Apfeltraum mit Schuss


Leseprobe

»Sobald du deine Rippen nicht mehr als Ausrede benutzen kannst, wird Viktor dir den Arsch versohlen.«

»Ich dachte, dafür bist du zuständig … Aua!«

Ich jammere übertrieben, weil Julian mir natürlich prompt mit der flachen Hand einen Klaps gibt, bevor er mir tadelnd in den Nacken beißt und sich anschließend um meinen ziemlich verspannten Rücken kümmert, was er tut, seit Viktor uns aus der Dusche gejagt hat.

Es ist spät geworden. Nach einer Bestellung beim Chinesen und weil wir, nachdem der Fernseher angeschlossen war, noch damit angefangen haben, das Geschirr einzuräumen, bis Micha gegen Mitternacht schlicht die Faxen dicke hatte, ist es jetzt fast zwei Uhr morgens und langsam bin ich wirklich kaputt. Leider haben weder Micha noch Viktor auch nur ein Wort zu ihrem Gespräch verlauten lassen, das eine halbe Stunde dauerte, aber sie sind zusammen zurückgekommen und Micha schläft jetzt drüben im Wohnzimmer, das sehe ich als gutes Zeichen.

Ich stöhne auf, als Julian eine Stelle erwischt, wo es mächtig zwickt, aber er massiert mich einfach weiter, bis ich mich mehr und mehr unter seinen Händen entspanne. Ein professioneller Masseur würde jetzt wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber ich bin zufrieden und Julian macht es schließlich nicht zum ersten Mal. Er hat Freude daran und sich vorher ausführlich darüber informiert, worauf er achten muss, und mir gefällt es. Vor allem weil wir dabei immer beide nackt sind. Ich kann meinen heißen Freund begaffen, so lange ich das will, wenn ich auf dem Rücken und unter ihm liege, was schon mehr als einmal ausgeufert ist, bis wir am Ende mit unserem Sperma völlig eingesaut waren.

Es klopft an der Tür. »Kriege ich einen Schock fürs Leben, wenn ich reinkomme?«, will Viktor wissen und Julian gluckst, bevor er nach der Bettdecke greift und sie um uns drapiert, so gut es geht. Gut so. Ich bin zwar nicht prüde, aber ich will auch nicht, dass mein Bruder meinen Freund nackt sieht. Das Recht dazu habe nur ich, da bin ich eigen.

»Wir sind jetzt ausreichend bedeckt«, ruft Julian, als er mit seiner Wickelaktion zufrieden ist, und kurz darauf steht mein Bruder am Fußende der ausgezogenen Schlafcouch, grinst uns schmutzig an und wackelt mit der Hand, beziehungsweise mit der Tube Gleitgel, die er zwischen den Fingern hält.

»Guckt mal, was ich gerade zufällig gefunden habe. Sogar mit Apfelgeschmack. Braucht ihr das vielleicht?«

»Raus!«, fluche ich erbost, als Julian anfängt zu lachen und ich nach dem Kopfkissen greife, um es Viktor gegen den Kopf zu donnern. Natürlich ist er schneller und das Kissen trifft nur noch die geschlossene Tür, während mein Bruder draußen im Flur kichert und die Tube mit dem Gleitgel, das er garantiert extra für uns gekauft hat, neben uns auf dem Laken fröhlich auf und ab hüpft, denn mein unmöglicher Freund lacht immer noch und das nicht zu knapp. Frechheit.

Ich würde ihn zu gern packen, unter mir begraben und mal so richtig durchkitzeln, aber entweder kann Julian auf einmal Gedanken lesen oder er kennt mich besser als ich dachte, denn sein folgendes »Denk nicht mal daran!« ist unmissverständlich, und als ich einen Schmollmund ziehe, drückt er kurz, aber fest, auf meine Rippen, was mich zusammenzucken lässt.

»Eben«, murmelt er und streichelt behutsam über die Stelle. »Es sind erst zwei Wochen, so schnell geht das nicht. Und jetzt hinlegen und einfach stillhalten, sonst erzähle ich Onkel Matti und Viktor, dass du nicht auf deinen Arzt hörst und du weißt, was dir dann blüht.«

»Gemein«, schmolle ich und werde dafür ausgelacht.

»Ja, so bin ich«, erklärt er mir dann trocken. »Also?«

Seufzend und unter viel übertriebenem Gejammer lege ich mich wieder auf den Bauch, während Julian die Bettdecke zur Seite räumt und das Gleitgel auf den Boden wirft, bevor er es sich auf meinen Oberschenkeln gemütlich macht, was mich im ersten Moment die Stirn runzeln lässt. Vorhin saß er die ganze Zeit auf meinem Hintern. Egal, denke ich, als er das Fläschchen Massageöl mit Apfel/Zimt Duft öffnet und kurz darauf anfängt meinen Arsch damit zu bearbeiten. Er streicht mal zärtlich mal fester über beide Backen, gleitet dann erst die linke, danach die rechte Seite hoch und ist jedes Mal sehr vorsichtig, wenn er bei einer von den unzähligen Prellungen Halt macht, die in den vergangenen Tagen bereits sehr gut abgeheilt sind und längst nicht mehr in allen Regenbogenfarben schillern. Weh tun sie ab und zu trotzdem noch und Julian weiß das natürlich.

Ein feuchter Finger findet so unerwartet den Weg zwischen meine Backen, dass ich sie instinktiv anspanne, weil ich absolut nicht damit gerechnet habe. Julian gluckst leise und beugt sich über mich. Ein Kuss wird auf meine rechte Schulter gehaucht, dann flüstert er: »Ich habe mir neulich einen Porno angeguckt, und der war echt heiß. Wenn du mich lässt, zeige ich dir, was der eine Kerl darin mit dem anderen angestellt hat. Und er hat dafür anfangs bloß Öl und einen von seinen langen, schlanken Fingern benutzt.« Ein neuer, äußerst liebevoller Kuss wird auf meine Schulter gedrückt. »Wie du weißt, habe ich auch lange, schlanke Finger.«

Als könnte ich das je wieder vergessen, seit er mich letztes Jahr das erste Mal dazu aufgefordert hat, mich auf den Bauch zu drehen, damit er meine Prostata suchen kann. Das war eine der heißesten Nummern, die ich jemals hatte, obwohl er keine Ahnung hatte, was er tat und wir nicht mal aufs Ganze gingen. Das mit seiner wenigen Ahnung hat sich zwar längst erledigt, denn wenn Julian sich erst mal eines neuen Themas annimmt, dann recherchiert er gründlich, inklusive praktischer Übungen am lebenden Objekt – wie man Blowjobs gibt, hat er schließlich auch so gelernt, und mich damit fast umgebracht –, aber mein Hintern gehörte bisher nicht zu seinen Lieblingszonen meines Körpers. Scheinbar hat er jetzt vor, das zu ändern.

»Anfangs?«, frage ich leise und dieses Mal küsst Julian die linke Schulter, bevor er mir ins Ohr murmelt: »Oh ja. Später hat er dann seine Zunge benutzt. Das fand ich ziemlich anregend. Vor allem wie sein Lover darauf reagiert hat.«

Mir wird abrupt heiß und kalt zugleich. Deshalb wollte er mich vorhin unter der Dusche überall waschen. Von wegen, ich wäre verschwitzt. Oh Gott, er will Rimming ausprobieren. Und zwar an mir. Heute. Jetzt. Im Gästezimmer meines Bruders, der uns nie und nimmer stören wird, ganz gleich was wir hier drin heute Nacht treiben, und genau deshalb hat Julian diesen Ort und diese Zeit ausgesucht.

Ich sterbe. Also in Gedanken. Denn ich liebe Rimming und ich hoffe, dass er das nicht von Matthias weiß. »Äh ...«

»Nur keine Sorge, es wird heute Nacht keinen richtigen Sex und auch keinen Blowjob geben. Ich halte mich an dein Verbot, ganz großes Indianerehrenwort.«

Das ist Haarspalterei und das weiß Julian auch verdammt gut, sein freches Grinsen verrät es, als ich den Kopf drehe und ihn ansehe. »Julian ...«

»Du kannst natürlich Nein sagen. Immerhin hast du mir als erstes beigebracht hat, dass Nein auch Nein heißt.« Er wackelt mit dem Finger, der noch zwischen meinen Arschbacken liegt. »Ich weiß diesen Finger durchaus anderweitig zu beschäftigen, also nur kein schlechtes Gewissen. Wenn du anständig bleiben willst, verstehe ich das und werde wirklich sehr stolz auf dich sein, während ich jede Menge Spaß mit mir selbst habe.«

Das ist … Er kann doch nicht … Verflixt.

Offenbar ist mein Gesichtsausdruck verräterisch, denn sein triumphierendes Grinsen entgeht mir nicht, bevor ich den Kopf mit einem leisen Stöhnen auf das Kopfkissen sinken lasse und mit einer Hand wortlos in seine Richtung wedle. Aber wieder einmal habe ich die Rechnung ohne Julian gemacht.

»Ja oder Nein, Sam? Kein Stöhnen, keine Bewegung mit der Hand, ich will es hören. Soll ich aufhören oder weitermachen? Sag es!«

Verdammt! Ich liebe es, wenn er den Boss raushängen lässt. Manchmal hasse ich es aber auch. So wie im Moment, weil ich doch eigentlich anständig sein und mich an meine eigene 'Kein Sex'-Regel, bis er achtzehn ist, halten sollte. Bloß fällt mir das mit jeder Sekunde schwerer und dann setzt er unlautere Mittel ein, als er sich plötzlich an mir reibt, denn er ist hart.

»Das ist unfair«, nuschle ich ins Kissen, wohl wissend, dass mir das auch nicht helfen wird.

»Ich bin siebzehn und will Sex mit dir, was erwartest du?«

Die Alterskarte spielt er immer, sobald er seinen Dickkopf durchsetzen will, dabei ist er geistig viel weiter als die meisten in seinem Alter. Andererseits hat er dann auch wieder recht, er ist erst siebzehn und ich weiß noch sehr gut, wie oft ich zu der Zeit Sex haben wollte.

»Gott, Julian ...«

Statt Worten, setzt er diesmal seinen ganzen Körper ein, mit dem er sich an mir reibt, und das so, dass sein praller Schwanz, der ebenfalls feucht ist, sich zu seinem Finger gesellt, was mich erregt stöhnen lässt. Das Spielchen treibt er dreimal, bis ich vor lauter Geilheit nicht mehr aus noch ein weiß. Er bräuchte nur noch ein bisschen tiefer gehen, mit der Hand meine Backen ein Stück spreizen und dann …

»Fuck! Julian!«, fluche ich, als er genau das plötzlich macht, ohne in mich einzudringen. Das braucht er auch gar nicht, um mich zum Orgasmus zu bringen, weil allein das Gefühl seiner glitschigen Eichel an meinem zuckenden Eingang bei mir ein Kopfkino in Gang setzt, das seinesgleichen sucht. »Mein Gott, hör nicht auf. Hör ja nicht damit auf«, bettle ich, unfähig mich noch länger zurückzuhalten.

Scheiß auf den Anstand, scheiß auf meine 'Kein Sex'-Regel, scheiß auf alles. Ich wünschte, dieses Zimmer hätte einen oder lieber tausend Spiegel, damit ich sehen könnte, was er mit mir anstellt, aber ich muss mich auf mein Fühlen verlassen, und ich weiß nicht, ob das nicht viel schlimmer ist.

Auf einmal ist er weg und ich wimmere entsetzt. Zu einer Beschwerde komme ich jedoch nicht, denn Julian wartet nicht länger auf ein Ja oder Nein, wobei ich ihm das mit der Bettelei ohnehin schon gegeben habe, sondern schiebt meine Beine mit den Händen äußerst entschlossen auseinander und dann sind seine Finger an meinen Arschbacken und seine gierige Zunge macht kurzen Prozess mit mir.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich ziemlich zurückhaltend war, als ich einem Kerl das erste Mal den Arsch geleckt habe. Dieses Problem hat Julian definitiv nicht, denn er ist kein bisschen schüchtern. Ich habe keine Ahnung, was er für einen Porno gesehen hat, oder ob er vielleicht auch bei diesem Thema Viktor zurate gezogen hat, ich weiß bloß, dass er mich gerade fertigmacht, und zwar endgültig. Julian ist ein Genießer und augenscheinlich ist mein Hintern wie eine mit Schokolade und Sahne überzogene Kirsche für ihn, denn er leckt nicht nur, er isst. Mit dem ganzen Mund. Zunge, Zähne, Lippen. Er lässt nichts aus, er dringt sogar mit der Zunge in mich ein, während seine Finger mich für ihn offenhalten, damit er alles probieren kann, was er probieren will.

Ich komme so schnell und heftig, dass es mir peinlich ist. In meinem Alter sollte ich mich eigentlich besser zurückhalten können. Eigentlich.

Julian sieht das allerdings nicht so, denn er lacht zufrieden hinter mir, um kurz darauf ungeniert zu stöhnen. Ehe ich mich wundern kann, was er da treibt, ergießt er sich bereits selbst in mehreren Schüben auf meinem Hinterm und meinem Rücken. Wie heiß ist das denn bitteschön? Und hinterher treibt er das Ganze auf die Spitze, indem er seinen Samen mit den Fingern auf mir verteilt und sich danach seitlich an mich schmiegt, während ich immer noch damit beschäftigt bin, wieder genug Luft in meine Lungen zu bekommen.

»Jup, Viktor hatte recht.«

»Womit?«, frage ich atemlos.

»Frisch gewaschen schmeckt besser.«

Ich sollte wahrscheinlich nicht lachen, aber ich kann einfach nicht anders. So ein Kommentar musste ja kommen, und eines Tages werde ich meinem Bruder wahrscheinlich dafür danken müssen, dass er Julian Dinge erzählt, die – lassen wir das.

»Was denn? Stimmt doch.«

Natürlich stimmt das, ich bin schließlich kein Anfänger auf dem Gebiet, und ich bin außerdem gerade heilfroh, dass Julian sich für meinen Bruder entschieden hat, wenn es um pikantere Fragen rund um Sex geht, die ich ihm zwar auch beantworten könnte, aber ich schätze, da geht es Julian wie mir früher. Ich hätte nie meine Lover gefragt, wie man gewisse Dinge angeht. Wozu hat man schwule Freunde mit weit mehr Erfahrung? Ich habe während meiner Ausbildung zum Polizisten alles gelernt, was ich lernen wollte. Julian lernt es mit Viktors Hilfe. Nun ja, immerhin kann ich mich damit brüsten, ihm erklärt und auch mehr als einmal gezeigt zu haben, wie ein guter Blowjob geht.

»Sam?«

»Hm?«, frage ich, schon halb weggedöst. Der Orgasmus hat mir gerade den Rest gegeben. Ich brauche ganz dringend eine Mütze Schlaf.

»Ich will, dass wir uns testen lassen.«

Ich lasse mich eh regelmäßig testen, nicht nur aufgrund der Arbeit, sondern auch, da ich vor Matthias ein wildes Sexleben hatte. Damit ist es zwar vorbei, aber das bedeutet ja nicht, dass ich deshalb weniger auf meine Gesundheit achten würd... Oh. Meine Überlegungen kommen abrupt zum Stillstand, als der Groschen fällt, dann drehe ich mich zu ihm, weil er es liebt, mit mir in den Armen einzuschlafen und mich dabei anzusehen.

»Du willst keine Kondome benutzen.«

Julian nickt. »Ich will absolut nichts zwischen uns, sobald wir Sex haben. Gleitgel und Spielzeug mal ausgenommen.« Er beugt sich vor und küsst mich kurz, aber fest. »Ich habe nichts dagegen, wenn wir Kondome benutzen, um keine Sauerei zu veranstalten, aber das gilt nur für spontane Quickies und heiße Nummern außerhalb eines Bettes.«

Wow, da hat aber jemand genaue Vorstellungen. »Äh ...«

»Ich will nur uns«, flüstert Julian an meinen Lippen, greift dabei zwischen meine Beine und schiebt seinen Finger dahin, wo vor Kurzem noch seine Zunge war und mich fix und fertig gemacht hat. »Wenn ich mich da so langsam und genüsslich reinschiebe, bis du mich anflehst, endlich schneller zu machen, will ich ganz genau spüren, wie du dich anfühlst. Ich will jedes Muskelzucken, jede noch so kleine Reaktion deines Körpers an meiner Haut spüren. Die Hitze, die Enge und das Geglitsche, weil ich beim ersten Mal viel Gleitgel für dich brauchen werde. Ich habe vor, es perfekt zu machen, und das dauert ein paar Stunden. Da würden wir einige Kondome verschwenden, denn ich wette, ich komme zwischendurch selbst ein paar Mal. Und das will ich überall auf dir verschmieren, damit du möglichst am nächsten Morgen noch nach mir riechst, sonst kommt noch jemand auf die Idee, dass du ihm gehören könntest. Dabei bist du allein mein Kerl.«

Ich stöhne leise, weil seine Worte ein Bild in mir erschaffen, das mich hart werden lässt. Und Julian bemerkt das, denn auf einmal liegt seine Hand fest um meinen Schwanz und ich kann seinen warmen Atem auf meiner Brustwarze spüren, ehe er die Zähne einsetzt und mich gleichzeitig zu massieren beginnt, bis ich erneut komme und mit einem lautem Keuchen über seine Finger ergieße.

Julian lässt mir keine Gelegenheit, mich davon zu erholen. »Lecker«, murmelt er und leckt seine Finger direkt vor meinen Augen sauber, was mich erneut stöhnen und ihn grinsen lässt, bevor er dicht an mich heranrückt. »Und sobald wir die Plätze tauschen, sobald du tief in mir kommst, will ich ebenfalls alles spüren. Ich will jede Sekunde mit dir auskosten, denn darauf warte ich schon seit mehr als zwei Jahren und glaub mir, wenn ich sage, dass das für mich wie die Hölle auf Erden ist.«

Gott, im Himmel, er ist immer so direkt und darin einfach nur umwerfend. »Julian ...«

»Ich liebe dich«, unterbricht er mich und küsst mich. »Und mir ist scheißegal, dass mich einige für zu jung für dich und andere dich für zu alt halten, ich weiß genau, was ich will und ich weiß sehr wohl, was ich fühle. Darum gehörst du mir und darum werde ich dich eines Tages heiraten.«

Ein weiterer Kuss folgt, doch einen dritten verhindere ich, indem ich eine Hand auf seinen Mund lege, um endlich etwas sagen zu können, denn auch wenn mein Herz rast, weil er eben gesagt hat, dass er mich liebt, ich spüre instinktiv, dass es dafür einen Grund gibt. Irgendwas muss passiert sein, denn Julian ist sonst nicht so redselig. Jedenfalls nicht, wenn es nicht gerade um Sex mit mir geht.

»Du hattest Ärger in der Schule, oder?«, frage ich, weil mir das logisch erscheint, denn dort verbringt er die meiste Zeit.

Julian zieht meine Hand weg und schnaubt abfällig. »Nicht mehr als üblich. Ich bin siebzehn, schwul und ein Superstreber, der groß rauskommen will, wenn es nach ein paar der Deppen in meiner Klasse geht.«

Das ist nicht alles, da bin ich mir sicher. »Was noch?«

»Wie machst du das immer?«, murrt er und lacht leise, weil ich ihm dafür sofort in die Seite pikse, denn Julian ist ziemlich kitzlig, und zwar fast überall. »Lass das!«

»Dann rede mit deinem Superkommissar.«

»Seit wann bist du ein Superkommissar?«

»Seit Matthias mich so genannt hat, nachdem ich grün und blau gehauen nach Hause kam.«

Julian stöhnt auf. »Erinnere mich nicht daran. Ich dachte im ersten Augenblick, mich trifft der Schlag, als ich dich gesehen habe. Dein schönes Gesicht.«

»Aha, ich wusste doch, dass du nur meinen Körper willst«, mache ich einen Scherz, um seine Stimmung aufzuheitern, und es funktioniert.

»Idiot!«, lacht er und schmiegt sich im nächsten Moment an mich. »Mir ist neulich mein Handy runtergefallen und Ben hat es sich geschnappt. Ich habe ein Foto von dir als Hintergrund, das hat er gesehen und seine Schlüsse gezogen, weil mein alter Onkel ja auch 'ne Schwuchtel ist.« Ich fluche lästerlich. »Keine Sorge, unser Mathelehrer hat ihn gehört und das hat Ben nicht nur einen Tadel beschert, sondern auch ein paar eindringliche Worte zum Thema Homophobie. Das fand er natürlich wenig erbaulich, aber weil sich ein Teil der Klasse hinter mich gestellt hat, hat er den Schwanz eingezogen. Jetzt lästert er mit seinen besten Kumpels nur noch in den Pausen über den Arschficker, der mit einem Bullen rummacht.«

Ich schätze, er hat ein Foto von mir in Uniform auf seinem Handy, auf die steht er nämlich gewaltig. »Was hat es mit dem Spruch wegen deines und meines Alters auf sich?«, will ich als nächstes wissen, denn ich werde zu ihm stehen, wenn er mich braucht, ganz egal, was das beruflich für mich bedeutet.

»Die Lehrerschaft redet darüber, da mein Mathelehrer das Foto auch gesehen hat. Ich höre das Getuschel, kümmere mich aber nicht weiter darum, was du auch nicht tun wirst.« Julian hebt den Kopf und sieht mich an. »In einem Monat schreibe ich mein Abi und danach sieht mich die Schule nie wieder. Ich bin schon seit Jahren als Nerd verschrien, jetzt bin ich ein schwuler Nerd. Was soll's?«

Er tut so, als wäre es ihm egal, was es nicht ist, aber mir ist durchaus bewusst, dass er recht hat. Wenn ich mich einmische, liefere ich diesem Ben bloß einen Grund, Julian noch mehr zu schikanieren, und das hilft ihm nicht, im Gegenteil. Trotzdem ärgert es mich unheimlich, dass ich nichts tun kann. Jedenfalls jetzt noch nicht. Andererseits …

»Ich könnte dich ja mal in meiner heißen Uniform von der Schule abholen«, biete ich ihm an, auch wenn das nicht ohne Risiko für mich wäre, aber das ist mir momentan ziemlich egal. Julian allerdings nicht.

»Und riskieren, dass es irgendwer herumerzählt, bis es bei deinem Boss ankommt? Vergiss es. Im Sommer habe ich mein Abitur in der Tasche und dann fahren wir weg, wie wir es seit letztem Jahr planen. Und ab dem 12. August gehörst du ganz offiziell und für immer mir. Aber bis es soweit ist, werden wir uns in der Öffentlichkeit brav und anständig benehmen.«

Ich verdrehe gespielt genervt die Augen. »Musst du immer so vernünftig sein?«

Julian lacht. »Deswegen liebst du mich doch. Und jetzt dreh dich auf den Rücken und mach die Beine breit.«

Das meint er doch wohl nicht ernst. »Julian«, wimmere ich und muss lachen, als er einfach selbst Hand anlegt und mich auf den Rücken rollt, um mit den Fingern unsere Schwänze zu umschließen. »Du bringst mich noch um.«

»Nichts da«, widerspricht er und beginnt uns zu streicheln. »Gestorben wird erst, wenn wir verheiratet sind und du dein Testament geschrieben und notariell beglaubigt hast.« Er fängt an zu grinsen. »Das natürlich mich zum Alleinerben erklärt.«

»Julian!«