine zu legen und herauszufinden, ob mein sanfter Russe genauso grandios küsst wie er Bilder malt.